26. November bis 31. Dezember 2025
Wir stehen still. Unser Remote Service in Deutschland kann zwar über das Diagnosegerät den Partikelfilter freibrennen, die Signale bleiben aber auf rot. Der Filter ist wohl so voll, dass nur freibrennen nichts mehr nützt. Ein guter Mechaniker muss her, doch die scheinen in San Pedro de Atacama Mangelware zu sein. Alex wird uns empfohlen. Seine Referenzen im Internet lassen hoffen. Eigentlich hat er keine Zeit, aber am Freitag Nachmittag dürfen wir hin. Er stellt seine eigene Diagnose und baut immer mehr Teile aus. Irgend wann zieht Marcel die Reissleine und will sich zuerst mit Deutschland absprechen. Das bedeutet jedoch eine Woche warten, den Alex hat erst wieder am nächsten Freitag Zeit für Rocky.
Uns bleibt also viel Zeit, um San Pedro de Atacama zu geniessen. In der Altstadt mit ihren unbefestigten Straßen und Lehmhäusern, treffen alte Kulturen und Reisende aus aller Welt aufeinander. Touranbieter und Souvenirshops reihen sich in den Gassen. Dazwischen immer mal wieder eine Bar oder ein Restaurant mit regionalen und internationalen Köstlichkeiten.
San Pedro ist trotz des touristischen Rummels ein bezauberndes Dorf geblieben. Wir kaufen uns ein leckeres Eis und setzen uns an die von Bäumen beschattete Plaza. Der ideale Ort fürs Peoplewatching. Es scheint der Treffpunkt der vielen, eingewanderten (Lebens-)Künstler zu sein. Direkt daneben strahlt hinter der Mauer die blendend weisse Kirche mit ihren dicken Adobemauern und dem gestuften Glockenturm. Besonders interessant ist die Decke der Kirche aus Kakteenholz.
Bereits am Donnerstagabend quälen wir Rocky zurück zu Alex, damit er pünktlich am Freitagmorgen weiterbehandelt werden kann. Der gutmütige Mechaniker versucht sein Bestes, brennt unzählige Male den Dieselpartikelfilter aus, bevor er diesen am Samstagmorgen mit dem ihm zur Verfügung stehenden Mittel spült. Es scheint alles nichts zu nützen. Rockys moderne Technik überfordert ihn und er muss aufgeben. Doch als wir zurück in die Stadt fahren, scheint unser Fahrzeug trotzdem wieder etwas mehr Leistung zu haben.
Um zum Spezialisten in Antofagasta zu kommen, müssen wir eine Steigung von über 1’000 m überwinden. Ob Rocky das schafft? Wir unternehmen zuerst einmal eine Testfahrt in das nahe Valle de Luna und tauchen ein in eine fremdwirkende Landschaft. Die bizarren Felsformationen und Dünen, die sich ständig verändernden Farben und der weite Blick über die unwirtliche, staubtrockene Gegend sind Attraktionen des Mondtals. Was wir heute sehen, kommt unserer Vorstellung von der Oberfläche des Mondes wieder einmal sehr nahe. Am Ende des Nationalreservats empfangen uns die Las Tres Marías. Die ikonische, natürliche Felsformation wurde über Millionen von Jahren durch Wind- und Salzerosion geformt. Die drei Gesteinsfinger sehen aus wie betende Frauen oder „Wächterinnen” der Wüste. Eine der Figuren ist leider umgefallen, als sich ein Tourist an sie lehnte, um ein Selfie zu schiessen.
Im Rückspiegel sehen wir das Tal mit San Pedro de Atacama, dahinter, im Dunst, die Vulkanberge an der Grenze zu Bolivien. Stetig steigt die Strasse an. Langsam und mit etwas Mühe schafft es Rocky hinauf auf den Paso Barros Arena auf 3,432 Meter Höhe. Wir sind erleichtert, denn nach Antofagasta, ans Meer, geht es nun nur noch abwärts. Die Gegend wirkt trostlos. Seen von blitzenden Sonnenkollektoren und Felder von Windräder versuchen Energie einzufangen. Ab Calama erheben sich immer wieder riesige Berge von Abräumhalden der Minen, die in allen möglichen Farben schillern. Hier wird vorwiegend Kupfer abgebaut. Die Mine in Calama war einst gar die grösste der Welt.
