Ecuador II


01. Juli bis 31. Juli 2025

Die Fahrt zur Laguna Quilotoa wird von einem ständigen Auf und Ab bestimmt, immer vorbei an sehr steilen Abhängen. Und in diesen sehr steilen Hängen zieht sich ein Fleckenteppich von Feldern bis weit hinauf zum Horizont. Im wahrsten Sinn des Wortes die Jardin Colgante des Andes, die Hängenden Gärten der Anden. Kartoffeln, Mais, Lupinen und Zwiebeln werden angepflanzt. Auf einer Höhe von über 3000 Meter über Meer wachst nicht mehr viel. Kartoffeln scheinen sich aber hier noch wohl zu fühlen. Wir sehen Bauern in fast senkrechten Äckern nach den Knollen graben. Kartoffelsäcke stehen zum abholen bereit, wo ein Mensch kaum stehen kann. Wenn hier einer umfällt, dann ist er bis unten im Tal nicht mehr aufzuhalten.

Der Quilotoa, mit seinem höchsten Punkt auf 3’914 Meter, ist der westlichste Vulkan in den nördlichen Anden. Sein letzter Ausbruch fand möglicherweise 1280 statt. Er ist bekannt für seinen beeindruckenden natürlichen Kratersee, die Laguna del Quilotoa. Die attraktive blaue und türkise Farbe des Wassers dieser vulkanischen Lagune ist auf seine Zusammensetzung aus Kohlendioxid, Schwefelwasserstoff und anderen Mineralien zurückzuführen, die im grellen Sonnenlicht noch intensiver sichtbar werden.
Faszinierendes Farbenspiel zeigt sich uns auf dem Kratersee. Von grün über blau und leuchtend gelb an den Rändern schimmert die Wasserfläche und wechselt rasch die Farbe je nach Wolken und Sonnenschein. Steil fällt der Kraterrand rund 350 Meter ab zur Wasseroberfläche. Ein Regenbogen spannt sich über den gegenüberliegenden Hügeln.
Das Klima am Quilotoa, wie auch in anderen Teilen der ecuadorianischen Anden, kann sehr wechselhaft und überraschend sein. Das erfahren wir am nächsten Morgen. Wir erwachen in dichtem Nieselregen, vom Kraterrand aus ist der See kaum zu sehen, die leuchtenden Farben sind eintönigem Grau gewichen.

Wir machen uns auf, zurück in die Niederungen. Nachdem wir gestern schon die hängenden Gärten der Anden gesehen haben, staunen wir heute nicht schlecht. Auf unserer Weiterfahrt sehen wir nebst den bekannten Kartoffeln, Zwiebeln und Lupinen, auch Weizen, Gerste, Hafer und Quinoa. Die Felder malen gold-grün-rote-blaue Muster bis zu oberst in die Hügel. Steile Felsen überragen im Hintergrund, den Dolomiten gleich. Wir fahren im warmen Auto auf einer Höhe zwischen 3500 und 4000 Meter über Meer. Draussen stehen die Indigenen bei einer Temperatur von 6 Grad auf dem Acker und graben mit Hacken nach Kartoffeln. Das bisschen Regen hält sie nicht von der Arbeit ab.
Auf der Straße, oft weit ab von den nächsten Häusern, kommen uns Leute in Trachten entgegen. Die Frauen tragen knielange Röcke mit weissen Kniestrümpfen und Lackschuhen mit Absatz. Meist aber haben sie sich ein Tuch um den Kopf gewickelt, der obligate Filzhut scheint nicht sehr zu wärmen.
Was uns in allem wundert, sind die vielen Lupinenfelder. Für was finden diese Verwendung? Wir waren der Ansicht, dass Lupinen giftig sind. Die Hülsenfrüchte dienen in den Anden seit Jahrtausenden als Nahrungsquelle. Ihre Samen sind reich an Proteinen und anderen wertvollen Nährstoffen. Die Samen müssen jedoch vor dem Verzehr mehrere Tage gewässert werden, damit die giftigen Bitterstoffe entfliehen. Das erste Wässerungswasser wird dabei oft als Insektizid verwendet.

Der Bach neben unserem Übernachtungsplatz in Ambato führt mächtig Wasser. Wir folgen ihm in seine tiefe Schlucht, wo er nur knapp in seinem Bett bleibt. Das zumindest hoffen wir für die Bauern, die hier ein karges Leben führen. So langsam schrauben wir uns in die Höhe, die dunkle Schlucht wir zur weiten Alp weide. Kühe grasen im mageren Gras. Da und dort steht eine Kanister mit Milch am Strassenrand. Ein Kleinlaster hält mitten in der Strasse und leert die Milch in seinen Tank.

Und dann erscheint, unerwartet, wie eine Fatamorgana, aus dem Nebel im Hintergrund die Kuppe des Chimborazos. Nun halten auch wir an. Die Wolken ziehen schnell vorbei und der höchste Berg Ecuadors zeigt sich in seiner eindrucksvollen Grösse. Wir sind auf gut 4’000 Meter angekommen. Die Weideflächen weichen Stein und Geröll. Auf einer Naturstrasse holpern wir weiter hinauf bis auf 4’350 Meter. Gräser und kleines Gehölz werden vom starken Wind flachgedrückt. Moose ducken sich unter den Gräsern und schmiegen sich auf Stein und Boden. Doch noch hier finden sich an windgeschützten Lagen kleine Äcker mit Zwiebeln. Unglaublich, aber nur wenig tiefer treffen wir bereits wieder auf eine erste Ansiedlung.

