Chile III – Argentinien II


01. Februar bis 28. Februar 2026

Nach der vielen Wüste im Norden Chiles und dem Stillsitzen in Santiago geniessen wir das Grün der Natur im Nationalpark Radal Siete Tazas. Dieses Naturparadies ist bekannt für seine Felsformationen und die sieben Wasserfälle, die dem Park seinen Namen geben. Jeder dieser „Tassen“ ist ein vom Wasser des Rio Claro geformtes Wunderwerk. Zusammen bilden sie ein einzigartiges Schauspiel. Davon scheinen neben uns auch viele andere erfahren zu haben und so ist, trotz limitierten Eintrittskarten, der Parkplatz zum Wanderweg überlaufen. Wir fahren daran vorbei nach Parque Ingles und stellen uns auf den Campingplatz “Las Vertientes”. Der Platz am Río Claro hat seine eigenen, privaten Tazas. Zwar sind es nur deren fünf, die nach einem Streifzug durch den von Scheinbuchen dominierten Laubwald vor uns liegen, aber die sind mindesten ebenso schön.

Bei der Ausfahrt aus den Park am nächsten Morgen, nehmen wir noch schnell einen Blick auf den Salto Velo de la Novia. Es ist kaum einer hier am Wasserfall, den Montags sind die Nationalparks in Chile geschlossen.

Eine staubige Nebenstrasse führt uns irgendwo durchs Nirgendwo. Nach den vielen Obstplantagen von gestern, kommen wir heute an Hainen von Haselnussstauden und Walnussbäumen entlang. Hier muss wohl der Obst- und Gemüsegarten von Chile sein. Irgendwann erreichen wir die Panamericana. Nach einer langweiligen, endlos scheinenden Fahrt auf der Autopista zweigen wir ab zum Salto de Laja.
Jetzt, gegen Ende der Trockenzeit, ist die Kaskade von Laja nicht sehr spektakulär. Nur wenig Wasser fällt über die 35 Meter hohe Basaltklippe. Fast interessanter ist es, den viele Besuchern zuzusehen, die mit dem Rücken zum Naturschauspiel eine Unzahl von Selfies machen. Dass die Gischt des Wasserfalls sie und ihr Mobilphone einnebelt, scheint sie nicht zu stören, dass gibt wohl die besonderen Bilder. Unterhalb des Fall, im löchrigen Bachbett aus Basaltstein, genießen einige das erfrischende Nass. Direkt hinter der Tafel mit dem Badeverbot. Na ja, auch für uns ist Spanisch eine schwierige Sprache.

Auf unserem Weg an die Küste durchqueren wir das Gebiet in der Region Biobío, das im Januar einem riesigen Waldbrand zum Opfer fiel. Die Bilanz ist schrecklich. 45‘000 Hektar Land verbrannten. Die Waldbrände forderten 18 Todesopfer und zwangen über 50‘000 Menschen zur Evakuierung. Die Städte Lirquén und Penco sowie einige Stadtteile von Concepción wurden durch das Feuer schwer beschädigt. 300 Häuser wurden zerstört. Es sieht schlimm aus. Kilometerweit sehen wir links und rechts der Strasse verkohlte Bäume, teilweise bis in die Siedlungen hinein.

Die Pazifikküste bei Concepción empfängt uns grau und nass. Statt der erwarteten Touristenkomplexe säumen Industrieanlagen die Küste. Der allgegenwärtige Küstennebel trägt zur tristen Wahrnehmung bei. Die Isla Santa Maria, nur 30 km vor der Küste, können wir nicht erkennen. Trotzdem ist es schön am Strand von Laraquete. Dick eingehüllt beobachten wir andere Strandbesucher, die trotz widrigem Wetter nicht auf ein Bad in den Wellen verzichten. Die Schatzsucher mit ihrem Detektor scheinen heute kein Glück zu haben. Dabei wurden so einige interessante Dinge angespült.

Aber wir sind auch nicht wegen Sonne, Wellen und Sand ans Meer gefahren. Uns interessiert der kleine Rio Laraquete im gleichnamigen Küstenort, beziehungsweise die Kreuzsteine, die man dort finden kann. Die symmetrischen, kohlenstoffhaltigen Einschlüsse in seinem Innern ergeben im Querschnitt ein markantes Kreuz.
Wir gehen dem Flüsschen entlang und wollen selber von den Kreuzsteinen finden, die es nur hier gibt. Doch es hat letzte Nacht geregnet. Das Wasser im Bach fliesst hoch und trüb, und so müssen wir von unserem Unternehmen absehen. In einer Steine Schleiferei im Ort lassen wir uns die Kreuzsteine zeigen und bekommen sogar einen Rohstein geschenkt. Gemmologen zufolge fördern diese die Intelligenz, schützen Reisende und helfen jenen, die ihr Leben verändern möchten.

Die Fahrt zurück ins zentrale Tal führt uns auf den Holzweg. In Reih und Glied stehen die Nadel-und Eukalyptus-Bäume der Nutzwälder beidseits der Ruta de Madera. Holzwirtschaft prägt das Umfeld, durch das wir fahren. Obwohl nicht weit entfernt, hat das grosse Feuer von Biobío hier keinen Schaden angerichtet.

Bevor wir bei Collipulli wieder auf die Panamericana fahren, sehen wir uns das Malleco-Viadukt an, die höchste noch in Betrieb stehende Eisenbahnbrücke Chiles. Die technischen Schwierigkeiten waren groß, als es Ende des 19. Jahrhunderts darum ging, eine komplexe und stabile Eisenbahnbrücke zu entwerfen und zu bauen, die die breite und tiefe Schlucht des Rio Malleco überwinden sollte. Technische und finanzielle Angebote von drei renommierten französischen Firmen wurden eingeholt, darunter auch diejenigen von Gustave Eiffel. Der Auftrag wurde an die Firma Schneider & Cie aus Le Creusot vergeben. Die Umsetzung stieß auf mehrere Rückschläge. Der Erste war der Verlust komplexer Metallteile für das Viadukt durch den Untergang des Schiffes, welches sie transportierte. Doch am 26. Oktober 1890 wurde die 102 m hohe und 348 m lange Eisenkonstruktion vom damaligen Präsidenten José Manuel Balmaceda offiziell eingeweiht.