Verlassene Minen-Dörfer stehen am Wegrand und zeugen von der längst vergangenen Zeit der Salpeter Gewinnung im nördlichen Chile. Die Ruinen von Chacabuco werden als Nationaldenkmal erhalten. Mit einer Leistungsfähigkeit von monatlich 15’000t gehörte es zu den bedeutendsten Salpeterwerken der Region. Die komplette Belegschaft bestand aus 1’400-1’700 Menschen. Um den Bedürfnissen der 5’000 Menschen gerecht zu werden, die sich dort ansiedelten – Arbeiter und ihre Familien – verfügte Chacabuco über ein Krankenhaus, ein Theater, eine Philharmonie, ein Hotel, eine Schule, einen Gemischtwarenladen, einen Markt, eine Turnhalle, ein Schwimmbad, Fußballplätze und einen von Bäumen gesäumten Platz mit Musikpavillon. Die Erfindung von synthetischem Nitrat führte jedoch zum langsamen und unaufhaltsamen Niedergang der florierenden Industrie. 1940 wurde das Werk in Chacabuco so unrentabel, dass sein Betrieb endgültig eingestellt wurde.
Nach dem Staatstreich von 1973 begann für Chacabuco eine unrühmliche Wiedergeburt. Es wurde von den Streitkräften enteignet und in eines der größten Gefängnis- und Folterlager der Militärdiktatur umgewandelt. Männliche politische Gefangene wurden dort bis 1975 inhaftiert, gefoltert und hingerichtet. Ein Zeitzeuge der besonderen Art.
Und noch ein besonderer Ort steuern wir an. Auch wenn wir in Uyuni gerade alte Lokomotiven bewundert haben, verströmt der Bahnhof Baquedano mit seinen historischen Maschinen einen ganz besonderen Charme. Die Werkstatt, ihre Drehscheibe und den Rundschuppen für 16 Lokomotiven existiert noch und wird derzeit restauriert. Ein paar gut erhaltene Dampflokomotiven stehen auf den Geleisen und sehen aus, als möchten sie gleich wieder losfahren. Eine spannende Reise in die Vergangenheit mit tollen Fotomotiven.
Auch ohne Voranmeldung werden wir in der offiziellen Mercedes Garage von Kaufmann in Antofagasta freundlichst empfangen. Marcel versucht in spanisch-englisch die Probleme mit dem Dieselpartikelfilter zu erklären. Dieser soll ausgebaut und industriell gereinigt werden. Worauf Rocky umgehend in Behandlung genommen wird. Nach über drei Stunden wird Marcel zum Fahrzeug gerufen. Drei weissgekleidete Mechaniker stehen um das Diagnosegerät und erklären, dass der Luftfilter getauscht werden sollte. Verärgert erklärt Marcel noch einmal, dass wir das alles schon hatten und verlangt umgehend den DPF zu reinigen. Alles zieht sich hin. Wenigstens dürfen wir in der Werkstatt übernachten.
Neuer Tag, neue Chance. Am Morgen wird uns erklärt, dass der DPF über Nacht gründlich gereinigt wurde und bis 14 Uhr wieder alles eingebaut sein soll. Wir verabschieden uns in die Stadt und besorgen ein paar Dinge vom Baumarkt. Mitten in der Strasse steht das Gibbs House, ein Wahrzeichen der Stadt Antofagasta mit dem lebensechten Wandgemälde «Ein Bahnhof mit Helden der Geschichte von Antofagasta». Am historischen Pier treffen zwei soziale Klassen aufeinander, der Yachtclub auf der einen Seite, der Fischerhafen auf der anderen. Uns interessiert mehr die Fischerbucht, wo an der Mole gerade der heutige Fang ausgeladen wird. Nicht nur Touristen und potenzielle Kunden begutachten die Szenerie. Zahlreiche Möwen warten jauchzend auf ihren Anteil. Unsere grosse Aufmerksamkeit gehört aber den riesigen Seelöwen, die elegant um die Boote schwimmen. Ob auch für sie etwas vom Fang abfällt?
Noch vor 2 Uhr sind wir zurück in der Werkstatt. Aber es gibt Probleme. Noch immer liegen die weissgewandeten Mechaniker unter unserem Rocky. Immer wieder werden wir vertröstet. Am Ende soll es abends um sieben werden, bis wir endlich vom Hof fahren. Und die Probefahrt steht noch aus.