Salinas de Bolivar liegt eingebettet in den Ausläufern der westlichen Anden auf einer Höhe vom über 3’500 Meter. Die Temperaturen liegen zwischen 6 und 10 Grad Celsius. Die Salzminen, die dem Dorf den Namen gegeben haben, sehen von der Nähe aus als würde daraus nicht mehr viel Salz gewonnen. Aber ein schönes Fotomotiv geben sie alleweil: Orange und grüne Wasserbecken mit dem Dorf im Hintergrund, eingerahmt von vulkanischen Felsen.
Das einzigartige an der Gemeinde sind aber nicht seine Salinen, sondern die Ansammlung von rund 28 kommunalen Kleinstunternehmen. In fast jedem Haus ist eines tätig. Sie stellen rund 198 Produkte her, die sogar ins Ausland verkauft werden, insbesondere nach Italien: Käse, Butter, Joghurt, Nougat, Marmelade, Nudeln, Kekse, Trüffel, getrocknete Pilze, Brot, Honigbonbons, Schokolade, Schokoriegel, Wolle, Strickwaren, Bälle, Kunsthandwerk. Ein gutes Gefühl hier einzukaufen und der Dorfgemeinschaft direkt etwas zurück zu geben.

Wir dürfen bei der Käserei Kooperation übernachten und erleben am frühen Morgen die Anlieferung der Milch. Es gibt sie auch, diejenigen, die mit dem Auto die Milchkanne bringen, oder dem Motorrad. Die meisten jedoch nutzen einen Esel oder ein Lama um die schweren Kannen zu schleppen. Wer nur eine einzelne hat, trägt diese in der Hand oder hat sie sich selbst auf den Rücken gebunden.

Wir haben Glück. Die paar Wolkenschleier bei der Anfahrt lösen sich rasch auf und der Chimborazo zeigt sich auch heute wieder in prachtvollen Sonnenschein. Somit steht nichts im Wege, dem König der ecuadorianischen Anden etwas näher zu kommen. Wir biegen beim Visitor Center ab und fahren zur Carrel Hütte auf 4’860 Metern. Rocky scheint die grosse Höhe nichts auszumachen und das ist gut so. Etwas anders verhält es sich bei Marcel, der es sich nicht verkneifen kann, zur Whymper Hütte auf 5’060 Metern aufzusteigen. Die dünne Luft, mangelnde Kondition und ein kräftiger, eisiger Gegenwind machen ihm schwer zu schaffen. Doch er erreicht die Hütte und ist stolz über seinen neuen persönlichen Höhenrekord.
Der 6’268 Metern über dem Meeresspiegel liegende Vulkan Chimborazo gilt übrigens seit 2016 offiziell als der vom Erdmittelpunkt am weitesten entfernte Punkt der Erde und übertrifft den Everest um zwei Meter. Dies liegt daran, dass die Erde eine an den Polen abgeflachte Kugelform hat, die eine Wölbung um den Erdmittelpunkt bildet. Er ist damit der Punkt auf Erden, der der Sonne am nächsten ist.

Wir sind wieder zurück auf einer angenehmen Höhe mit mehr natürlichem Sauerstoff. Am Fuße des aktiven Vulkans Tungurahua gelegen, ist Baños de Agua Santa ein beliebtes Reiseziel für Abenteurer und Erholungssuchende. Der Name „Baños“ bedeutet auf Spanisch „Bäder“ und bezieht sich auf die therapeutischen Thermalquellen, die seit Jahrhunderten den Charakter der Stadt prägen. Wir erleben einen lebendigen Ort voller – meist ecuadorianischen – Touristen. Am Parque Sebastián Acosta vor der Basílica reiht sich ein Souvenirshop an den andern. Jeder bietet den gleichen Kitsch an. Auf der Gegenseite hält die Bimmelbahn für eine Fahrt durch das Städtchen. Auf dem Platz steht ein künstliches Pferdchen zum Reiten, ein Hahn wird Spazieren geführt und ein Capybara darf umarmt werden.

Natürlich darf ein Bad in einer der vielen heissen Quellen nicht fehlen. Wir entscheiden uns für die Termas de la Virgen, dank seiner zentralen Lage und der atemberaubenden Kulisse des Wasserfalls Cabello de la Virgen zweifellos ein beliebter Ort. Das Wasser hier soll bemerkenswerte heilende Kräfte besitzen, entweder aufgrund der reichhaltigen Mineralien der vulkanischen Quellen oder der spirituellen Fürsprache der Jungfrau Maria, die in der Region verehrt wird. Wie dem auch sei, auf jeden Fall fühlen wir uns nach dem ausgiebigen Bad im 42 °C heissen Wasser gut gegart und entspannt.

Ein mysteriöser Ort. Riesen, Zwerge und Gnomen scheinen hier zu Hause zu sein. Riesige Gesichter, geformt aus Ablagerungen von Mineralien, schauen auf den Fluss. Auf dem Gelände gibt es Felsen mit heißen Quellen, die im Laufe der Jahrhunderte die Gesichtsformen gebildet haben, daher der Name «Las Caras Pelileo», die Gesichter von Pelileo. Laut dem Besitzer sind die Gesichter mit den Inka-Merkmalen natürlich und werden nur gepflegt, damit sie nicht durch Algen beschädigt werden, die aufgrund der Feuchtigkeit wachsen.
Oberhalb sprudelt das Wasser aus der heissen Mineralquelle über die gelblichen Felsen. Aus der Luft erkennen wir, dass eine Nixe am Hang liegt und sich sanft vom Nass umspielen lässt. Ein entzückender Ort, dem die Künstlerin Natur hier zum Leben verholfen hat.

Dass die gewaltige Kraft des Wasser auch Respekt einflößen kann, erleben wir nur 30 km weiter östlich in Rio Verde. Mit einer beeindruckenden Höhe von 80 Metern stürzt das tosende Wasser in die Tiefe. Hohe Säulen von Nebel werden aufgewirbelt und lassen uns trotz unserer Regenponchos bald nass auf den Aussichtsbalkonen stehen. Was den Wasserfall Pailón del Diablo jedoch zweifellos noch schöner und einzigartiger macht, ist seine Lage inmitten von Basaltsäulen umgeben von der üppigen Vegetation des Nebelwalds.

