Brasilien I


28. Mai bis 30. Juni 2026

Das Wort «Iguazú» stammt aus der indigenen Guarani-Sprache und bedeutet «großes Wasser», wobei «y» für Wasser und «guazu» für groß steht. Wir haben noch lange nicht genug von diesem Großen Wasser, lassen Rocky auf der argentinischen Seite stehen und lassen uns mit einem Taxi auf die brasilianische Seite der Iguaçu Fälle fahren. Vom Besucherzentrum aus werden die Gäste mit Bussen zu den Wasserfällen gefahren. An der vorletzten Haltestelle steigen wir aus, denn hier beginnt der etwa anderthalb Kilometer lange Cataratas-Pfad. Dieser eröffnet weite Panoramablicke auf die argentinischen Fälle, die wir gestern aus der Nähe betrachtet haben. Aus allen möglichen Rinnen schiesst Wasser über die Klippe um in tiefere Becken oder den Fluss zu stürzen.

Der Höhepunkt des Weges ist der Blick in den Garganta del Diablo, der Teufelsschlund, am Ende des Weges. Die Aussichtsplattform befindet sich hier unterhalb der Kante des Falls und erlaubt so eine einzigartige Sicht in die tosenden Wassermassen. Obwohl man auf dem Besuchersteg nass wird, herrscht ein grosses Gedränge. Jeder will den besten Platz für seine Selfie-Fotos, auf denen dann vielleicht neben ihm auch etwas vom Wasserfall zu sehen ist. Aber auch aus etwas Entfernung sieht man die donnernden Wasser, die hochsteigenden Nebelwolken und den Regenbogen, der seine farbige Brücke über die schäumende Gischt schlägt.

Gleich neben dem Eingang zu den Wasserfällen bezaubert uns die grosse Artenvielfalt der Bewohner des Parque des Aves. Die gut angelegten Wanderwege ermöglichen ein Eintauchen in den üppigen Atlantischen Regenwald, die Heimat tropischer Vögel wie Aras, Tukane und Flamingos. Die Besucher können die großzügigen Volieren betreten, und dort die gefiederten Freunde ohne störende Gitter beobachten. Schön gemacht und gut gedacht. Aber die Tiere bleiben trotzdem eingesperrt, ihr Lebensraum begrenzt. Vögel müssen frei fliegen können. Wir treffen sie lieber in der freien Natur.

Während die Wasser des Rio Iguaçú über die Felsenklippen fallen, werden nur wenige Kilometer weiter diejenigen des Rio Paraguay von einer gigantischen Staumauer zurückgehalten. Der 1984 in Betrieb genommene Itaipu-Staudamm an der Grenze zwischen Brasilien und Paraguay gilt als weltweit führendes Kraftwerk für saubere und erneuerbare Energien. Obwohl dieses binationale Projekt im Vergleich zu anderen Wasserkraftwerken nicht die größte installierte Leistung aufweist, produziert es weltweit die höchste Energiemenge. Eine Tour bringt uns ins Innere der Staumauer und des Kraftwerksgebäudes, wo wir die Druckrohrleitungen (die „weißen Rohre“), die Betonkathedralen, die zentrale Leitwarte, die Generatorgalerie und den Turbinenschacht aus nächster Nähe betrachten können.

Das monumentale Bauwerk kann mit viele Superlativen glänzen:

  • Jede der 20 Francis Turbinen hat ein Gewicht von 3’360 Tonnen, wobei das schwerste unteilbare Teil, der Rotor, 266 Tonnen wiegt (72 Rocky’s).
  • Die für den Bau des Staudamms verwendete Betonmenge würde ausreichen, um 210 Maracanã-Fussballstadien zu errichten, während aus dem verwendeten Eisen und Stahl 380 Eiffeltürme gebaut werden könnten.
  • Der durch den Itaipu-Stausee entstandene See hat eine Fläche von 1’350 km² und ist damit nur wenig kleiner als der Schweizer Kanton Aargau.
  • In der Hochphase der Bauarbeiten waren 40’000 Arbeiter am Bau des Kraftwerks beteiligt.
  • Am 14. November 1978 stellte Itaipu beim Betonieren des Staudamms einen südamerikanischen Rekord auf: 7’207 Kubikmeter Beton wurden auf die Baustelle gegossen. Das entspricht einem zehnstöckigen Gebäude pro Stunde oder 24 Gebäuden an einem einzigen Tag.

Zu blöd. Beim Aufbereiten des Mai Blogs lässt sich unser Notebook plötzlich nicht mehr richtig öffnen. Gerade jetzt, wo wir doch eben in Cuidad del Este waren, wo es taxfrei einen Ersatz gegeben hätte. Kurzentschlossen leiten wir unseren Taxifahrer über die nahe Freundschaftsbrücke nach Paraguay um. Dort gibt es im Shopping China ein Neues. Die Rückfahrt über Brasilien nach Argentinien verbringen wir dann in rekordverdächtigem Stau, der jedoch Alltag sein soll. Bei so vielen Bestmarken gibt es auch noch eine für uns. Inklusive der Grenzüberschreitung im Kraftwerk haben wir heute 6mal das Land gewechselt.

Nun darf auch Rocky mit uns nach Brasilen. Ein kurzer Stau vor der argentinischen Migration, ein in Gemeinschaftsarbeit mit dem Beamten ausgefülltes Formular am brasilianischen Zoll, ein Stempel und eine Unterschrift der Chefin und schon sind wir offiziell in Brasilien eingereist. Einmal mehr wollte niemand unseren leeren Kühlschrank sehen.

Brasilien empfängt uns mit gut ausgebauten Strassen, die den herrschenden Verkehr gut aufnehmen können. Die Fahrweise der brasilianischen Automobilisten ist bei weitem nicht so schlimm, wie uns von vielen Overlandern vorausgesagt wurde. Einzig die Strassenführung überrascht. Durch die sehr hügelige Gegend führt die Strasse beinahe schnurgerade durch riesige Felder. Auf und nieder. Gute 100 Höhenmeter hinunter, um gleich im Anschluss wieder hochzufahren. Gut, dass die Strasse vierspurig ist, denn die schweren Lastwagen kommen da ganz arg ins Schnaufen.
Viele Felder sind frisch angesät, saftig grün. Oder aber braun mit dürren Pflanzen voller Hülsen, bereit zum Ernten. Was wird hier angebaut? Sind das die Bohnen für die Feijoada, ein Bohnengericht welches hier täglich gegessen wird? Nein, es ist Soja. Entsprechend gibt es auch hier wieder grosse Landmaschinen und riesige Siloanlagen zu bestaunen. Noch etwas fällt uns auf: Viele Lastwagen haben Schweine, Hühner und Truthähne geladen.

