Brasilien II


01. Juli bis 31. Juli 2026

Die Erde blutet ziegelrot, wo immer der Mensch in Minas Gerais eine Wunde in den Boden reisst. Beim Fahren durch die sehr steilen Hügel sehen wir viele Tagebau-Minen.  Hier wird im großen Stil Eisenerz abgebaut. Kolonnen von prall gefüllten Lastwagen bringen die rote Erde zu kilometerlangen Förderbändern, die an Schlangen von Eisenbahnwagen enden. Hier werden im wahrsten Sinne des Wortes Berge versetzt. Auf der einen Seite graben sie grosse, tiefe Löcher und schütten auf der anderen Seite neue Berge im Pyramiden-Stufenlook auf. Eisernes Viereck (Minas Gerais): Das 7‘000 Quadratkilometer großes „Eiserne Viereck“ gehört historisch und aktuell zu den wichtigsten Abbaugebieten Brasiliens.

Die Ausbeutung der Bodenschätze von Minas Gerais hat eine lange Geschichte. Der gewaltige Fluss an Edelmetallen und Edelsteinen aus Brasilien ermöglichte dem portugiesischen König João V. (1689–1750) den Prunk und die Verschwendungssucht beim Bau der grandiosen Gebäude seines Königreichs. Gold aus Ouro Preto; Diamanten aus Diamantina; Topas, Beryll, Turmalin, Smaragd und viele andere Edel- und Halbedelsteine aus anderen Gebieten der Region.

Es sind diese Pedras Preciosas, die schönen Steine, die unser Interesse geweckt haben. Die Königsstraße Estrada Real, der Caminho Novo und der Diamantenweg führen uns durch die abgelegene Gegend nach Diamantina.

Wie die meisten Minenstädte wurde auch Diamantina an steilen Hängen erbaut. So kommen wir wieder einmal arg ins Schnaufen, als wir die steilen Kopfsteinpflasterstrassen hinauf zu den weiss gekalkten Häusern mit den bunten Türen und Fenstern steigen. Abgeschieden, aber traumhaft. Das ist Diamantina, eine der besterhaltenen und am wenigsten besuchten Kolonialstädte Brasiliens. An seinen noblen Herrenhäusern in den verwinkelten Gassen, bewundern wir geschnitzte Türen und schmiedeeiserne Gitter an Balkonen und Fenstern. Die Stimmung der Stadt und ihrer Bewohner aufnehmend, genießen wir etwas Flüssiges, bevor es wieder steil nach unten zum Campingplatz geht. Diamanten haben wir hier keine gefunden. Das Diamantenmuseum hat zwei Tage vor unserer Ankunft seine Pforten vorübergehend dicht gemacht.

Aber Diamantina ist auch als „Musikhauptstadt von Minas Gerais“ bekannt. Gleich zweimal kommen wir heute in den Genuss eines ganz besonderen Konzerts.

Bereits gestern haben wir beobachtet, wie vor der Kathedrale über 100 Keramiktöpfe in gestimmte Musikinstrumente verwandelt wurden. Natürlich mussten wir uns das aus der Nähe ansehen. Jeder Zylinder unterscheidet sich in Höhe, Durchmesser und Wandstärke. Die Stimmung erfolgt mit höchster Präzision und wird mithilfe von Wasser in jeder Säule justiert. Einer der Musiker führte uns auch gleich sein Instrument vor.

Heute um halb vier beginnt das „Concerto Mineral“, eine einzigartige Show, die vom bildenden Künstler und Keramiker Máximo Soalheiro konzipiert wurde. Durch Berührung mit den Händen, mit Schlägeln und mit Geigenbögen entlocken die acht Musiker den einfachen Tontöpfen harmonische Töne. Im Dialog mit anderen Instrumenten wie dem akustischen Kontrabass, dem Klavier, Percussion, Blasinstrumenten und Gesang formt sich ein einzigartiges Klangerlebnis. Es ist nicht nur ein Ohrenschmaus, es ist auch eine Augenweide, den virtuosen Künstlern zuzusehen. Unglaublich!

Abends findet dann auch noch die „Vesperata“ statt, für die die Stadt berühmt ist. Die traditionelle Open-Air-Veranstaltung findet zwischen April und Oktober alle zwei Wochen in der Rua da Quitanda statt. Die schmucken Kolonialbauten bilden hier eine kleine Arena, die für den Anlass mit Tischen und Stühlen vollgestellt wird. Die Plätze kosten einen sehr stolzen Betrag und sind auch seit Monaten bereits ausverkauft. Wir ergattern uns einen Tisch vor dem Eingang und erfreuen uns bei einer Caipirinha erst einmal der Zuschauermenge, die dem Eingang zuströmt. Natürlich geht das nicht ohne einige Erinnerungs-Selfie beim Durchschreiten des schön geschmückten Eingangstors. Musik ertönt, die Show beginnt. Marcel drängt sich immer mal wieder in die Nähe des Eingangs, um einen Blick vom Geschehen zu erhaschen. Das Symphonische Blasorchester spielt von den Balkonen der Herrenhäuser, geleitet vom Dirigenten mitten im Publikum. Dazwischen huldigt der Diamantenhändlers João Fernandes de Oliveira seiner langjährigen Partnerin, der früheren Sklavin Chica da Silva, die auf einen der Balkone tritt. Schade verstehen wir kein portugiesisch. Vom grossem Orchester aus den Balkonen ertönen weitere, bekannte Musikstücke.  Die Stimmung ist wunderschön.