Neben dem Waldweg, der von unten an den mächtigen Wasserfall führt, gibt noch einen zweiten Zugang von oben über zwei schwindelerregende und einzigartig geneigte Hängebrücken. Nicht jedermanns Sache. Auf der anderen Seite der zweiten Brücke wurden mehrere Balkone errichtet. Hier spürt man die Kraft des Wasserfalls und das einzigartige Gefühl, dahinter zu stehen. Um den nächtlichen Besuch noch spektakulärer zu machen, wurden rund um den Wasserfall farbige LED Leuchten installiert, die ihn in ein sehr kitschiges Licht tauchen. Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten.

Unsere geplante Route entlang des ecuadorianischen Amazonas zurück nach Quito ist leider nicht befahrbar. Die außergewöhnlichen Regenfälle von Anfang Juli haben die Strasse an einer Stelle komplett weggeschwemmt. Per Zufall haben wir jedoch eine riesengrosse Alternative gefunden, die Ruta de los Gigantes.
Schon bei der Anfahrt nach Baños trafen wir hoch oben beim Kreuz von Cotaló auf den Riesen Wayra. Den Schutzspeer fest umklammert, mit dem er das Gebiet bewacht, hat er seine rechte Hand auf die Stirn gelegt, als wache er über die wunderschöne Landschaft, die die Gemeinde Cotaló umgibt.
Wayra erinnert uns stark an die Trolle von Thomas Dambo, von denen wir in den USA einige besucht haben. Chakra Runa, Pedro, José, Inti, Yaku, Andino, Nina, Taki Mali und der Wolf Capitán. Jede Figur behält ihren Charme und ihre Magie. Insgesamt sind es 10 Giganten aus Holz, die jeweils am Eingang jeder Gemeinde des Kantons Pelileo die Touristen willkommen heissen. Auf teils abenteuerlichen Wegen besuchen wir sie alle. Ausser Taki Mali in der Gemeinde Bolívar, der sich irgendwo abgelegen im Wald vor uns versteckt.

Die Termales Papallacta wurden uns wärmsten empfohlen, nicht nur wegen dem warmen Wasser. Da wir nicht von der Amazonas Seite anfahren, müssen wir zuerst den kalten, nebligen, 4’095 m hohen Papallacta Pass überwinden. Einige Erdrutsche versperren schon auf dieser Strecke bis zu drei der vier Spuren. Hinter der Abzweigung zu den Thermen ist die Strasse komplett gesperrt.
Vielleicht wegen dem Straßenzustand oder wegen dem Wetter sind nur wenige Gäste im Spa. Im Gegensatz zu Baños ist das warme Thermalwasser hier glasklar. Wir geniessen die wohltuende Ruhe in den Becken mit unterschiedlichen Wassertemperaturen. Jeder Pool bietet verschiedene Massagearten mit Wasserstrahlen und Hydromassagen mit Luftblassen. Tiefenentspannt treten wir nach zwei Tagen die Rückreise nach Quito an.

Nach den vielen Auf und Abs – allein im ersten Halbjahr 2025 waren es über 100’000 m Talfahrten – hat Rocky neue Bremsbeläge verdient. Ohne Voranmeldung fahren wir in eine Werkstatt in der Stadt und werden von Daniel umgehend bedient. Das fehlende Material wird organisiert und per Motorrad geholt. Nach vier Stunden ist Rocky wieder fit für die nächsten Passfahrten. Beim letzten Wechsel der Bremsen in Anchorage haben wir uns 2 Wochen vorher angemeldet. Das Fahrzeug stand dann ganze 2 Tage bei Mercedes, um die gleichen Arbeiten zu erledigen. Über die Kosten ist nicht zu sprechen.

Wir bekommen Besuch. Fast pünktlich landet KLM Flug 755 auf dem Flughafen in Quito. Ungeduldig warten wir vor dem Ausgang. Dann ist er endlich da. Wir freuen uns. Nach über drei Jahren können wir unseren Sohn Rolf wieder einmal in die Arme nehmen. Zusammen fahren wir zu unserem Standplatz Coda Vista, wo wir gleich neben an im El Balcón de los Andes ein Zimmer mit Aussicht für ihn reserviert haben.

Eine kurze Fahrt mit dem Taxi bringt uns zur Basílica del Voto Nacional im historischen Zentrum von Quito. Zwischen ihrer Planung und ihrer Einweihung ist mehr als ein Jahrhundert vergangen, entsprechend beeindruckend ist das neugotische Bauwerk mit seinen beiden 116 m hohen Fronttürmen. Speziell sind die Wasserspeier entlang der Fassaden. Wo gewöhnlich irgendwelche fantasievollen Fabelwesen die Kirchen und Kathedralen schmücken, stellen die Wasserspeier der Basílica heimische Tiere dar, darunter Leguane, Schildkröten, Gürteltiere und Kondore.
Technisch gesehen wurde das Bauwerk nie fertiggestellt, zumindest nicht offiziell. Einer lokalen Legende wird nämlich die Welt untergehen, wenn der Bau der Basilika jemals offiziell abgeschlossen wird. Bevor dies passiert, wagen sich Rolf und Marcel auf das Dach der Kirche und geniessen aus schwindelerregenderer Höhe die Sicht auf die Altstadt.


Mit engen und steilen Gassen, weitläufigen Plätzen aus Vulkangestein und Kolonialbauten hat das Centro Histórico von Quito seinen architektonischen Charakter und seinen pulsierenden urbanen Rhythmus über die Jahrhunderte bewahrt. Gewürzläden, Schneidereien, Papiergeschäfte, Schuhgeschäfte, Juweliere, Cafés und Apotheken reihen sich an die strahlend weißen Mauern der prächtigen Paläste, Kirchen, Klöster und Museen. Das Zentrum der Altstadt ist die Grand Plaza, umgeben von Präsidentenpalast, Stadtpalast, Erzbischofspalast und der Kathedrale von Quito.