Es wird dann doch noch etwas kurviger, als wir auf die schmale Strasse nach Ametista do Sul abbiegen. Die selbsternannte Welthauptstadt des Amethysts liegt auf einer Kuppe, die wie ein Maulwurfhügel durchlöchert ist. Nicht weniger als 145 Minentunnels wurden bereits gegraben auf der Suche nach den violetten Steinen.
Im Ametista Park werden wir mit einem speziellen Fahrzeug in eine dieser Tunnel gekarrt. Nach einer kurzen Erklärung, wie die Edelsteine (in den Geoden) gefunden und abgebaut werden, geht es in rasender Fahrt weiter, nur ein paar Handbreit von der Tunnelwand entfernt. Wenden am hinteren Tunnelende und zurück geht’s, zwischendurch auch mal ohne Licht. Nach ein paar Minuten ist der Höllenspuck vorbei. Amethysten haben wir keine gesehen.

Die sehen wir anschliessend im stilvoll eingerichteten Restaurant, das natürlich auch in einer ehemaligen Mine untergebracht ist. Es ist nicht Essenszeit und so gehen wir gleich weiter ins Museum. Neben den prächtigsten lokalen Amethysten gibt es in den Vitrinen über 2’000 nationale und internationale Exemplare seltener Edelsteine ​​zu bewundern.

Der Weg zurück ins Stadtzentrum ist steinig, zumindest was die Auslagen in jedem zweiten Haus anbelangt. Aber der Ort ist auch sonst ganz auf den wichtigsten Wirtschaftszweig der Region eingestellt. Natürlich sind die Blumenrabatten in violett Tönen angepflanzt. Selbstverständlich hängen Strassenlampen in Form von Amethysten an den Kandelabern und glitzern violett in die Nacht. Eher aussergewöhnlich ist die Esoterische Pyramide auf dem Marktplatz, ein Meditationsort, dem energetische Kraft nachgesagt wird. Der «Pool» im Innern erlaubt ein Fussbad in Amethysten.

Dass aber sogar auf dem Kirchturm ein violett leuchtender «Amethyst « prangt, scheint doch etwas übertrieben. Die 70 Meter hohe Turm steht in einem Gebiet, in dem unterhalb kein Amethyst abgebaut wurde. Alle anderen Gebäude in der Stadt dürfen nur maximal 5 Stockwerke hoch gebaut werden. Vielleicht der Höhepunkt am Amethysten Kult in der Stadt, bildet die Pfarrkirche São Gabriel. Die Innenwände dieser Kirche sind mit über 40 Tonnen Amethyststein verkleidet – einfach wunderschön! Dies wurde durch Steinspenden ermöglicht. In natura ist es noch viel beeindruckender, denn die Fotos geben die Brillanz dieser Wände nicht wieder.

Wir fahren bei Teutonia und Westfalen vorbei. Auch hier im Süden von Brasilien gibt es Orte, die stark von Einwanderung geprägt sind. Grosse Figuren in Lederhosen und Dirndl zieren die Dorfeinfahrten. Falscher Schnee liegt auf den Hausdächern. Immer mehr Gebäude weisen Riegelwerk und Türmchen auf. Eine Häuserzeile könnte auch in Holland stehen, inklusive der Windmühlen. In Nova Petropolis ist Triccotfest. Wir kaufen an einem Stand etwas Wurst und Käse, während die Marktfrau uns deutsch antwortet. «Muss ma ja», meint sie.

In Gramado tauchen dann Chalets mit Walliserwappen auf. Viele Restaurants werben auf grossen Tafeln für ihr Fondue. Das Stadtzentrum läuft über von brasilianischen Touristen, die das verlängerte Wochenende für einen Ausflug nutzen. Einige Häuser hier weisen zwar europäische Elemente auf, sind aber zu gross und zu kitschig, um auch nur annähernd den Charme der Alpen zu verbreiten. Was es jedoch gibt, ist Schokolade. Wie im argentinischen Bariloche bietet jeder zweite Laden verführerisch seine exklusiven Naschwerke an. Die Preise sind jedoch auch hier so unverschämt, dass wir es beim Degustieren belassen.

Verführen lassen wir uns zu einem Fondue im Belle du Valais, dem besten Schweizer Restaurant in Brasilien. (So zumindest steht es oben auf der Speisekarte). Nach einer cremigen Kürbissuppe und Brot mit verschiedenen Aufstrichen, wird uns die Vorspeise serviert: Käsefondue mit Brot, Gschwellti, Broccoli, sauren Gurken, Silberzwiebeln und süsse Guavewürfel im Blätterteig. Alles zum Schwenken im Käse. Zur Hauptspeise gibt es ein Fleisch Fondue. Das Belle du Valais ist stolz darauf, „La Pierrade“ 1990 kreiert zu haben. Wir würden dazu einfach sagen «Heisser Stein». Es wird eine grosse Platte mit vier Sorten Fleisch serviert. Rind, Kalb, Lamm und Huhn. Unsere Mägen sind schon voll, als das Dessert aufgetragen wird. Aller guten Dinge sind drei und so gibt es natürlich ein Schokolade Fondue. Erdbeeren, Äpfel, Melonen, Papaya, Trauben, Bananen, Ananas und Orangen gibt es zum Trunken in der flüssigen Schokolade. Dazu Pecannüsse, geröstete Mandeln, getrocknete Aprikosen, Waffeln, Windbeutel, Churros. Was will man mehr? Die kleinen süssen Stückchen zum Kaffee lassen wir dann lieber stehen. Wer hat diese Menü wohl erfunden und wer kann so eine Menge genüsslich verzehren? Wir kugeln nach Hause und direkt ins Bett. Hauptsache der Bauch kann sich strecken.

Alles begann, als Vater und Großvater ihren Kindern eine Freude machen wollten. Für das Mädchen bauten sie ein Puppenhaus, für den Jungen eine Burganlage mit Spielzeugeisenbahn. Die Miniaturen wurden im Garten des Hauses aufgestellt und erregten bald die Aufmerksamkeit der Passanten. Nach und nach wuchs die kleine Fantasiewelt und Mini Mundo entstand, eine der beliebtesten Attraktionen in Gramado. Im Park sind verschiedene Alltagsszenen und touristische Orte im Maßstab 1:24 nachgebildet, vorwiegend europäische und brasilianische. Wir treffen unerwartet auf detailgetreue Nachbildungen aus der Schweiz: der Kirche von Wassen, dem Restaurant Treib am Vierwaldstättersee und dem Berghaus Belvedere am Furkapass. Eine neue Komposition der Rhätischen Bahn fährt sogar über das Kehrviadukt von Brusio am Berninapass. Was uns aber mindestens so interessiert sind die Modelle aus Curitiba, Rio de Janeiro und Salvador. Die Originale dieser grossartigen Gebäude möchten wir noch besuchen.