Nach der Estrada Real, der Strasse auf der das Gold aus Ouro Preto und die Diamanten aus Diamantina zum Hafen nach Paraty gebracht wurden, schwenken wir heute auf die Estrada Pedra Preciosa, der Edelstein Strasse ab. Erst dominiert die Forstwirtschaft. Schnurgerade fahren wir durch schnurgerade Reihen von schlanken Eukalyptus Bäumen, die schnurgerade in den Himmel wachsen. Dann ändert die Landschaft und die Bepflanzung. Kurvig geht es durch Kaffee Plantagen, welche ihre Reihen in die Hügel malen.

Unser nächstes Ziel ist Teófilo Otoni, eine Gemeinde im Nordosten von Minas Gerais, weltweit bekannt als die „Welthauptstadt der Edelsteine“. Die Stadt ist das wichtigste Zentrum für die Schleiferei und den Handel mit Edelsteinen (wie Aquamarin, Topas,  Smaragd und Turmalin) in Lateinamerika. Aktuell findet dort die 36. Internationale Edelsteinmesse (FIPP) statt. Die Veranstaltung gilt als die größte der Edelsteinbranche in Lateinamerika und soll Hunderte von Ausstellern und internationalen Einkäufern zusammen bringen.
Wir erreichen die Messe am Eröffnungstag. Einige der Aussteller sind noch am Einrichten, oder haben das abgelegene Teófilo Otoni noch nicht erreicht. Die Dimensionen und Qualität der Ausstellung erstaunt, sind wir doch mitten in einem Edelsteinparadies. Wir sind uns von Steinmessen in Europa anderes gewohnt. Wenn das die grösste in Lateinamerika ist! Vermutlich werden die entscheidenden Steine unter der Hand verkauft ohne in den Handel zu gelangen. Trotzdem lassen wir uns vom Glitzern und Funkeln und den Farben bezaubern. Hin und her gerissen kaufen wir noch eine Kleinigkeit.

Während der internationalen Edelstein Messe werden auch auf dem Platz Tiradentes in der Stadt Steine verkauft. Und hier ist einiges mehr los. In grossen Mengen werden hier Edelsteine zum Verkauf angepriesen, vermutlich direkt von den Minen Besitzern. Natürlich steht hier Quantität vor Qualität und das wirkliche Schnäppchen gelingt nur einem Profi. Wir könnten noch lange im Gewirr der Strände verweilen, doch Rocky steht irgendwo eingeklemmt auf einem engen Parkplatz und wir wollen heute noch weiter.

Während wir durch die ländliche Gegend in Richtung Meer kutschieren, finden wir uns plötzlich von schwarzen, runden Bergrücken umgeben. Es sind wohl die Brüder des Zuckerhut in Rio de Janeiro, einfach etwas weiter gewandert. Im Mucuri-Tal und im Rio-Doce-Tal sind diese monolithischen Felsformationen weit verbreitet und prägen die Landschaft. Geologisch gesehen handelt es sich dabei um Gesteinsaufschlüsse an der Erdoberfläche, die über Millionen von Jahren durch Bodenerosion entstanden sind.
Einer der imposantesten Inselberge ist der Pedra da Boca mit einer Höhe von 1’005 m. Die monolithische Felskuppel erinnert an die Form eines Wals. Ihren Namen erhielt sie aufgrund eines riesigen Spaltes an der Vorderseite, der einem offenen Maul ähnelt.

Seit Tagen treffen wir immer wieder auf Tiradentes, den brasilianischen Nationalhelden. Mal trägt ein Ort seinen Namen, oft ein Platz oder ein Gebäude. Doch Tiradentes verfolgt uns auch im wahrsten Sinne des Wortes. Marcel hat seit Tagen Zahnschmerzen. Es hilft alles nichts, in Caravelas suchen wir einen Zahnarzt auf. Natürlich spricht der nur portugiesisch, das kann ja lustig werden. Zu unseren grossen Erstaunen werden wir jedoch bald schon auf Schweizerdeutsch begrüsst. Die Assistentin hat kurzerhand Marcela organisiert, die 5 Jahre in Zürich gelebt hat. Die Prognose – nun auf deutsch – ist hart. Ein Weisheitszahn muss gezogen werden. So sind wir nun also auch persönlich bei  Tiradentes, dem Zahnzieher.

Der Parque Nacional Marinho dos Abrolhos liegt direkt vor der Küste. Buckelwale sollen vom Juni bis Oktober hier sein und ihre Jungen aufziehen. So fällt es uns einfach, einen von Tiradentes verordneten Ruhetag hier zu verbringen. Im nahen Prado stellen wir uns direkt an die Küste und beobachten das Meer. Aber alle Geduld hilft nichts. Wir sind wieder einmal zu früh. Auch die Einheimischen haben dieses Jahr noch keine Wale gesehen.

Hätten wir gewusst, wir schmal die Strasse zum Strand ist und wie überfüllt der Parkplatz davor, wir hätten uns was überlegt. Doch die cleveren Parkhelfer haben bald einen schattigen Platz für Rocky gefunden. Die Praia de Pitinga ist ein Postkartenmotiv. Der Strand ist wunderschön, eine perfekte Kombination aus azurblauem Meer und dem Kontrast der roten Klippen, die steil in den Sand abfallen. Die kleine Lagune, dort wo das Wasser des kleinen Bachs ins Meer will, trägt zur Idylle bei. Idyllische ist es an diesen Strand allerdings nicht. Strandbar reiht sich an Strandbar, Fatbikes fordern zu Fahrt am Strand auf, sogar Flüge von der Klippe mit dem Gleitschirm werden angeboten. Schön ist es trotzdem und das Meeresrauschen übertönt den ganzen Lärm der Menschen.  