Haben wir uns unlängst im Valle de Luna auf dem Mond gefühlt, in der Wüste ausserhalb von Antofagasta scheinen wir uns wirklich auf einem anderen Planeten zu bewegen. Über viele Kilometer durchfahren wir eine graue, trockene Einöde mit grauen Hügeln und grauen Steinen. Keine schönen Stein- oder Felsformationen, keine Grasbüschel, auch nicht trockene, kein Leben. Und dann, mitten im Nichts, erhebt sich eine Hand. Die Mano de Desierto ist ein Werk des chilenischen Bildhauers Mario Irarrázabal, das in den frühen 1980er Jahren entstand und mahnt, mit den Umweltsünden aufzuhören, damit die Erde nicht überall zu einer Wüste wird.
Wir steuern durch diese unwirtliche Gegend den Mirador Caleta El Cobre an, ein berühmter Aussichtspunkt hoch in der Küstengebirgskette südlich von Antofagasta. Die versprochene spektakuläre Aussicht ist nicht so besonders, ein Blick auf ein Meer von Wolken. Doch dieses Wolkenmeer, die Camanchaca, ist sehr wohl etwas Besonderes. Das Wasser des Pazifischen Ozeans erwärmt sich tagsüber und gibt nachts Wasserdampf ab, der sich beim Abkühlen zu tiefhängenden Wolken bildet, die jedoch eine Obergrenze von etwa 1’000 m über Meeresniveau kaum überschreiten. Mittels Nebelfängern wird er zur Wassergewinnung genutzt.
Über den Küstenwolken herrscht strahlender Sonnenschein, bis die Sonne wunderschön im Nebel untertaucht. Kurze Zeit später präsentiert sich die astronomische Schönheit der Atacama-Wüste mit einem Himmel übersät mit Tausenden von glitzernden Sternen. Mit der Dunkelheit kommt aber auch ein kräftiger Wind auf. Wir müssen das Fahrzeug in den Wind stellen, um nicht von der Plattform geweht zu werden. Ein plötzliches Krachen erinnert uns daran, dass die Starlink Antenne noch auf dem Dach steht, oder stand. Zum Glück hat das Reserverad diese aufgefangen. So bleibt nur eine kleine Beule in Rockys Rückwand.
Nach einer sehr windigen Nacht geht es steil runter zur Pazifikküste. Hier kommt endlich etwas Farbe in die Hügel. Felsen im Meer, weiss gefärbt von Vogelkot, lassen auf etwas Leben hoffen. Wir sehen auch ein paar Kormorane und vereinzelt eine Möwe, aber die sind kaum für die eisbergartig wirkenden Felsen verantwortlich. Dann freuen wir uns eben an den Eidechsen, die sich zahlreich auf den grossen Steinen am Strand sonnen.
Der fast ganzjährig klare Himmel in der Atacama Wüste bietet einzigartige Umwelt- und Atmosphärenbedingungen, unter denen die Forschung die Welten ausserhalb unserer Erde erkundigt. Wir haben Tickets für das Paranal-Observatorium der Europäischen Südsternwarte ESO ergattert. Auf dem Gipfel des Cerro Paranal stehen die vier riesigen VLT-Teleskope, die Very Large Telescope. 2004 wurde mit diesen das erste Foto eines Exoplaneten aufgenommen, also eines Planeten außerhalb unseres Sonnensystems, etwa 200 Lichtjahre von der Erde entfernt. Der Wind bläst uns fast vom Berg und wir sind froh, dass wir diese optischen Teleskope betreten dürfen. Im Inneren sehen wir den 8.2 Meter großen Spiegel, der die Beobachtung des fernen Universums ermöglicht. Das tonnenschwere Wunder der Technik kann Bruchteile von Millimetern genau eingestellt werden.
Weit im Hintergrund, auf dem Cerro Amazones, entsteht bereits die nächste Generation der europäischen Superteleskope. Das ELT, das Extremly Large Telescope, wird einen Hauptspiegel mit 39 m Durchmesser erhalten, der aus 798 sechseckigen Spiegelelementen zusammengesetzt ist.
