Argentinien IV – Paraguay I


29. April bis 27. Mai2026

Es herrscht gähnende Leere In unserem Kühlschrank. Auch wenn wir an der Grenze diesmal nicht kontrolliert wurden, haben wir zuvor pflichtbewusst unsere Vorräte an frischen pflanzlichen und tierische Produkten aufgebraucht. Diese können sonst eingezogen und vernichtet werden und das wollen wir ja nicht.
Da kommt uns die Werbung «Salame y Queso» am Rande der Autobahn gerade recht. Das grosse Schild «Regionales Wendler» am Gebäude verspricht Gutes. So finden wir dann auch allerhand Eingemachtes in den Regalen. Deutsch wird zwar nicht mehr gesprochen, aber der Käse schmeckt gut. Zusammen mit einer Salami wechselt er den Besitzer. Die Gläser bleiben im Regal, wir wollen ja den Kühlschrank befüllen, nicht die Vorratsbox.

Im schmucken Städtchen Mercedes finden wir dann im Supermarkt was wir sonst noch brauchen. Am alten Bahnhof verbringen wir die Nacht im Mercedes in Mercedes.

Am nächsten Morgen werden wir das erste Mal in Argentinien bei einer Polizeikontrolle angehalten. Der freundliche Polizist fragt wohin wir fahren und dann noch was, was wir wohl nicht ganz richtig verstanden haben. Denn er bedankt sich, schnappt seine bereitstehende Reisetasche und macht es sich auf unserer Rückbank bequem. Schon fahren wir mit Polizeibegleitung zu seinem Wohnort Colonel Carlos Pellegrini. Na ja, da wollten wir ja sowieso hin.
Colonia Carlos Pellegrini ist der ideale Ausgangspunkt, um die Laguna Iberá und die Sümpfe zu erkunden. Im zweitgrößten Feuchtgebietsreservat der Welt wollen wir Kaimane, Capybaras und Vögel aus nächster Nähe beobachten. Wir richten uns auf dem Campingplatz direkt an der Lagune ein und laufen zurück auf dem Damm und der schmalen Stahlbrücke zur Rangerstation. Noch bevor wir die Gebäude erreichen, sehen wir im seichten Wasser drei Kaimane liegen, einer davon von sehr beachtlicher Grösse. Ein Capybara watet ohne Respekt vor dem riesigen Vieh durch die Wasserpflanzen. Das überdimensionalen Meerschweinchen ist das größte heute lebende Nagetier und gehört tatsächlich zur Familie der Meerschweinchen.

Ein Holzsteg führt hinaus in den Sumpf, wo sich die nächsten Urechsen sonnen. Während die kleineren abtauchen, sobald sie uns sehen, lassen sich die grossen nicht stören. Auf der Gegenseite des Stegs feiert ein Silberreiher seinen Jagderfolg, etwas weiter stochert eine Gruppe Nacktzügelibise mit ihren krummen Schnäbeln in der Erde. Als wir auf weitere Capybaras stossen wird klar, warum sie auch Wasserschweine genannt werden.

Um etwas tiefer in die Tierwelt der Lagune vorzustossen, buchen wir eine Tour auf einem kleinen Boot, einer Lancha. Früh morgens soll es losgehen, bevor die Touristenboote ablegen. Unser Start um 8 Uhr wird dann allerdings verschoben. Wegen der tiefen Temperaturen sollen die Vögel noch nicht aufgestanden sein, die Krokodile warten sowieso auf die wärmende Sonne.
Die Fahrt fängt dann gut an mit einer ganzen Gruppe vom Wind zerzauster Guirakuckucks. Unser Guide und Kapitän führt uns dem seichten Ufer der Lagune entlang, wo wir bald einen ersten, kleinen Hirsch entdecken. Ein grosser, hühnerartiger wirkender Vogel landet bei seiner Partnerin. Es ist ein Halsband-Wehrvogel, auch Chaja genannt. Federleicht tanzen Rotstirn-Blatthühnchen auf den Seerosenblättern. Unzählige Capybaras streifen durch das Gelände, suhlen sich im Sumpf oder liegen bereits faul an der Sonnen. Vier Welpen springen schnell davon und suchen Schutz bei ihrer Mutter.

Und dann bringt der Guide die Lancha direkt neben der Schnauze eines mittelgroßen Kaiman zu stehen. Ob er uns sieht? Auf jeden Fall macht er nicht die kleinste Bewegung. Obwohl wir nicht in sein Beuteschema passen, sind wir vorsichtig beim Fotografieren. Zu gefährlich sehen seine Unterkiefer Eckzähne aus, die bei geschlossenem Maul den Oberkiefer durchstechen. Es soll nicht die einzige der Panzerechsen bleiben, denen wir heute morgen einen Besuch abstatten.