Abends bummeln wir durch die Mucugê-Straße. Dies ist keine gewöhnliche Straße. Sie ist das pulsierende Herz von Arraial d’Ajuda, der Ort, an dem Gastronomie, Kultur, Kunsthandwerk, Mode und Nachtleben auf einem einzigen Kopfsteinpflasterweg zusammentreffen, beschattet von Bäumen, die dort wie von selbst gewachsen scheinen. Wir essen lecker Fisch und italienisches Eis. Ein paar Gässchen weiter landen wir auf der Praça de São Brás. Hier rockt eine Band die Brasilianer. Toll, all die alten Musikstücke zu hören. Wir rocken mit. Knocking on ….

Die erste portugiesische Landung auf brasilianischem Boden erfolgte am 22. April 1500 am Strand Barra do Cahy in Prado. Die zweite fand zwei Tage später in Porto Seguro statt. Auch wir landen hier, nach einer kurzen Fahrt mit der Fähre von Arraial d’Ajuda. Wir fahren jedoch gleich weiter nach Coroa Vermelho.  

Im Indigenen Markt, mitten in der Touristenstrasse, geben die Pataxó gerade eine traditionelle Tanzvorführung. Die Pataxó sind ein indigenes Volk Brasiliens, das ursprünglich aus der südlichen Bahia und dem nördlichen Minas Gerais stammt. Mit einer starken Tradition des Kampfes und des historischen Widerstands seit dem 16. Jahrhundert zeichnen sie sich heute durch die Bewahrung von Ritualen, nachhaltigem Kunsthandwerk und der Stärkung ihrer Sprache Patxôhã aus. Die Pataxó gehörten zu den ersten Völkern, die die Auswirkungen der portugiesischen Kolonialisierung an der sogenannten Entdeckungsküste zu spüren bekamen.

Am Strand von Coroa Vermelha teilt sich bei Ebbe das Wasser zu einer langen, schmalen Sandbank. Auf dem Caminho de Moisés kann man dann trockenen Fusses weit ins Meer hinauslaufen. Aus Distanz erweckt es den Eindruck, als würde die Leute auf dem Wasser laufen. Als wir dort ankommen, ist noch nicht ganz Ebbe. Wir müssen noch etwas durch seichtes Wasser warten, um auf die Korallenbank weit draussen zu gelangen. Ganz vorsichtig, den die Wellen schwappen von beiden Seiten über den «Weg».

Der Süden von Bahia entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts zu einem weltweit bedeutenden Kakaoproduzenten. Da die Zuckerplantagen in einer Krise steckten, kamen arme Landarbeiter und befreite oder geflohene Sklaven aus dem Nordosten, um am neuen Boom teilzuhaben: Kakao, das ouro branco, das weisse Gold Brasiliens. Der Kampf um die Kakaopflanzungen hatte sämtliche Eigenschaften eines Goldrausches, schnell, gesetzlos und gewalttätig. Nachdem sich die Aufregung gelegt hatte, waren Land und Macht in den Händen einiger unbarmherziger Grossgrundbesitzer und ihrer angeheuerten Soldaten. Die Landlosen mussten auf den Fazendas (Farmen) arbeiten, wo sie meist auch lebten und einem harten paternalistischen Arbeitssystem unterworfen waren. In den grünen tropischen Hügeln der südlichen Bahía fahren wir an einigen Kakao-Fazendas vorbei.

Die Strände von Bahia bieten paradiesische Landschaften mit warmem Wasser. Auch wenn wir keinen Strandurlaub planen, so wollen wir auf unseren Etappen nach Norden wenigsten an den gelobten Sandstrand an der Kakaoküste übernachten.
Da ist der Strand von Lençóis, ein naturbelassener Ort, umgeben von Kokospalmen und einer vielfältigen Flora und Fauna. Die Vegetation befindet sich auf einem höher gelegenen Landstreifen, wo wir auch Rocky sicher für die Nacht abstellen. Der feine Sand besteht aus Gras- und Erdresten und eignet sich hervorragend zum Spazierengehen. Die Wellen klatschen am Strand hoch. Mitten drin entdecken wir eine leuchtend gelbe Geisterkrabbe, die scheinbar in den Wellen surft. Am Wasserrand lässt sie sich immer wieder überspülen. Nur seine beiden Stielaugen verraten ihn.

Wieder geht es durch die Hügel und Städte der Costa do Cacau entlang. Für die Nacht stellen wir uns an den Strand von Guaibim. Der ruhige Ort fernab der Hauptstrasse teilt sich auf zwischen einem Fischerdorf und den Häusern von Urlaubern aus Städten wie Brasília und Goiânia. Der Hauptstrand lockt mit sanften Wellen, Kokospalmen und Küstenvegetation. Fast die gesamte Küste ist von traditionellen Strandrestaurants gesäumt. Die meisten sind geschlossen, es ist Winter und für die Brasilianer zu kalt. Sogar die Krabben ziehen sich in ihre Sandhöhlen zurück.