Zum Abschluss der Führung besuchen wir die Lobby des Hotels, in dem die Wissenschaftler untergebracht sind. Der umschlossene tropische Garten mit Pool unter einem futuristischen Kuppeldach ist bekannt als Residenz des Bösewichts Greene im James Bond Film «Ein Quantum Trost».
Unter den vielen Attraktionen der Atacama-Region sticht der Nationalpark Pan de Azúcar hervor, ein Ort, an dem Kakteen und Sträucher zwischen ockerfarbenen Felsen gedeihen. Die gut ausgebaute Naturstrasse schlängelt sich durch die Küstenkordillere, geprägt von bläulichen Nuancen der Bergkette. Einzig die scheuen Guanakos, die hier leben, wollen sich uns nicht zeigen. Am Pazifik angekommen, öffnen sich beindruckende Ausblicke auf karibikblaue Buchten. An der Playa Blanca vertreten wir uns die Füsse bei einem Spaziergang im weissen Sand. Wir schlagen einen weiten Bogen um eine Schar Möwen, sie sollen ja nur wegen uns Menschen nicht extra auffliegen müssen. Bei genauerem Hinsehen entdecken wir in der Gruppe einige Schwarzmantel-Scherenschnabel mit ihren sehr langen, schwarzen Schnäbeln mit roter Basis. Der Unterschnabel ist deutlich länger als der Oberschnabel. Zum Fischen fliegen sie nahe an der Wasseroberfläche und halten den Unterschnabel ins Wasser.
War das eben ein Elefant, der da am Strassenrand seinen Rüssel in die Höhe gehalten hat oder eben mal wieder eine Fatamorgana im heissen Wüstensand? Wir wollen es wissen, drehen um und stehen vor dem Schild «Zoológico de Piedras», Steinzoo. Hier befindet sich eines der größten Taffoni Felder der Welt. Die Granitfelsen, die über Millionen von Jahren durch Salzerosion und das trockene Klima geformt wurden, haben Löcher wie Schweizerkäse und erinnern an verschiedene Tiere wie Elefanten, Delfine und Flusspferde. Auch einen Drachenkopf können wir gut erkennen.
Nur 3 Kilometer entfernt lassen wir uns ein weiteres einzigartiges geologisches Wunder nicht entgehen: der Orbicular Granit. Diese Formation konzentrischer Kugeln im Gestein ist ein seltenes Naturphänomen, das durch magmatische Prozesse in über 500 Metern Tiefe entstand. Durch die allmähliche Abkühlung bildeten sich Kristalle aus Eisen, Magnesium, Quarz, Kalzium und Natrium. Dieses geologische Phänomen führte zur Ansammlung kugelförmiger Partikel im Granit und damit zur Bildung einer charakteristischen kugelförmigen Struktur, in der die Quarzminerale eingeschlossen sind.
Als wir weiter der öden Küste entlang durch den Naturpark Llanos de Challe fahren, schimmern die Hänge, Dünen und Hügel neben uns plötzlich rosa. Desierto florado, die Wüste blüht. So seltsam es auch klingen mag, die Atacama-Wüste, die als trockenste Wüste der Welt bekannt ist, kann im chilenischen Frühling (September/Oktober) von mehr als 200 verschiedenen Blumenarten übersät sein, die die Landschaft verändern. Es handelt es sich um einjährige Pflanzen, die während den Trockenperioden unterirdisch in einen Ruhezustand zu verfallen. Ausgelöst durch ungewöhnliche Winterregen von mehr als 15 mm Niederschlag im Küstenbereich beginnen sie zu treiben. Dieses Jahr war die Blüte wohl sehr intensiv, sodass wir noch Mitte Dezember das bunte Gastspiel der Natur erleben dürfen, wenn auch nicht mehr ganz so intensiv. Gelb, Lila, Rosa, Weiß und Rot sind nur einige der Farbpigmente, die wir beim vorsichtigen Gang durch die blühende Wüste beobachten.