Lange bleiben wir der Panamericana diesmal nicht treu. Bereits nach 36 km verlassen wir sie wieder und steuern den Anden entgegen. An unserer Strecke liegt die Queseria Mondion, die unter europäischen Overlandern gut bekannt ist. Die Käserei Mondion blickt auf eine lange Geschichte zurück. Der Sohn französischer Einwanderer begann sich an der Entwicklung der Region zu beteiligen und die französisch-chilenische Zusammenarbeit zu fördern. Die Käserei wurde mit dem Ziel errichtet, den Wert der Milch zu steigern, Arbeitsplätze in einer von Arbeitslosigkeit betroffenen Region zu schaffen und französisches Know-how in einem in Chile unterentwickelten Sektor weiterzugeben. Das Resultat kann sich sehen, oder besser schmecken lassen. Der Raclettekäse und der Camembert lassen unsere Käseherzen springen.

Und die Gaumenfreuden gehen gleich weiter. Wir verbringen einen regnerischen Tag auf dem Camping der Suizandina Lodge. Den Abend verbringen wir im Restaurant, vor dem ein original schweizerischer Wanderwegweiser auf den Rheintaler Höhenweg hinweist. Gutschweizerisch essen wir Rösti mit Bratwurst. Nicht etwa Bratwurst mit Rösti, den hier offeriert die Speisekarte Rösti mit Beilagen wie Bratwurst, Käse oder Spiegelei.
Das Suizandina wurde 1998 von zwei Schweizer Reisenden gegründet. Während Ihrer Tour von Alaska nach Feuerland verliebten sie sich in Malalcahuello, kauften das Grundstück und bauten das alte Bauernhaus zu einer Lodge mit Restaurant um. Im Jahr 2010 übernahm eine schweizerisch-chilenische Familie die Leitung der Lodge. Wir fühlen uns sofort zu Hause. Hasenfamilien hoppeln um uns herum, Pferde wälzen sich im Rasen und das Lama schaut uns gross an. Vögel fliegen vorbei. Noch etwas Sonne tanken nach dem Regen gestern.

Innerhalb des Nationalreservats Malalcahuello ist der Mirador de los Vulcanes eine Attraktion. Und es hält was es verspricht. Schon bei der Anfahrt steht der Vulkan Lonquimay mit einer weissen Kappe direkt vor uns. An seiner Flanke ein Skigebiet, Feuer und Eis. Jetzt im chilenischen Sommer sind die Anlagen jedoch ausser Betrieb. Die Zufahrt zum Aussichtspunkt, eingebettet in einen Hang aus vulkanischem Schotter, führt dem kleinen Vulkankegel Navidad entlang. Er zeugt vom jüngsten Ausbruch des Lonquimay 25.12.1988. Schon kommt der Vulkan Tolhuaca ins Blickfeld. Vom Mirador aus geniessen wir einen einzigartigen Blick auf die schwarzen Lavafelder des Navidad, die wie ein Fluss die grüne Landschaft queren. In Hintergrund grüssen die Vulkane Callaqui und Copahue mit ihren schneebedeckten Gipfeln.

Wir kommen an einen weiteren Mirador. Inmitten des Nationalreservats Malalcahuello befindet sich ein Ort, der das ikonische Bild auf dem 2‘000-Peso-Schein inspiriert haben könnte. Auf der Rückseite der Banknote ist eine Araukarie vor den Vulkan Lonquimay und der Choroy-Papagei abgebildet, ein Vogel, der ausschließlich in den Wäldern der südlichen Region Chiles vorkommt. Der Papagei will leider nicht auf das Foto, das wir zu Vergleichszwecken aufnehmen.

Die Andenregion Araucanía ist berühmt für ihre uralten alten Araukarien Wälder. Und eigentlich sind es diese Araukarien, die wir sehen wollen. Im Nationalpark Conguillío sollen die ältesten und grössten Exemplare wachsen, doch für die nächsten Tage sind die limitierten Eintrittskarten bereits ausverkauft. So unternehmen wir unsere eigene Tour, fahren auf Nebenwegen um den Park herum und bestaunen die für diese Gegend prägenden Bäume.
Erst sind es nur einzelne, aber dann zaubern ganze Wälder mit ihrem fremdartigen Aussehen eine Landschaft wie vor unserer Zeit. Würden Dinosaurier zwischen den Stämmen hervorkommen, wir würden uns nicht wundern.

Diese Konifere erreicht eine Höhe von bis zu 40 Metern und kann über 1000 Jahre alt werden; sein dicker, gerader Stamm kann einen Durchmesser von bis zu 2 Metern erreichen. In jungen Jahren ist die Krone aufgrund horizontaler Basisäste pyramidenförmig; mit zunehmendem Alter fallen diese Basisäste ab, und die Krone nimmt eine schirmartige Form an.
Seine speziellen Blätter verleihen dem Baum das prähistorische Aussehen. Die dreieckigen, sehr robusten und spitz zulaufenden Blätter sind wie Zacken spiralförmig um die Zweige angeordnet. Bei jüngeren Exemplaren bedecken sie auch den Stamm vollständig und bieten so zusätzlichen Schutz. Sie messen zwischen 3 und 4 cm, sind glänzend dunkelgrün, mit einer dicken Wachsschicht, die den Wasserverlust minimiert. Über 10 oder sogar 15 Jahre verbleiben sie am Baum, bevor sie abfallen.
Die Araucaria araucana ist eine zweihäusige Art, das heißt, es gibt männliche und weibliche Bäume. Die männlichen Zapfen setzen im Winter Pollen frei, während die weiblichen Zapfen groß und kugelförmig sind. Nach der Bestäubung reifen sie etwa zwei Jahre, bevor sie schließlich zerfallen. Jeder Zapfen produziert bis zu 200 grosse Pinienkerne. Diese Samen, bekannt als „Piñones“, sind sehr nahrhaft und werden gekocht oder geröstet verzehrt. Sie schmecken ein wenig nussig, wir haben sie probiert.