Anstelle die grosse Meeresbucht Baía de Todos os Santos zu umrunden, fahren wir über die Insel Itaparica und nehmen von dort die Fähre nach Salvador de Bahía. Wir wurden gewarnt, dass es da stundenlange Wartezeiten gibt. Aber wir haben wieder einmal Glück. Als wir ankommen, können wir direkt auf die grosse Fähre fahren, die kurz darauf ablegt. Während der 45 minütigen Fahrt kommt die Skyline von Salvador immer näher. Erst sind es nur Hochhäuser am östlichen Ausgang der Bucht, dann erkennt man auch die historische Altstadt über dem Hafen.

Wieder festen Boden unter den Rädern, geht es erst mal zu Ovelha Diesel, einer auf Sprinter spezialisierten Werkstatt. Prophylaktisch lassen wir Rockys Fahrwerk überprüfen. Gemäss Mercedes könnten da einige Komponenten ihrem Lebensende entgegen gehen. Wir wollen nicht riskieren, auf den rauen Naturstrassen im Pantanal stehen zu bleiben. Tatsächlich ergibt die Untersuchung, dass Aufhängungsdrehpunkt und Achsschenkel viel Spiel haben und ausgetaucht werden sollten. Ersatzteile sind in Salvador allerdings nicht erhältlich. Wir sollen zu Mercedes in Brasília fahren, aber vorsichtig und langsam. Gut gesagt, bei brasilianischen Strassen. 

Die Ursprünge Salvadors und Brasiliens entdecken wir zu Fuß auf unserer Freewalking Tour mit Maria. Die Stadt, einst die erste Hauptstadt der portugiesischen Kolonie in Brasilien, ist heute noch Hauptstadt von Bahía, dem afrikanischsten aller brasilianischen Bundesstaaten. Vom Forte da Capoeira spazieren wir durch die Altstadt voller Kirchen, Museen, restaurierter Herrenhäuser und kulturellen Sehenswürdigkeiten mit reichem historischem und kulturellem Kontext. Dabei erzählt uns Maria, wie indigene, afrikanische und europäische Einflüsse Salvador geprägt haben.
Das Stadtzentrum ist in Oberstadt und Unterstadt unterteilt. Oben das historische Zentrum mit Pelourinho, dem pulsierende Herz Salvadors und bekanntesten Viertel der Stadt. Hier stärken wir uns mit einer Moqueca de Peixe. Der Fischeintopf, ein brasilianisches Nationalgericht, ist die typische Vermischung von afrikanischer und lokaler Küche. Ein kurzer Rundgang durch die Casa do Carnaval da Bahia gibt nur eine leise Ahnung, wie überschwänglich in der Bahía Karneval zelebriert wird.

 Der Lacerda-Aufzug, die wichtigste Verbindung zwischen Ober- und Unterstadt, wurde 1872 eingeweiht. Der 72 Meter hohe Aufzug verbindet die Praça Tomé de Souza im oberen Teil der Stadt mit der Praça Cairu im unteren Teil, wo sich der Mercado Modelo befindet. Täglich nutzen ihn durchschnittlich 20’000 Menschen.

Am Abend haben wir im Miguel-Santana-Theater eine etwa einstündige Begegnung mit der Mystik der Bahía. Das Balé Folclórico da Bahia präsentiert Samba de Roda, Puxada de Rede, Maculelê, Capoeira und Candomblé-Rhythmen mit traditionellen Kostümen. Die Vorführung bietet Einblicke in die afrobrasilianische Kultur und die Religionen afrikanischen Ursprungs. Zu Beginn kommt uns das alles etwas zu mystisch vor und erinnert an Voodoo Zauber. Dann aber erleben wir die farbenfrohen Tänze und lachenden, strahlenden Gesichter, die für uns den Alltag verkörpern. Als Abrundung unseres kulturellen Abends, zieht auf dem Nachhauseweg eine der berühmten Trommler und Percussion-Gruppen von Salvador da Bahia lautstark an uns vorbei.

Wir sind froh, als nach zwei Tagesreisen der Wegweiser nach Caeté-Acu zeigt. Die Strasse war zwar vierspurig, verdient aber die Bezeichnung «Strasse» nur selten. Ein Emmentaler Käse hat weniger Löcher und beim starken LKW-Verkehr ist ausweichen nicht immer einfach. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, was auf den übrigen 2’500 km bis ins Pantanal auf uns zukommt.

Aber jetzt sind wir angekommen im Nationalpark Chapada Diamantina. Wie der Name vermuten lässt, blickt die Region auf eine faszinierende Geschichte zurück, als hier ein bedeutendes Diamantenabbaugebiet war. Diese Zeit hinterließ aber auch Spuren in der Umwelt. Heute wird in der Region nachhaltiger Ökotourismus gefördert, um die natürliche Schönheit und ökologische Vielfalt zu bewahren.

Es ist noch früher Nachmittag, der Himmel ist stahlblau und die Temperatur angenehm, als wir am Parkplatz zum Wasserfall Poço dos Patos, dem Entenbrunnen, ankommen. Kurzentschlossen nehmen wir die zwei Kilometer Weg unter die Füsse. Einige Brasilianer sind mit uns unterwegs und schleppen auch gleich ihre Kühlbox mit. Bald stehen wir an einem natürlicher Pool mit ruhigem, leicht bräunlich schimmerndem  Wasser, umgeben von Vegetation und Felsformationen. Was fehlt sind die Enten. Über die Felsen strömt das Wasser hinunter in einen weitere, grösseren Pool, der sich zum Schwimmen eignet. Das wird hier fleissig genutzt. Ausser von uns, denn unsere Badehosen liegen im Camper.