Eine weitere Geschichte erzählen die Quiteños gerne über die Cantuña Kapelle der Plaza San Francisco: Der Indianer Cantuña hatte versprochen, die Kapelle innerhalb kürzester Zeit zu errichten. Da es mit dem Bau aber nicht so richtig voranging, bat er schließlich verzweifelt den Teufel um Hilfe. Cantuña versprach seine Seele, wenn der diabolische Baumeister das Werk fristgerecht zu Ende führe. Darauf ging der Dämon gerne ein und Tausende kleiner Teufelchen begannen zu arbeiten, sobald die Dunkelheit über die Stadt hereinbrach. Die Kapelle nahm Form an und Cantuña begann, um sein Seelenheil zu fürchten. In seiner Not wandte er sich an die Jungfrau von Quito. Diese hatte Erbarmen und bewirkte ein Wunder: In der Nacht, in der die Frist ablief, krähte der Hahn eine Stunde früher und der Teufel kam nicht mehr dazu, den letzten Stein einzusetzen. So rettete Cantuña seine Seele, und der Teufel, der sich verspottet fühlte, floh in die Hölle, ohne seinen Lohn mitzunehmen.
Aber wo fehlt der ominöse Stein? Wir fragen die Touristenpolizei auf dem Platz, die uns gerne aufklärt. An der rechten Seite der Mauer zum Platz sind sieben steinerne Wasserabflüsse eingelassen, an der linken Seite nur sechs.

Wir wollen noch mehr von Quito sehen und steigen in die TeleferiQo, eine der höchsten Gondelbahnen der Welt. Auf einer 2.5 km langen Fahrt bringt sie uns auf 3’947 Meter Höhe zu den Antenas an der Flanke des Hausberges Pichincha. Noch ein paar Meter höher, nunmehr über 4’000 m bietet sich vom Aussichtspunkt Cruz Loma ein spektakulärer Ausblick auf die von imposanten Hügeln und schneebedeckten Vulkanen umgebene Stadt. Erst von hier oben werden die Dimensionen der 2.8 Millionen Stadt so richtig sichtbar.
Die Luft ist bereits dünn auf dieser Höhe. Obwohl Rolf sich sicher noch nicht akklimatisiert hat, lässt er es sich nicht nehmen, noch etwas weiter dem Weg in die Höhe zu folgen. Da geben wir bereits klein bei und warten an der Sonne auf ihn.

Es ist noch lange Nacht, als der Wecker klingelt. Aber für das Erlebnis Galapagos stehen wir gerne früh auf. Bereits vor dem Mittag landet der Flieger in Baltra. Zusammen mit 12 anderen Gästen, 7 aus Frankreich, 4 aus Kanada und einer US-Amerikanerin beziehen wir kurz darauf unsere Kabinen auf der Motorjacht Bonita. Dass unsere Kojen unter Deck liegen, stört uns vorerst nicht, wir wollen diese ja nur zum Schlafen benutzen.

Nach dem Mittagessen an Bord stechen wir in See. Auf dem Weg zu den Islas Plazas begleiten uns drei Fregattvögel, die im Fahrtwind des Schiffs ihre Segelkünste aus nächster Nähe zeigen.
Wir landen mit dem Dinghy auf dem südlichen der beiden kleinen Eilande. Der flache nördliche Küstenteil ist mit Lavagestein gesäumt, auf dem sich eine erste der in Galapagos endemischen Meerechsen sonnt. Die auffällig rote Sally Lightfoot Krabbe hebt sich fotogen vom schwarzen Stein ab. Gabelschwanzmöven sitzen am Wegrand und lassen sich von uns Touristen kaum stören. Auch die grossen gelben Landechsen geben den Weg nicht frei, es ist ja auch ihre Insel. Die Vegetation ist karg, vereinzelte Baumkakteen stehen herum. Den Süden der Insel bildet ein steiles Kliff, an dem sich die Wellen des Ozeans schäumend und krachend brechen. In den Klippen nisten Fregattvögel, Blaufuss- und Maskentölpel. Entsprechend ist auch am Himmel ganz schön was los. Die Tölpel segeln im Aufwind und stürzen sich senkrecht ins Meer, die Fregatten versuchen ihnen den Fang in der Luft zu stehlen. Auch Seelöwen nennen die Insel ihr Zuhause. Sie sonnen sich faul auf den Felsen, säugen ihre Jungen oder tummeln sich verspielt im Wasser.

Wir ankern die Nacht vor Santa Cruz. Jetzt macht sich bemerkbar, dass unser Schiff nicht mehr das jüngste ist. Nur schon der Hilfsmotor, der die ganze Nacht Strom für Licht und Klimaanlage generiert, ist so laut, dass an ein Schlafen ohne Ohrstöpsel nicht zu denken ist. Zudem lässt der Motor das ganze Schiff vibrieren.

Am Morgen ist das vorerst vergessen. Wir steigen in die Schlauchboote und fahren in die Mangrovenbucht Caleta Tortuga Negra. Am Eingang zur Bai wünschen uns ein paar Blaufusstölpel einen guten Tag. Kaum im Mangrovendickicht heben neben uns Wasserschildkröten ihren Kopf zum Atmen aus dem Wasser. Kleinere Weissspitzen- und Schwarzspitzen-Riff Haie schwimmen in Gruppen nahe der Wurzeln. Gefleckte Adlerrochen mit ihren schwarzen Oberseiten mit leuchtend weißen Punkten kreuzen das Dinghy. Fast übersehen wir die grossen Familie von Goldrochen. Ihre sandfarbene Oberseite bietet eine fantastische Tarnung auf dem Meeresboden. Den Ausgang der Bucht bewacht stolz ein grosser Brauner Pelikan.