Adkintun leufu kürrantu, heisst der Mirador Rio De Lava in der indigenen Mapuche Sprache. Wir stehen mitten im Lavastrom, der während des Ausbruchs von 1751 vom südlichen Gipfel des Vulkans Llaima ausging. Dieser Strom floss durch das Tal des Flusses Truful-Truful in Richtung der Stadt Melipeuco und erreichte eine Länge von 23 km und eine Dicke von bis zu 6 m. Einer Legende zufolge wollte der Teufel in dieser Gegend Ackerbau betreiben, pflügte also das Land, bereute es dann aber und ließ das Feld brach. Daher rührt der umgangssprachliche Name für diesen geologischen Ort: „Das Brachfeld des Teufels“.

Die charmante Stadt Villarrica in der Region Araucanía ist das ideale Reiseziel für Touristen, die ein einzigartiges Erlebnis inmitten der Natur suchen. Eingebettet an den Ufern des Sees teilt die Stadt Villarrica ihren Namen mit zwei grandiosen und imposanten Naturschönheiten: dem See und dem Vulkan. Der Villarrica-See mit seinem kristallklaren Wasser bildet das Herzstück der Stadt und bietet vielfältige Möglichkeiten für Wassersport, Bootsfahrten und Spaziergänge an seinen Ufern. Jetzt, während der Hauptreisezeit der Chilenen, platzt die Strandpromenade aus allen Nähten, jeder Parkplatz ist belegt. Über allem wacht der majestätische Vulkan Villarrica, der von fast aus jedem Winkel der Stadt sichtbar ist.
Doch eigentlich gilt der Vulkan Villarrica als der gefährlichste und aktivste Vulkan Chiles. Aufgrund der Häufigkeit seiner Eruptionen (wie 2015) und der hohen Bevölkerungsdichte in der Umgebung, steht er an erster Stelle der spezifischen Risikoeinstufung der nationalen Vulkanüberwachung.

Doch im Moment ist er ruhig. Beruhigt können wir die Wanderung zum Mirador de los Cráteres antreten, die uns an seiner Flanke hochführt. Ganz so ruhig nehmen wir es dann doch nicht. Zwar strahlt die schneebedeckte Spitze des Vulkankegels in der Sonne, doch über dem See liegt dichter Nebel, der die Aussicht in die Ferne verhindert. Und der Nebel scheint zu steigen. Wir steigen über ein altes Lavafeld hoch. Während der gesamten Wanderung ist der Vulkan durch die Baumkronen sichtbar und dient als hervorragende Orientierungshilfe.

Zusammen mit den ersten Nebelschwaden kommen wir oben an. Dort finden sich eine Reihe von Nebenkratern mit einem Durchmesser von 5 bis 10 Metern, aus denen Lava beidseitig floss. Einige Krater sind stark erodiert, andere hingegen gut erkennbar. Die Lava bildete interessante Falten und ist durch Vegetation rissig geworden. An manchen Stellen senkte sie sich ab und bildete flache Höhlen. Der Abstieg führt mit sanfter Neigung durch einen lichten Wald mit mehreren Schluchten. Der Nebel hat sich wieder verzogen und so fällt Sonne auf den schmalen Weg, auf dem sich unzählige Eidechsen sonnen. Stechlaub blüht, wie wir es noch nie gesehen haben. Um seine roten Kelche schwirren Andenkolibris.

In dem vulkanisch aktiven Gebiet gibt es auch viele Thermen. Wir nutzen den trüben Tag und verwöhnen unsere Körper im angenehm warmen Becken der Termas Trancura bei Pucón. Gerade das Richtige, um von der gestrigen Wanderung zu entspannen. Das in 200 m Tiefe gewonnene Thermalwasser ist reich an Mineralien und äußerst gesundheitsfördernd. Als wir beim Eindunkeln noch einmal in die Becken steigen, haben sich sogar die Wolken etwas gelichtet und geben im Hintergrund den Vulkan Villarrica frei.

Der Wetterbericht für die kommenden Tage ist weiterhin schlecht, sehr schlecht sogar. Der chilenische Sommer hält nicht, was er verspricht. Eine Front mit heftigen Regenfällen überquert die Region Los Lagos. Wir entscheiden nicht auf besseres Wetter zu warten und suchen uns auf dem Regenradar einen Korridor Richtung Süden mit möglichst wenig Niederschlag. Die vielen Seen in der Region können wir bei der Rückfahrt immer noch besuchen. Zudem ist das Ersatzteil für Rocky bereits in Puerto Montt angekommen.
​Wir haben Glück, unsere Taktik geht auf. Zwar erkennen wir nicht viel von der Umgebung, aber das Nass von oben hält sich in Grenzen. Bei der Zwischenübernachtung auf den Camping Turismo Tell Los Suizos zeigt sich direkt über uns sogar der blaue Himmel. Vor über 30 Jahren hat der Schweizer Hans mit seiner chilenischen Frau diesen schönen Waldcampingplatz oberhalb der Klippe des Flusses Quinchilca aufgebaut. Heute ist sein Sohn Hans der Chef und schweizerdeutsch spricht bei den Los Suizos niemand mehr.