Die Ruta 40 von Carlos Pellegrini nach Norden soll nicht die einfachste sein, bei Regen sogar unbefahrbar. So warten wir nach dem nächtlichen Regen noch einen Tag ab und gehen noch einmal zum Holzsteg. Diesmal konzentrieren wir uns auf Singvögel, die in einem Bereich mit vielen Büschen zahlreich zwitschern und singen. Wir sehen den Elfenwaldsänger, den Grausaltator, die Rotbauchdrossel und sogar kurz einen Eichhornkuckuck. Doch die quirligen kleinen Geschöpfe sind meist zu schnell für unsere Kameras. Einmal mehr heisst es: geniessen und im Herzen speichern.

Am Abend zeigt uns der Ranger Fotos von einem Pickup Camper, der heute auf der 40 umgekippt ist und geborgen werden musste. «Kein Problem für euch», meint er, « tranquilo, ihr müsst nur langsam fahren». Nicht die beste Grundlage für einen tiefen, erholsamen Schlaf.
Das der Himmel am Morgen entgegen den Prognosen bedeckt ist, ermutigt uns zum zeitigen Aufbruch. «Alles Tranquilo, es gibt keinen Regen», bestätigt der Ranger zum Abschied. Nach 10 km auf recht guter Kiesstrasse verändert sich die Trasse in ein 10 m breites Matschgebilde, dass den Namen Strasse nicht mehr verdient. Etwa so stellen wir uns die unbefestigten Strassen im Amazonas nach Regen vor, die wir nicht befahren wollen. Eine tiefe LKW Spur führt mitten durch die breiige Masse. Für kleinere Fahrzeuge – die Einheimischen fahren mit normalen PKWs – führt eine trockene Spur mal links mal rechts durch den Schlamm. Eigentlich sind es zwei Spuren, wie ein Geleise. Wer die verpasst, landet unweigerlich im Matsch. Rockys Spurweite passt mit nur wenig Reserve auf die Schienen und so werden die nächsten 52 km, mit wenigen Unterbrechungen, zu einer 2.5 stündigen Konzentrationsübung. Dass dazwischen auch noch ein paar wenige Regentropfen fallen, trägt nicht zur Entspannung bei. Doch die Schutzengel sind mit uns, halten uns auf der Spur, verscheuchen den Regen und lassen die wenigen entgegenkommenden Fahrzeug immer an «Ausweichstellen» treffen.

Überall wo wir in Argentinien und Uruguay hinkommen und zu jeder Tageszeit, sehen wir Menschen mit einer ausgehöhlten Kalebasse in der Hand herumlaufen, gefüllt mit gemahlenen Blättern und einem einzelnen Metallstrohhalm, der oben herausragt. Unter den Arm geklemmt eine Thermoskanne mit heißem Wasser zum Nachfüllen: Mate.
Yerba Mate ist fester Bestandteil der Identität von Paraguay, Uruguay, Argentinien und dem südlichen Brasilien, wo es allgegenwärtig ist. Es ist ein starkes Symbol für Geselligkeit, Gastfreundschaft und Freundschaft und dient als „soziales Schmiermittel“, das während des geschäftigen Arbeitstages zu Gesprächen und friedlichen Pausen anregt. Meterlang füllen verschiedenen Yerba-Mate-Marken jeweils die Supermarktregale.

Wir suchen die Wurzeln des Getränks und besuchen das Unternehmen „Las Marías“, den nach eigenen Angaben weltweit größten Hersteller von Yerba Mate. Die Tradition reicht Tausende von Jahren zurück bis zum indigenen Volk der Guaraní. Hergestellt aus den getrockneten, zerkleinerten Blättern und Zweigen des Ilex paraguariensis-Baums, liefert der Mate-Tee einen erdigen, natürlich anregenden Energieschub, ähnlich wie Kaffee, jedoch mit den Nährstoffen von Tee.
Wir erfahren einiges über die traditionellen Herstellungsverfahren, auch wenn diese im Laufe der Jahrhunderte etwas modernisiert wurden. So auch die automatische Abpackerei, auf die wir durch das Glasfenster einen Blick werfen dürfen. Dann geht es auf eine geführte Rundfahrt durch die grüne Anlage „Las Marías“. Es sind nicht nur die Produktionsstätten, es ist ein komplettes kleines Dorf, in dem Yerba Mate angebaut und verarbeitet wird. Neben der Trocknerei und vielen Lagern gibt es Wohnhäuser, eine Schule, Sportanlagen und sogar ein kleines Spital. Und natürlich Yerba Felder mit ihren schönen geometrischen Formen.