Vor der Bucht von Punta del Choros liegt das Nationalreservat Pingüino de Humboldt mit den drei Inseln Choros, Damas und Chañaral. Im Meeresschutzgebiet, wo der kühle Humboldtstrom für reiche Fischvorkommen sorgt, ist eine grosse Kolonie von Humboldt-Pinguinen heimisch. Aber auch viele andere Seevögel nisten auf den Inseln. Auf Bootstouren um die Inseln können vielmals auch Seelöwen Delfine und Wale beobachtet werden. Als wir in der Bucht ankommen, peitscht ein kräftiger Wind über das Wasser und lässt die Wellen hoch aufspritzen. Wir sind froh, dass wir uns in den Windschatten eines Gebäudes stellen können. Auch am Morgen hat der Sturm nicht nachgelassen. Im Küstennebel sehen wir zwar die Inseln mit ihren weissen Vogelkotspitzen, aber an einen Ausflug auf das Wasser ist nicht zu denken. Schade, zu gerne hätten wir die Pinguine besucht.
Auf La Serenas Promenadenstrasse Avenida del Mar fahren wir dem weiten weissen Strand Playa El Faro entlang. Zwischen den modernen Apartmenthäuser auf der gegenüberliegenden Strassenseite suchen wir nach einem Restaurant, in dem wir heute Abend Fisch oder Meeresfrüchte essen wollen.
Auf der Halbinsel am Ende der geschwungenen Bucht liegt bereits die Stadt Coquimbo. An der Spitze der Halbinsel das Fuerte de Lambert. Das Fort verdankt seinen heutigen Namen der Spende einer Kanone durch Herrn Carles J. Lambert. Die Ursprünge dieser Festung reichen zurück bis zu einer 1865 errichteten Verteidigungsanlage zum Schutz der Einfahrt zur Bucht von Coquimbo während des Krieges gegen Spanien. 1879 wurde sie dank der Eisenbahngesellschaft wiederaufgebaut, die ihre Hafenanlagen während des Salpeterkrieges vor möglichen Angriffen der peruanischen Flotte schützen wollte.
Na ja, trotz der grossen Kanone macht die Anlage nicht viel Eindruck. Interessant scheint jedoch der Felsen im Meer vor dem Fort. Eine ganze Schar Seevögel teilen sich die weiss gezeichnete Klippe, darunter Möwen, Kormorane und Tölpel. Einer aber passt nicht ganz ins Bild. Zuoberst auf einem kleineren Felsen sitzt doch tatsächlich ein Humboldt Pinguin und verteidigt wehrhaft seinen Platz gegen einen Kormoran.
Neben der unscheinbaren Festung hat Coquimbo ein weit auffälligeres Wahrzeichen, el Cruz Del Tercer Milenio. Das Kreuz des dritten Jahrtausends ist das höchste und spektakulärste Bauwerk Südamerikas, das zum 2000. Jahrestag der Geburt Jesu Christi errichtet wurde. Sein Sockel besteht aus drei geneigten Säulen, die ein großes Dreibein bilden. Darauf thront das gewaltige Kreuz, bestehend aus drei Säulen, die die Heilige Dreifaltigkeit symbolisieren. Es ist 83 Meter hoch und 40 Meter breit. Eigentlich war es nicht ganz so hoch geplant. Dem Baumeister fiel auf, dass die Arme von La Serena aus zu niedrig wirken würden, weshalb man sich für eine Erhöhung entschied.
Als wir auf dem Hügel El Vigía ankommen, werden die Tore zum Monument gerade geschlossen. Doch wir haben Glück. Ein Angestellter erbarmt sich unser und lässt uns ein. So kann Marcel mit dem Aufzug 50 m hinauf in die Arme fahren. Die großen Fenster des Kreuzes bieten einen spektakulären 360°-Panoramablick auf Coquimbo, seine Bucht und den Pazifik.
Das Elqui-Tal, gleich hinter La Serena, ist berühmt für seine klaren Nächte, seine fruchtbaren Weinberge und seine Nobelpreisträgerin Gabriela Mistral. Wir widmen uns zuerst einmal den Trauben, beziehungsweise dem Pisco, der daraus hergestellt wird. Im Talboden sehen wir bereits grosse Felder mit Reben. Oder wir sehen sie eben nicht, denn grosse Teile sind mit Tüchern abgedeckt. Diese schützen die Reben vor der Austrocknung unter der intensiven Sonne. Hier, am Rand der Atacama-Wüste, muss jeder einzelne Rebstock bewässert werden.