Während dem Mittagessen nimmt ein Seelöwe eines der Schlauchboote in Beschlag. Er sonnt sich gemütlich und fühlt sich sichtbar wohl. Als die Crew das Beiboot für unseren nächsten Ausflug bereit machen will, hält er einiges dagegen seinen neuen Besitz aufzugeben. Es kommt zum Kampf, wobei eines der Crewmitglieder über Bord geht. Am Ende gibt die Robbe auf und das Boot wieder frei.

Lonesome George ist 2012 als letzter seiner Art, der Pinta-Riesenschildkröten, im Alter von mehr als hundert Jahren gestorben. Aber es gibt sie noch, die riesigen, urzeitlich anmutenden Tiere. 15 Unterarten der Galápagos-Riesenschildkröten, rund 30’000 Tiere, leben derzeit auf den Galápagos-Insel. Die Santa Cruz Riesenschildkröten sind eine der Hauptattraktionen im «Hochland» der gleichnamigen Insel. Mit dem Bus fahren wir zur Rancho Primicias im El Chato Tortoise Reserve, um sie in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Hier können sie sich frei bewegen, sich in Schlammpfützen suhlen und durch die Weideflächen wandern. Und diese Schildkröten sind wirklich groß. Einige erreichen eine Länge von 1,5 Metern und ein Gewicht von über 250 Kilogramm. 

Die Galapagos Inseln sind vulkanischen Ursprungs und verbergen einige Lavatunnel, die erkundet werden können. Diese Tunnel haben sich gebildet, als die Aussenschicht der geschmolzenen Lava erstarrte, gleichzeitig jedoch im Innern das flüssige Magma weiterfloss und somit eine Reihe leerer Tunnel hinter sich ließ. Im Reservat gibt es mehrere davon. Wir wandern durch einen dieser unterirdischen Kanäle, wobei wir uns an einer Stelle ganz schön klein machen müssen.

Wir sind bereit für das Abendessen, als plötzlich Hai-Alarm gegeben wird. Hinter der Yacht haben sich ein Dutzend Riff Haie versammelt. Das Licht der Scheinwerfer zieht Fische an, die sie sich als einfaches Abendmahl verspeisen. Dazwischen machen unbekümmert auch ein paar Pelikane Jagd auf die Leckerbissen. Kommen die Haie dann doch einmal zu nahe, verziehen sie sich in die hochgezogenen Dinghys.

Bald nach unserem Nachtessen geht die Fahrt los zu unserem nächsten Ziel. 100 km über fast vollständig offenes Meer sind es bis zur weit im Nordosten liegenden Isla Genovesa. Und die Überfahrt hat es in sich. Nicht nur ist das Brummen des Schiffsmotor in unseren Kabinen sehr laut zu hören und zu spüren, kaum hat das Schiff den Schutz der Inseln verlassen, fängt es heftig an zu Schaukeln. Erika hat glücklicherweise früh eine Tablette gegen Seekrankheit genommen und findet trotzdem etwas Schlaf. Marcel wird es prompt übel und er muss sich erst vom Abendessen verabschieden, bevor auch er einschlafen kann. Um etwas 3 Uhr morgens erreichen wir die Darwin Bay und die Ankerkette fährt donnernd in die Tiefe. Der markerschütternde Lärm schreckt uns aus dem Schlaf und lässt uns fast in unseren Betten stehen.
Neuer Tag, neue Insel. Die Dinghys bringen uns zum Korallenstrand der Darwin Bay Beach. Der sandige Weg zu den am Strand nistenden Gabelschwanzmöven wird von einem Seelöwen blockiert. Da wir aus Erfahrung wissen, wie wehrhaft diese Tiere sein können, machen wir einen grossen Bogen um ihn herum. Im Gebüsch brüten Rotfusstölpel und Fregattvögel, dazwischen bewegen sich einzelne Maskentölpel-Pärchen. Die Vögel lassen sich auch hier von uns Menschen kaum stören. Natürlich halten wir trotzdem den sozialen Mindestabstand ein. In kleineren Meereslagunen mit Mangroven stossen wir auf Lavareiher sowie die allgegenwärtigen Galápagos Krabben. Am Weg ende eröffnet sich ein schöner Blick über die Darwin Bay, so lautet der Name des gefluteten Kraters.

Zurück am Schiff nimmt Rolf am angebotenen Kajaking teil. Wir schauen den Paddlern vom Sonnendeck aus zu und erholen uns noch etwas von der kurzen Nacht. Beim Schnorcheln am Nachmittag ist dann auch Marcel mit von der Partie. Doch das Wasser ist nahe den Klippen ziemlich aufgewühlt und dadurch nicht sehr klar. Trotzdem konnten wir mit unseren neuen Unterwasser-Handyhüllen ein paar gute Fotos schiessen.

Am späten Nachmittag geht es nach einer Trockenlandung hinauf zu den Prince Philip Steps. Oben auf dem 25 m hohen Kliff angekommen, führt der Guide vorbei an Maskentölpel-, Bindenfregatt- und Rotfußtölpel-Kolonien. Beim Durchqueren des kleinen Palo Santo Wäldchen folgen uns Spottdrosseln mit ihren eindrucksvollen und laut starken Tönen. Wir kommen an ein grosses Lava Feld, auf dem unzählige Galápagos-Wellenläufer brüten. Hier sollen mit etwas Glück auch Sumpfohreulen zu sehen sein, die teilweise tagaktiv ist. Und das Glück ist uns hold. Bald schon entdecken wir sogar zwei der etwa 40 cm grossen, braungesprenkelten Käuze.

Da bei der Anreise mit dem Boot der Äquator überquert wird, findet heute Abend an Bord eine Äquatortaufe statt. Die Crew hat sich in Seefahrer- und Freibeuterkostüme geworfen. Diana hat uns allen einen Canelazo zubereitet, das ist ein heißes alkoholisches Getränk, welches in Ecuador, Kolumbien und Peru getrunken wird. Jeder darf jedoch den Alkoholgehalt selbst bestimmen. Die Piraten flüstern jedem den Namen eines auf Galapagos heimischen Tiers ins Ohr, dass er den andern Gästen in einer Pantomime vorführen muss. Der Erfolg wird mit den Äquatorzertifikat belohnt.