Das ewige Auf und Ab der Strassen hat uns fast unbemerkt auf eine Höhe von 900 m über Meer gebracht. Das wird uns so richtig bewusst, als wir am Aussichtspunkt Serra Gaúcha tief unter uns das Dorf sehen, in das uns die Rota do Sol bringen wird. Wir machen erst einmal Rast und geniessen die Aussicht. 750 Höhenmeter auf kurvigen 10 km gilt es dann morgen zu bewältigen, inklusive zweier Kehrtunnel. Da gilt es schön Bremsen zu schonen, damit die bis unten nicht zu heiss werden.

Zurück am Meer wird uns gleich ein besonderes Schauspiel geboten. In Laguna Santa Catarina werden wir Zeuge einer besonderen Partnerschaft zwischen Mensch und Tier. Delfine treiben Fischschwärme durch den Kanal in die Lagune Santo Antonio. Fischer stehen bis zur Hüfte im Wasser und warten mit ihren Netzen. Sobald sich der Fischschwarm in Reichweite befindet, taucht der Delfin ab und macht eine ruckartige Bewegung an der Oberfläche. Das ist das Signal für die Fischer ihre Schleppnetze auszuwerfen. Fische, welche vor den Delfinen fliehen, landen dann in den Netzen der Fischer. Fische, die desorientiert den Netzen ausweichen, werden von den Delfinen wiederum eingefangen. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit bei der Jagd. Es gibt aber auch Berichte, dass Delfine die Enden der Netze anheben und so Fische daraus stehlen, oder sie einfach freilassen.
Von den 50 bis 60 Delfinen, die in der Region leben, nehmen etwa 20 aktiv am Fischfang mit den Menschen teil. Die Fischergemeinde hat Ihnen sogar Namen gegeben. Und wenn einer von ihnen stirbt, wird er auf dem Delfin-Friedhof beigesetzt.
Wenn die Botos Pescando, wie sie genannt werden, nicht gerade am Fischen sind, tummeln sie sich in der offenen Bucht. Beim morgendlichen Spaziergang zum Leuchtturm lassen Sie sich gut beobachten. Viele Fischer versuchen auf der langen Mole ihr Glück mit der Angel, ohne tierische Unterstützung.

Ob all der tierischen und menschlichen Fischer kommen wir spät weg und machen vor Florianópolis noch eine Zwischenstopp in Ponta do Papagaio an der halbmondförmigen Pinheira Beach. So richtiges Strandfeeling mag aber nicht aufkommen, trotz weitem, weissen, menschenleerem Sandstrand. Die Sonne versteckt sich hinter dicken Wolken, es ist windig und kalt.

Was wir schon lange gehofft haben, erfüllt sich. Erfreut treffen wir Danny und Gunther wieder, bereits zum vierten Mal auf unserer Reise durch Südamerika. Während die beiden nach Süden fahren, folgen wir fast ihren Spuren nach Norden. So gibt es viel zu berichten und viele Erfahrungen auszutauschen.
Wir verabreden uns in Pântano do Sul, einem kleinen Fischerdorf auf der Insel Santa Catarina, wo es vor der Bar do Arante, der Bar der 1’000 Notizen, erst mal einen Caipirinha gibt. Ein kurzer Spaziergang am Strand bringt Erstaunliches. Da schwimmt doch tatsächlich ein Magellan-Pinguin in den Wellen. Was hat der so weit nördlich zu suchen? Google klärt auf: Jedes Jahr verlassen Tausende von Pinguinen die Brutkolonien in Argentinien und Chile und schwimmen Tausende von Kilometer in Richtung der brasilianischen Nordküste. Sie folgen den Meeresströmungen auf der Suche nach wärmeren Gewässern und Fischschwärmen. Ach so. Schön dich zu sehen, kleiner Pinguin.
Der gemütliche Abend vor der Bar wird lang, spannend, informativ. Immer wieder gibt es was zu lachen. Das Essen ist gut und reichlich, die Caipis auch. Einmal mehr geniessen wir die Zeit mit den fröhlichen DAGUs.

Am Morgen unternehmen wir eine lange Wanderung dem Strand entlang. Leider wird die Stimmung bald getrübt. Umgeben von Geiern liegt ein Pinguin tot im Sand. Ob das unserer von gestern Abend ist? Bald darauf sehen wir jedoch wieder einen schwimmen, und dann noch weitere, die in den Wellen surfen. Leider sind auch noch mehr tote da. Auch dafür gibt uns Google Aufschluss: Die meisten der angespülten Pinguine sind junge, unerfahrene Jungtiere. Sie verirren sich oft, haben während ihrer Reise Schwierigkeiten genügend Nahrung zu finden, und kommen stark unterernährt, mit Unterzuckerung oder völlig erschöpft an. Geschwächte Vögel ertrinken oft oder werden von den Wellen umhergeworfen und an die Strände gespült. Uns tun sie leid, die Kleinen.
Nichts desto trotz verbringen wie noch einmal einen wunderschönen Tag zusammen, der mit ein paar Gläsern Wein ein behagliches Ende nimmt. Es wird das letzte Mal in Südamerika gewesen sein, dass wir so gemütlich zusammensitzen durften. Denn für die beiden Deutschen geht ihr einjähriges Reiseabenteuer schon bald zu Ende. Etwas wehmütig nehmen wir Abschied. Wir werden uns wiedersehen, versprochen.

Vorbei an den Appartement-Wolkenkratzern der Badeorte Itapema, Balneário Camboriú führt uns die Autobahn in Richtung Curitiba – São Paulo. Es herrscht starker Verkehr auf der vierspurigen Piste, vor allem LKW’s. Viele davon sind sogenannte Rodotrem, bestehend aus einer Zugmaschine, einem vorderen Sattelauflieger, einem Dolly und einem hinteren Sattelauflieger. Sie erreichen eine Länge von bis zu 30 Metern und können bis zu 74 Tonnen transportieren. Der Strassenbelag leidet entsprechend ob der schweren Fahrzeuge. Will man nicht von den Ungetümen eingeklemmt werden, gilt es im Fluss zu bleiben. Das ist nicht einfach, stehen einige doch in den Steigungen fast still, um dann bergab die verlorene Zeit wieder einzuholen. Da kann sie auch eine Kurve nicht aufhalten, was ab und zu mal schief geht. Die Fahrt ist anstrengend und so sind wir froh, als wir in Curitiba ankommen.

In der Miniaturwelt in Gramado haben wir es als Modell gesehen, das Glashaus im Botanischen Garten von Curitiba. Jetzt stehen wir vor der Hauptattraktion und den bekannteste Postkartenmotiv der Stadt. Im gläsernen Gewächshaus, das dem Crystal Palace in London nachempfunden ist, gibt es typische Tropenpflanzen zu bewundern. Der Außengarten präsentiert sich im französischen Stil mit kunstvollen Gestaltungen und Wegen zwischen prächtigen Blumenbeeten sowie einem Brunnen, der zu großartigen Fotos einlädt.

