Argentinien III – Uruguay I


01. März bis 31. März 2026

Es gefällt uns sehr an der Playa Las Conchillas also bleiben wir einfach noch ein wenig.

Am Abend ziehen rund um uns schwere Wolken auf während über uns noch immer die Sonne scheint. Und dann geht es los. Wetterleuchten von der schönsten Sorte. Zuerst nur östlich von uns, dann auch im Norden und Süden. Blitze fahren aus dem Himmel, die Wolken werden hell erleuchtet. Ein Naturschauspiel der Sonderklasse und es will nicht mehr aufhören. Die Armen, die da mittendrin sind.

Jeden Abend bewundern wir einen noch farbigeren Sonnenuntergang, diejenigen von der Sorte, die sich mit keiner Kamera einfangen lassen. Der Himmel scheint zu brennen. Die Sonnenaufgänge verschlafen wir, wer will schon so früh aufstehen. Dafür gibt der Vollmond alles und taucht als leuchtend rote Scheibe am Horizont auf.

Wir nehmen Abschied von unserem weissen Muschelstrand, nachdem der Wind letzte Nacht stark an Rocky gerüttelt hat. Rocky blieb zwar sehr standhaft, aber die Windgeräusche waren unserem Schlaf nicht gerade zuträglich. Auf der Küstenstrasse fahren wir gegen Osten. Buschiges Land wechselt sich über lange Strecken ab mit grünen Sanddünen. Dazwischen immer wieder ein weiter Blick auf das unendliche Blau des Atlantiks. An einem Abschnitt nahe der Küste finden wir uns zwischen den goldigen Sanddünen auf der Landseite und den weiss schäumenden Wellen des Meeres wieder. Vor uns geht der Blick auf die Steilküste.

Gerade haben wir uns gefragt, welche Tiere hier in dieser unwirtlichen Gegend leben könnten, da springen zwei Pudus über die Strasse. Die kleinsten Hirsche der Welt schauen uns von weitem an und verschwinden unsichtbar im Gebüsch. Etwas später tauchen dann grosse Gruppen von Nandus auf. Sobald wir aber die Fahrt verlangsamen oder gar einen Fotostop einlegen, zeigen sie uns ihr Hinterteil und rennen davon.

Auf den hohen Klippen im Wildreservat Punta Bermeja wurden Aussichtsplattformen errichtet, von denen man die große Seelöwenkolonie beobachten kann. Es herrscht gerade Flut und die Robben drängen sich um die wenigen Felsen, die noch aus den Wasser schauen. Als wir die nächste Plattform erreichen, hat sich das Meer bereits etwas zurückgezogen. Während einige noch mit Leichtigkeit und Anmut in den Wellen surfen, springen und tauchen, faulenzen andere bereits an Land und sonnen sich. In den Klippen lassen sich auch verschiedene Küstenvögel beobachten, die dort nisten, so auch die weiss-schwarzen Imperial Kormorane.
Das Reservat ist ein wichtiger Brutplatz für Südamerikanische Seelöwen. Wärend die meisten Männchen weitergezogen sind, haben die Weibchen hier zwischen November und Januar ihre Jungen zur Welt gebracht. So erkennen wir viele Jungtiere, die miteinander spielen oder kleine Kämpfe austragen.

Unser Ziel für heute sind die Felsenpapageien in El Condor. Die Papageien nisten in den Klippen mit Blick aufs Meer, die direkt neben der Stadt beginnen und sich über viele Kilometer erstrecken. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele Papageiennester zusammen. Wir laufen am Strand einige hundert Meter dem löchrigen Felsen entlang. Aber die Nistzeit ist vorbei und die bis zu drei Meter tiefen Höhlen scheinen verlassen. Wir geben auf und laufen zurück, als ein Papageienpaar Erbarmen mit uns zeigt. Krächzend zieht es eine Runde und lässt sich auf der Klippe nieder. Und dann kommen sie. Zuerst nur einzelne, aber dann ganze Schwärme kreisen kreischend über uns und fliegen zielgerichtet zu ihrer Höhle. Bis zu 65 Kilometer waren sie landeinwärts auf der Suche nach Früchten, Samen und Insekten. Die Sonnen ist schon lange untergegangen, als die Klippe endlich verstummt.
Schon im Morgengrauen weckt uns ihr lautes Geschrei. Schnell sind wir draussen und stehen vor der Klippe. Viele der Löcher sind nun besetzt. Manche Paare fliegen ihre Runden und kommen auf einen Schwatz mit den Nachbarn zurück. Ein reges Kommen und Gehen. Ihr buntes Federkleid kommt in der Morgensonne so richtig zur Geltung. Massive Abflüge bieten ein visuelles und akustisches Spektakel.

Endlose weite Felder liegen links und rechts der Strasse. Ab und zu versteckt sich eine Estancia hinter einer Gruppe von Bäumen. Ein klappriges Windrad, ein paar Kühe oder eine Herde Schafe lockert die lange, schnurgeraden Fahrt auf. Eine moderne Farm lässt auf ihren Felder Windräder statt Vieh für sich arbeiten. Wiederum begegnen wir vielen Nandus, die sich auch hier nicht gerne fotografieren lassen und sofort Reissaus nehmen, wenn wir das Tempo reduzieren. Ab sie wohl schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht haben?