Ein weiterer Regentag bringt uns nach Puerto Montt. Diesmal erwischt es uns zwischendurch etwas heftiger. Wir fahren quer durch die triste Hafenstadt zu dem Geschäft, welches für uns das Ersatzteil aus Europa entgegengenommen hat. Dann gilt es Propangas auffüllen und einkaufen, denn wir wollen bald südlich auf die Carretera Austral, und da sind die Einkaufsmöglichkeiten beschränkt. Ausserhalb der Stadt lassen wir uns für die Nacht auf einem Parkplatz mit Meersicht nieder. Marcel montiert umgehend den neuen Luftmassensensor. Ob dies Rockys verbleibendes Problem endgültig löst, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.

Eine 20-minütige Fährüberfahrt bringt uns nach Chiloé, der zweitgrössten Insel Chiles. Vom Schiff aus sind bereits die Pfeiler der Brücke zu sehen, die einst die Besatzung der Fähren arbeitslos machen werden. Doch das kann noch dauern.

Als erstes besuchen wir Ancud, einst die bedeutendste städtische Siedlung auf Chiloé. 1767 als Festung am Kap Hoorn gegründet und ist dank seiner strategischen Lage heute eines der beliebtesten Touristenziele in Chiloé. Das merken wir schnell, als wir einen Parkplatz suchen. Obwohl die Stadt einst von den Spaniern erbaut wurde, ist hier kein kolonialer Stil erkennbar, sondern viel mehr Können und Kunst der einheimischen Zimmerleute. Beim Stadtrundgang durch die historischen Gassen, faszinieren uns vor allem die vielen Farben und Formen der Holzschindeln, mit denen die Häuser verkleidet sind.

Übrigens verhält sich Rocky wie neu geboren und strotzt vor Kraft und Leistung, besser als je zuvor. So bewältigen wir problemlos die etwas ruppige Auffahrt zum Mirador “Los Españoles”. Weit ab von der Zivilisation offenbart sich von der Klippe das Meer mit seinen vielen Facetten und seiner unbeschreiblichen Schönheit. Wir geniessen die Sonne, beobachten Delfine, die in den Wellen surfen und den Seelöwen, der sich mit seiner Beute gegen die hungrigen Möwen wehren muss. Es ist der perfekte Ort, um sich an einem traumhaften Sonnenuntergang zu erfreuen .

Bevor wir uns auf die Tour durch Chiloé machen, zweigen wir kurz ab auf eine kleine Strasse, der uns an die felsige Küste bringt. Hier hat Erika einen Ort entdeckt, der Basaltfelsen verspricht. Der schmale Weg nahe am Wasser endet bei ein paar finstern Fischerhütten, von Basaltfelsen keine Spur. Wir umrunden die erste Klippe. Am Boden liegen angespülte Ochsenschwanzalgen mit ihren langen Tentakeln. Cochayuyo genannt, werden in Chile die zarten Enden der „Schwänze“ in geerntet, zu Bündeln gewickelt und in der Sonne getrocknet. Die Bündel sind dann fest und braun und werden auf dem Markt als nährstoffreiches Nahrungsmittel verkauft. Wir umrunden einen weiteren Fels und stehen an einem Ort voller Mystik und Energie, wo schönste Basaltfelsen ​​in sechseckiger Form wie Honigwabe in einer Wand liegen.

Der Chiloé-Archipel birgt ein unschätzbares kulturelles und religiöses Erbe. Zahlreiche Kirchen und Kapellen wurden von Jesuiten und Franziskanern während ihrer Missionsbemühungen erbaut. Die ältesten stammen aus dem 17. Jahrhundert. Die Missionare bauten einfache, aber robuste Holzkirchen, wobei sie lokale Fertigkeiten und Materialien nutzten und spanische Kolonialarchitektur mit indigener Handwerkskunst verbanden. Ausrichtung und Lage sind ebenso wie die umgebende Landschaft von Bedeutung. Die Kirchen wurden in Bezug zum Meer auf Hügeln errichtet, um für Seeleute sichtbar zu sein. Heute sind noch etwa 60 Kirchen erhalten, sechzehn davon wurden im Jahr 2000 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Wir starten zur Route der Kirchen, die wir uns so gelegt haben, dass wir möglichst viele der hölzernen Tempel besuchen können. Schon am ersten Tag entdecken wir viele kleine Schmuckstücke, die meist direkt am Wegrand stehen. Die Capilla Nuestra Señora De La Merced hingehen liegt auf der kleinen Insel Aucar, die durch einen 500 Meter langen und 2 Meter breiten Holzsteg mit dem Festland verbunden ist. Die Insel ist auch bekannt als „Insel der segelnden Seelen“, benannt vom Quemchi-Schriftsteller Francisco Coloane, der die Insel und ihren Friedhof mit einem Schiff verglich, das auf die Abfahrt wartet.

Die heutige Fahrt endet nach elf Gotteshäuser an der Iglesia Patrimonial Nuestra Señora del Patrocinio de Tenaún. Die Kirche von Tenaún zeichnet sich durch ihre drei Türme aus, da die meisten historischen Kirchen des Archipels nur einen besitzen. Auch ihre farbenfrohe Außenbemalung und die zwei großen blauen Sterne an der Fassade sind bemerkenswert. Im Inneren der gewohnt dreischiffigen Kirche befindet sich eine traditionelle Kanzel, von der aus einst Priester ihre Predigten hielten. Außerdem sind antike Kniebänke mit individuellen Verzierungen ausgestellt, die Gemeindemitgliedern gehörten.