Aber Curitiba hat noch viele andere Sehenswürdigkeiten zu bieten. Erst aber lassen wir uns von Uber zur der Old Bakery Padaria Artesanal fahren. Hier verkauft Marco – mit italienischen Wurzeln – feines Sauerteigbrot nach deutschen Rezept, hergestellt von seinen taiwanesischen Gehilfen. Noch nicht genug damit, entdecken wir in seiner Auslage verführerische portugiesische Natas. Zusammen mit einem brasilianischen Kaffee geniessen wir gleich mal die ersten und lassen uns weitere einpacken.
Eher zufällig bemerken wir, dass sich die Bäckerei in einem ikonischen Wohngebäude befindet. Das Edifício Casario wurde vom renommierten Architekten und ehemaligen Bürgermeister von Curitiba, Jaime Lerner, entworfen und 1979 eingeweiht. Es ist für seine «aufgehängten Häuser» bekannt, ein Konzept, bei dem einzelne Wohneinheiten wie gestapelte Chalets aus der Fassade ragen. Aufgrund seiner einzigartigen Struktur wird es oft als «Pombal» (Taubenschlag) bezeichnet.

Von Jaime Lerner Haus zum Jaime Lerner Park, wo mitten im grünen Wald die Ópera de Arame steht. Das Draht-Opernhaus, ein Konzert- und Veranstaltungsort, wurde vollständig aus Stahlrohr und Glas erbaut. Die einzigartige Architektur macht es zu einem der schönsten Gebäude in Curitiba. Das Gebäude dient als großes Theater und Veranstaltungsort. Als Laienschauspieler lässt es sich Marcel nicht nehmen, die grosse Bühne zu testen und ist begeistert.

Die ungewöhnliche Form des Oscar-Niemeyer-Museums hat ihm unter Einheimischen den Spitznamen „Augenmuseum“ eingebracht. Entworfen vom Architekten und Künstler, der dem Museum seinen Namen gab, ist es der bedeutendste Kunstraum in Curitiba. Zur Zeit werden alle Wechselausstellungen gerade ausgetauscht. Für uns Museumsmuffel ist das nicht weiter schlimm. Wir interessieren uns sowieso mehr für das Gebäude und die Architektur-Modelle von Niemeyer.

Das historisches Zentrum bewahrt Spuren vergangener Jahrhunderte, als Curitiba noch das kleine Dorf Nossa Senhora da Luz dos Pinhais war. Die Altstadt verströmt eine idyllische und gemütliche Atmosphäre. Ein Spaziergang durch die Kopfsteinpflastergassen führt uns vorbei an einigen schön farbig renovierten Kirchen und Kolonialbauten, wie den Palácio Giuseppe Garibaldi, einen Ort, an dem sich früher italienische Einwanderer trafen.
Nach einen Caipirinha lassen wir uns noch etwas durch die Fußgängerzone gleiten. Obwohl noch nicht einmal sechs Uhr ist, hat die Sonne sich bereits verabschiedet. Hier auf der Südhalbkugel nähern wir uns dem kürzesten Tag im Jahr. Es dunkelt schon, als wir den kleinen Markt auf der Praça General Osório betreten, auf dem Süßigkeiten und kleine Handarbeiten angeboten werden. Es kommt fast ein wenig Adventsstimmung auf. Rund um den Brunnen in der Mitte locken Imbissbuden mit Köstlichkeiten aller Art. An einem Stand gibt es sogar Batata Suiça, eine brasilianische Variante der Schweizer Rösti, gefüllt und knusprig gebraten. Unsere war mit Hähnchenfleisch gefüllt und hat uns gut gemundet.

Im Atlas Obscura sind wir auf das Resort Trilha dos Tucanos tief im Atlantischen Regenwald aufmerksam geworden. Für Vogelbeobachter soll dies ein Paradies sein!
Doch so einfach lässt sich das Paradies nicht erreichen. Kurz vor dem Ziel kommt uns auf dem schmalen Zufahrtsweg ein Auto entgegen. Marcel fährt ganz an den Rand, wo das rechte Hinterrad prompt über den Wegrand in den Match rutscht. Wir stecken fest. Glück im Unglück, der Besitzer ist schnell mit seinem Pickup Truck zu Stelle und zieht uns wieder raus. Danke allen Beteiligten.

Wir sind zur richtigen Jahreszeit in der Tukanlodge. Jetzt im südamerikanischen Winter finden die Vögel nicht sehr viel Futter in der Natur und begeben sich gerne zu den Futterstellen. Dort sind wir schnell umgeben von einer unglaublichen Vielfalt an Vögeln und haben unzählige Möglichkeiten, grossartige Fotos zu machen. Bereits am ersten Nachmittag sehen wir die auffallend schönen Dreifarbentangare in ihren leuchtend aquamarin und limettengrünen Farben. Auf die haben wir uns schon im Vorfeld gefreut.
Am frühen Morgen begeben wir uns zur Nachtfalter-Lichtinstallation. Angelockt durch das Licht kommen die Falter. Insektenfressende Vögel wie die Baumsteiger oder Fliegenschnäpper holen sich ihre Leckerbissen.

An den Futterstellen werden Bananen und Sonnenblumenkerne ausgelegt. Umgehend beginnt das grosse Flattern. Die Vögel sind allgegenwärtig, zahlreich und nähern sich furchtlos, sodass wir innehalten und die bemerkenswerte Vielfalt an Farben und Formen bewundern müssen. Meist sind verschiedene Tangare da, grüne, blaue, gelbe, schwarze. Zwischendurch dann fällt lautstark ein grosser Schwarm grüner Sittiche ein. Über 130 Vogelarten wurden hier bereits identifiziert. Die territorialen Kolibris streiten sich um ihre Feeder, die auch gerne mal von einem Zuckervogel besucht werden. Er hat den Bogen raus, wie er mit seinem kurzen Schnabel an die begehrte süsse Flüssigkeit gelangt.

Und dann kommt eine Gruppe Goldarassari, auf die alle gewartet haben. Die ockergelben Tukane mit ihrem langen, zweifarbigen Schnabel: halb rot und halb grünlich gelb, machen sich über die Bananen her. Die Fotoapparate der Vollblut-Vogelspotter mit den grossen Objektiven klicken im Dauerlauf.
Am zweiten Morgen fliegen dann auch die grossen Bunttukane ein. Anscheinend war es ihnen gestern zu windig. Erst sehen wir sie nur in der Ferne und hören ihr Quaken. Dann kommen auch sie nahe zu uns und wir können ihre ganze Pracht aus nächster Nähe geniessen.
Wir bleiben einfach sitzen und lassen uns von den Farben und Klängen verzaubern. Im Herzen des geschützten Atlantischen Regenwaldes haben die Vögel keine Angst vor den Menschen. Immer mal wieder zeigt sich ein Vogel, den wir noch nicht gesehen haben. Was für ein Privileg, die Natur in ihrer vollen Schönheit geniessen zu dürfen.