In Fortín Mercedes legen wir eine kurze Pause ein. Hier gründete Pater Bonacina im Jahr 1895 ein Internat, um zahlreiche Söhne und Töchter von Siedlern, Arbeitern und Viehzüchtern zu unterrichten. Die Einrichtung besteht noch heute als Schulen Instituto Don Bosco Fortín Mercedes und Madre Mazarello, auch wenn sie uns etwas heruntergekommen erscheint. In der zum Komplex gehörenden Kirche Santuario de Maria Auxiliadora wurden bis 2009 die Gebeine von Ceferino Namuncurá aufbewahrt. Wie die vielen Dankestafel bezeugen, wird der als „Heiliger Patagoniens“ bekannte Ceferino in aussichtslosen Fällen vielmals um Hilfe angesucht. Das Innere der Kirche mit seinen runden, zweifarbigen Stützbögen lässt ein wenig Cordoba Feeling aufkommen.
Außerdem gibt es eine originalgetreue Nachbildung der 1833 erbauten Festung Fortín Mercedes mit Wassergraben, Wachturm und Kanonen. Damals erreichte eine militärische Expedition die Gegend um Mercedes. Ziel des Vorhabens war die Eroberung der Insel Choele Choel, der Siedlung des berühmten Häuptlings Chocorí. Voller Vorfreude auf ihr nächstes Abenteuer ließen sich die Expeditionsteilnehmer am linken Ufer des Colorado River nieder und errichteten dort eine Baracke, die sie „Fortín Colorado “ nannten. Jahre später wurde dieses Fort einige Meilen weiter an den Standort des heutigen Fortín Mercedes verlegt.

Die Lagune „Salada Grande“ ist, wie der Name schon sagt, aufgrund ihrer früheren Meereseinströmung brackig. Die grosse Wasserfläche mit einer Tiefe von nur 2.80 m wird gerne zum Rudern und Segeln genutzt, aber auch zum Sportfischen. Bereits vor über 100 Jahren wurde in der Lagune gefischt, und beträchtliche Mengen per Bahn von Mar del Plata nach Buenos Aires transportiert. Alte Fischer berichteten von Fängen mit einem Gewicht von bis zu 4 kg. Ob Legende oder nicht, noch heute strömen Angler in die Lagune und träumen von diesen sagenumwobenen „Riesenfischen“. Bei unsere Ankunft liegt die Lagune ruhig da. Die einzigen, die in der Lagune fischen sind Flamingos, Schwarzhalsschwäne, Reiher, Blässhühner, Lappentaucher und Kormoran.
An einem Abend fährt dann eine Gruppe Jugendlicher mit ihren Pickups auf, um mitten in der Natur mit überlauter Musik und Motorenlärm ihren Chicas zu gefallen. Zum Glück haben sie bald genug davon. Da gefällt uns die Unterhaltung der lauten grünen Mönchsittiche in den hohen Bäumen doch sehr viel besser. Unterstützt werden diese vom Gekrächze grosser Schwärme von Höhlenpapageien, die auf dem Rückweg zu den Felsenklippen sind. Wir geniessen die friedvolle Atmosphäre.

Wer sich hinter Bahía Blanca eine Stadt mit langen weissen Stränden vorstellt, liegt wie wir komplett falsch. Der Name der wichtigen Hafenstadt im Südwesten der Provinz Buenos Aires leitet sich vielmehr von der charakteristischen Farbe des Salzes ab, das den Boden an den Ufern bedeckt. Die Bucht, die eigentlich eine Flussmündung ist, wurde 1520 von Ferdinand Magellan während seiner ersten Weltumsegelung gesichtet. Heute ist Bahía Blanca ist ein wichtiger Umschlagplatz von Getreide, Fleisch, Obst und Petrochemikalien aus der südwestlichen Pampa und dem nördlichen Patagonien. Wir fahren durch das etwas heruntergekommene Hafenviertel Ingeniero White, das uns wegen seiner grossen Verladeanlagen und dem Kathedralen artigen Gebäude der ehemaligen Usina General San Martin auffällt.

Der Cifuentes-Wasserfall am Unterlauf des Flusses Quequén Salado ist ein verstecktes Juwel in einer eintönigen Landschaft. Wer es nicht kennt, fährt daran vorbei. Zugegeben, mit einer Höhe von 8 Metern ist er der zwar der höchste Wasserfall in der Provinz Buenos Aires, doch es gibt eindrücklichere auf diese Welt. Aber er eignet sich unbedingt für eine ruhige Übernachtung inmitten der Natur, begleitet nur von der beruhigenden Melodie des Wasser. Ein wahrhaft schöner Ort zum Verweilen und Genießen.

200 km Mais, Soja und Sonnenblumen, dazwischen Weiden mit und ohne Kühe, Brachland. Riesige, hässliche Siloanlagen mit scheinbar überdimensionierten Fördertürmen lassen erahnen, was für Mengen hier produziert werden. Hinter dem Lenkrad gibt es auch heute nicht viel zu tun. Die wenigen Kurven verdienen ihren Namen kaum und Gegenverkehr wird zum Freudenmoment.

Der Wind bläst unerträglich und peitscht den Sand der Düne auf, sodass wir unsere Augen kaum öffnen können. Doch wir riechen von Weitem, auf was wir zugehen. Unverwechselbar, eine Mischung aus Urin, ledriger Meereshaut, Salz, Sand und den Überresten von Fischen, die sie beim Fressen hinterlassen haben. Denn am südlichen Wellenbrecher des Hafens von Quequén liegen die Männchen der Seelöwenkolonie von Punta Bermeja faul an der Sonne. Nebeneinander, übereinander, kreuz und quer mit viel Körperkontakt. Einige wenige tummeln sich im Wasser oder zeigen an Land stolz ihre Löwenmähnen. Von Wind, Sand und Gestank getrieben, lassen wir sie bald wieder alleine.

Das Seebad Necochea ist jetzt in der Nachsaison fast ausgestorben. Nur wenige Geschäfte an der Promenade haben noch geöffnet. Für immer geschlossen hat wohl das Casino. Das moderne Gebäude ist den Verfall preisgegeben. Hier hat wohl ausnahmsweise nicht die Spielbank gewonnen.
Wir suchen uns einen windgeschützten Platz für die Nacht in den Dünen, müssen uns aber bald den vielen Parkverboten für Wohnmobile ergeben. So stellen wir Rocky auf einem grossen, leeren Parkplatz mitten an der Beachfront hinter einem Sandhügel in den Wind und hoffen auf eine ruhige Nacht.