Wir stehen in Tenaún vor einem Haus auf Holzrollen, das in den letzten Jahren mit einer Minga gerettet wurde und ein Minga Museum werden soll. „La Minga“ bezeichnet auf Chiloé eine einzigartige kulturelle Tradition, bei der ganze Gemeinden zusammenarbeiten, um Holzhäuser an neue Standorte zu verlegen, oft über Land oder sogar über Wasser. Die Minga-Tradition ermöglicht es den Familien, ihre Häuser näher an besser zugängliche oder fruchtbare Böden zu verlegen, ohne sie neu bauen zu müssen. Zudem besitzen die Häuser der Chiloten einen „kollektiven Geist” und können mit einer Minga von verwunschenen Orten entfernt werden. Mingas verkörpern Brüderlichkeit statt Profit. Die Nachbarn versammeln sich unentgeltlich und ziehen die Häuser mit Ochsen auf Baumstammrollen, nachdem sie die Möbel gesichert und das Gebäude gesegnet haben. Die Veranstaltung endet mit einem Fest, bei dem die Familie des Hauses für Essen und Getränke sorgt. Obwohl sich heute lokale Firmen um Umzüge innerhalb Chiles kümmern, bleiben die Mingas eine einzigartige, nicht-kommerzielle Praxis, wenn auch vielfach als touristische Attraktion.

Zehn weitere hölzernen Tempel erwarten uns auf der zweiten Etappe unsere Route der Kirchen. Einige davon stehen auf der Insel Quinchao, auf die uns eine kurze Fahrt mit einer Fähre bringt. Während wir auf deren Abfahrt warten, streiten Seelöwen mit Möwen hinter einem Fischerboot um die besten Futterstücke.

Die Kirche in Curaco de Vélez ist zwar aus Holz, symmetrisch und hat einen zentralen Turm, weicht aber sonst von der üblichen Architektur ab. Da die seitlichen Stützbalken in die Konstruktion mit einbezogen sind, entsteht ein dreieckiges Hauptschiff. Die Kirche ist auch neueren Datums. Sie wurde erst 1973 gebaut, nachdem das historische Gotteshaus einem Brand zum Opfer gefallen war. Schön gepflegt ist der ganze Ort. Wir laufen einmal durch die Strassen und bewundern die schmucken kleinen Holzhäuser. Jedes ist in einer anderen Farbe bemalt und jedes hat Schindeln in einer anderen Form. Auf dem Handwerkermarkt wird gerade Chochoca gebacken. Über dem Feuer dreht eine Metalltrommel, auf die Kartoffelbrei geschmiert wurde. Einmal fertig, wird das Kartoffelrohr abgeschoben, in Stücke geschnitten und mit Hackfleisch gefüllt. Schmeckt lecker. Ein Steg um die Bucht, von dem aus sich die Schwarzhalsschwäne beobachten lassen, rundet unseren guten Eindruck von Curaco de Vélez ab.

Unsere Route auf der Insel führt uns unter anderem zur Iglesia Nuestra Señora de Gracia in Quinchao. Diese abgelegene Kirche ist bekannt durch ihre Akustik und wird von Chören als Probelokal genutzt. Die Iglesia Santa María de Loreto in Achao, die älteste und beeindruckendste Kirche auf Chiloé, besticht mit ihrer neugotischen Architektur. Ihr Innenraum und insbesondere das Dach des Hauptschiffs sind mit feinen Laubsägearbeiten verziert.

Mit unserer Vorstellung, die Insel Chiloé sei flach, liegen wir gewaltig daneben. 3‘366 m hinauf und 3‘342 hinunter sind wir heute gefahren auf einer Strecke von nur mal 133 km und einer Maximalen Höhe von 298 Meter über Meer. Und Rocky fährt und fährt, ohne Probleme.

Den Abschluss heute bildet die Kirche San Francisco de Castro, die sich an der Plaza de Armas der Stadt befindet. Die grösste Kirche der Insel, auch sie ein imposanter Holzbau, zeigt ihre farbenfrohe Fassade, die drei hohen Türme, das Kreuzschiff mit Buntglasfenstern und ihr hölzernes Interieur.

Das Zentrum von Castro, der Hauptstadt des Archipels und drittältesten Stadt Chiles verdient keine besondere Beachtung. Bekannt ist Castro jedoch für die ikonischen Palafitos, die farbenfrohen Stelzenhäuser, die über dem Wasser gebaut sind. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die Bevölkerung wuchs und vom Land in die Stadt zog, entstanden an den Küsten des Chiloé-Archipels Pfahlbauten. Sie boten Wohnraum für diejenigen, die kein Land erwerben konnten. Dank dieser Bauweise konnten die Bewohner sowohl vom Meer als auch vom Land leben, Muscheln und Fische sammeln sowie Feldfrüchte anbauen oder Gärten betreiben. Heute sind Pfahlbauten das charakteristischste Bild von Castro, und einige zeitgenössische Architekten haben sie neu interpretiert und eine authentisch lokale Architektur geschaffen.

Auf dem letzten Abschnitt unsere Ruta de Iglesias von Castro nach Quellón wollen wir noch einmal 16 Kirchen und Kapellen besuchen. Alle sind auf ihre Art einmalig und schön. Leider sind nur wenige geöffnet, um auch ihren Innerraum zu bewundern. Sehr interessant muss die Kirche von Nercón bei Castro sein. Hier kann man mit etwas Glück auch auf den Turm steigen und die interessante Handwerkskunst der Dachkonstruktion besichtigen. Doch wir sind zu früh, die Kirche ist noch geschlossen. Warten wollen wir nicht, sondern auf dem Rückweg noch einmal vorbeikommen. Das heute hier ein grosses Fest stattfindet und wir am Abend keinen Parkplatz für den grossen Rocky bekommen werden, wissen wir jetzt noch nicht.