Die Doña Josefa Destillerie scheint uns der perfekte Ort, um mehr über den chilenischen Pisco zu erfahren. Roberto führt uns unterhaltsam durch den Herstellungsprozess, der mit der Destillation im mit Holz beheizten Destillierkolben endet. Im Unterschied zum peruanischen Pisco reift er anschliessend im Eichenfass, was ihm den besonderen Duft und seine goldige Farbe gibt. Natürlich darf auch eine angeleitete Verkostung der unterschiedlichen Sorten nicht fehlen. Doch nicht zu viel, wir wollen ja noch weiter.
Dank seines milden Klimas und der geringen Luftfeuchtigkeit erfreut sich das Tal jedes Jahr über 300 Tage mit klarem Himmel. Die Sternenbeobachtung gehört deshalb zu einer beliebten Touristenattraktion. Wir buchen eine Astro-Tour bei Elki Magic. Vom Beobachtungplatz im Freien beobachten wir den mit Sternen dicht übersäten Nachthimmel, die heute bei Leermond besonders hell leuchten. Mithilfe einfacher und lehrreicher Sprache führt uns Lincoln in eine Welt jenseits des menschlichen Verstandes und zeigt uns durch das grosse, motorisierte Teleskop Planeten, Sternbilder, Sternhaufen und ferne Galaxien.
Der Grenzübergang Agua Negra befindet sich auf einer Höhe von 4’753 Metern über dem Meeresspiegel und zählt zu den höchsten in den Anden. Er verbindet das chilenische Vicuña mit dem argentinischen Ort Las Flores. Im öden Tal des Río Turbio finden sich immer noch Rebberge, wobei einige nicht mehr bewirtschaftet scheinen und unversorgt sind. Nach 92 km auf asphaltierter Strasse erreichen wir die chilenische Zollstation, zur Passhöhe und eigentlichen Grenze, hoch oben zwischen den Schneebergen, sind es immer noch 71 km. Ab dem Stausee La Laguna wechselt der Strassenbelag auf gut fahrbare Schotterpiste und die graue Umgebung in eine atemberaubende farbenfrohe Traumlandschaft. Ein letzter steiler Abschnitt mit engen Kurven bringt Rocky ins Schwitzen, bevor eine recht einfache Markierung – zwei Eisenpfosten, die ein Willkommensschild tragen – den Länderwechsel markiert.
ARGENTINIEN
Schöne 88 km weiter und 2800 m tiefer, die Strasse ist schon lange wieder asphaltiert, passieren wir ohne Probleme das argentinische Zollamt.
Leider hat Rocky die Fahrt in grosse Höhen wieder nicht gefallen. Fast unten angekommen fällt er in eine Art Notlauf. Die Schaltung funktioniert nicht mehr wie sie soll, die Beschleunigung ist in den oberen Gängen eingeschränkt und die manuelle Schaltung ist nicht mehr möglich. Einige Minuten anhalten am Wegrand hilft kurzfristig, bevor die Störung wieder auftritt. Wir warten noch ab und hoffen, dass es sich wieder ergibt.
Der Cerro Alcázar ist eine der geographischen Sehenswürdigen unweit von Calingasta. Seine bizarren, über Jahrhunderte durch Erosion geformten Formen und seine leuchtenden Farben haben dazu geführt, dass er als Naturdenkmal geschützt wird. Der Hügel besteht aus Sedimentgesteinen aus dem frühen Mesozoikum, also vor etwa 250 Millionen Jahren. Auf dem Weg, der sich durch die Hügel schlängelt, bewundern wir die verschiedenen Gesteinsarten und die natürliche Schönheit der Gegend. Aufgrund der Felsformationen, die aus der Ferne an eine Burg erinnern, erhielt der Hügel den Namen Alcázar, ein arabisches Wort für eine befestigte königliche Residenz.
Gerade mal 2.5 km weiter stellt die Natur ein weiteres Wunder bereit, den Cerro Siete Colores. Völlig unterschiedlich zu den gleichnamigen Bergen in Peru, zeigen sich hier ganze Hügel in Farbe. Sedimente haben sich hier vor Jahrmillionen in Senken tief unter dem Boden gesammelt, wurden dort konserviert und gelangten durch tektonische Aktivitäten wieder an die Oberfläche. Nun erfreuen schwarze, weisse, ocker und vor allen ein intensiver rosaroter Hügel die Besucher. Es fragt sich, ob sieben Farben ausreichend sind. Für uns ist auch der Boden interessant, wo Steine in den unterschiedlichsten Farben liegen. Schade können wir keine mitnehmen.