Prächtige Strände, weite Buchten, imposante Klippen und Wälder wechseln sich entlang der langen Küste ab. Mar del Plata ist unbestritten der wichtigste Badeort in Argentinien. 665’000 feste Einwohner zählt die Stadt, 8 Millionen Touristen besuchen jedes Jahr seine Strände. Playa Bristol, Popular, Punta Iglesia und Las Toscas, La Perla, Playa Grande und Punta Mogotes laden die sonnenhungrigen Gäste, jeder findet das Richtige für ihn. Zwar ist in Argentinien der Zugang zu Meer für jedermann frei, wenn man denn einen Zugang findet. Denn fast alle Strände sind an private Resorts verpachtet, die Sonnenschirm-, Zelt- und Liegestuhlverleih, Freizeitangebote für die ganze Familie, Spiele für Kinder, Verpflegung und teilweise sogar Swimmingpools anbieten. Nur wenige Strandabschnitte sind nicht mit den flächendeckenden Zeltstätten zugepflastert. Wem’s gefällt.

Mar del Plata verfügt über ein reiches architektonisches Erbe mit wunderschönen Gebäuden aus dem frühen 20. Jahrhundert. Leider haben viele davon die Boomzeit der Stadt in den 1970 Jahren nicht überlebt oder stehen heute eingeklemmt zwischen hässlichen Apartmenthäusern. Am höchsten Punkt des Stella-Maris-Hügels treffen wir auf den Torre Tanque.
Der 1943 in Betrieb genommene Wasserturm symbolisiert die Ankunft von fließendem Wasser in Mar del Plata. Die Anlage umfasst außerdem eine in zwei Bereiche unterteilte Zisterne mit einem Fassungsvermögen von 13’000’000 Liter, sowie einen höher gelegenen Tank mit einem Fassungsvermögen von 500’000 Liter und ist noch heute Teil der städtischen Wasserversorgung. Ein historische Aufzug fährt uns mitten durch den ringförmigen Wassertank ins Obergeschoss, wo wir einen 360° Ausblick über die Stadt geniessen.

Ebenso charakteristisch für Mar del Plata ist sein Fischereihafen. Hier dominiert die handwerkliche Fischerei mit ihrer Flotte kleiner, gelber oder orangefarbener Boote. Diese Boote fahren hinaus, um ihre Netze auszuwerfen, bleiben mehrere Tage auf See, und bei ihrer Rückkehr kann man die Fischer beim Entladen ihres Fangs beobachten. Möwen und Seelöwen nähern sich in der Hoffnung auf ihren Anteil.

Im mondänen Seebad Mar del Plata gibt es kaum Standplätze für Camper. Fündig werden wir am Surferstrand Playa Acantilados in Santa Clara del Mar. Zwar gibt es auch hier ein Übernachtungsverbot für Wohnmobile, aber die zwei Argentinier, die bereits hier stehen, versichern uns eine problemlose Nacht. So ist es dann auch, bis am Morgen die Surfer auftauchen. Bald sind auch wir auf und schauen ihnen zu, wie sie versuchen auf den Wellen zu gleiten.

In Villa Gesell besuchen wir Tea, die uns vor einem Jahr die Überfahrt von Rocky von Panama nach Cartagena organisiert hat. In den turbulenten Wochen vor der Verschiffung hatten wir viel Kontakt miteinander und schon damals beschlossen, sie an ihrem Wohnort in Argentinien zu besuchen. Es gibt viel zu erzählen, unserer Reise und von Teas Leben in Argentinien. Auch Villa Gesell hat einen weitläufigen Sandstrand, zum Glück aber mit weniger Strandzelten. So bleibt genügend Platz, dass Marcel seinen Flugdrachen wieder einmal tanzen lassen kann.

Buenos Aires überzeugt durch seine lebendige Mischung aus europäischer Eleganz und lateinamerikanischer Leidenschaft und wird oft als das „Paris Südamerikas“ bezeichnet. Um die Millionenstadt zu erleben, wollen wir Rocky für ein paar Tage am Stadtrand abstellen und dürfen dazu erst einmal quer durch die Innenstadt fahren. Es ist Freitagnachmittag und der Feierabend-Verkehr setzt gerade ein. Kein Problem in Buenos Aires, denn die Hauptachsen sind hier großzügig. Durch das Stadtzentrum fahren wir auf der Avenida 9 de Julio, der breitesten Allee der Welt. Sie ist 130 Meter breit und in insgesamt 22 Fahrspuren unterteilt. Bepflanzt ist sie mit 1’000 Jacaranda-, Ceibo- und Kirschbäumen, von denen viele aus Japan stammen. Die Herausforderung für alle, die sie regelmäßig überqueren, besteht darin, sie zu Fuß in einem Zug von einem Ende zum anderen zu bewältigen, ohne von einer Ampel unterbrochen zu werden.

Der Tango und Buenos Aires sind untrennbar miteinander verbunden. Fragt man Einheimische nach dem Geburtsort des Tangos, verweisen viele auf San Telmo. Dieses Viertel ist reich an Geschichte, Kolonialarchitektur, Kopfsteinpflasterstraßen und vor allem an Tango-Tradition. Hier haben wir unser Appartement, um Buenos Aires authentisch kennenzulernen. Etwas ziellos ziehen wir erst einmal durch die Gassen. In der Fußgängerzone im Quartier San Nicolas lassen wir uns auch gleich zu einer Tangoshow für den Abend überreden.
Das Gebäude, in dem Michelangelo Legend untergebracht ist, schafft eine einzigartiges Ambiente. Das imposante, freigelegte Bachsteinmauerwerk des ehemaligen Zollagers erinnert an eine elegante Taverne. Der Abend beginnt mit einem feinen Essen, bevor die Tangoshow beginnt. Unser Platz mitten im Raum bietet eine hervorragende Sicht auf die Bühne, auf der sich fünf Tangopaare sinnlich und gefühlvoll zur Musik des Live-Orchesters bewegen. Ihre leidenschaftlichen Bewegungen haben nichts mit den paar ungelenkigen Tangoschritte gemeinsam, die wir vor langer Zeit im Tanzkurs geübt (und längst wieder vergessen haben). Zwischen den Tänzen tragen Folkloredarbietungen und die Lieder des in Argentinien legendären Sängers Néstor Fabián zur Abwechslung bei.