Quellón ist der südlichste Ort der Insel. Etwas ausserhalb befindet sich der berühmte Meilenstein Hito Cero, ein Denkmal, das den Anfang und das Ende des Pan-American Highway markiert, der in Alaska beginnt. Kilometer Null ist ein ikonisches Wahrzeichen, dass das Ende einer faszinierenden Reise durch die Amerikas markiert. Weiter südlich, in Richtung Ushuaia, führen die Carretera Austral in Chile und die Ruta 40 in Argentinien. Unzählige Kilometer sind wir auf der berühmten Panamericana gefahren, der längsten Strasse der Welt. Vielfach haben wir sie aber verlassen, um abseits davon unsere Entdeckungslust zu stillen. Leider wird der Park mit dem Kunstwerk gerade umgestaltet und ist eine grosse unzugänglich Baustelle. Aber wir nehmen die symbolische Wirkung des Ortes mit.

Wir wollen auf der Carretera Austral weiter südlich und versuchen eine Fähre zu buchen, die uns nach Caleta Gonzalo bringt. Der Ort an der Carretera ist nur über das Wasser erreichbar, doch es gibt verschiedene Fährverbindung. Aber es will nicht so recht. Die eine Fähre legt ungünstig um 1 Uhr nachts ab, eine andere ist für die nächsten Tage ausgebucht. Die dritte hätte zwar freien Platz, aber das Buchungssystem versagt. Ein Blick auf die Wettervorhersage für die nächsten 10 Tage verspicht zudem nichts Gutes für das chilenische Patagonien. Da wir wegen der Reparatur von Rocky viel Zeit auf unsere Grobplanung verloren haben, entscheiden wir kurzfristig am Nullpunkt der Panamericana umzudrehen und uns den Süden Patagoniens für den nächsten chilenischen Sommer zu sparen.
Eine vorläufig letzte Nacht in Chile verbringen wir an der Playa Las Cascadas am Lago Llanquihue, direkt unterhalb des wohlgeformten Vulkan Osorno. Wir sind bereits am Nachmittag dort und geniessen bei schönstem Sonnenschein das bunte Treiben der Einheimischen am schwarzen Sandstrand. Natürlich sind wir auf die abrupte Richtungsänderung wenig vorbereitet. Die Reiseroute ist so weit klar. Unser Problem sind all die Vorräte, die wir für den Weg in den Süden eingekauft haben. Viele Frischwaren, insbesondere Fleisch, werden wir so nicht über die argentinische Grenze bringen können, zumal die Kontrolle an der ausgewählten Zollstation ziemlich streng sein soll. Also muss Erika noch schnell alles einkochen. Dies freut vor allen die bettelnden Chimango Karakara, für die zwischendurch was abfällt.

Es ist Zeit zu gehen, denn der Himmel ist bereits wieder verhangen, als wir durch den Puyehue Nationalpark zum chilenischen Zollamt fahren. Der Vulkan Puyehue will sich uns nicht zeigen.
Am Zoll heisst es dann erstmal das Fahrzeug weit weg abstellen und sich an den Kolonen vor der Migration anstellen. Nach 30 Minuten sind wir am Schalter. Dann geht alles schnell, Personen und Fahrzeug sind abgemeldet und unterwegs im Niemandsland. Während wir erst noch durch schönen grünen Mischwald fahren, wird dieser plötzlich grau. Alle Bäume scheinen abgestorben zu sein. Später erfahren wir, dass 2011 beim heftigen Ausbruch des Vulkan Puyehue vieles unter dicker Vulkanasche begraben wurde und zugrunde ging.

ARGENTINIEN

Auf dem Paso Cardenal Antonio Samoré überqueren wir die Grenze zu Argentinien und stehen nach weiteren 15 km in der Kolonne am argentinischen Zoll. Nach 30 Minuten anstehen ist auch hier bald alles erledigt, bis auf die Kontrolle des Fahrzeugs. Erika hat alles gut vorbereitet und so dürfen wir nach einem genauen Blick der Beamtin in den Kühlschrank und ein paar Schubladen weiterfahren. Bienvenidos Argentina, zum zweiten.

Wir werden bereits erwartet. Noch in Chile haben wir festgestellt, dass unsere Reisefreunde Danny und Gunther in der Gegend sind und freuen uns nun auf ein Wiedersehen in Colonia Suiza bei Bariloche. Zuerst gilt es aber den Nahuel Huapi See zu umrunden. Das Wiedersehen ist sehr herzlich. Die beiden waren in der Zwischenzeit ganz unten in Ushuaia und so gibt es viel zu erzählen.
Wir gehen zusammen durch das abendliche Colonia Suiza, der ersten europäischen Siedlung in der Region. Sie wurde zum historischen Denkmal erklärt und soll sich seit ihrer Gründung Ende des 19. Jahrhunderts ihren ursprünglichen Charakter bewahrt haben. Neben ein paar Schweizer Wappen und Ortsnamen können wir jedoch nichts wirklich Schweizerisches finden. Auch unsere Suche nach einem Restaurant, das ein typisches Züri Geschnetzeltes mit Rösti serviert, bleibt erfolglos.

Trotz einem sehr gemütlichen Abend verlassen wir schon am nächsten Morgen die unschweizerische Colonia Suiza wieder. Das Dorf bietet nicht viel und der Campingplatz zwischen den Kiefern ist eng und dunkel. Nachdem wir auf einem grossen Parkplatz in Bariloche kein Gastrecht erhalten, fahren wir auf die andere Seite der Stadt und richten uns auf dem Club Danés Camping in Dana Huapi ein.
Das bedeutet leider, dass wir für den Besuch der Stadt Bariloche mit dem Taxi wieder die halbe Strecke zurückfahren müssen. Den Mittelpunkt der Touristenstadt bildet das grosse Bürgerzentrum aus Zypressenholz, Lärchenholz und vulkanischem Tuffstein erbaut. Seine Architektur erinnert uns an pompöse Bauten in nordamerikanischen Skiregionen. Gemäss einer Infotafel vor Ort ist der Gebäudekomplex „stilistisch von der Schweizer Stadt Bern inspiriert, mit einer vielfältigen Formensprache: Uhrturm, Bogenbrücken, Satteldächer, Dachgauben, Oberlichter, Terrassen, Balkone und Arkaden“. Wir können auch eine minimale Ähnlichkeit mit der Berner Altstadt ausschließen.