Etwas weiter an der Strasse nach Vale do Capão liegt der Riachinho Wasserfall. Er besticht durch seinen 12 Meter tiefen Fall und ein großes, weitläufiges Becken. Der Abstieg erfolgt ausschließlich über Treppen, und bei jeder Stufe denkt man bereits an den unwillkürlich folgenden Rückweg. Erst aber geniessen wir von den weitläufigen Felsvorsprüngen rund um den Wasserfall einen weiten Panoramablick auf die umliegenden Berge. Eigentlich kann man auch hier baden – die Badehose wäre diesmal nicht weit – aber wir wollen weiter zum Übernachtungsplatz im Dorf, um uns für unsere morgige Wanderung vorzubereiten.

Der Cachoeira da Fumaça zählt zu den größten und schönsten Wasserfällen in der Chapada Diamantina. Rund 340 Meter stürzt das Wasser in die Tiefe, umgeben von spektakulären Felswänden, und bildet so eine zauberhafte Kulisse inmitten der üppigen Natur des Vale do Capão. 
Der Fumaça Wasserfall kann sowohl von unten als auch von oben bestaunt werden. Wir wählen den einfacheren und gängigeren Blick von oben. Einfacher bedeutet jedoch nicht, dass die Wanderung dahin entspannt ist. Der Weg zum Wasserfall ist nur 6 km lang, wobei das erste Drittel steil nach oben führt, 340 Höhenmeter. Der Aufstieg auf wunderschönen Felsformationen fordert uns einiges an Ausdauer und Kondition ab. Nachdem der Anfang geschafft ist, wird der Rest des Weges deutlich leichter und angenehmer. Das Wetter spielt nicht ganz mit, Wolken verdecken die Sicht in die umliegenden Berge. Obwohl es nicht regnet, bildet sich beim Blick ins Tal ein Regenbogen. In die Nähe des Wasserfalls ankommen, spüren wir dann die ersten Tropfen.
Dann blicken wir über die Felskante und erkennen, woher die Regentropfen kommen. Der Name „Fumaça“ (Rauch) rührt von einem Effekt her, der durch den Wind entsteht: Das Wasser erreicht den Fuß des Wasserfalls nicht, sondern bildet mit den nach oben gespritzten Tropfen eine Art Rauch. Wir nennen das «Reversing Waterfall». Das herunterstürzende Wasser fliegt gleich wieder nach oben und wird wiederverwendet, was bei dem wenigen Wasser in dieser Jahreszeit auch notwendig ist. Das nennt man echtes Recycling. Und die Wassertropfen haben sichtlich Spass daran und wir sehen ihnen fasziniert dabei zu.

Im Dorf ist Markt. Vale do Capão, in der indigenen Sprache Caeté-Açu, ist ein Dorf, das Reisende anzieht, die Ruhe und Naturverbundenheit suchen. Mit seiner alternativen und einladenden Atmosphäre ist Capão ideal für alle, die abschalten und sich auf das Wesentliche besinnen möchten. So ist es nicht verwunderlich, dass auf dem Markt neben sehr frischem Obst und Gemüse auch Naturheilmittel und vegane Schokolade angeboten wir. Den Höhepunkt bietet allerdings die Aargauer-Rüebli-Pizza die in einer Pizzeria angeboten und sehr gelobt wird.

Es gibt noch einige Wasserfälle in diesem Naturparadies, die mit oder ohne Badehose erwandert werden können. Aber uns drängt es weiter.  Die erste Hälfte unserer Aufenthaltsbewilligung in Brasilien ist bereits abgelaufen und wir wollen noch einiges sehen. Für unsere nächsten Ziele liegen längere Fahrtage quer durch das Land vor uns.

Auf jeden Fall erwähnenswert ist der Übernachtungshalt in Ipuçaba. Wir haben diese Platz ausgewählt, da er etwas weiter von der lauten Strasse weg liegt. Die erste Überraschung kommt gleich nach dem Abbiegen von der Hauptstrasse. Ein schmaler, ruppiger Erdweg führt in das Dorf, dabei haben wir das Gefühl, die Hauptzufahrt gewählt zu haben. Nach 4.5 km kommen wir im Ort an. Alle Wege und Plätze sind gepflästert. Gegenüber der kleinen Kirche steht ein gedeckter Sportplatz, aus zwei Bars tönt laut Musik. Es ist Sonntag, der Tag des Finals der Fussballweltmeisterschaft. Bald ist geklärt, das wir über Nacht stehen bleiben dürfen. Wir gehen auf ein Bier in die Bar mit dem Fernseher. Bald ist geklärt, wer für Argentinien und wer für Spanien ist und das Spiel kann losgehen. Als der Sieg für die Spanier feststeht, stehen mehrere leere Bierdosen auf dem Tisch. Nach einer ziemlich ruhigen Nacht verlassen wir das gastfreundliche Dorf auf der offiziellen, frisch geteerten Zufahrstrasse.