San Telmo ist nicht nur bekannt als Wiege des Tango, sondern auch für die berühmte Feria de San Telmo, die jeden Sonntag entlang der Calle Defensa von der Plaza de Mayo bis zur Plaza Dorrego stattfindet. Dieser riesige Straßenbasar existiert bereits seit den frühen 1970er Jahren. Hier kann man nicht nur Kunst und Kultur erleben. Hunderte von Händlern säumen die Straße und bieten alle möglichen Waren an; von Antiquitäten, Ledertaschen, Nippes, Musikinstrumenten, Sammlerstücken, Vintage-Kleidung und Pelzen bis hin zu allerlei Kuriositäten.

An der Plaza Dorrego angekommen, hören wir leise Tangomusik aus einem Lautsprecher und erleben ein Paar live beim Tanzen, spontan und voller Gefühl. Auch wenn es keine professionelle Show ist, ist es wohl die authentischste Art, Tango zu erleben – ursprünglich, emotional und so nah, dass man fast die Schritte der Tänzer spürt. Einheimische und Touristen bleiben stehen, um zuzusehen, der ganze Platz wird zur Bühne. Mitten in dieser Menge überraschen uns plötzlich Ana und Angelo. Die beiden Overlander haben wir seit Mexiko immer mal wieder getroffen.

Ein weiteres Viertel, das ganz und gar Buenos Aires versprüht, ist La Boca. Auf ihrer Free Walking Tour führt uns Moni durch das bunte Barrio, in dem sich Ende des 19. Jahrhunderts Tausende europäischer Einwanderer, vorwiegend Italiener, niederliessen, voller Träume und Hoffnung. Gemeinsam entdecken wir die Spuren, die sie in diesem Teil der Welt hinterlassen haben, die Conventillos, in denen sie lebten. Typisch für die historischen Häuser, oft aus Wellblech und Holz gebaut, sind kleine Zimmer, geteilte Bäder und Küchen sowie eine hohe Wohndichte. Die bunten Farben entstanden ursprünglich aus Resten von Schiffslack und bilden ein einzigartiges Farbenspiel. Während einige touristisch aufgemacht sind, werden andere noch heute bewohnt.

Ein kurze Pause gönnen wir uns im Café Roma, einer bemerkenswerten Bar, die den Geist lebhafter Zusammenkünfte, Fußballdiskussionen und kultureller Veranstaltungen bewahrt. Hier ist Geschichte spürbar und die Identität des Viertels wird gefeiert. Beim Betreten findet man eine Bar und Vitrinen aus Holz und Glas, einen schachbrettartig gemusterten Boden, freigelegte Backsteinwände und einem mechanischen Theater.

Die Leidenschaft ist allgegenwärtig und Fußball ist zweifellos die größte Leidenschaft des Viertels. Mitten im Viertel steht La Bombonera, das Boca Juniors Stadion, der Tempel des Fußballs und Heimat des berühmtesten argentinischen Fußballvereins. Emotion spürbar. Als Nichtfussballer verzichten wir auf einen Blick ins Innere, der hohe Eintrittspreis ist nur etwas für wirkliche Fans. Aber auch ausserhalb des Stadions sind die Emotion spürbar. Alles leuchtet in blau-gelb-blau, den Farben von Boca. Fanartikel werden zu Tausenden angeboten, in jeder Form und Größe. Und dann sind da Maradona und Messi, die Fussballgötter von La Boca. Von jeder Wand, von jedem Balkon schauen sie auf uns herab. Auf Augenhöhe Papst Franziskus, der ebenfalls Argentinier war.

Nur zwei Blocks von unserem Appartement in San Telmo sitzt eine weitere Berühmtheit Argentiniens mit ihren zwei Freunden auf einer Parkbank. Mafalda wurde im Jahr 1964 geschaffen. Nachdenklich und kritisch. Als Vertreterin der intellektuellen Mittelschicht der 60er und 70er Jahre zeigt sie sich besorgt um die Menschheit und den Weltfrieden und lehnt sich gegen die Welt auf, die ihr von den Älteren hinterlassen wurde. Sie ist einer der bekanntesten Comics und fest in der kollektiven Vorstellung der Argentinier verankert. Auch außerhalb Argentiniens ist sie eine sehr beliebte Figur. Selfies mit Mafaldas und ihren Freunden auf der Parkbank sind sehr begehrt. Meist muss man sich in einer langen Kolonne anstellen.

Mafaldas Parkbank ist der Ausgangspunkt des „Paseo de la Historieta“. Der Skulpturenpfad ist eine Hommage an den argentinischen Comic-Humor und zeigt Skulpturen einiger der beliebtesten Comicfiguren des Landes. Don Fulgencio, Isidoro Cañones, Larguirucho und Super Hijitus, Clemente, Diogenes und der Landstreicher, Mordillos Giraffe und andere. Nicht nur Kindern zaubert sie ein Lächeln ins Gesicht, auch uns.

Puerto Madero, dessen Straßennamen an bedeutende Frauen der argentinischen Geschichte erinnern, ist heute ein exklusives Wohn-, Gastronomie- und Geschäftszentrum von Buenos Aires. Eine der Ikonen des mondänen Viertels ist die Puente de la Mujer. Die Frauenbrücke besteht aus einem 160 Meter langen Korpus und einem 39 Meter hohen, geneigten Obelisken, der von mehreren Seilen getragen wird und die Form einer großen Harfe annimmt. Das Bauwerk stellt das Bild eines Tango tanzenden Paares dar. Der weiße Mast symbolisiert den Mann und die geschwungene Silhouette der Brücke die Frau. Dank eines der größten Drehmechanismen der Welt kann die Fußgängerbrücke geöffnet werden, um Segelschiffen die Durchfahrt zu ermöglichen. Aber es kommt noch besser: Sowohl der Stahl als auch alle Komponenten der vom renommierten spanischen Architekten Santiago Calatrava entworfenen Brücke, wurden in der Stadt Vitoria südlich von Bilbao im Baskenland hergestellt und nach Buenos Aires transportiert, um dort montiert zu werden.