Nachdem wir gut gegessen und gut getrunken haben, stechen wir erneut in See. Heute Nacht sind es «nur» 92 km. Der Kapitän warnt uns allerdings vor starkem Seegang und bittet uns in unseren Kabinen zum Bleiben. Und so kommt es fast wie erwartet. Das Schiff beging bald heftig in allen vier Dimensionen zu schaukeln. Obwohl jeder der wollte eine Tablette gegen Seekrankheit erhalten hat, leiden fast alle erheblich. Irgendwann finden wir trotzdem etwas Schlaf, bis uns mitten in der Nacht der Anker wieder aufschrecken lässt. Zumindest sind wir damit den Wellengang los.
Einmal auf Deck, präsentiert sich uns am Morgen ein sonniger Blick auf die Felsnadel Pinnacle Rock der Isla Bartolomé. Unser erster Ausflug führt uns jedoch in die Sullivan Bay der nahen Insel Santiago. An diesem Besucherort dreht sich alles um die Geologie und den vulkanischen Ursprung der Galápagos-Inseln. Wir spazieren auf Lava, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus dem Boden sprudelte, floss und erstarrte. Lavaformen, Schlackenkegel, kleine Lavatunnel und Tuffformationen, wohin das Auge blickt. Obwohl es hier kaum Wildtiere gibt, besitzt die unheimliche Landschaft, die erst vor 150 Jahren entstand, eine ganz eigene Schönheit.

Auch Schnorcheln ist noch einmal angesagt. Die Sullivan Bay glänzt mit ruhigem, kristallklarem Wasser und so lässt sich auch Erika eine Runde durchs Wasser gleiten, um die Unterwasserwelt zu bewundern. Zur Mittagspause besucht uns eine Gruppe Delfine. Schnell sitzen alle in den Schlauchbooten und jagen hinterher. Die Schnorchel Runde am Nachmittag findet dann vor dem Pinnacle von Bartolomé statt. Nicht aber, ohne zuvor bei den Pinguinen auf dem Fels vorbeizufahren und sie zu ermutigen, mit uns zu schwimmen. Rolf kreuzt dann tatsächlich einen unter Wasser, aber auch einige Seesterne und eine Schildkröte entdeckt er. Natürlich auch viele farbige Fische, einzeln, in Gruppen oder in vorbeiflitzenden Schwärmen.

Abgesehen von den nördlichsten Delfinen bietet auch Bartolomé keine außergewöhnliche Tierwelt, dafür aber von ihrem höchsten Punkt einen herrlichen Panoramablick über die Sullivan Bay hinüber zur Insel Santiago. Wir landen an einem Holzsteg, der von einem Seelöwenbullen bewacht wird. Den Aussichtspunkt der Insel in 114 m Höhe erreichen wir über einen 600 m langen Holzweg. Unterwegs dorthin sind in einer speziellen Lavalandschaft verschiedene Pionierpflanzen wie der Lavakaktus zu sehen.

Heute fahren wir bereits vor dem Nachtessen zum nächsten Ankerplatz. Damit ist – abgesehen vom Brummen des Generators – eine ruhige Nacht zu erwarten. Die brauchen wir auch, den am Morgen soll es bereits in der Dämmerung hinausgehen auf die Insel Seymour Norte. Der Rundwanderweg führt uns direkt durch die Brutkolonien der Prachtfregattvögel und Blaufusstölpel. Auch Meerechsen, Gabelschwanzmöwen, gelbe Landleguane und Seelöwen bevölkern die Insel. Unsere besondere Aufmerksamkeit gilt jedoch heute den Prachtfregatt Männern mit ihrem leuchtend roten Kehlsack. Diesen blasen sie während der Balz ballonartig auf, um ihren Liebsten zu gefallen (und unseren Kameras).

Schon sind die Tage auf Galapagos gezählt. Wir fliegen für eine Nacht zurück nach Quito. Bereits am nächsten Morgen bringt uns ein halbstündiger Flug nach Coca im ecuadorianischen Amazonas. Dort beginnt eine rasante Fahrt mit dem Lang Boot auf dem Napo River. Der breite Fluss führt viel Wasser. Trotzdem kurvt der Capitán dauernd zwischen dem linken und dem rechten Ufer, um seichten Stellen auszuweichen. Für die letzte Fahrstunde zweigen wir ab auf den schmalen Río Pañayacu. Es ist bereits später Nachmittag, als wir bei der Amazon Dolphin Lodge an der idyllischen Laguna Pañacocha ankommen.

Zu unsere Überraschung sind wir Drei die einzigen Gäste. Wir haben unseren eigenen Koch, unseren eigenen Kellner, der uns zuvorkommend umsorgt und wir haben unseren eigenen Naturguide. Bereits nach dem Abendessen führt uns Livio in den Dschungel direkt hinter der Lodge. Wir entdecken ein paar Frösche und Kröten, Spinnen und Taranteln, einen schlafenden Schmetterling und eine Maus, die uns von einem Ast aus entgeistert anschaut.