Nach Kuchen und Kaffee mit Aussicht auf den See steifen wir durch die Mitre Street. Die Hauptgeschäftsstrasse von Bariloche war die erste gepflasterte Straße der Stadt. Hier befinden sich die meisten Geschäfte: Schokoladenläden, Kunsthandwerksläden, Bars, Restaurants, Musikgeschäfte, Galerien, Reisebüros und noch mehr Schokoladenläden. Was in der Bahnhofstrasse in Zürich der Juweliergeschäfte sind, sind hier die Schokolade Tempel. Schokolade scheint hier eine Art Luxusgut zu sein, das in noblen Läden teuer gehandelt wird. Wir unterdrücken unsere Gelüste und suchen uns ein Restaurant mit einem feinen Stück Fleisch zum Abendessen. Es wird am Ende das El Fuego im Alten Bahnhofsbuffet, in dem ein weiter gemeinsamer Tag gemütlich zu Ende geht.

Die Highlights von Bariloche scheinen mehr in der Natur zu liegen. Blöderweise logieren wir auch dafür auf der falschen Seite der Stadt, was wiederum einem Taxifahrer zugutekommt. Ein Sessellift bringt uns auf den Cerro Campanario. Die Bahn fährt sehr langsam, so kann man die kurze Fahrt länger auskosten. Die verschiedenen Aussichtspunkte des Campanario-Hügels ermöglichen eine weite Aussicht in eine außergewöhnliche Landschaft aus Seen, Inseln, Wäldern und Bergen bei bester Fernsicht.

Wieder unten angekommen, sollte uns Bus Nr. 20 zum Ausgangspunkt des Sendero Arrayanes bringen. Aber es findet gerade ein Generalstreik statt. Zum Glück wartet ein Taxi in der Nähe.
Der Wanderweg führt durch ursprünglichen Patagonien Andenwald mit majestätischen Baumriesen. Ihre verzweigten Kronen bilden ein grünes Dach hoch über uns. Zwischendurch liegt einer umgestürzt am Wegrand, was seine Dimensionen noch besser abschätzen lässt. Der Pfad führt teilweise am Ufer des Lago Moreno entlang und bietet romantische Ausblicke auf die umliegenden Hügel und Berge.
Mittendrin erreichen wir einen kleinen Hain aus Arrayán-Bäumen, der über einen Holzsteg zugänglich ist. Diese immergrünen Bäume oder Sträucher aus der Familie der Myrtengewächse wachsen sehr langsam, können aber eine Höhe zwischen acht und 15 Metern erreichen und bis 600 Jahre alt werden. Das außergewöhnliche des Baums ist aber seine Rinde, die aufgrund des hohen Tannin Gehalts zimt- oder ziegelrot gefärbt, seidig glatt und kühl ist. Wenn sie abfällt, hinterlässt sie die charakteristischen weißlichen Flecken des Arrayan-Baumes. Im Volksmund wird er auch Goldbaum genannt, da nach dem Anfassen der Rinde die Hände goldig glitzern.

Wir wollen noch etwas in der grünen Gegend der Siete Lagos verweilen und fahren auf der Panoramastrasse bis zum Lago Villarino. Bei der Landenge zum Lago Falkner bieten sich gute Möglichkeiten zum Campen. Geben Abend gesellen sich auch Danny und Gunther dazu und wir verbringen noch einmal zwei entspannte Abende zusammen. Wenn es dann dunkel ist, lehnen wir uns zurück und betrachten den unheimlich klaren Sternenhimmel mit seinen tausenden von leuchtenden Punkten.

Dann fahren die DAGUs weiter, wir bleiben noch etwas. Wir verabschieden sie, es war eine schöne Zeit zusammen, wir haben es genossen. Irgendwann, irgendwo werden wir uns in Südamerika noch einmal über den Weg zu fahren. Schon am Nachmittag melden sich die beiden bereits wieder per WhatsApp. In San Martín de los Andes findet heute Abend die Noche de las Artes statt. Da haben sie gleich an uns gedacht. Danke.
Schnell ist alles zusammengepackt und es geht ab nach San Martin. Dort verwandelt sich die Avenida San Martín in eine große Fußgängerzone, eine Kulturmeile, die der Straßenkunst gewidmet ist. Musik aller Genres, Tanz, Kunstturnen, Zirkus und dazwischen vielen bunte Stände mit Steinen, Schmuck, Töpferwaren, Seifen. Gehäkeltes, Gestricktes und Gemaltes wird ebenso angeboten wie Bücher und sehr viel mehr. Etwas für jeden Geschmack und jedes Alter. So verbringen wir noch einen weiteren spannenden Abend zusammen.

Am Morgen wandern wir den Western Union Trail durch San Martín. In Argentinien ist es sehr teuer, Bargeld an Bankomaten zu beziehen. Die Gebühren sind hoch und die Maximalbeträge klein. Eine optimalere Möglichkeit ist es, sich selbst Geld zu einem guten Wechselkurs an Western Union zu überweisen und an einer der viele Filialen im Land abzuholen. Im Ort gibt es fünf, eine hat einen tiefen Maximalbetrag, eine finden wir nicht, eine ist geschlossen und zwei haben Computerprobleme. So kommen wir nicht wie erwartet als Peso-Millionäre zurück, sondern bleiben arme Kirchenmäuse. Dafür haben wir das schmucke Dorf bei Tageslicht kennengelernt.