Mit dem Touribus wollen wir uns weitere Wahrzeichen der Stadt ansehen. Vorbei geht es am Palacio Barolo, dem einst höchsten Gebäude Südamerika und dem Congreso de la Nación Argentina, wo der Argentinischer Nationalkongress tagt. Dann bricht der Bus zusammen und wir warten eine knappe Stunde auf den überfüllten Ersatzbus. Die Route führt dann nach La Boca und Puerto Madero, die wir ja schon kennen. Als wir endlich im Stadtteil Palermo im Norden von Buenos Aires ankommen, geht ein heftiger Sturm über die Stadt und wir sehen kaum etwas von den vielfältigen Restaurants, den schicken Cocktailbars und den ausgefallene Modegeschäften.

Kaum zu glauben, aber mit abnehmendem Regen wird auch die Geschwindigkeit des Doppelstock Buses immer weniger. Schließlich steht auch dieser defekt am Strassenrand. Doch diesmal warten wir nicht auf Ersatz und nehmen das weitere Sightseeing selbst in die Hand. Unweit von uns steht im Park der Vereinten Nationen eine imposante Skulptur, die Floralis Genérica, eine Hommage an alle Blumen. Ihre Konstruktion besteht aus Edelstahl und Aluminium und sie wiegt 18 Tonnen. Das Geheimnis dieser Blume liegt in ihrem elektrischen System, das die Blütenblätter je nach Tageszeit automatisch öffnet und schließt. Derselbe Mechanismus schließt die Blume bei starkem Wind und ahmt so einen natürlichen Vorgang nach. Wie uns gesagt wird, funktioniert sie aber seit einiger Zeit nicht mehr. Wohl ein Glück für uns, sonst hätten wir sie bei dem schlechten Wetter geschlossen vorgefunden.

Mit dem Taxi geht es weiter zur „schönsten Buchhandlung der Welt“. Obwohl man dort Musik, Filme und Bücher kaufen kann, ist allein der Besuch dieses Ortes schon ein Erlebnis. Die Buchhandlung wurde zwar erst am 4. Dezember 2000 eröffnet, aber das Gebäude bewahrt den Glanz und die Eleganz des frühen 20. Jahrhunderts, als hier das Grand Splendid Theater ansässig war. Bedeutende Konzerte, Ballett-, Opern- und Theateraufführungen fanden hier statt. Die Geburtsstunde des Radios, des argentinischen Kinos und der ersten Tangoaufnahmen wurden hier gefeiert.
Obwohl das Theater Ende der 1980er Jahre seinen Betrieb einstellte, blieb das Kino bis 1999 geöffnet. Nach einer mehrmonatigen Schließung und einer Investition von 3 Millionen Dollar wurde es zu der Buchhandlung, die wir heute besuchen. Auf der ehemaligen Bühne, deren Samtvorhang halb geöffnet ist, lädt eine Bar zum Verweilen mit einem Buch ein. Die exklusiven Logen zu beiden Seiten der Haupthalle dienen als kleine Lesesäle. Wir geniessen auf dem dritten Balkon direkt unter der Kuppel einen Kaffee und beobachten die Szenerie in Ruhe von oben.

Mit dem Titel «La Ciudad más linda del mundo» – die schönste Stadt der Welt – etabliert sich Buenos Aires als eine der dynamischsten Städte. Trotzdem wird es Zeit, uns von der Stadt des Tangos und des Fussballs zu verabschieden. Noch einmal zieht es uns auf die geschichtsträchtige Plaza de Mayo, dominiert von der Casa Rosada. Der lachsfarbige Regierungspalast ist Sitz der argentinischen Regierung sowie des Präsidentenbüros. Vom Balkon der Casa Rosada wandte sich Eva Perón in ihren legendären Reden an die Massen, die als „Descamisados“ (die Hemdlosen) bekannt waren, und betonte dabei ihre bescheidene Herkunft und ihre Rolle als Brücke zwischen ihnen und Präsident Juan Perón. Obwohl durch das Musiktheater populär gemacht, waren diese Reden reale, zutiefst bedeutsame Ereignisse in der argentinischen Geschichte, geprägt von intensiver Verehrung durch die Menge und hoher politischer Spannung.

Noch einmal ziehen wir durch die Prachtstrassen des Zentrums mit ihren aufwändig verzierten Bauten, die von guten Zeiten der Stadt zeugen. So manches dieser grossen Häuser glänzt sogar mit einem Türmchen auf dem Dach. An der Kreuzung der Avenida 9 de Julio, der breitesten der Welt, und der Avenida Corrientes, dem kulturellen und gesellschaftlichen Zentrum von Buenos Aires, treffen wir auf den Obelisk, dem bedeutendsten Wahrzeichen der Stadt. Er wurde am 23. Mai 1936 zum 400. Jahrestag der Stadtgründung eingeweiht und steht genau an der Stelle, an der die Nationalflagge der Stadt erstmals gehisst wurde. Das Bauwerk mit einer Höhe von 67,5 Metern, einem Sockel von 6,8 Metern Seitenlänge und einem Gewicht von rund 170 Tonnen wurde von 157 Arbeitern in der Rekordzeit von nur 31 Tagen errichtet.
Die Restbewölkung vom Gewitter und ein intensiver Regenbogen bescheren uns einen wunderschön farbigen Sonnenuntergang am Obelisken. Ein honoriges Finale unseres Besuchs in Buenos Aires.