Wir fahren in weitem Bogen um die Millionenstadt São Paulo herum. Bis Santos wird der Verkehr noch einmal heftig, doch nach der Entspannung der letzten beiden Tage nehmen wir es gelassen. Nachdem wir die emsige Hafenstadt verlassen, wird es ruhig. Die Küstenstrasse nach Rio de Janeiro ist sehr malerisch. Kleine Dörfer und Ferienanlagen schmiegen sich an goldgelbe Strände, eingerahmt von hohen, grünen Hügeln. Dazwischen führt die Strasse steil und sehr kurvig 200 Meter in die Höhe, um gleich darauf in Serpentinen wieder abzufallen. Leider hält der Wettergott nicht mit. Eigentlich sollte es in dieser Jahreszeit trocken und sonnig sein, stattdessen hängen die Wolken tief und lassen die vorgelagerten, üppig grünen Inseln im Nebel verschwinden. Trotz dem regnerischen Grau können wir uns das Ferienparadies der Paulistas und Cariocas gut vorstellen.

Schon unser erster Blick auf die Altstadt von Paraty fasziniert. Die Kirche Santa Rita, dem Meer zugewandt und von traditionellen Booten umrahmt, daneben die weiss getünkten Kolonialvillen mit ihren farbenprächtigen Fenster und Türen und das alles vor dem Hintergrund des satten Grün des Regenwaldes. Ein Spaziergang durch die holprigen Kopfsteinpflastergassen ist wie eine Reise in die Vergangenheit.
Die gut erhaltenen Gebäude von Paraty stammen aus der Kolonialzeit, der Zeit des Zuckerrohr- und Goldrausches. Der kleine Hafen der Stadt empfing Goldlieferungen, die über die Estrada Real aus Minas Gerais herbeigeschafft wurden. Nach dem Bau der neuen Goldstraße direkt nach Rio de Janeiro verfiel Paraty in einen Dornröschen Schlaf, und wurde erst in den 1950er Jahren vom Tourismus wiederentdeckt. Heute beherbergen die historischen Häuser Pensionen, Museen, Restaurants und Kunsthandwerksläden.

Bei Flut bietet Paraty ein einzigartiges Erlebnis. Wo wir gerade noch gestanden haben, steht plötzlich Wasser in der Gasse und das ist so gewollt. Das im 17. Jahrhundert erbaute historische Zentrum wurde so konzipiert, dass das Gezeitenwasser durch die Straßen fließt und so die Entwässerung und natürliche Reinigung ermöglicht. Anders als man vielleicht vermuten würde, verursachen die Überschwemmungen keine nennenswerten Schäden, da die Infrastruktur der Stadt darauf ausgelegt ist, damit umzugehen. Für uns Touristen ergibt sich eine einzigartige Kulisse, wenn sich die Kolonialbauten und der Himmel im Wasser widerspiegeln.

Rio de Janeiro, die international bekannteste Stadt Brasiliens, ist berühmt für ihre lebensfrohen Einwohner, die Sonne, Strand, Fußball und Samba lieben. Doch Rio ist weit mehr als das: Die Stadt blickt auf eine lange Geschichte zurück. Als Sitz der Kolonie, Zufluchtsort des portugiesischen Hofes und später Hauptstadt Brasiliens gibt es hier viel zu entdecken. Wir beziehen den Campingplatz bei Fritz in der südlichen Peripherie und erkunden von hier aus die Metropole.
Ein Uber bringt uns ins Zentrum. Im Lapa Quartier steigen wir erst einmal schnaufend die Escadaria Selarón hoch. Mit ihren 215 farbenfrohen Stufen ist die Treppe weit mehr als nur ein Weg zum Auf- und Abstieg. Die Geschichte beginnt in den 1990er-Jahren, als Jorge Selarón mit der Renovierung der Treppe vor seinem Haus begann. Mit einem Eimer Zement, seinem eigenen Geld und bunten Fliesen startete der Chilene das Projekt, um dem heruntergekommenen Bereich neues Leben einzuhauchen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die einfache Renovierung zu einem lebendigen und fortlaufenden Kunstprojekt, da immer mehr Menschen Fliesen spendeten.

Wäre da nicht die alte, gelbe Strassenbahn, die über die Arcos in Lapa schaukelt, würde man hinter den alten Kolonialbögen einen Aquädukt vermuten. Tatsächlich diente das leuchtend weisse Bauwerk einst als Aquädukt und versorgte die Stadt mit Wasser aus dem Carioca. Vor dem Bau des Aquädukts mussten versklavte Menschen weite Strecken zur Mündung des Carioca zurücklegen, um Wasser zu holen. Ab 1896 dienten die Bögen als Viadukt für die neuen Straßenbahnen der Companhia de Carris Urbanos, dem wichtigsten Verkehrsmittel vom Stadtzentrum in die höher gelegenen Viertel Santa Teresa. Die Straßenbahnen waren damals das modernste verfügbare städtische Verkehrsmittel.

Unweit der Lapa-Bögen befindet sich die Metropolitankathedrale von Rio de Janeiro. Die Kathedrale, die sich durch ihren modernen Stil auszeichnet, wurde 1979 eingeweiht. Das Erzbistum São Sebastião do Rio de Janeiro besaß in den 303 Jahren davor nie ein eigenes Hauptgebäude und nutzte stets „geliehene“ Kirchen. Die moderne, kegelförmige Kathedrale spiegelt sich in den Glasfassaden der umliegenden Bürogebäude. Im Innern wird der Kegel von vier Buntglasfenstern in verschiedenen Farben durchschnitten, die den Himmelsrichtungen entsprechend angeordnet sind und die charakteristischen Merkmale der katholischen Kirche repräsentieren.

Stadtwandern gibt Durst und Hunger. Gut, dass wir gerade bei der Confeitaria Colombo vorbeikommen. Hier scheint die Zeit seit über 132 Jahren stehen geblieben zu sein. Das berühmteste und geschichtsträchtigste Kaffeehaus in Rio besticht durch seine Architektur im Stil der Belle Époque, mit belgischen Spiegeln und einem farbenfrohen Oberlicht. Der richtige Blickwinkel gibt das Gefühl eines unendlich langen Raums. Wir setzen uns an eines der charmanten kleinen Tischen aus dem frühen 20. Jahrhundert und geniessen einen Kaffee mit …. Natas.