Die Zwischengummi von Rockys Blattfedern haben sich verschoben und müssen neu gerichtet werden. Wir fragen beim Federnlieferanten in Gobernador Virasoro nach und werden an eine spezialisierte Firma im Ort verwiesen. Kurze Zeit später ist deren Chef bei uns am Übernachtungsplatz und schaut sich die Sache schon mal an. Wir vereinbaren einen Termin in seiner Werkstatt für morgen früh. Am Morgen dann die Überraschung. Ob wir von uns aus bei ihm Halt gemacht hätten ist fragwürdig, sieht alles doch eher einem Schrottplatz ähnlich. Aber der Chef liegt persönlich unter unser Fahrzeug und löst das Problem.

Noch einmal fahren wir ins Iberá-Feuchtgebiet, diesmal über das Portal Cambyreta im Norden. Bereits der 30 km lange, schmale Schotter/Sandweg zum Camping Monte Rey weiss zu gefallen. Dieser führt zuerst durch Nutzwald, wo den Kiefern Harz entzogen wird. Jeder Baum hat sein Säckchen um, das anschliessend in grosse, blaue Fässer entleert wird.

Ab und zu sitzt ein Wegebussard auf dem Zaun und beobachtet uns scharfäugig. Im anschliessenden Weideland grasen nicht nur Pferde und Kühe, auch die ersten Watvögel stehen in den Pfützen. Maguaristörche, diverse Reiher, Halsband-Wehrvögel und Rotstirn-Blatthühnchen sind nah genug, um sie ohne Fernglas leicht zu erkennen. Schopfkarakaras stehen stolz am Wegrand wie Polizisten. Zwei Feldspechte turnen an Zaunpfählen herum und scheinen sich von uns verstecken zu wollen. Sogar ein Waran kreuzt unseren Weg. Angekommen am Campingplatz begrüssen uns die Capybaras, die hier friedlich grasen und eine grosse Zahl verschiedener Singvögel.

Früh am nächsten Morgen starten wir mit Rocky im Schritttempo auf den 4 km langen Fahrweg hinaus in die Sumpflandschaft. Aus unseren Erfahrungen in den USA wissen wir, dass sich Wildtiere aus einem Fahrzeug ungestört beobachten lassen, während sie bei einem Wanderer umgehend das Weite suchen. Leider müssen wir einige Capybaras stören, die sich den Weg als Ruhezone ausgesucht haben. Auch der kleine Kayman rutscht schnell ins Wasser, als er uns kommen sieht. 20 m vor der Wendestelle gibt es für uns dann erst mal Frühstück, denn mitten auf dem Platz liegen ein paar Wasserschweine gut bewacht von einem jungen Gelbkopfkarakara.

Auf dem Rückweg lassen wir Rocky kurz stehen und begeben uns auf den kurzen La Isleta Wanderweg. Wir entdecken einen riesigen Bienenstock hoch über unseren Köpfen. Die Brüllaffen, die hier leben sollen, sind jedoch heute sehr leise und wissen sich gut zu verstecken. Wir bekommen sie auf jedenfalls nicht zu Gesicht. Auf dem Rückweg zum Platz treffen wir dafür auf einen kapitalen Sumpfhirsch, nur Meter neben dem Weg. Auch er lässt sich von uns nicht stören.

Zwei gut unterhaltene Wanderwege führen vom Platz in die Sümpfe. Bewehrt mit mückenfester Kleidung, die noch offenen Körperteile dick eingeschmiert mit Mückenschutz, machen wir uns auf Tour. Während vom Fahrweg aus vor allen die Sumpftiere zu sehen waren, sind es hier die Singvögel. Wir hören viele verschiedene der flinken kleine Kerle, sie sind jedoch schwer auszumachen. Am Ende sind es aber doch einige, die wir hier zum ersten Mal entdecken können. So den fast schneeweißen Weißscheckentyrann und sein quasi Negativ, den schwarze Brillendunkeltyrann mit seinen auffallend gelben Augen.