Zwei Tage später kommen wir im Abendverkehr in Brasilia an. Rocky’s Gesundheit ist auch unser Wohl, darum fahren wir am nächsten Morgen als erstes zu Mercedes. Sie haben gerade viel zu tun, also müssen wir warten. Erst nach dem Mittag wird unser Fahrzeug untersucht, mit dem gleichen Ergebnis wie in Salvador. Zwei lange Stunden später steht fest, sie haben die benötigten Teile nicht am Lager. Nach einer weiteren Stunde verkünden sie uns, dass eine Bestellung vom Hauptlager in São Paulo in 10 Tagen eintreffen würde. So lange wollen wir nicht warten.
Wir versuchen es noch in zwei anderen Werkstätten, die auf Sprinter spezialisiert sein sollen. Die erste existiert nicht mehr. Die zweite sieht vielversprechend aus, lässt uns zwei Stunden auf den allesbestimmenden Chef warten, der eigentlich im Haus ist. Dieser teilt uns dann mit, dass er die nächsten Tage keine Zeit für uns hat. Ersatzteile will er haben, kann sie uns aber erst morgen verkaufen. Was soll denn das? 
Mit der Ersatzteileliste von Mercedes fahren wir zu einem grossen Ersatzteilhändler. Das Erstaunen ist gross, dass er uns die benötigten Teile umgehend anbietet. Es sind nicht Originalteile sondern identische brasilianische «Generika». Statt 9’000 Reais wie bei Mercedes, kosten diese nur 600 Reais, rund 100 Schweizer Franken und sie haben sie am Lager. Wie kann das sein? Sind das wirklich die richtigen Teile für Rocky? In Brasilien gibt es keine 4×4 Sprinter. Marcel recherchiert einige Zeit im Internet, dann kauft er die Teile. Wir werden auf dem weiteren Weg eine Werkstatt finden, die sie uns einbaut.

Nun haben wir endlich Zeit für Brasilia, die neue Hauptstadt von Brasilien. Aber warum verlegte Brasilien seine Hauptstadt von Rio nach Brasília? Alles begann bereits am Vorabend der brasilianischen Unabhängigkeit, als Politiker erkannten, dass die Hauptstadt des Landes in einer verwundbaren Lage war. Damals waren französische Piratenangriffe an der Tagesordnung und Rio de Janeiro war als Küstenstadt ein leichtes Ziel. Daher kam der Vorschlag auf, eine neue Hauptstadt im zentralen Hochland zu errichten. 1891 wurde ein Gesetzesentwurf zur Verlegung der Hauptstadt aufs Land vom Kongress verabschiedet. Doch die brasilianischen Präsidenten zeigten kein Interesse am Bau der neuen Hauptstadt. Erst mit der Wahl von Juscelino Kubitschek zum brasilianischen Präsidenten wurde die Idee umgesetzt. Kubitschek wollte nicht nur Seeangriffe abwehren, sondern auch das Zentrum Brasiliens besiedeln. Zu dieser Zeit war das Landesinnere eine einzige Wüste.
1956 schrieb die Regierung einen Wettbewerb aus, um das beste Projekt für den Bau der neuen Hauptstadt Brasiliens zu ermitteln. Zwei Linien in Form eines Kreuzes. Aus diesem einfachen Entwurf entstand der Pilotplan. Dank der Stadtplanung von Lucio Costa und der Architektur von Oscar Niemeyer erwachte Brasília in nur 1’000 Tagen zum Leben. Am 21. April 1960 wurde die neue Bundeshauptstadt Brasilia eingeweiht. Noch heute überrascht sie mit ihrem modernen Stadtplan und ihren Gebäuden.

Die Stadt Rio de Janeiro litt unter dem Verlust ihrer Machtposition durch den Umzug der Hauptstadt nach Brasília. Fast jede brasilianische Großstadt hat eine Straße oder Allee namens Juscelino Kubitschek. Rio de Janeiro bildet eine Ausnahme. Dort gibt es weder eine Straße noch ein Denkmal, das an den damaligen Präsidenten erinnert.

Das ursprüngliche Kreuz wird heutzutage mehrheitlich als Flugzeug interpretiert. Ein Rundgang entlang der Monumentalachse, dem Rumpf des Flugzeugs, ist eine Einladung zum Fotografieren. Nationalkongress, Itamaraty-Palast, Kathedrale, Planalto-Palast, Museum der Republik, Fernsehturm und JK-Denkmal, all die Gebäude bestechen durch ihre wunderschöne Architektur mit geschwungenen Formen und überraschenden Winkeln in einen reizvollen Kontrast zum üppigen Grün des Plano Piloto.

Zwei der bedeutendsten Bauwerke Brasilias schauen wir uns auch von innen an:
Der Nationalkongress, Sitz der Bundesgesetzgebung wurde von Oscar Niemeyer entworfen. Das Kongressgebäude ist Teil des Platzes der Drei Gewalten, auf dem sich auch der Präsidentenpalast und der Oberste Bundesgerichtshof befinden. Der Nationalkongresspalast besteht aus einer langgestreckten, horizontalen Plattform, auf der sich zwei 28-stöckige Türme zwischen einer konkaven Kuppel, dem Senat, und einer konvexen Kuppel, der Abgeordnetenkammer, erheben. Zusammen mit den Wasserbecken und der imposanten Zugangsrampe bildet der Komplex ein berühmtes Postkartenmotiv.

Während der Tour durch den Nationalkongress besichtigen wir die Plenarsäle des Senats und der Abgeordnetenkammer, Wandel im berühmten Grünen Salon und können sogar einen Blick in den „Tunnel der Zeit“ werfen, der das Kongressgebäude mit den Aussenbüros verbindet.