Am Fuße der höchsten Anden gelegen, ist Mendoza das Tor zum Pazifik. Dank des Schutzes durch die Bergkette herrscht ein angenehmes und gemäßigtes Klima mit wenig Regen und wenigen Windtagen. Das Gebiet wurde 1561 von Spaniern aus Chile besiedelt und gehörte zunächst zu Chile, ist aber seit Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem heutigen Argentinien verbunden. Der Name Mendoza ist baskischen Ursprungs und bedeutet „kalter Berg“.
Kalt ist es aber in Mendoza weder klimatisch noch kulturell. Es präsentiert sich als Oasenstadt, deren Existenz auf künstlicher Bewässerung beruht. Weite, grüne Alleen, breite Bürgersteige und schön gestaltete Grünflächen bieten Einwohnern und Besuchern eine hohe Lebensqualität. Entlang der Straßen wurden Bewässerungsgräben angelegt, um die Bäume zu bewässern.
Mendoza und seine Region sind aber vor allem für ihren Wein bekannt, allen voran der Malbec. Zusammen mit anderen berühmten Weinstädten wie Bordeaux und Florenz reiht es sich ein in den illustren Kreis von Weltweinhauptstädten. Tatsächlich gibt es hier rund 800 Weingüter! Auf einem diese Weingüter, der kleinen Posada Cavieres, haben wir uns mit einigen Reisefreunden für Weihnachten verabredet.
Nur Marcel hat erst mal noch alle Hände voll zu tun. Er soll das verrußte Abgasrückführungsventil in Rockys Motorraum reinigen, da unser Support in Deutschland es als mögliche Fehlerquelle erkannt hat.
Nach und nach kommen sie an. Brigitte und Jörg, die wir auf der Lagunenroute kennengelernt haben und die uns in San Pedro moralisch unterstützt haben, als Rocky nicht so wollte wie er sollte. Dann Martin mit Jessy und Markus mit Julia, die jungen Deutschen, die wir seit Caraz immer mal wieder treffen, meist dann, wenn unser Blog wieder fällig ist. Unsere Overlander Gemeinschaft vervollständigen Florian und Julie aus Holland, sowie Chris und Norman mit ihren Puch Jeeps.
Am Weihnachtsabend bietet unser Gastgeber Hans ein feines Asado, für das er extra einen Grillmeister arrangiert hat. Es wird spät, bis das feine Fleisch gar ist, aber in der fröhlichen Runde mit fruchtigem Torrontés und dem vorzüglichem Malbec verstreicht der gemütlichen Abend fast zu schnell. Wir bleiben noch etwas zusammen, geniessen die warmen, sonnigen Tage und die abendlichen Barbecues innerhalb der Wagenburg.
Am Stephanstag besichtigen wir gemeinsam die nahe Olivenölfabrik Laur, die sich als Maßstab für Qualität in der Herstellung von Extra Virgin Olivenöl etabliert hat. Die Führung beginnt am Rande des Olivenhain mit 100 Jahre alten Olivenbäumen und führt in ein Museum, in dem die alten Maschinen der Kaltpressung zu bewundern sind. Heute wird das biologische Olivenöl in modernen Zentrifugen hergestellt. Aus der Lagerhalle mit dem Portal im pompösen Kolonialstil riecht es stark nach Essig. Hier lagern die Fässer mit dem Balsamicoessig. Der 15jährige Versuch, dem wertvollen Essig nach dem Verfahren wie in Modena herzustellen, endet in zwei Jahren. Alle warten gespannt auf das Ergebnis. Uns erwartet am Ende der Führung eine hervorragende Olivenölverkostung, in der wir alle Produkte probieren dürfen.
Den Aufstieg zum Paso los Libertadores gehen wir langsam an. Wir reihen uns hinter den schwer beladenen LKWs ein und sind froh um die Überholspuren, denn Rocky will leider noch immer nicht beschleunigen. So ist die Pause an der nächsten Touristenattraktion willkommen.
Die Puente del Inca ist eine spektakuläre natürliche Brücke über den Fluss Cuevas, entstanden vor Millionen von Jahren aus einer Schicht von Travertin Ablagerungen, die durch Salze verfestigt wurden. Ihr hoher Schwefelgehalt verleiht ihr orange, gelbe und ockerfarbene Töne. Ihr Name verweist auf die Besuche der Inka an dieser Brücke, unter der Thermalwasser mit heilender Wirkung floss. Sie ist Teil des ausgedehnten andinen Inka-Straßennetzes „Qhapaq Ñan“.