Kurz vor Sonnenuntergang hören wir sie krächzen, die roten Aras, die hier vor kurzem wieder angesiedelt wurden. Schnell sind wir unterwegs und können einen davon hoch oben in den Bäumen entdecken. Alles rufen nützt nichts. Er gibt zwar lautstark Antwort, näher kommen will er nicht. So ist es dann die grosse Gruppe Störche am Himmel, die unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht, bevor im Licht der untergehenden Sonne ein riesiger Jabirustorch über unsere Köpfe fliegt. Zurück beim Fahrzeug schleichen im Halbdunkeln zwei Füchse durch den Platz.
Wir könnten noch lange in der Stille dieses wunderbaren Naturparadies verweilen und Fauna und Flora genießen. Doch es zieht uns weiter. Auf dem Weg zurück durch Grasland und Wälder halten wir immer wieder an, um uns von Capybaras und Co zu verabschieden. Ein besonders Schauspiel geben zwei Eisvögel, die wir beim Fischen beobachten.

Damit heisst es auch schon wieder Abschied nehmen von Argentinien. Bei Posadas überqueren wir ein weiteres Mal den Rio Paraná, der hier die Grenze zu Paraguay bildet. Einmal mehr ein unkomplizierter Grenzübergang. Während der Zöllner auf der argentinischen Seite kontrolliert, ob sich nicht doch vielleicht noch jemand im Fahrzeug versteckt, genügt es den Paraguayos, die erforderlichen Papiere auszustellen.

PARAGUAY

In Encarnación heisst es erst mal einen Laden finden und Einkaufen, denn Grenzübergang heisst ja leerer Kühlschrank. Danach geht es auf die Suche nach Bargeld. Die Indigenen in Paraguay sind die Guaraní und Guaraní ist neben Spanisch auch die zweite Landessprache. Guaraní heißt aber auch die Währung in Paraguay, die uns am nächsten Bankomaten wieder einmal zu Millionären macht. Für einen Schweizer Franken gibt es fast 8’000 Guaranís.

Unser erstes Ziel ist die Jesuitenmissionen La Santísima Trinidad de Paraná, eine von 30 Missionen im Río-de-la-Plata-Becken, die im 17. Und 18. Jahrhundert von der Gesellschaft Jesu, den Jesuiten, gegründet wurden. Sieben dieser Missionen befanden sich in Paraguay, die übrigen in den heutigen Ländern Argentinien und Brasilien.
Die Jesuiten kamen 1588 in Guayrá an. Mit der Erlaubnis König Philipps II. von Spanien verfolgten die Missionare das Ziel, die indigene Bevölkerung zu christianisieren und sie vor der kolonialen Sklaverei zu schützen. Anders als in anderen Missionen der Neuen Welt wurden sie jedoch nicht zur „Europäisierung“ gezwungen. Viele indigene Traditionen wurden bewahrt und gefördert, wie beispielsweise der Anbau von Yerba Mate.
Obwohl sie heute im Wesentlichen eine archäologische Ruinen ist, gilt die Mission in Trinidad als der am besten erhaltene städtische Komplex. Die große Steinkirche besaß eine prächtige Kuppel und eine beeindruckende Dekoration. Neben der Hauptkirche sind Spuren einer kleinen Kirche, eines Kollegs oder einer Schule, eines Kreuzgangs, von Friedhöfen, Gemüsegärten, eines Glockenturms, von Häusern der Einheimischen und von Werkstätten erhalten.

Ergibt die Anlage bereits bei Tageslicht viele interessante Blickwinkel, so wird sie in der Dunkelheit zum mystischen Schauspiel. Unter dem Titel „Licht und Klang“ findet jeweils am Wochenende eine nächtliche Kulturführung statt, wobei die alten Mauern in geheimnisvolles Licht getaucht werden. Die gut gewählte kirchliche Musik trägt das ihre zum Erlebnis bei.

Einige Jahre älter ist die Jesuitenmission San Cosme und San Damián auf einer Hügelkette am Rio Paraná. Hier wurde die «provisorische» Kirche und das angrenzende Schulgebäude restauriert. Das Jesuitenkolleg blieb als einziges Gebäude größtenteils unversehrt. Einige Decken mit Originalgemälden sind noch erhalten. Die monumentale grosse Kirche jedoch wurde nie fertiggestellt und ist nur noch an Steinhaufen zu erkennen.
Vor der Schule steht die einfache Sonnenuhr von Pater Buenaventura Suárez, einem gebürtigen Argentinier. Er begann hier 1703 mit seinen Studien zur Astronomie. Mithilfe der einheimischen Bevölkerung baute er ein Teleskop, einen astronomischen Quadranten und eben diese Sonnenuhr, die zwar einfach, aber dennoch präzise funktionierten. Mit diesen Instrumenten führte er Forschungen durch, die die europäischen Universitäten in Erstaunen versetzten.