Energiegeladen gehen wir weiter durch die Hochhausschlucht der Avenida Rio Branco zum Theatro Municipal do Rio de Janeiro. Das Projekt, das den Bau des Stadttheaters initiierte, entstand aus der Verschmelzung der architektonischen Entwürfe von Francisco de Oliveira Passos und dem Franzosen Albert Guilbert, die sich im Wettbewerb um den Entwurf des neuen Theaters ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten. Der Entwurf war von der Pariser Oper inspiriert. Bei der letzten Renovierung wurden wichtige Bereiche des Theaters  restauriert, allen voran der imposante, 350 kg schwere Adler, der das Dach des Gebäudes ziert und mit 8’000 Blättern 23-karätigem Gold vergoldet wurde. Wer das Geld und das Gold hat!
In der unmittelbaren Umgebung stehen drei weitere altehrwürdige Gebäude. Das Stadthaus Câmara Municipal do Rio de Janeiro, Museu Nacional de Belas Artes und die Nationalbibliothek. Es ist viel Militärpolizei vor Ort, da muss wohl eine wichtige Persönlichkeiten anwesend sein. So schauen wir uns die reich verzierten Häuser nur von aussen an.

Es liegt alles relativ nahe zusammen und so sind wir schnell am Palácio Tiradentes. Er ist eines der bedeutendsten historischen und politischen Gebäude Brasiliens und feiert gerade sein hundertjähriges Bestehen. Wir kommen gerade rechtzeitig zu einer Führung. Zwar ist diese in Portugiesisch, aber der Google Übersetzer hilft fleissig und so erfahren wir einiges über den Ort. Er wurde an der Stelle des ehemaligen „Carcere da Cadeia Velha“ errichtet, in dem der Nationalheld Tiradentes vor seiner Hinrichtung inhaftiert war. Es diente als Sitz der Abgeordnetenkammer und des Nationalkongresses während der Zeit, als Rio die Bundeshauptstadt war. Heute dient das Gebäude als historischer Sitz der Legislativversammlung des Bundesstaates Rio de Janeiro. Wir wissen jetzt auch die Bedeutung der Krone oben auf der grossen Kuppel: die Macht dem Volke.

Ein etwas längerer Gang führt uns vor der Ilha des Cobras vorbei, dem wichtigsten Marinestützpunkt der brasilianischen Marine. Ohne irgend welche Geheimisse entdeckt zu haben – haben wir auch nicht gesucht – erreichen wir das Museu do Amanhã. Das visionäre Museum der Zukunft zeigt keine historischen Exponate, sondern nutzt Technologie und Interaktivität. Es lädt Besucher ein, die Vergangenheit zu verstehen, aktuelle Klimaveränderungen zu analysieren und Wege für die nächsten 50 Jahre zu erkunden. Uns fasziniert die futuristische Architektur von aussen. Das Meisterwerk des spanischen Architekten Santiago Calatrava erinnert an eine gigantische weiße Bromelie, an ein futuristisches Schiff oder an ein prähistorisches Skelett.

Schon vor Beginn der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro, hatte Brasilien bereits einen Weltrekord aufgestellt. „Wir sind alle eins “, ein 3.000 Quadratmeter großes Wandgemälde an den Mauern eines alten Lagerhauses im Hafengebiet von Rio de Janeiro wurde zum größten Graffiti-Wandbild der Welt. Für das Kunstwerk wurden 3’000 Spraydosen, 700 Liter Farbfarbe und 1’800 Liter weiße Farbe für den Hintergrund verwendet. Inspiriert von der Botschaft der Einheit, die die fünf olympischen Ringe vermitteln, beschloss der Künstler Eduardo Kobra, Vertreter von fünf Stämmen zusammenzubringen – je einen von jedem Kontinent. So wurden die Huli (Ozeanien), die Mursi (Afrika), die Kayin (Asien), die Supi (Europa) und die Tapajós (Amerika) zu den Protagonisten des kolossalen Gemäldes, einem der Höhepunkte des Olympia-Boulevards. Damals in leuchtenden Farben erstellt, ist es heute ziemlich abgebleicht.  Der Gedanke dahinter wird jedoch nie verblassen.

Nach dem langen Stadtrundgang sind jedoch unsere Geister langsam am Verblassen und die Füsse schmerzen. Wir setzten uns in ein Taxi und lassen uns die 25 km nach Barra da Tijuca zurückfahren. Im Feierabendverkehr dauert das über eineinhalb Stunden.
Die U-Bahn bringt uns zur Praça Nossa Senhora da Paz in Ipanema, einem gehobenen Viertel südlich von Copacabana. Auf dem Platz ist gerade Markt ist. Die Stände sind prall gefüllt mit frischem Obst und Gemüse, wie wir es lange nicht mehr gesehen haben. Und das gerade jetzt, wo wir doch die Tage in Rio in den Restaurants essen wollen.

Einen Block weiter haben wir das Edelsteinmuseum des Juweliers Amsterdam Sauer ausgemacht. Die private Sammlung von Herrn Sauer soll ein paar aussergewöhnliche Stücke aus den Minen von Minas Gerais beinhalten. Unter anderen der weltgrößte Alexandrit mit erstaunlichen 24 Kilogramm. Doch an der Adresse angekommen gibt es weder ein Juweliergeschäft noch ein Museum, sondern nur eine grosse Baustelle. Kein Hinweis auf die schönen Steine. Schade.
So erstehen wir ein feines Brot und ein paar Natas in einer Bäckerei und gehen an den Strand. Neben Copacabana bietet Ipanema einen der schönsten Strände der Stadt. Ein Vorteil von Rio ist, dass es dort nicht so kalt wird, sodass man die Strände auch im Winter genießen kann. Und heute scheint die Sonne, was in den letzten Tagen nicht oft der Fall war. Wir schlendern etwas der Strandpromenade entlang, wo neben Kokoswasser und Caipirinha viele Strandutensilien in den Nationalfarben grün und gelb angeboten werden. Dann mieten wir uns zwei Strandstühle und einen Sonnenschirm, setzen uns mit Blick auf die Cagarras Inseln an den Stand, lassen uns einen Drink bringen und geniessen das vor uns zirkulierende Strandleben. Eine Unzahl von Strandverkäufern wollen uns Essen, Trinken und Souvenirs andrehen. Und dann sind da die schön Braunen und braun werdenden, die schön Schlanken und weniger schlanken, die sich in den für Rio typischen knappen Badekleidern präsentieren.