Oberhalb der Brücke steht einsam eine kleine Kapelle, die der Jungfrau vom Schnee geweiht ist. Sie überstand die verheerende Lawine von 1965. Nicht so das Hotel, das für seine Zeit ein wahrer Luxus war. Jedes Zimmer verfügte über ein eigenes Thermalbad.
Auf argentinischer Seite heißt er Cristo Redentor International Pass und auf chilenischer Seite Los Libertadores Border Pass. Ganz hinauf auf den 3’832 m hohen Pass müssen wir nicht, denn seit 1980 senkt der über 3 km lange Túnel Cristo Redentor die maximale Höhe um 600 m, beseitigt 65 Serpentinen und verkürzt die Strecke um 10 km. Gerne bezahlen wir die Tunnelgebühr vom 300 argentinischen Pesos, umgerechnet etwa 17 Eurocents.
CHILE
In der Mitte des Tunnels haben wir die Landesgrenze überquert. Wir sind wieder auf chilenischem Boden. Noch aber müssen wir das chilenische Zollamt passieren, das sich unweit vom Tunnelausgang befindet. Während wir die letzten Grenzstationen immer problemlos passiert haben, wird diese zur Geduldsprobe. Am wichtigsten Grenzübergang zwischen Argentinien und Chile scheinen die Abläufe völlig unkoordiniert. Wegen überhöhtem Verkehrsaufkommen vor Neujahr stehen wir schon vor dem riesengrossen Abfertigungsgebäude eine halbe Stunde in der Kolonne. Mal in der Halle heisst es anstehen an der Migration. Anschliessend gilt es einen Beamten der Fruchtkontrolle ausfindig zu machen. Zu zweit durchsuchen sie minutiös jede Klappe, jedes Kästchen, jede Kiste im und am Fahrzeug. Was folgt ist das gleiche Prozedere durch einen Zollbeamten. Sogar unter der Motorhaube sucht er nach versteckten Zigaretten. Nachdem wir dann noch einen argentinischen Beamten gefunden haben, der die temporäre Einfuhr von Rocky in Argentinien löscht, dürfen wir nach über zwei Stunden endlich weiterfahren.
Noch liegt eine der berühmtesten Abschnitte einer Anden-Bergstrasse vor uns. Auf der chilenischem Seite des Cristo Redentor-Tunnels, weist der Hang einen grossen Neigungswinkel auf, weshalb sich Chile für den Bau einer ganz besonderen Straße entschied, den Caracoles. In 29 Haarnadelkurven überwindet die verkehrsreiche Strasse einen Höhenunterschied von 550 m. Es gleicht einem Schauspiel, den grossen LKWs zuzuschauen, wie sie die Schlangenlinie hoch und runter kriechen.
Wir umfahren Santiago großzügig und finden Platz auf dem grünen Campingplatz Izuelina mit Pool am südlichen Stadtrand. Jetzt gilt es erst einmal einen neuen Doktor für Rocky zu finden. Wir haben bald eine vertrauenswürdige Werkstatt gefunden, die versucht, sein Problem zu identifizieren. Doch zuerst muss die Reisesoftware durch die Originalsoftware ersetzt werden und das kann nur unser Remote Support in Deutschland. Und die sind bereits in Festtagspause.
Wir bekommen Besuch von unseren jungen Reisefreunden aus Deutschland. Ihr Campingplatz in den Hügeln ob Santiago wird von einem schlimmen Waldbrand heimgesucht. Wir freuen uns über die angenehme Gesellschaft.
Der Platzwart lädt zu Silvester zu einem gemeinsamen Asado an der Feuerstelle ein. Wir sind uns jedoch einig, dass wir in den letzten Tagen genügend Fleisch gegessen haben und verbringen mit Jessy und Martin einen gemütlichen, ruhigen Silvesterabend bei unseren Fahrzeugen. So manche Anekdote aus dem ablaufenden Jahr wird ausgetauscht. Pünktlich um Mitternacht stossen wir an auf ein abwechslungsreiches, interessantes neues Reisejahr.

01.11.2025 – 26.11.2025