Durch Machtintrigen und Verrat wurde auch diese Mission zerstört. Geblieben ist neben den Ruinen ein Hauch von Geschichte. So ist im Ort das Astronomische Informationszentrum „Buenaventura Suárez“ dem Jesuitenpater gewidmet, der als erster wissenschaftlicher Astronom Lateinamerikas gilt. Das Gelände bietet zahlreiche Stationen der Guaraní-Astronomie. Unter anderem ein Gnomon, ein antikes Instrument, das dazu diente, den Beginn der Jahreszeiten anhand der Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen präzise zu bestimmen. Die Sternwarte ist aber auch ausgerüstet mit modernen Sonnen- und Nachtteleskopen.

Auf der Weiterfahrt nach Asunción stehen am Strassenrand immer wieder Tischchen mit Kräutern, Mörser und Wasser. Hier wird frischer Teneree angeboten, die paraguaische Art von Mate Tee. Es ist auch eine sehr handwerkliche Strecke. Im Dorf Carpintero reihen sich Stände mit wunderschönen Holz-Arbeiten. Bretter für Asado, Schüsseln, Kellen und einiges mehr verführen zum Kauf. In Quiindy, ein paar Dörfer weiter, sind es dann Fussbälle jeder Grösse und Farbe, die in langen Gestellen entlang dem Weg angeboten werden. Und wieder weiter hängen gewobene Decken und Hängematten im Strassenstaub.

Am 14. Und 15. Mai feiert die Republik Paraguay den 215. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit von der spanischen Krone. Für diese Festivitäten sind wir in der Hauptstadt Asunción gerade richtig. Am der Plaza de Armas strömen die Menschen zusammen. Vor dem Kulturzentrum El Cabildo ist ein Bühne aufgebaut, auf der sich Tanzgruppen aus allen südamerikanischen Ländern zu unterschiedlichsten Rhythmen drehen. Was wir südlich von Peru und Bolivien vermisst haben, sehen wir hier wieder. Menschen tragen stolz ihre farbigen Trachten und schwenken ihre Nationalfahne. Nebenan wird Essen an Ständen verkauft. Auch hier ist jedes südamerikanischen Land vertreten. Aber auch die Länder der vielen Immigranten. Deutschland, Frankreich, Russland, Taiwan, Japan, Indien, Marokko … alle bieten ihre Leckereien an.

Ein kurzer Abstecher in die Palma Strasse zeigt, auch hier ist alles übervoll. Essenstände buhlen um die hungrigen Menschen. Musik dröhnt aus den Lokalen. Souvenirs werden an den Mann gebracht. Fahnen und die Farben von Paraguay sind allgegenwärtig. Vor dem Palacio de López genehmigen wir uns einen Aperitif auf der Terrasse. Hier ist es etwas ruhiger und die Sicht auf den Sitz der Landesregierung ist perfekt. Unverhofft sind wir gerade rechtzeitig angekommen. Um punkt sechs Uhr marschiert eine Gruppe traditionell gekleideter Soldaten auf. Zum Klang der Trompete wird die Fahne eingezogen. Mittendrin hakt etwas. Macht nichts, irgendwann ist das riesige Tuch unten und die erfolgreiche Truppe geht im Gleichschritt ab damit. Familien stehen vor dem Palast und machen ihre Fotos von sich und dem schmucken Gebäude.

Unser Kreis schließt sich. Wieder im Park vor dem El Cabildo. Nach den Tanzvorführungen geben jetzt verschiedene Gruppen ein Konzert. Die Menschen scheinen die Lieder zu kennen, sie tanzen und singen mit. Toll zu sehen, wie sich die Leute freuen und feiern können. Irgendwann hat uns der überlaute Bass seinen Rhythmus genügend in den Leib gehämmert, unsere Ohren sind wie Watte. So manövrieren wir unsere vibrierenden Körper entgegen der einströmenden Menschenmenge aus dem Park. Für uns ist es genug für heute, für viele Paraguayos erst der Anfang einer langen Nacht voll Musik und Tanz.