Morgenstund hat Gold im Mund und Tiere in den Bäumen. Livio und der Capitán paddeln uns durch die Mangroven. Wo immer ein Vogel piepst, erkennt ihn unser Guide aber sofort beim Namen und pfeift zurück. Sanft gleiten wir auf dem spiegelglatten Wasser, es ist erstaunlich ruhig. Dann krächzt es laut und heißer aus den Bäumen. Wir sind auf eine Gruppe Hoatzin gestossen.
Der Hoatzin ist eine faszinierende Vogelart, die in den Wäldern und Feuchtgebieten Südamerikas lebt. Er ist leicht an seinem auffälligen Federbüschel zu erkennen, die aus seinem Kopf herausragen und ihm ein fast prähistorisches Aussehen verleihen. Eines der interessantesten Merkmale des Hoatzins ist sein einzigartiges Verdauungssystem. Er ernährt sich hauptsächlich von Blättern, und sein Magen ist hochspezialisiert auf die Gärung von Pflanzenmaterial. Vergleichbar ist der unbeholfene Flieger also eine fliegende Kuh. Darüber hinaus haben junge Hoatzins Krallen an den Flügeln. Ein ungewöhnliches Merkmal bei Vögeln, dass es ihnen ermöglicht, auf Bäume zu klettern, um Raubtieren zu entkommen. Wenn die Flucht in den Bäumen nicht möglich ist, lassen sich die Jungvögel ins Wasser unter dem Nest fallen, tauchen und schwimmen unter der Oberfläche, bis sie am Ufer in Sicherheit sind und klettern wieder in ihr Nest zurück.

Die Kanufahrt ist wunderschön, doch wir müssen erkennen, dass wir wohl ausser Vögeln und Affen kaum grössere Tiere zu Gesicht bekommen. Das viele Wasser des Napo Rivers drängt kilometerweit ins Landesinnere. Entsprechend sind auch Capybaras, Wildschweine und andere Säugetiere hinter die Sümpfe ausgewichen und mit ihnen ihre Fressfeinde, die Kaimane und Anakondas. Schade.

Unser unermüdlicher Guide Livio weiss das aber gut zu kompensieren. Wir legen mit dem Motorboot irgendwo im unwegsamen Dschungel an. Mit seiner Machete schlägt er uns einen Pfad durch das Dickicht. Ausgerüstet mit Kamera, Gummistiefel und ausreichend Mückenschutz folgen wir ihm gespannt. Wir begegnen uralten Baumriesen mit meterhohen flachen Stützwurzeln. Livio schlägt mit einen starken Ast auf die hohlen Wurzeln. Der entstehende dumpfe dröhnende Ton soll kilometerweit zu hören sein und wurde von den Indigenen als Notsignal verwendet. Immer Ausschau haltend nach Affen und Vögel, zeigt er uns als nächstes, wie aus einem einfachen Palmblatt schnell ein Zelt, eine Matratze oder ein Sichtschutz wird. Immer tiefer, so haben wir das Gefühl, begeben wir uns in den Urwald bis wir nach über zweieinhalb Stunden unerwartet wieder vor unserem Boot stehen. Wir hat er das nur gemacht? Ganz ohne Kompass und GPS!

Überall am Ufer stehen riesige, blattlose Kapokbäume mit ihren roten Früchten. Sind die Früchte reif, platzen sie auf zu einem grossen Baumwollknäuel. Die einzelnen Fasern sind zu kurz, um daraus einen Faden zu spinnen, aber als Stopfwolle finden sie noch heute Verwendung. Rolf kann sich vom Boot aus eine Frucht pflücken. In der Lodge öffnet Livio sie mit der Machete und Rolf kann den Inhalt untersuchen.

Bevor es aber so weit ist, versuchen wir uns im Piranha Fischen. Am bissfestem Widerhaken haben wir ein Stück rohes Fleisch befestigt und die Leine ausgeworfen. Schon bald spüren wir einen Zucken. Da scheint sich jemand für den Köder zu interessieren. Die Piranhas sind aber nicht nur hungrig, sondern auch schlau. So fressen die das Fleisch rundherum ab und wir ziehen nur den leeren Haken ein. Wir und der Capitán versuchen es lange erfolglos. Nur Livio hat Glück, und das gleich zweimal. Mit gekonnter Vorsicht entfernt er den Haken aus dem gefährlichen Gebiss der Raubfische. Die Piranhas gibt es als Beigabe zum Abendessen. Sie munden vorzüglich.

Es wird Nacht, Zeit, um auf die Pirsch zu gehen. Bewaffnet mit Taschenlampen rudert uns Livio am Ufer der Lagune entlang. Wir leuchten in die Mangroven und suchen nach reflektierenden Augenpaaren. Wer weiss, vielleicht hat sich ja doch ein Kaiman hierher verirrt. Wir wecken jedoch nur ein paar arme Vögel aus ihrem Schlaf. Doch dann entdecken wir immer wieder Nachtschwalben, die sich auf ihren Flug in die Dunkelheit vorbereiten. Schon auf dem Rückweg zur Lodge leuchten zwei Punkte von einem abgebrochenen Baumstrumpf. Livio bringt das Kanu näher heran. Und tatsächlich sitzt da oben wie ein Stück Baumrinde ein Potoo, ein Tagschläfer, der Meister der Tarnung.

Nachdem wir am Morgen noch einmal vergeblich die rosa Delfine in der Lagune gesucht haben, ziehen wir unsere Gummistiefel an, verziehen uns in den Urwald hinter der Lodge und setzten unser Dschungel-Überlebenstraining fort. Erst schnitzt uns Livio mit der Machete einen Jagdpfeil. Dann zeigt er uns, wie aus der Rinde einer bestimmten Liane mit Werkzeugen aus der Natur Curare hergestellt wird. Curare ist die Bezeichnung für verschiedene hochgiftige Substanzen, mit denen bestimmte indigene Stämme Südamerikas noch heute ihre Jagdpfeile vergiften. Oral eingenommen ist das Nervengift für Menschen völlig unbedenklich, ja sogar reinigend, erklärt uns der Naturbursche und beweist es, in dem er die «Medizin» gleich selbst trinkt. Nun fehlt noch eine Tasche, um die erlegte Beute nach Hause zu tragen. Mit wenigen Handgriffen bastelt er uns eine aus einem Palmblatt. Wie konnten wir bisher nur ohne Livio überleben!