Heute Abend ist das zweite Spiel der Brasilianer an der Fussball WM. Das einheimische Team spielt gegen den Aussenseiter Haiti. In einem Restaurant in Barra sind wir live dabei, mitten von einem Meer aus grün-gelb. Nach dem Unentschieden im ersten Spiel muss heute ein Sieg her. Entsprechend gross ist der Jubel nach dem ersten Tor. Jedes weitere steigert den sowieso schon hohen Schallpegel nahe an die Schmerzgrenze. Auch wenn die Brasilianer nach dem 3:0 nach der ersten Hälfte deutlich Tempo heraus nahmen, wird der Pflichtsieg am Ende frenetisch gefeiert. Es ist faszinierend, die überschwängliche  Begeisterung hautnah mitzuerleben. Wir lassen Sie jubeln und kehren zu Rocky zurück. Doch auch hier wird es nicht wesentlich ruhiger, wird doch in der Nachbarschaft noch die ganze Nacht Party gemacht.

Das wohl bekannteste Wahrzeichen von Rio de Janeiro ist der Zuckerhut. In zwei Etappen schweben wir in den verglasten Gondeln auf den 396 m hohen, weltweit berühmten Gipfel. Die 1912 eröffnete Seilbahn auf den  Zuckerhut – von den Einheimischen liebevoll »O Bondinho«, das Bähnchen, genannt – war die erste Brasiliens und die Dritte weltweit.  Bekannt ist die Bahn auch aus dem James-Bond-Film »Moonraker« aus dem Jahr 1979.
Vom Gipfel aus bietet sich uns ein atemberaubender Panoramablick über Rio de Janeiro. Unter uns liegt die Bucht von Botafogo und die Einfahrt zur Guanabara-Bucht. Die Sicht reicht vom Ipanema über Copacabana zum Centro. Im Hintergrund die Rio-Niterói-Brücke, die Christusstatue und der Pedra da Gávea, unter dem Rocky auf uns wartet.
Auf Portugiesisch heißt der Felsen Pão de Açúcar (übersetzt „Zuckerbrot“). Verschiedene Geschichten erklären den Namen dieser Touristenattraktion. Der deutsche Name entstand im Volksmund, da der Anblick der Form des Berges exakt der eines damals üblichen, spitzen Hutes für raffinierten Zucker glich. Eine andere Theorie hat rein gar nichts mit Zucker zu tun. Der Name der indigenen Ureinwohner pau-nh-acuga („hoher, spitzer Berg“) klang für die Portugiesen wie »Pão de Açúcar«
Bei der Rückfahrt mit der Gondel sehen wir denjenigen zu, die den Gipfel des Zuckerhuts zu Fuß erklimmen. Die Klettertour dauert ungefähr zwei bis drei Stunden. Runter geht es dann mit der Seilbahn.

Gleich am Nachmittag fahren wir mit der Standseilbahn auf den 710 Meter hohen Corcovado, wo ein weiteres Wahrzeichen Rios auf uns wartet. Die 30m hohe Christusstatue, eines der Sieben Weltwunder der Moderne, wurde am 12. Oktober 1931 eingeweiht. Die Idee, ein Denkmal auf dem Gipfel des Corcovado-Berges zu errichten, entstand bereits 1859 mit dem französischen Priester Pedro Maria Boss, doch erst 1922, zum Gedenken an den hundertsten Jahrestag der Unabhängigkeit Brasiliens, nahm das Projekt konkrete Formen an. Die Statue wurde fast vollständig in Brasilien gefertigt, mit Ausnahme des Kopfes und der Hände, die in Frankreich geformt und hierher gebracht wurden.
Auch von hier oben ist die Aussicht überwältigend. Die Stadt und der Zuckerhut liegen einem buchstäblich zu Füssen. Wenn man den einmal dazukommt, nach unten zu sehen, denn während es auf dem Zuckerhut gemächlich zu und her ging, ist hier oben ein ganz schönes Gedränge. Und jeder braucht eine Serie Fotos von sich und dem Christo Redentor. Natürlich auch mit weit ausgestreckten Armen, man will ja dem Vorbild in nichts nachstehen. Und eines ist noch lange nicht genug. Danach noch ein paar Dutzend Selfies auf der Aussichtsterrasse, wo neben der eigenen Visage vielleicht auch noch der Zuckerhut Platz findet. Wir bleiben trotzdem zum Sonnenuntergang, nachdem wir uns eine tolle Beleuchtung der Stadt erwarten. Bald darauf steigen wir in die übervolle Bahn nach unten.

Der Sonntag reiht sich wieder ein in jene Schlechtwettertage ein, wie sie die Region in den letzten 40 Jahren nicht erlebt hat. Im Winter ist es sonst immer trocken und sonnig, auch wenn die Temperaturen etwas tiefer sind. Die Natur freut es, die Touristen weniger. Für uns ist das nicht ganz so schlimm, den jeden Sonntag, wenn die meisten Geschäfte von Rio de Janeiro geschlossen haben, öffnet der Hippiemarkt in Ipanema seine Tore. Der Markt auf Praça General Osório ist der größte und berühmteste seiner Art in der Stadt. In der Hauptsaison sollen über 700 Stände mit handgefertigter Kunst, Lederwaren, Halbedelsteinen, Schmuck und regionalem Streetfood aufgebaut werden. Jetzt sind es einige weniger, aber noch immer sind genügend Arbeiten zum Bewundern da. Ein kleiner Tukan aus Holz darf sogar mit uns mitreisen.

Wir haben uns einen weiteren Strandtag verdient, und das am bekanntesten Strand von Rio, der Copacabana. Der lange, breite Sandstrand ist im Winter nicht übermäßig besucht, sodass wir uns einen guten Platz aussuchen können. So spazieren wir erst mal auf der mit schwarz-weißen portugiesischen Steinen gepflasterte Promenade. Hier gibt es mehrere Kioske, viele Sportler, Straßenhändler und einen Radweg. Dann mieten wir noch einmal Strandstühle und geniessen den Strandalltag, der an uns vorbeizieht. Als die Schatten länger werden ziehen wir der Copacabana entlang, wo die Argentinier gerade ihren Sieg an der Fußball WM feiern. An der Ipanema Beach angekommen, ist die Sonne bereits hinter Bergen verschwunden. Am Arpoador Felsen feiern noch immer viele Leute das Endes des Tages. Der beleuchtete Stand und Silhouette des Morro Dois Irmãos ergeben eine malerisches Bild.

Zum Abschied unseres Besuchs in Rio de Janeiro gönnen wir uns ein Rodizio im Barra Grill in Barra da Tijuca. Ein Rodizio ist eine traditionelle brasilianische Art des Grillens und Servierens, bei der die Kellner ununterbrochen verschiedene, frisch gegrillte Fleischsorten auf großen Spießen an den Tisch bringen und direkt auf den Teller der Gäste schneiden. Das Konzept funktioniert nach dem «All-you-can-eat»-Prinzip. Es gibt über 20 verschiedene Fleischsorten, unter anderem Prime Picanha, Rumpsteak, Ribeye, Flanksteak, Lammschulter und Porchetta. Dazu gibt es ein raffiniertes Salat- und Beilagen Buffet. Obwohl wir uns viel Mühe geben, essen wir wieder zu viel. Das Angebot ist einfach zu verlockend.