Loma San Jerónimo ist eines der ältesten und malerischsten Viertel von Asunción und liegt auf einem der sieben traditionellen Hügel der Stadt. Die meisten Häuser sind in leuchtenden Farben gestrichen und recht gut gepflegt. Es gibt viele schöne Ecken und Treppen, die zu überraschenden Orten führen. Berühmt sind vor allem die farbig gekachelten Treppen. Auch wenn es bei weitem nicht Valparaiso ist, so geniessen wir es, den Ort in aller Ruhe zu erkunden und jeden Winkel zu entdecken.

Der Weg zurück ins Stadtzentrum ist weniger schön. Schmutzig, heruntergekommen, ungemütlich. Genau die Gegend in der man in der Nacht nicht unterwegs sein möchte. Einige Gebäude haben wohl schon bessere Zeiten erlebt. Doch ihr Schmuck ist verblasst, sie sind dem Verfall ausgesetzt. Schade.
Heute ist Muttertag in Paraguay, doch auf der Einkaufsstrasse Palma ist noch nicht viel los. Für uns eine gute Gelegenheit, das Panteón Nacional de los Héroes zu besuchen. Ehrenwachen stehen unbeweglich am Eingang des nationalen Mausoleums, das den Helden gewidmet ist, die für Paraguays Unabhängigkeit oder in den Kriegen mit den Nachbarländern gekämpft haben.

Die Wichtelmännchen haben nach dem gestrigen Fest noch fleissig gearbeitet. Die Plaza de Armas ist sauber geputzt, die Bühne vor dem El Cabildo verschwunden. So können wir das heutige Kulturzentrum der Republik doch noch besichtigen. Einst Rathaus und Sitz der staatlichen Behörden, beherbergt es heute Ausstellungen über die Ureinwohner, Einwanderer und die nationale Geschichte. Wir gehen vor allem hin wegen der Treppe ins Obergeschoss mit ihrem unglaublichen Schmiedeeisen Geländer. Oben angekommen, erklärt uns eine freundliche Dame gleich die Vorzüge von Paraguay als Einwanderer-Land. Paraguay scheint eines der wenigen Länder zu sein, dass auch heute noch Migranten wohlgesonnen ist. Wir bleiben vorerst Nomaden und bewundern beim Hinausgehen noch einmal das wunderschöne Treppengeländer.

Die Matratzen in unseren Camper-Schlafzimmer haben nach bald 5 Jahren dringend eine Auffrischung nötig. Bereits vor den Feiertagen haben wir beim Colchónero González neue Schaumstoffkerne in Auftrag gegeben. Jetzt sollen sie abholbereit sein. Einmal quer durch Asunción finden wir den Matratzenhersteller wieder auf Anhieb und werden freundlichst empfangen. Ein Blick in die Produktion zeigt, unsere neuen Liegeflächen werden gerade verleimt. Aber da gibt es noch Klärungsbedarf zu den Abmessungen. Ein Stunde später passt alles und wir hoffen auf unseren Matratzen auf einen tiefen, gesunden Schlaf.

Astrid und Chris heissen uns herzlich willkommen auf ihren Campingplatz Pequeña Baviera bei Caacupé. Die beiden Bayer sind vor 4 Jahren ausgewandert und haben sich hier ein schönes neues Zuhause in der Natur aufgebaut. Es ist fast wie ein kleiner Freiluftzoo. Hühner, Katzen, Pferde, Hunde. Zwei junge Nandus begrüssen uns neugierig, der riesengrosse Kater inspiziert gleich das Innere von Rocky und lässt sich gemütlich auf dem Beifahrersitz nieder. Hier bin ich, hier bleib ich. Und dann ist da noch der kleine Affe Lucky, der auch überall dabei sein muss. Wir bleiben ein paar Tage und können Dank der Kontakte von Astrid einige Dinge erledigen, die schon länger anstehen.

Marcel lässt sich im nahen Mennoniten Spital einen kleinen Auswuchs am Bein entfernen. Da kann er mit dem Arzt deutsch sprechen, was die Sache sehr vereinfacht. Im der Stadt Caacupé bestellen wir neue Brillengläser für Marcel. Bei den alten löst sich nach zwei Jahren schon wieder die Beschichtung! Als wir diese nach drei Tagen abholen, besichtigen wir die gewaltige Kathedrale in der Stadt. La Basílica de Nuestra Señora de los Milagros ist das spirituelle Herz und der größte Wallfahrtsort Paraguays.