Eine weitere beeindruckende Sehenswürdigkeiten ist die Metropolitan-Kathedrale. Ob ihre prachtvolle Architektur, die farbenprächtigen Glasfenster oder die imposanten Skulpturen, die Kathedrale ist eines jener Bauwerke, die auf den ersten Blick faszinieren. Die 16 weissen Betonbögen, die durch Buntglasfenster verbunden sind, erinnern ein wenig an ein Raumschiff von einem andern Stern. Der 20 Meter hohe Glockenturm, der mit seine vier Glocken in den Himmel hebt, trägt das seine dazu bei. Durch einen kurzen Tunnel betreten wir die Kathedrale und werden umgehend von der Schönheit der farbenprächtigen, sonnenbeschienenen Glasfenster überwältigt, unter denen drei riesige Bronzeengel fliegen.

Marcel kann es nicht lassen, und muss auch die beiden Flügel einmal abgefahren haben. Zu sehen gibt es dabei nichts aussergewöhnliches, dafür können wir dort bei Fabian im Brotwerk ein feines deutsches Brot und zwei Laugenbrezel erstehen.

Auch dem von Oscar Niemeyer entworfene Alvorada-Palast statten wir einen kurzen Besuch ab. Die offizielle Residenz des Präsidenten der Republik liegt gut bewacht auf einer Halbinsel, die den Paranoá-See in Süd- und Nordsee teilt. Es was das erste massive Mauerwerksgebäude in der neuen Hauptstadt. Die markante Form der äußeren Säulen erinnert an die Hängematten, die über Balkone gespannt waren, wie sie einst die Herrenhäuser aus der Kolonialzeit umgaben.

Brasilia erstaunt mit seiner großzügigen, weitsichtige Planung. Vor über 60 Jahren geplant und gebaut, kommt es auch heute auf keinen der weiten, mehrspurigen Boulevards zu Staus. Aber die Innenstadt bleibt eine Retortenstadt vom Reissbrett. Grossartiges Konzept, grossartige Architektur, aber die Stadt hat keine Seele.

Genau das Gegenteil ist Pirenópolis, eine kleine Stadt nur 150 km von Brasilia entfernt. Der Name der Stadt ist eine Hommage an die Pyrenäen, die die gesamte Stadt umgeben. Die Pyrenäen wiederum haben ihren Namen von der Gebirgskette, die Frankreich von Spanien trennt. Bei einem kurzen Spaziergang durch die Altstadt vertreten wir uns die Beine. Schnell erkennen wir den besonderen Charme des bezaubernden Städtchen, auch wenn es hier ziemlich touristisch ist. Die farbenfrohen Kolonialhäuser entlang der charakteristischen Kopfsteinpflasterstraßen sind das Herzstück der Stadt. Leuchtende Farben prägen die Straßen und die sorgfältig bemalten Holzfenster und -türen bilden einen krassen Kontrast zu den kalten modernen Fassaden der nahen Hauptstadt. Die Liebe zum Detail ist allgegenwärtig.

Noch sind es über 1’200 km ins Pantanal und ausser ein paar kleinen Wasserfällen liegt kein wirkliches Highlight am Weg. So stehen uns wieder ein paar intensive Fahrtage  bevor. Je nach Verkehr und Strassenzustand sollen es nicht mehr als 450 km pro Tag werden. Auf brasilianischen Strassen bedeutet das immer noch eine Fahrzeit von etwa 6 Stunden. Eine erste ruhige Nacht verbringen wir bei der liebenswerten Tania auf dem Camping Chácara Girassol mitten in der Grossstadt Goiãnia. Nach Goiãnia zweigt der Verkehr nach Sâo Paulo ab. In unsere Richtung sind danach deutlich weniger LKW’S unterwegs. Trotz Samstag bleibt auch die Nacht am Lago Bom Succeso erstaunlich ruhig. Der künstliche See ist Naherholungsgebiet der Stadt Jataí. Am Sandstrand des künstlichen Sees wir ausgiebig gefeiert, getanzt, gebadet und natürlich Musik in brasilianischer Lautstärke abgespielt. Ein kurzer Regen kurz vor Sonnenuntergang beruhigt alles.

Unterbrochen von wenigen Städten und Dörfern, fahren wir meist durch Landwirtschaftsgebiet. Diese Region ist das Zentrum der modernen und großen Landwirtschaft des Staates, die Kornkammer Brasiliens, die den Weltmarkt mit Futtermitteln und Lebensmitteln versorgt. Riesige Felder mit Soja, Mais, Quinoa und Zuckerrohr liegen beidseitig unseres Weges. Und riesig meint hier wirklich riesig, kilometerlang in jede Himmelsrichtung, Monokultur pur. Immer wieder riesige Siloanlagen zum speichern des Getreides. Oder, mitten in der Landschaft eine große Anlage mit Tankanlagen, in der Zuckerrohr zu Ethanol verarbeitet wird, dem Alternativtreibstoff Brasiliens.

Obwohl man denken könnte, die lange Fahrt sei eintönig, ist das keineswegs der Fall. Trotz der Monotonie der Felder gibt es immer wieder etwas zu entdecken. Die spezielle Anordnung am Hügel, die Spuren der Bearbeitung, der Reifegrad, die Erntemaschinen, der einzelne Baum mittendrin. Und auch die Strassen halten die Fahrt lebendig. Zwar sind horizontale Kurven eher selten, die vertikalen dafür umso öfter. Mal nur wellenförmig durch die Landschaft, mal steil nach unten ins nächste Tal eines ausgetrockneten Flusses und gleich danach noch steiler nach oben. Sollte es doch einmal langweilig werden, so besteht keine Gefahr am Steuer einzuschlafen. Der Strassenbelag hält allzeit wach. Oft ist es nur die oberste Belagsschicht die fehlt und uns kräftig durchrüttelt. Schlimmer wird es, wenn die Belagsschäden repariert sind. Es entsteht ein negatives Schlagloch. Das wird dann wieder und wieder repariert, bis die Strasse einem Minenfeld gleicht. Sogar die Einheimischen reduzieren hier ihre Geschwindigkeit. Zur Erholung gibt es aber auch immer mal wieder einen neu asphaltierten Abschnitt.