Marcel lässt es sich nicht nehmen, auch Rocky die Ipanema und Copacabana zu zeigen. Also fahren wir den beiden Ständen entlang aus der Stadt, was erstaunlich gut geht. Erst als wir die Autobahn nach Belo Horizonte erreichen, wird der LKW Verkehr wieder anstrengend. Nach einer lauten Zwischenübernachtung an einem Aussichtspunkt nahe der Autobahn, biegen wir ab und erreichen am Mittag den Ort Tiradentes.

Tiradentes zählt zu den bezauberndsten Kolonialstädten Brasiliens. Wie üblich bewahrt die Stadt bis heute ihre Kopfsteinpflasterstraßen, herrschaftlichen Häuser und barocken Kirchen, die von einer der bedeutendsten Epochen des Landes erzählen. Doch was hat der Ort mit dem Nationalhelden Tiradentes zu tun. Die Gründung der Siedlung geht zurück in die Zeit, als Siedler aus São Paulo in der Gegend Gold gefunden hatten. Der Ort erhielt den Namen São José zu Ehren von Prinz José, dem späteren König von Portugal. Nach fast 300 Jahre wurde dann beschlossen, die Stadt nicht nach einem portugiesischen König zu benennen, sondern nach dem Helden Joaquim José da Silva Xavier, genannt „Tiradentes“, der hier in der Gegend geboren wurde.
Uns gefällt das Städtchen gut. Auch gefallen würde uns sicher das Blues & Jazz Festival, das heute beginnt. Weniger gut gefällt uns, dass das Musikfest mit einem landesweiten Motorradtreffen einhergeht. Als wir am Stadtplatz ein kühles Bier trinken, donnern bereits die ersten schweren Maschinen an uns vorbei. Morgen werden es noch viel mehr werden. Wir überlassen ihnen den Platz und ziehen schnell weiter.

Ein kleiner Umweg durch das Künstlerdorf Bichinho muss aber noch sein. Die Strasse ist gesäumt mit zahlreichen Möbelgeschäften, Ateliers und Kunsthandwerksläden. Viele der Holz- und Steinarbeiten gefallen uns. Sie inspirieren, sind aber viel zu gross und schwer für uns. 

Die Geschichte von Vila Rica do Pilar do Ouro Preto beginnt mit dem Durst eines Mulatten, der beim Trinken aus dem Bach Tripuí auf „stahlfarbene Granite“ stieß. Diese Granite entpuppten sich als Goldnuggets, die von einer Palladiumschicht überzogen waren. Der Orientierungspunkt für die Entdeckung war ein spitzer Berg mit einem Felsvorsprung auf seinem Rücken. Am Morgen des 24. Juni 1698 sichtete der Entdecker Antônio Dias den Gipfel. Zwei Jahrhunderte lang suchten die Portugiesen nach Gold, hier fanden sie es und beuteten die Vorkommen mit Hilfe von Sklaven in grossen Stil aus. Zwischen 1700 und 1770 entsprach die brasilianische Produktion praktisch der gesamten Goldproduktion des restlichen Amerikas zwischen 1493 und 1850.
Mit dem Rückgang des Bergbaus verlor die Stadt ihre wirtschaftliche Bedeutung. So blieb Ouro Preto von der Modernisierung des 20. Jahrhunderts weitgehend unberührt. Ihr Charme blieb aber erhalten. Dieser beginnt mit der geografischen Lage. Inmitten extrem gebirgigen und zerklüfteten Geländes gelegen, konnte nur der Goldrausch diesen Ort als Standort für eine Stadt wählen.

Wir lassen Rocky auf dem Campingplatz Trem de Ferro in Passagem de Mariana stehen und nehmen den Bus. Sicher kann man selbst nach Ouro Preto fahren, Parkplatz für ein Wohnmobil wird man in den steilen Gässchen keinen finden. Der Spaziergang durch die Stadt ist ein wenig wie eine Reise in die Vergangenheit. Es ist ein Erlebnis, die berühmten Kopfsteinpflasterstraßen hinauf- und hinabzusteigen – sie sind wirklich sehr steil – , auf der Suche nach dem Zugang zu einer der mehr als 20 historische Kirchen aus der Zeit des Minas-Gerais-Barock. Auch die Kirche hat sich damals ihren Anteil vom Goldrausch gesichert. So ist die Basilika „Nossa Senhora do Pilar“ bekannt dafür, dass ihre Verzierungen rund 434 kg Gold enthalten. Sie gilt damit als die zweitreichste Kirche des Landes.


In der Nähe der Igreja de Nossa Senhora do Carmo laufen wir eher zufällig an das Stadttheater von Ouro Preto. Die unscheinbare Fassade aus dicken Steinmauern und einem dreieckigen Giebel lässt nicht vermuten, was für ein Juwel sich dahinter verbirgt. Die ehemalige Ópera de Vila Rica wurde 1770 eingeweiht und ist somit das das älteste noch bespielte Theater Amerikas. Innen zeigt sich die ganze Pracht. Drei separate Etagen mit Parkett, Logen, Balkonen und Galerien. Alles aus Holz. Einfach, alt und  schön.
Wandeln auf den Strassen von Oro Preto bedeutet auch, dass man ohne es zu merken über einen der 270 Tunnel schreitet, die im 18. Jahrhundert von versklavten Menschen gegrabenen wurden. Immer wieder kommen wir an Geschäften mit Edelsteinen vorbei und müssen vor deren Schaufenster etwas verweilen. Verweilen müssen wir auch, wenn es auf den holprigen Gassen zu lange zu steil bergan geht. Dann suchen wir uns ein Kaffee mit Aussicht.

Ganz in der Nähe von Ouro Preto und noch näher an unserem Stellplatz liegt Mariana. Wie Ouro Preto bewahrt auch Mariana einen Teil der brasilianischen Kolonialgeschichte im Zusammenhang mit dem Goldrausch in Minas Gerais. Die Hauptattraktionen von Mariana sind die beiden Kirchen an der Plaza de Minas Gerais, dem der Orte in der Stadt, an dem Kolonial- und Barockarchitektur am besten erhalten sind. Auf demselben Platz befindet sich die Casa da Câmara e Cadeia, dem Sitz des Stadtrats. Im Zentrum des Platzes erinnert ein Pranger an die traurige Zeit, als Sklavenarbeit in Brasilien weit verbreitet war.

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Argentinien IV – Paraguay I
29.04.2026 – 27.05.2026

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