Die große Eisenbahnwerkstatt in Sapucai erlangte für den Eisenbahnbetrieb in Paraguay große Bedeutung. Der von britischen Fachleuten mit britischen Maschinen ausgestattete Komplex beherbergt gewaltige Hobelmaschinen, Schleifmaschinen und Drehbänke, die mit einem System aus Riemenscheiben und Flachriemen angetrieben wurden. In einem großen Kessel wurde die gesamte Dampfkraft für das Antriebssystem erzeugt. Die Ausrüstung stammt aus dem Jahr 1894 und ist seit einem Jahrhundert nahezu unverändert. Nach dem Niedergang und der Demontage des paraguayischen Eisenbahnnetzes geriet die Werkstatt in Vergessenheit und wurde 2011 zum Eisenbahnmuseum umgewandelt. Heute erinnert sie an das goldene Zeitalter des Zugreisens.

Während wir im Norden Südamerikas die Kultur der Indigenen und ihr Handwerk bewundert haben, finden wir hier im Süden von Chile über Argentinien, Uruguay und vor allem Paraguay vorwiegend den Einfluss von europäischen Migranten. Quartiere, geprägt von italienischen Einwanderern; Dörfer mit zur Schau gestellten Schweizer Wurzeln; deutsche Traditionen von Brot bis Bierfest. Europäer die dem Krieg, der Verfolgung oder der Armut entflohen sind, auf der Suche nach einem besseren Leben. Hart arbeitende Menschen, die sich eine neue Heimat aufbauten, basierend auf handwerklichem Können und Wissen, welches sie mitgebracht haben. Oft bewahren sie auch ihre Traditionen und Sprache. Im Deutschen Sportclub – in der deutschsprachige Kolonie Independencia mit rund 27’000 Einwohnern – werden wir auf deutsch willkommen geheissen. Auch in der Confiteria Alemana werden wir auf deutsch gefragt, von welcher Sahnetorte sie uns ein Stück geben dürfen.

Wieder einmal haben wir uns vom Navi unverhofft auf einen File Rouge leiten lassen. Das kommt davon, wenn man seine Tagesstrecke nicht genügend erkundigt. 35 km Holperpiste aus roten Staub oder rotem Match, gefolgt von weiteren 35 km Rüttelpiste aus Natursteinen. Aber die Gegend entschädigt. Wir fahren mitten durch fruchtbare Agrargebiet. Mais, Quinoa und Soja werden auf grenzenlos scheinenden Felder angebaut. Aber auch Yerba Mate und Maniok. Es gibt kaum Dörfer, dafür monströse Siloanlagen, um all die Ernte zwischenzulagern. Entsprechend kommen uns auch grosse LKW entgegen, die die Waren abführen.

Dann endlich gibt es wieder Asphalt unter den Rädern. Die Zivilisation kehrt zurück, der Verkehr nimmt zu. Links und rechts der Strasse sind nun die Firmen der Agrarwirtschaft angesiedelt. Neben viel biologischem Dünger und Saatgut werden Ungetüme von Landmaschinen zum Verkauf angeboten, wie sie bei den Dimensionen der Felder natürlich auch unerlässlich sind.
Ob all dem Stauen haben wir beinahe den Túnel de Árboles von Santa Rita verpasst, den bekanntesten der grünen Tunnel Paraguays. Auf einer Länge von 600 Metern wurden vor einigen Jahren beidseits der Strasse Wilde Tamarinden gepflanzt. Entstanden ist ein lebendiges, grünes Schattendach, das Natur und menschliches Eingreifen harmonisch vereint.

Auch Paraguay hat seine imposanten Wasserfälle im Dreiländereck mit Argentinien, Brasilien, die Saltos del Monday. Der Name Monday stammt aus der Guarani-Sprache und bedeutet „Wasser, das stiehlt oder sich dehnt“. Entlang eines 120 Meter breiten Randes stürzt der Rio Monday in drei Hauptfällen mit jeweils 40 Metern in die Tiefe. Ein hässlicher Panoramaaufzug bringt die Besucher vom oberen Ende des Hauptwasserfalls bis zu dessen Fuss. Wir verzichten darauf und steigen die steilen Stufen hinunter. Entlang des Pfades durch die dichte grüne Vegetation ergeben sich immer wieder faszinierende Ausblicke auf das donnernde Wasser.

Ciudad del Este ist eines der wichtigsten Handelszentren des Landes. Die Möglichkeit des zollfreien Einkaufs für Ausländer sorgt in den Strassen der hässlichen Stadt ab den frühen Morgenstunden für einen unaufhörlichen Menschenstrom. Tausende von Dollar wechseln täglich bei Käufen, Verkäufen, Geldwechsel und anderen Transaktionen den Besitzer. Vom kleinsten Geschäft bis zum größten Einkaufszentrum profitiert jeder von diesem unerschöpflichen Handel. Dank der kurzen Verbindung über die Freundschaftsbrücke nutzen vor allem Brasilianer die Gelegenheit. So ist es nicht verwunderlich, dass in den Geschäften mehr portugiesisch als spanisch gesprochen wird.

Natürlich stürzen auch wir uns ins Shoppingmekka. Wider Erwarten sind am Sonntag einige Geschäfte geschlossen und der Andrang ist etwas geringer. Doch die grossen Malls sind geöffnet und wir ergattern ein günstiges Paar Markenschuhe für Erika. Neben viel Elektronik, Parfum und alkoholischen Getränken ist auch Schweizer Schokolade gross in den Auslagen. Bei „Discountpreisen“ von über 22 US$ für eine 300 g Tafel Milchschokolade vergeht uns aber die Lust nach Süssem.

Eigentlich führt der Weg zurück nach Argentinien über Brasilen, doch wir haben eine kleine Fähre gefunden, die von Paraguay über den Rio Paraná und den Rio Iguazú direkt nach Argentinien übersetzt. So sparen wir uns einen Grenzübertritt. Das Abmelden in Paraguay geht flott vor sich. Der freundliche Beamte hat sogar Zeit für einen kleinen Schwatz.
Der Zeitplan passt, die Fähre hat gerade eben angelegt und entlädt seine Fracht. Anstatt gleich wieder aufzuladen, fährt nur ein Abschleppdienst auf die Fähre und die Besatzung versucht fleissig, irgendetwas zu bewerkstelligen. Wir fragen uns, was sie tun. Nach geraumer Zeit schwenkt der Abschleppwagen seinen Kran in das Schleppschiff, hebt den Schiffsmotor hinaus und verlädt in auf einen Pickup. Warten wir jetzt auf den neuen Motor? Aber alles kommt gut, es scheint nicht der Hauptantrieb gewesen zu sein. Wir können auffahren und bald schon legen wir in Porto Iguazú an. Die Zollformalitäten sind auch hier nur Formsache und schnell erledigt. Bienvenidos Argentina zum vierten.

ARGENTINIEN

Wenige hundert Meter nach dem Zoll parken wir am „Hito Tres Fronteras“. Der Aussichtspunkt markiert den Zusammenfluss der Flüsse Iguazú und Paraná und bietet einen Panoramablick, bei dem man gleichzeitig die Länder Argentinien, Brasilien und Paraguay sehen kann. Unten ist auch die Fähre, die uns über die Wasser gebracht hat.

Die Iguazú-Wasserfälle, eines der 7 Naturwunder der Welt, bestehen aus 275 Wasserfällen. Sie liegen an der Grenze zwischen Argentinien – wo sich 80 % der Wasserfälle befinden – und Brasilien. Für uns unbestritten einer der Höhepunkte unserer Reise. Ein kleiner Zug fährt uns erst mitten in den Atlantischen Urwald. Danach führen Stege über verschiedene Nebenläufe des Rio Iguazú und kleine Inseln mit Bäumen, wo Nasenbären uns begrüßen. Der letzte Steg bringt uns bis wenige Meter an den imposantesten und wasserreichsten Wasserfall heran, den Garganta del Diablo, den Teufelsschlund. Ob der Kante sammelt sich das Wasser träge auf einer grossen Fläche um danach donnernd in die Tiefe zu stürzen. Unheimlich, diese Wassermassen! Der Blick schweift Richtung zur brasilianischen Seite, wo viele kleinere Wasserfälle über die Kante stürzen.

Auf halbem Weg zurück biegen wir auf den oberen Rundweg ab, der durch dichten Dschungel führt. Dazwischen bieten sich wunderschöne Panoramablicke von oben auf die Wasserkanten der Fälle. Auf Aussichtplattformen blicken wir wieder auf viel Wasser hinunter. Der unter Rundweg führt über Stege, die uns bis zum Fuß der Wasserfälle führt, sodass wir die Kraft des schäumenden Wassers und den Dampf von unten spüren können. Rauchsegler fliegen in der Gischt und hinter dem fallenden Wasser.
Voller Glücksgefühle laufen wir im Zickzack zurück zum Ausgang. Affen hangeln sich über uns in den Bäumen. Schmetterlinge fliegen in den Blumen der Büsche. Was für ein Tag! Was für ein wunderbares Schauspiel uns die Natur hier bietet!

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Uruguay II
01.04.2026 – 29.04.2026

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