In Campo Grande werden wir fündig. Es ist auch an der Zeit, denn das Pantanal naht. Bei Dinâmica Direções Hidráulicas Bosch Car Service werden wir freundlich empfangen. Eine halbe Stunde später liegt der Mechaniker bereits unter dem Fahrzeug. Die alten Teile wehren sich ziemlich dagegen, ausgebaut zu werden. Aber am Mittag ist die erste Seite geschafft. Am späteren Nachmittag fahren wir noch zu einer Partnerfirma, um die Spur frisch einzustellen. Das war es, alles OK.

Dann sind wir angekommen im Süden des Pantanal, dem grössten Feuchtgebiet der Welt. Wie schwebende rosa Wolken über dem grünen Blättermeer leuchten Ipê-roxo oder rosafarbene Trompetenbäume in der Ebene. Sie blühen nur zwei Wochen im Jahr. Schön, dass sie uns zusätzlich mit ihrer Farbe den Einstieg ins Pantanal malen.
Unser erster Zufluchtsort ist die Pantanal Jungle Lodge, erbaut am Ufer des Miranda-Flusses inmitten der üppigen Natur. Wir können auf dem Parkplatz stehen und dürfen alle Annehmlichkeiten der Lodge geniessen. Bei den hohen Temperaturen tut es gut, sich im kühlen Pool zu entspannen. Eine kühle Caipirinha trägt das ihre dazu bei.

Auch ohne Reservation können wir an einer halbtägigen Flusssafari teilnehmen. An Bord eines kleinen Motorboots fährt uns Guide Max durch das verschlungene Netz aus Nebenarmen und gewundenen Kanälen der Flüsse Miranda und Vermelho. Schon bald sehen wir den ersten Eisvogel vorbeifliegen. Die Perspektive vom Wasser aus ermöglicht eine gute Beobachtung von Vögeln wie Reihern, Schlangenvögeln, Falken, noch mehr Eisvögeln und vielen anderen. Capybaras weiden am Ufer, der Kaiman  auf der Sandbank fühlt sich von uns gestört und flüchtet ins Wasser. Sogar die Riesenotter geben ein kurzes Stelldichein als wir vor ihrer Wohnung kreuzen. Auf dem Rückweg zur Lodge wird an einer Sandbank angehalten. Wer will, darf hier baden (zwischen Kaimanen und Piranhas). Leider waren wir nicht informiert und haben wieder einmal keine Badekleider dabei.

Corumbá ist wichtigster Zugangspunkt zum Ökosystem des Pantanals und als die „Hauptstadt des Pantanals“ bekannt. Am Ufer des Rio Paraguay Flusses an der Grenze zu Bolivien gelegen, war sie in der Vergangenheit von grosser militärisch-strategischer Bedeutung. Die Gemeinde zeichnet sich aus durch ihre große Fläche. Mit 64’900 km² ist sie flächenmässig mehr als eineinhalb mal so gross wie die Schweiz.

Wir nutzen Corumbá als Ausgangspunkt für eine kleine Kreuzfahrt durch das Pantanal und Rocky darf diesmal mit. Die Barca «9 de Julho» mit dem Schiebefloss, wartet am vereinbarten Ort am Rio Paraguay. Von einem Pickup Tuck werden Waren auf das Floss geladen. Das Fahrzeug steht mit beiden Achsen im sumpfigen Wasser. Der Höhenunterschied zur schwimmenden Plattform beträgt mehr als ein Meter. Nein, hier wollen wir nicht verladen! Relbert, unsere Agent beruhigt. Wir warten noch auf die Brasilianer Sergio und Odette mit ihren Camper und werden gemeinsam an einen geeigneteren Ort fahren.
Dort sieht es viel vertrauensvoller aus. Das Floss fährt gegen das erhöhte Ufer. Das Niveau von Land und Plattform ist zumindest schon mal ausgeglichen. Zwei massive Holzbohlen werden über die Lücke zum Boot gewuchtet, abgestimmt auf Rocky’s Radabstand. Nun darf rückwärts über die schmalen Bretter an Bord gefahren werden. Den präzisen Anweisungen von Relbert folgend, ist das problemloser als gedacht. Eine kurze Anpassung der Spurweite, und bald schon ist auch der brasilianische Camper verladen. Die Testfahrt auf dem Fluss führt zurück in den «Frachthafen», wo fleissig weiter beladen wir. Kühlschrank, Kochherd, Zementsäcke, Benzinkanister, Babybadewanne, Grosspackung Lebensmittel, Bierkartons, Wassertanks und Kurierpackete. Kurz, alles was die Leute am Fluss bestellt haben, oder die anderen Passagiere im Reisegepäck haben. Wir sind nicht nur Kreuzfahrtschiff und Autofähre, wir sind auch Passagierschiff, Frachtschiff und Hauslieferdienst. Um 16:35 Uhr heisst es Leinen los. Wir dampfen los, dem Sonnenuntergang entgegen.

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