Bereits verabschieden wir uns wieder von der Dophin Lodge und fahren stromaufwärts zurück in Richtung Yarina Lodge, wo wir die letzte Nacht unseres Amazonas Abenteuers verbringen werden. Auf der Fahrt stehen noch mehrere Highlights an.
Für uns das Wichtigste ist die Papageien Salzlecke Saladero de Añangu. Täglich versammeln sich hier Schwärme von Papageien, um die mineralienreiche Erde zu konsumieren und so ihre Nahrungsverdauung zu verbessern. Um die Wildtiere nicht zu stören, wurde für die Besucher ein Unterstand gebaut, aus dem die Lecke beobachtet werden kann. Obwohl wir noch keinen einigen Vogel sehen, herrscht bereits ein unglaublicher Lärm. Und dann fliegen sie ein. Erst einzeln, zögerlich. Aber dann sind sie alle da. Grün mit blau leuchtenden Flügeln, Kobaltflügelsittiche, Dutzende. Es ist unglaublich, wie die Natur diese einzigartigen Orte schafft, an denen sich wilde Tiere so natürlich versammeln.

Der Torre Mirador Yasuní ist schwindelerregende 35 Meter hoch, hat 14 Stockwerke und führt hinauf bis über die Baumkrone des Ceiba Baums, der gleich neben ihm steht. Von oben bietet sich ein Panoramablick in die Weiten des Yasuní Nationalparks und des Napo Rivers. Von hier oben werden nun auch die Sandbänke im Fluss sichtbar, um die der Capitán immer herumkurven muss oder auch mal auf einer stecken bleibt.

Im Touristenzentrum der indigenen Gemeine El Pilchi bekommen wir ein traditionelles Mittagessen: Fisch, in Bananenblättern auf dem Feuer gegart, dazu Reis, Yuka und Gemüsebanane. Dafür dürfen wir dann auch in ihrem Souvenirshops einkaufen und ihre Blasrohre ausprobieren. Marcels erster Schuss auf die 6 m entfernte Papaya sitzt. Aber auch Erika und Rolf sind nicht weit daneben.

Damit wären wir bereit für den Dschungel, alle Lektionen gelernt. Dazu kommt es leider nicht mehr. In der Yarina Lodge begrüssen uns die Oropendola Vögel, die für uns trillernd von den Ästen kippen. Ein letztes feines Nachtessen, serviert von unserem persönlichen Kellner David, der uns von der Dolphin Lodge gefolgt ist. Eine letzte Nachtwanderung mit unserem Naturguide und Lehrmeister Livio. Die letzten Frösche und Spinnen. Eine letzte Nacht im ecuadorianischen Amazon. Es ist nur noch eine kurze Flussfahrt am nächsten Morgen zurück nach Coca, wo wir uns dankend von unserer persönlichen Crew verabschieden. Bereits am Mittag sind wir wieder in Quito auf unserem Platz mit Aussicht.

Was wäre eine Reise nach Ecuador ohne einen Besuch am Äquator. Also fahren wir gemeinsam mit Rocky einfach noch einmal zur Reloj Solar, wo die Mittellinie der Erde millimetergenau eingezeichnet ist. Auch die wissenschaftlichen Erklärungen und Darstellung dazu sind interessant gestaltet.

Noch bleiben Rolf ein paar Tage seiner Aktivferien bei uns. Nach Galapagos und Amazonas wollen wir ihm auch die Vogelwelt im höhergelegenen Nebelwald zeigen. In Mindo nehmen wir zuerst an einer Kaffee- und Schokoladentour teil. Von der Bohne bis zur Tasse, beziehungsweise dem Schokoriegel können wir die verschiedenen Prozesse mit vielen interaktiven Elementen kennenlernen und anschließend die Ergebnisse probieren.

Nun lernt unser Sohn auch noch den Overlander Alltag auf Naturstrassen kennen. Auf einer holprigen Schüttelpiste fahren wir zum Refugio Paz de las Aves. Am Nachmittag ziehen wir erst mal selbstständig durch den Wald. Immer mal wieder hören wir die Rufe des Quetzal, entdecken können wir in nicht. Dafür sehen wir viele andere Vögel, die wir mit der Merlin App identifizieren. Tangare, Baumläufer, Spatzen, Spechte, Waldsänger und sogar einen Rotkopf Bartvogel. Besonders aufregend wird es an der Kolibri Fütterung Station. Diese sind sehr gut besucht und wir zählen mindestens 10 verschiedene Arten, darunter die lustigen Grünscheitel-Flaggensylphe, mit ihren weissen Socken und dem Tennisschlägerschwanz.

Das geführte Birdwatching beginnt im Morgengrauen mit einem Besuch des berühmten Felsenhahn-Lek, wo wir die Balztänze dieser lustigen Vögel mit ihrem scharlachrotem Gefieder beobachten und vor allem hören können. Die Exkursion geht weiter auf der Suche nach einigen der scheuesten Bewohner des Reservats: den Ameisenpittas. Wir stehen alle gemeinsam an einer sumpfigen Stelle im Wald und warten, bis Rodrigo mit Würmern einen Riesenameisenpitta aus seinen Versteck lockt. Andy überredet später noch zwei weitere Mitglieder der seltenen Pittas, sich unseren Kameras zu zeigen. Unterwegs hält Rodrigo plötzlich unser Fahrzeug an. Er hat den Quetzal entdeckt. Nach den vielen Versuchen in Guatemala und Costa Rica bekommen wir den Göttervogel endlich zu Gesicht, auch wenn er uns sein grün schimmerndes Gefieder nur von hinten zeigt.

Ein letztes Mal kehren wir nach Quito zurück. Für Rolf heisst es packen, denn schon geht sein Flieger zurück nach Europa. Es war eine sehr schöne Zeit. Wir durften viel zusammen entdecken und erleben. Wir haben es genossen.

Wir stocken unsere Vorräte auf, füllen etwas abenteuerlich unseren Gastank, verabschieden uns von Coda Vista und dem schönen Blick auf Quito und den Cotopaxi und sind bereit für die Weiterreise Richtung Süden.

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01.08.2025 – 29.08.2025

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01.06.2025 – 30.06.2025

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