Wir holen Rocky ab und begeben uns auf eine Irrfahrt nordwestlich der Stadt. Dort soll gemäss der IOverlander App eine der wenigen Firmen in Argentinien sein, die unseren Gastank auffüllen kann. Trotz intensiven und hartnäckigen Verhandlungen mit dem Personal müssen wir jedoch unverrichteter Dinge abziehen.

Etwas genervt fahren wir durch bis vor die Grenze zu Uruguay. Ausser den hohen Brücken über den Rio Paraná bei Zarate und den Rio Paraná Guazú bietet die Gegend einmal mehr nicht viel Interessantes. So kann sich Marcel voll auf die starken Spurrillen auf der Strasse konzentrieren. Im Parque Unzué bei Gualeguaychu verbringen wir unsere vorläufig letzte Nacht in Argentinien.

Als Fortsetzung einer Allee führt die internationalen Brücke Libertador General San Martín scheinbar endlos in den Himmel. Auf der andern Seite des Rio Uruguay liegt die binationale Grenzstation Fray Bentos, die uns schnell und unkompliziert abfertigt. Bienvenidos in Uruguay. Wir dürfen 3 Monate bleiben, Rocky sogar ein ganzes Jahr.

URUGUAY

Die Erfindung des deutschen Chemikers Justus von Liebig, eine flüssige Vorstufe der Oxo-Brühwürfel (ähnlich Knorr und Maggi), benötigte riesige Mengen Rindfleisch. Deshalb gründete er Mitte des 19. Jahrhundert die Liebig Fleischextrakt-Gesellschaft in Fray Bentos, wo es Kühe im Überfluss und für wenig Geld gab. Bald zählte die Fabrik am Ufer des Río Uruguay zu den bedeutendsten Produktionsstätten weltweit, genannt „die große Küche der Welt“. Die Fabrik hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf die weltweiten Essgewohnheiten und trug maßgeblich dazu bei, dass die globale Lebensmittelproduktion ins Industriezeitalter eintrat.
1979 wurde der Betrieb eingestellt und kann heute als Museum besucht werden. Teile des Geländes, insbesondere die Turbinenhalle, besitzen eine eigentümliche Schönheit. Ein schachbrettartiger Marmorboden, riesige, sich zur gewölbten Decke Räder, die von Zeit und Rost eingefroren scheinen, und Sonnenstrahlen, die die Staubpartikel in der stillen Luft hervorheben, verleihen dem Ort die Atmosphäre eines verlassenen Tempels. Verschiedene Etiketten, die zur Vermarktung der hergestellten Produkte verwendet wurden, sind im Museum ausgestellt. Besucher können alle Arbeitsschritte von der Ankunft des Viehs bis hin zu den daraus hergestellten Produkten nachverfolgen. So stimmte damals das Sprichwort: „Das Einzige, was dort verschwendet wurde, war das Muhen der Kuh.“

Wir stehen vor dem Haus Zorrilla de San Martin 373 in Carmelo. Aber anstelle des Museo de Madera findet sich ein Haushaltswarengeschäft und das ist jetzt, zu Siesta Zeit, geschlossen. Nur eine unscheinbare Klingel verweist auf das Museum. Wenig später empfängt uns José „Pepe“ Castro überaus herzlich und begleitet uns auf dem Rundgang durch eine Lagerhalle voller Skulpturen. Als 10jähriger ist er mit seinen Eltern von Spanien nach Montevideo emigriert. Bald arbeitete er als Tischler und fertigte hochwertige Möbel. In seiner Freizeit begann Pepe autodidaktisch ein umfangreiches Werk an Holzschnitzereien zu schaffen. In seinen Werken erzählt er Geschichten. Er bildet Denkmäler, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Fahrzeuge, Tiere und Pflanzen in mal heiteren, mal grausamen und pittoresken Szenen nach. Es ist ein zauberhafter Ort, um sich Zeit zu nehmen und die Details jedes einzelnen Werkes zu bewundern. Weiter hinten, durch einen kleinen Garten abgetrennt, liegt die Tischlerwerkstatt, aus der die Sammlung stetig wächst. Die Fantasie und das Gedächtnis des heute 88jährigen Pepe arbeiten unermüdlich, ebenso wie seine Hände.

Colonia del Sacramento wurde 1680 von den Portugiesen am Nordufer des Río de la Plata gegründet, angetrieben von den expansionistischen Interessen der portugiesischen Krone. Von da an war Sacramento der Hauptkonfliktherd zwischen Portugiesen und Spaniern in Südamerika, bis es 1777 endgültig an die spanische Krone abgetreten wurde. Bis dahin war die befestigte Siedlung viermal von spanischen Armeen erobert und dreimal durch aufeinanderfolgende Friedensverträge an die Portugiesen zurückgegeben worden.
Wir stellen Rocky an der Plaza Mayor ab und verlieren uns in den charmanten Gassen des historischen Viertels. Es gibt einiges zu entdecken; das Zitadellentor und seine Zugbrücke, die Ruínas das Casa dos Governadores Portugueses, die Basílica del Santísimo Sacramento, den Leuchtturm. Und natürlich die berühmte Seufzerstraße mit originalem portugiesischen Kopfsteinplaster. Den Namen verdankt die Calle de los Suspiros verschiedenen Legenden aus der Kolonialzeit. Zu den bekanntesten zählen der letzte Seufzer der zum Tode Verurteilten, die zum Fluss geführt wurden, die Sehnsucht der Seeleute nach den Bordellen in dieser Straße oder die Klagen der Sklaven.

Eine kleine Gruppe Schweizer, Deutsche und Österreicher tauschten 1861 ihr Leben in den Alpen gegen Landwirtschaft und Käseproduktion in Uruguay ein und gründeten Colonia Suiza. Im Laufe der Zeit wuchs die Siedlung und wurde bereits im Jahr 1873 offiziell zur Stadt erklärt. Es war an der Zeit für einen eigenen Namen: «Nueva Helvecia», eine Schweizer Ecke in Uruguay.
Die Stadt bewahrt ihre europäischen Traditionen. So gibt es neben dem Gründerplatz mit Blumenuhr auch ein Regionalarchiv, einen Bahnhof, einen Aeroclub und natürlich einen Schützenverein. Die Wilhelm-Tell-Strasse kreuzt die Bernstrasse, das Haus mit dem Wappen des Kantons Appenzell steht neben dem Genfer Wappen. Es gibt ein Bierfest, ein Schokolade Fest und ein grosses Fest am 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag, die wir leider alle verpassen. Und es wird Käse hergestellt, der die Bezeichnung Käse auch gemäss unseren Geschmacksnerven verdient. Darunter befinden sich der berühmte Colonia-Käse und andere traditionelle halbharte Käse.
Aber etwas typisch Schweizerisches hat in Nueva Helvecia nicht überlebt. Das Schwiitzerdütsch. Rolf, unser Gastgeber auf Granja Hotel Suiza, ist nach seinen Angaben der einzige Einwohner der noch Schwiizerdütsch versteht. Wir treffen hier die Camperoos Christine und Jürgen, die wir in Santiago de Chile kennengelernt haben. Es gibt viel zu berichten, waren sie doch in der Zwischenzeit bereits in Paraguay und Brasilien. Wie einige andere Overlander werden sie ihr Fahrzeug für eine Heimaturlaub auf dem Hof unterstellen.

Irgendwie hängen wir noch dem Charme des Städtchen Colonia del Sacramento nach. Zu schnell sind wir von dort weitergefahren. Als wir erfahren, dass die Camperoos von dort aus mit der Fähre nach Buenos Aires fahren, ist das für uns mehr als Grund, noch einmal hinzufahren. Wir setzten die Beiden am Hafen ab und parken Rocky auf der Plazoleta Timoteo direkt am Meer. Von hier aus kann man über das Wasser die Hochhäuser im 50 km entfernten Buenos Aires erkennen. Noch einmal stolpern wir über die kantige Kopfsteinpflastergassen, halten die Augen offen nach versteckten Juwelen.

Unverhofft und unerwartet stehen wir vor dem einzigen Origami Museums der Amerikas. Es ist die erste Museumsausstellung in den Amerikas, die die Geschichte der alten Kunst des Papierfaltens zeigt. Schon im Eingangsbereich begegnen wir unzähligen Kranichen, die gleichen, die unsere Namenskarten begleiten. In drei Räumen werden die wichtigsten Origami-Techniken demonstriert, die Verbindung zwischen Origami und Mathematik, Naturwissenschaften und Design aufgezeigt und viele originale Werke bedeutender Origami-Künstler aus der ganzen Welt präsentiert. Wir sind fasziniert, überwältigt. Wie kann man so etwas aus einen einzigen Bogen Papier falten, ohne einen einzigen Schnitt mit der Schere und bei den vielen Falten stets die Übersicht behalten.

Selbst die ruhigsten Städtchen Uruguays bergen Überraschungen. 25 de Agosto ist so ein Ort. Abseits der Hauptstrassen, kaum eine asphaltierte Strasse und entzweigeschnitten von der Eisenbahn, birgt es überall Wandmalereien einer französischen Künstlerin. Leo Artis besuchte 2006 das beschauliche Städtchen. Begeistert von der Ruhe und Stille des Ortes, zog sie einige Jahre später dahin und richtete sich ihr Atelier ein. Als begeisterte Reiterin und Anhängerin von Gaucho-Veranstaltungen malte sie Gaucho-Szenen an die Vorderseite ihrer Werkstatt. Kurz darauf trafen Anfragen von Bewohnern und Geschäftsleuten ein, ob sie nicht Wandmalereien in ihren Häusern und Läden anfertigen könne. Der Besitzer des Eckladens bat darum, Moulin-Rouge-Tänzerinnen auf seine Wände zu malen. Dem Besitzer der Bar gehörte einst ein Rennpferd namens Al Pacino, das jetzt auf seinem Gebäude abgebildet ist. Insgesamt sollen es mittlerweile mehr als einhundert sein. Alle haben wir nicht gefunden. Sie reichen von realistisch über expressionistisch bis hin zu, unserer Ansicht nach, kitschig.

Tannat ist die Rebsorte, die Uruguay einen anerkannten Platz in der Welt des Weins eingebracht hat. Sie ist außerdem die herzgesündeste Rebsorte der Welt, da sie den höchsten Gehalt an Polyphenolen und Resveratrol aufweist – was immer das ist! – die den Sauerstofffluss zu den roten Blutkörperchen erhöhen und das Risiko von Herzerkrankungen verringern. Also nichts wie hin auf ein Weingut zum Degustieren.
Auf dem Bodega Familia Moiza begrüsst uns Omar. Sein Urgroßvater kam 1856 aus dem Piemont – genauer gesagt aus einer kleinen Stadt namens Montechiaro D’Acqui – nach Uruguay, um sich genau dort niederzulassen, wo sich heute das Weingut befindet. Die Winzer haben vor ein paar Jahren von Tafelweinen zur Herstellung von edlen Weinen umgestellt und bieten derzeit 10 Etiketten klassischer Rebsorten wie Tannat, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Pinot Noir und Chardonnay. Wir geniessen einen entspannten Nachmittag mit einer Tour durch die Reben und das historische Gebäude des Familienweinguts. Am Abend können wir uns dann bei der Verkostung von der Qualität ihrer Weine überzeugen. Der uns unbekannte Tannat überrascht mit einer intensiven, fast schwarzen Farben. Obwohl er recht schwer ist, mundet er uns überaus gut. Unser Favorit wird aber ein lieblich fruchtiger Rose aus der Cabernet Franc Traube.

In Montevideo schaffen wir es endlich, unseren Gastank zu füllen. Danach geht es schnell weiter zum Sightseeing in der Altstadt, zum Mercado del Puerto, einem der größten Anziehungspunkte für Touristen in der Hauptstadt Uruguays. Dieser Markt am Hafen bietet an Dutzenden von Ständen das berühmte uruguayische Rindfleisch an, das traditionell über offenem Feuer zubereitet wird. Die Uhren und unsere Mägen zeigen bereits Mittag und so stärken wir uns erst einmal mit einem Asado.

Ist es der Samstag, der bedeckte Himmel oder der Beginn der Karwoche, die hier seit der Trennung von Kirche und Staat «Semana Turistica» heisst? Wir hätten nie gedacht, dass eine Hauptstadt so ruhig und entspannt sein kann? Entlang der Fussgängerstrasse gehen wir durch die kulissenhafte Altstadt, die uns mit seiner Kolonialarchitektur ein wenig nach San Telmo erinnert. Gerne hätten wir das Teatro Solís von innen besichtigt, was uns wegen einer Großveranstaltungen von morgen leider versagt bleibt.
Schon verlassen wir die Altstadt durch das Stadttor Puerta de la Ciudadela, dass von einem hässlichen Mauerkonstrukt gestützt wird. Nach dem symbolischen Abriss der Befestigungsanlagen der Kolonialstadt nach Erlangung der Unabhängigkeit, wich die ummauerte Stadt einer offenen Stadt. Das Zitadellentor ist das einzige Überbleibsel der kolonialen Verteidigungsmauer, die den ältesten Teil der Stadt umgab und als Schutz gegen Piratenangriffe und andere äußere Bedrohungen diente.

Wir stehen auf der Plaza de Independencia, dem Bindeglied zwischen Altstadt und Neustadt. Der Palacio Salvo, das herausragenste Gebäude am Unabhängigkeitsplatz, kommt uns bekannt vor. Nicht von ungefähr, wir haben doch erst gerade sein Schwestergebäude, den Palacio Barolo, bei unserer Erkundung der argentinischen Hauptstadt gesehen.
Der Palacio Salvo, ein ikonischer, 105 Meter hoher Art-déco-Wolkenkratzer, war zu seiner Zeit das höchste Gebäude Südamerikas. Im Auftrag der Brüder Salvo erbaut, war es ursprünglich als Luxushotel konzipiert, dient heute jedoch hauptsächlich als Wohn- und Bürogebäude. Ursprünglich mit einem Leuchtturm ausgestattet, sollte er mit dem Barolo in Buenos Aires kommunizieren, was aber nie richtig funktioniert hat. Beide wurden so konzipiert, dass sie durch Leuchttürme über den Fluss miteinander verbunden sind, doch nur der Barolo verfügt heute noch über einen funktionierenden Leuchtturm. Auf dem geführten Rundgang lässt sich der Prunk im Innern nur noch erahnen. Zu viel wurde in den Jahren verändert. Schön sind aber die Ausblicke auf Stadt und Hafen von der Dachterrasse und vom Aussichtspunkt zuoberst im Turm.

Die Neustadt empfängt uns mit Regen. Wir kürzen unsere Besichtigung ab, nicht aber ohne ein paar der schönen Prachtbauten mit Türmchen zu entdecken. Wiederum ziehen wir Parallelen zu Buenos Aires, auch wenn diese hier etwas weniger pompös sind. Als der Regen dann endgültig einsetzt, enden wir an der Fuente de los Candados, dem Schlossbrunnen. Unter normalen Umständen wäre er ein unbedeutender Steinbrunnen, wären da nicht die Hunderte von Vorhängeschlössern, Liebesschlössern, die an seinem Geländer befestigt sind.

Während unserem Aufenthalt in Montevideo übernachten wir auf einem grossen Platz auf der Zufahrt zum Leuchtturm von Punta Carretas an der Südküste Montevideos. Wir sind hier nicht allein. Im Hafen von Montevideo nehmen viele Europäer ihre Fahrzeuge in Empfang oder geben sie nach der Reise für den Rücktransport wieder ab. Ihre erste oder letzte Nacht verbringen Sie dann auf diesem Platz.

Den Weg zur Stadt teilt Las Ramblas, der längste Bürgersteig der Welt. Diese Allee, die 22 km entlang der Küste verläuft, ist ein idealer Ort zum Spazierengehen, Joggen oder Radfahren, um den Blick auf das Meer und den Horizont zu genießen.

Und dann gibt es für uns auch noch etwas Kultur in Montevideo. Eines der symbolträchtigsten Ereignisse der Woche vor Ostern ist die Criolla del Prado, ein traditionelles Fest, das jedes Jahr Tausende von Menschen zusammenbringt, um die ländlichen Bräuche des Landes zu feiern. Während dieser Tage verwandelt sich der Parque Prado in eine Flaniermeile, einen Jahrmarkt, eine Bühne für Volksmusik und Tanz, Aktivitäten für die ganze Familie und regionale Küche, die Asado vom riesigen Grill anbietet.
Die besten Reiter aus Uruguay und angrenzenden Ländern versammeln sich zum Rodeo im Prado und bestimmen den Champion im Zureiten von Wildpferden. Hier sei gleich angemerkt, dass Tierquälerei bei uruguayischen Rodeos unter Strafe steht und für jede Wettbewerbskategorie strenge Regeln gelten. Wir erleben stolze und mutige Gauchos, wie sie auf dem sich aufbäumenden Pferden der Schwerkraft trotzen. 8 Sekunden müssen sie versuchen oben zu bleiben. So manch einer schafft es unter Applaus. Aber manchmal gewinnt auch das Pferd und wirft den Reiter vorher ab. So hat der Braune, der in vollem Galopp plötzlich die Vorderbeine in den Boden stemmt, die Physik auf seiner Seite. Ein Johlen aus der Zuschauer Menge ist der Applaus für das Pferd. Das Klatschen gilt dem mutigen Gaucho, der nach dem Abwurf wieder aufsteht und humpelnd vom Platz läuft. Die uruguayische Landesfahne, der Pabellón Nacional, wird im Galopp um die Arena geritten. Das Volk jubelt. Emotionen pur.

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Chile III – Argentinien II
01.02.2026 – 28.02.2026

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