Bereits vor dem Observatorio De Cóndores sehen wir die grossen Vögel mit ihren riesigen Flügeln fast schwerelos am Himmel segeln. Zu schnell sind wir vorbei, also wenden wir und fahren ein Stück zurück. Einige von ihnen sitzen auf dem Feld, sie scheinen etwas gefunden zu haben. Marcel pirscht näher und kann einige grosse Männchen mit ihrem charakteristischen weißen Hals gut erkennen. Aber sie sind noch immer recht weit weg und wir wollen sie ja bei ihrem Mahl nicht stören. Beim Mirador gibt es eine gute Sicht auf prächtige Basaltfelsen hoch über unseren Köpfen. Die majestätischen Andenkondor haben dort ihre Nester und bemalen die Wände seit Jahrhunderten mit ihrem Kot. Während wir warten, bis die Kondore nach Hause zurückkehren, kreuzt eine Gruppe Guanakos die Strasse. Ab und zu sehen wir einen Kondor hoch oben seine Kreise ziehen. Doch die grosse Gruppe kommt nicht zurück. Sie sind wohl viel zu satt. Wir geben auf und fahren an den Stausee Piedra de Áquila, bevor es dunkel wird.

Die Strasse ist meist schnurgerade. Grün goldene Büsche wie Bubbles, silbernes Pampasgras wie ein Flussbett, Federwolken am Himmel oder eine rote Felswand mit weissem Band lockern die Gegend auf. Die Aussicht auf den Vulkan Lanín in weiter Ferne und eine grosse Nandu Familie am Wegrand sind eine willkommene Abwechslung und veranlassen uns zu einen Foto Halt.

Das kleine, malerische Städtchen Piedra de Aguilla mit seinen roten Felsformationen bildet das unerwartete Highlight auf der Strecke und veranlasst uns sogar zu einem kleinen Spaziergang hinauf zum Adlerdenkmal. Der Ursprung des Ortsnamen Adlerfels führt wohl auf eine Felsformation in der Gegend zurück, die wie ein Adler geformt ist. Andere berichten darüber, dass die Felsgruppe an diesem Ort ein Rastplatz für Adler und ein Geiernest war. Als General Villegas im Rahmen des Andenfeldzugs in die Gegend kam und er einen dieser Vögel auf einem Felsen sitzen sah, soll er seine Treffsicherheit mit seiner Remington getestet haben.

Patagonien – da sind wir immer noch – war auch die Heimat verschiedener Dinosaurier. So auch das Gebiet von Villa El Chocón, wo bedeutende Überreste gefunden wurden. Am Ufer des Lago Ezequiel Ramos Mexia befinden sich zwei Stellen, an denen Fußabdrücke der Urtiere erhalten geblieben sind. Erhöhte Eisenstege ermöglichen es, die Abdrücke besser zu sehen. Da der Stausee jedoch manchmal das Festland überzieht, sind die Fußabdrücke teilweise im Schlamm begraben, und nur schlecht sichtbar.
Zu wissen, dass es sich um die echten Spuren dieser riesigen Bestien handelt, die vor 100 Millionen Jahren entstanden sind, erscheint unwirklich. Studien haben gezeigt, wie das möglich ist: Die Dinosaurier mit ihrem enormen Gewicht liefen auf weichem Untergrund. Die anschließende Versteinerung machte den sonnengetrockneten Boden erosionsbeständig. Andere Sedimente lagerten sich in den Fußabdrücken ab und bildeten so einen natürlichen Abdruck. Man fand sowohl positive als auch negative Abdrücke. Wissenschaftler konnten anhand der Fußabdrücke sogar bestimmen, ob diese Tiere zwei- oder vierbeinig waren, ob sie rannten oder sprangen und ob sie langsam oder wendig waren.

Wir haben schon fast nicht mehr daran geglaubt. In Neuquén gelingt es uns tatsächlich bei Western Union Bargeld zu bekommen. Und das gleich beim ersten Versuch. Zusammen mit Pferden und Truthähnen feiern wir unsere erste (Peso)Million auf einem weiten, ruhigen Platz an Ufer des Rio Negro.

Wir fahren zwei weitere Tage auf Strassen, die meist gerade sind bis zum Horizont. Nur aus Langeweile haben die Strassenbauer wohl zwischendurch eine leichte Kurve eingebaut. Dort wo die eintönige Steppe sich einem Fluss nähert, wird sie zur monotonen Obstplantage. Dann ist wieder Steppe. Ab und zu erblicken wir eine Kuh, oder auch mehrere, und fragen uns, wie der Farmer sie in der Weite seines Landes finden kann. Dann erscheint die grosse, weisse Fläche der Salina del Gualicho und bald darauf die Atlantikküste.

Am Muschelstrand von San Antonio Este finden wir ein schönes Plätzchen. Die Playa Las Conchillas ist ein Paradies an der Atlantikküste von Río Negro. Hier verschmelzen das türkisfarbene Meer und das mit Millionen von Muschelschalen bedeckte Ufer zu einer einzigartigen Kulisse. Der Strand beeindruckt mit dem Kontrast der Farben, die das Meer und der Sand bieten, wobei die Schalen der Muscheln, aus denen er besteht, von violetten Tönen bis zu einem strahlenden Weiß reichen, welches in der Sonne glänzt.
Die weitläufigen Strandabschnitte, die bei Ebbe übrigbleiben, bieten den idealen Anlass für lange Spaziergänge und ein faszinierendes Erlebnis, untermalt vom charakteristischen Rauschen der Wellen und dem Knirschen der Muscheln, die eine unvergleichliche Ruhe und ein Gefühl des Wohlbefindens vermitteln.

zurück zu

Chile II
01.11.2025 – 26.11.2025

1 thought on “Chile III – Argentinien II”

  1. Hallo zäme
    Ganz herzlichen dank für euer wiederum
    Ausführlichen Reisebericht.
    Mir ist aufgefallen dass neu die Bilder im Text
    integriert sind, sehr praktisch dank Viu mau.
    Nun wünsche ich euch weiterhin eine schöne
    Und angenehme Reise.
    Liebe Grüsse nach Argentinien.
    asta luego Bernhard

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert