Frankreich Teil 1

2. August – 28. August 2021

Nun sind wir unterwegs. Weit kommen wir allerdings nicht. Wir müssen uns unbedingt noch bei unseren besten Freunden Marlise und Francis verabschieden. In Ipsach gibt es dann die letzte Wurst vor Frankreich – St.Galler Olmabratwurst – und einen ersten, exklusiven Stellplatz, ein feines Nachtessen inklusive. Wir werden euch vermissen. 

Irgendwie haben wir das Gefühl, dass wir zu schwer sind. Die Waage bei der Landi in Kerzers bestätigt leider unser Gefühl, haben zu viel geladen. Was kann raus? Was brauchen wir erst für die Panamericana? Nach einem Umweg zu Anika und Moritz fahren wir erleichtert zur Übernachtung auf den Gurnigel. Ein vorläufig letzter Blick hinunter auf den Thunersee, dann geht’s noch einmal durch das Senseland und via St. Croix im dicken Nebel endgültig nach Frankreich.  

Unser ungeschriebener Plan ist, den Atlantik an der französisch-belgischen Grenze bei Dünkirchen zu treffen und dann der Küste mehr oder weniger bis nach Gibraltar zu folgen. Dass es durch die Pyrenäen zu einer Abweichung von diesen Plan kommen wird ist absehbar und gewollt, wir sind ja flexibel und haben Zeit.  

Zeit. Ja, Zeit haben wir, aber wir müssen noch lernen, dass wir Zeit haben. Viel zu schnell drängt es uns vorwärts in die neue, unbekannte Zukunft. So entscheiden wir uns, Teilziele nach Navi anzufahren, dem Navi aber die grossen Strassen zu verbieten. Das führt uns durch kleine Dörfer mit eigenem, rustikalem Flair und Täler mit kleinen Flüsschen, abwechselnd mit Wäldern. Und immer wieder riesengrosse Felder. Felder mit leuchtenden Sonnenblumen, Felder mit Getreide, das wegen dem schlechten Wetter schon zu lange steht und Felder, gepunktet mit runden Strohballen. Die Landmaschinen sind so gross, dass ein Schweizer Bauer wohl nur einmal durch sein Feld fahren müsste. 

Unser Weg nach Norden bringt uns in zwei mittelalterliche Städte. 

Als erstes treffen wir auf Langres mit seiner bemerkenswert gut erhaltenen Stadtmauer, die es mit ihren sieben Toren und zwölf Türmen immerhin auf eine Länge von über 3,5 km bringt! Der schöne Spazierweg verläuft um die ganze Stadt herum. Zwei wundervolle Panoramablicke bereiten sich vor uns aus: Im Osten liegen der See von Liez, das Marne-Tal und die Vogesen; im Westen liegen das Bonnelle-Tal und die Hochebene von Langres. Wir übernachten auf der Mauer direkt vor dem imposanten und mächtigen Turm von Navarre mit einem Durchmesser von 28 m, einer Höhe von 20 m und bis zu 7 m dicken Mauern. 

Etwas weiter nördlich kommen wir in die Stadt Provins. Sie hat aus ihrer bewegten Vergangenheit als einstige Hauptstadt der Grafen von Champagne und als wichtige Handelsstadt ein äußerst beeindruckendes Erbe bewahrt. Die Oberstadt, das historische Herzstück von Provins, wird schützend von gut erhaltenen Stadtmauern umgeben und ist übersät von unzähligen Touristen (wie wir). Nach dem Durchschreiten des Tores Saint-Jean öffnet sich die mittelalterliche Stadt mit all ihrem Charme, geprägt durch den schönen Platz von Châtel, umgeben von alten Wohnhäusern. Der Tour César, ein imposanter achteckiger Bergfried auf viereckigem Grundriss aus dem 12. Jahrhundert, soll von seiner Aussichtsterrasse aus einen sehr schönen Blick auf die Dächer der Stadt und die umliegende grüne Landschaft bieten. Wir verzichten darauf, der Eintrittspreis überschreitet unser Budget bei weitem. 

Auch Frankreich kann mit Stauseen auftrumpfen, und das nicht nur in den Bergen. In der südlichen Champagne gelegen, eingedämmt mit kilometerlangen Deichen, ist der Lac du Der Chantecoq mit 4800 Hektar der größte Stausee Frankreichs (Grand Dixence 404 ha). Er schützt nicht nur die umliegende Region vor Hochwasser, sondern auch die Seine in Paris. Gleichzeitig dient er aber auch als Wasserspeicher, falls die Seine während einer Trockenperiode ein wenig Unterstützung benötigt. Der künstlich errichtete See ist ein Mekka für Vogelfreunde, Wassersportler und jeden, der Erholung sucht. 60’000 bis 140’000 Kraniche machen hier Jahr für Jahr Station, wenn sie im Herbst in Richtung Süden fliegen und im Frühjahr zurückkehren. Leider sind unsere «Wappenvögel» zur Zeit nicht da. 
Wir verbringen zwei Nächte auf einem Stellplatz unterhalb des Dammes. Die Wanderung durch das Naturschutzgebiet bringt uns zu einem Beobachtungsunterstand, in dem sich die Schwalben eingenistet haben. Unermüdlich füttern die Alten ihre hungrigen Jungen in unserer unmittelbaren Nähe und fliegen dabei direkt neben unseren Köpfen ein und aus. Wir scheinen sie nicht zu stören. 

Eigentlich liegt das berühmte Chateau Fontainebleau gar nicht so weit neben unserem Weg. Die Residenz für königliche Jagdausflüge im Mittelalter und der Lieblingsort von Napoleon Bonaparte ist uns ein Abstecher wert. Das berühmte Schloss war Residenz von 34 Königen und zwei Kaisern. Es ist das einzige Schloss, das fast acht Jahrhunderte lang von französischen Herrschern bewohnt war. Mit 1’500 Zimmern ist es eines der grössten Schlösser von Frankreich.  
Das Schloss liegt in einem 130 Hektar großen Park und entfaltet seine Architektur im Herzen von drei historischen Gärten, dessen großes Beet mit 11 Hektar das weitläufigste von Europa ist. Obwohl das Wetter wieder einmal nicht zum Besten ist, geniessen wir den Park und stellen uns dabei vor, wie einst Henri IV. oder Marie-Antoinette auf denselben Wegen wandelten. 

Ganz in der Nähe liegt Schloss Vaux-le-Vicomte mit seiner speziellen Geschichte. Das imposante Schloss und sein Park wurden in den Jahren 1656 bis 1661 auf Veranlassung des französischen Finanzministers Nicolas Fouquet im klassizistischen Barockstil erschaffen. Der Anlage, die neben dem Garten auch einen weitläufigen Park umfasst, mussten insgesamt drei Dörfer weichen. Am 17. August 1661 veranstaltete Nicolas Fouquet zu Ehren von König Ludwig XIV., der aus seinem Schloss Fontainebleau anreiste, ein opulentes Fest mit 6’000 erlesenen Gästen. Neben der verschwenderischen Inszenierung der Festlichkeiten in Schloss und Park erregte vor allem das prunkvolle Interieur und das massiv goldene Tischgeschirr Fouquets Aufsehen. Das gesamte Haus war ausgestattet mit teurem Brokat, Spiegeln und Marmortischen mit vergoldeten Füssen. Der König, dessen verschiedene Schlösser in und um Paris dem neuartigen Konzept von Vaux-le-Vicomte nichts Vergleichbares entgegenzusetzen hatten, soll über die öffentliche Zurschaustellung von Fouquets Reichtum verärgert gewesen sein, was seine schlechte Meinung über Fouquet vertiefte. Drei Wochen nach dieser prunkvollen Einweihungsfeier ließ er Fouquet verhaften und zu lebenslanger Haft verurteilen, da dieser Staatsgelder veruntreut und eine Festung ohne Zustimmung des Königs erbaut hatte. Ludwig XIV. veranlasste noch im selben Jahr, dass die drei prägenden Künstler von Vaux-le-Vicomte das kleine Jagdschloss Versailles um- und ausbauten. 

Nur ein Flügelschlag weiter, mitten im Herzen der schönen Landschaften der Region Brie, in dem kleinen Dorf Blandy liegt die imposante Festungsanlage Blandy-les-Tours aus dem 13. und 14. Jahrhundert, die mit ihren fünf Türmen und dem 35 m hohen Donjon, ein Musterbeispiel für die mittelalterliche Architektur ist. 

Aus nächstes wollen wir die Stadt Reims ansteuern, die erreichen wir jedoch heute nicht mehr. Wir versuchen deshalb zum ersten Mal bei einem Gastgeber von France Passion, dem Einladungsprogram von französischen Winzern und Bauern, zu übernachten. In der Nähe von Chateau Thierry, nur leicht neben unserer Strecke, liegt der Biohof Ferme de Greves von Julie und Arthur Balligand. Der Hof passt mit seiner jahrhundertalten Geschichte genau zu unserem Schlössertag.  
Der Hof wurde zu Zeiten der Könige von den höfischen Zolleintreibern gebaut und bewohnt. Ein Anbau am Gebäudeteil der Höfischen beinhaltet noch heute nur die 2 Meter breite Treppe, auf der die Damen mit ihren weit ausladenden Röcken ins Obergeschoss stiegen.  
Eine etwas traurige Zeit erging dem Hof im Laufe des 1. Weltkriegs. Während der 2. Schlacht an der Marne 1918 hausten im Hof die Offiziere der US Truppen, die Soldaten davor auf den Feldern in Zelten. Noch heute findet Arthur manchmal eine Plakette oder ähnliches bei den Feldarbeiten.  
Im Moment findet sich auf dem erntereifen Flachsfeld neben unseren Stellplatz aber vor allem viel Unkraut, das vor dem Schnitt von Hand entfernt werden muss. Am Abend helfen wir der Hofgemeinschaft beim Unkraut jäten und werden mit einem ortsüblichen Glas Champagner belohnt. Ja, wir sind in der Champagne.  

In Reims besuchen wir die grandiose Kathedrale Notre-Dame de Reims, die im 13. Jahrhundert im reinen gotischen Stil errichtet wurde. Jahrhundertelang wurden hier die französischen Könige gekrönt. Sie gilt als eine der architektonisch bedeutendsten gotischen Kirchen Frankreichs. Zahlreiche Figuren schmücken die Portale der Kirche, die berühmteste davon ist sicher der lächelnde Engel (Ange au sourire).  
Der Rest der Stadt reist uns nicht gerade vom Sockel und so sind wir bald wieder unterwegs.  

Ganz anders die Stadt Arras, auf die wir ca. 160 Landstrassenkilometer weiter nordwestlich treffen. Arras, bereits in der Region Hauts-de-France, ist berühmt für ihre zauberhaften Kopfsteinpflasterplätze: der Grand’Place und der Place des Héros. Die von 155 Häusern im flämischen Barockstil umgebenen Plätze sind der Stolz der Einwohner von Arras und ziehen die ganze Bewunderung der Besucher auf sich. Der Place des Héros ist von überdachten Galerien umrahmt, wo sich gastronomische Boutiquen und Cafés befinden. Über diesen Platz ragt der beeindruckende Belfried des Rathauses. Die Stadt wurde während des 1. Weltkrieges fast völlig zerstört: schon am 7. Oktober 1914 brannte das Rathaus und der Belfried stürzte am 21. Oktober 1914 ein. Nach dem Krieg wurde Arras in historischer Form wieder aufgebaut.  
Die Sonne und die vorbei flanierenden Leute genießend, sitzen wir auf dem Place des Héros bei einem Glacé. Sommergefühle! 

Die Hügel werden flacher, die Strassen gerader. Was bleibt sind die riesigen Felder, soweit das Auge sehen mag. Frisch gepunktet mit all den runden Strohballen, abwechselnd mit Sonnenblumen,  selten mal Kartoffeln. Leider etwas Monokultur für uns. Auf erstaunlich vielen Feldern jedoch liegt Flachs, bereits gemäht zum Trocknen. Bei uns kaum mehr zu sehen, zeigen diese Felder, dass hier die Leinenverarbeitung eine wichtige Rolle spielt.  

Je näher wir Dünkirchen kommen, umso häufiger fahren wir an Soldaten-Friedhöfen vorbei. Einmal die Franzosen, dann die Briten, die Amis, Kanadier oder Neuseeländer liegen hier in Reih und Glied, selten mal Deutsche. 
Uns aber ruft das Meer … In Dünkirchen, genauer am kilometerlangen Sandstrand von Malo les Bains stossen wir auf den Atlantik. Feriengefühle kommen auf. Wir beschliessen ein paar Tage zu bleiben. Trotz eher frischem Wetter genießen wir die Strandspaziergänge entlang der Villen der Belle Epoque, die Ausfahrten mit den Rädern und natürlich den Besuch der lokalen Märkte. In der lebendigen Stadt ist deren schwere Geschichte nur dezent am Rande sichtbar. 

Kennt ihr noch die Sch’tis? Die Filmkomödie Bienvenue chez les Ch’tis aus dem Jahr 2008 ist mit über 20 Millionen Kinobesuchern der bislang erfolgreichste französische Film in Frankreich. Die Sch’tis existieren tatsächlich. Der Dialekt „Sch’ti“ wird in der nördlichsten Region Frankreichs „Nord-Pas-de-Calais“ in der Gemeinde Bergues gesprochen. Die in der deutschen Übersetzung gesprochene Sprache ist zwar eine Erfinderung, sie existiert aber im französischen Original wirklich: Die Sch’ti sprechen „picardisch“. Natürlich müssen wir dahin, aber ausser einer übergrossen Figur des Hauptdarstellers Kad Merad vor dem Rathaus und einer Biermarke gibt es da nicht ein einziges Anzeichen der Sch’tis und erst recht keinen Souvenirshop. 
Dafür aber ein tolles befestigtes Städtchen, sehr gepflegt mit vielen Blumen und einer überaus bewegten Geschichte, wurde sie doch seit dem 11. Jahrhundert nicht weniger als 5 Mal zerstört und wieder aufgebaut.  
Der historische Beffroi von Bergues ist die berühmteste Sehenswürdigkeit der Stadt. Er ist gleichzeitig auch der Carillon, also der Glockenturm mit 50 verschiedenen spielbaren Glocken. Vor dem Einmarsch der deutschen Truppen im zweiten Weltkrieg wurden die Glocken geborgen und versteckt. Beim Abzug der Deutschen am Kriegsende wurde der Turm durch die deutschen Truppen gesprengt, 1961 aber wieder aufgebaut. 
Wir erleben das Städtchen am Montag zum Markt und erfreuen uns eine Stunde lang am Glockenspiel, auf dem Klavier im Turm gespielt.  

Gerade noch rechtzeitig erfahren wir von Drachen von Calais, ein Kunstwerk der Künstlergruppe „LA MACHINE“. Der Drache aus 72 Tonnen Stahl und Holz schiebt sich seit Dezember 2019 fauchend und feuerspeiend mit weitem Flügelschlagen und rollenden Augen über die Strandpromenade von Calais. Wir sind fasziniert.  

Interessant wäre auch der Eurotunnel, der ja bei Calais seinen kontinentalen Anfang hat. Wir sehen davon jedoch nur den Eingang, in dem die Züge verschwinden.  

Bei Kreidefelsen denkt jeder unwillkürlich an die Kanalküste von England. Dass es auch auf der französischen Seite des Ärmelkanals ein entsprechendes Pendent gibt, erleben wir bei unseren kurzen Spaziergängen am Cap Blanc-Nez  und Cap Gris-Nez. Die Sichtachse vom Cap Gris-Nez zum Shakespeare Cliff bei Dover bildet die Stelle, an der sich Kontinentaleuropa und die Insel Großbritannien und mit nur 33 km Entfernung am nächsten sind; die Straße von Dover. Die zwei schönen Aussichtspunkte beglücken uns mit guter Fernsicht in Richtung Dover und die englische Felsenküste. 

Gemütlich schlendern wir durch die schmalen Gassen und Fußgängerstraßen der Festungsstadt von Boulogne-sur-Mer und erfahren vom Festivals „Parcours d’Art urbain – Street art“. Urbane Künstler, sowohl französische als auch internationale, haben seit einigen Jahren völlig freie Hand, um ihre Vision der Stadt zu vermitteln. So wurden Mauern der Häuser mit Street Art verschönert. Ganze Häuserfronten wurden zu Leinwänden, eine Treppe wird zu einem Bild. Wir weiten unseren Stadtrundgang aus, um noch mehr davon zu sehen. 

Und dann ….  Ferienfeeling! Eigentlich wollten wir auf einem vielgepriesenen Stellplatz in Berck übernachten, in unmittelbarer Strandnähe. Dieser ist jedoch hoffnungslos übervoll und wir müssen weiter. Zu unserem Glück. Wir finden Fort Mahon Plage und fühlen uns wie in Lacanau Ocean, einen Ort nahe unserem jahrelang besuchtem Ferienort Carcans Plage an der Cote Atlantic. Auch die Moules sind hier vorzüglich.  

Wir fahren der Küste nach weiter gegen Süden, genießen tolle Aussichten auf die wildromantische  Kreideküste mit hochaufspritzenden Wellen, tauchen ein in die wilde Schönheit der normannischen Küste und lassen uns die Meeresbrise um die Nase wehen! 

Dann erreichen das kleine Seebad Etretat. Schon auf den ersten Blick wird klar, warum Maler hier zu allen Zeiten ihre Staffeleien aufstellten. Land und Meer vereinen sich an der Steilküste von Étretat zu einer grandiosen Szenerie, die ihresgleichen sucht. Man muss nicht Impressionist vom Range eines Degas oder Monet sein, um sich von dieser Szenerie faszinieren zu lassen. Egal von welcher Perspektive aus wir das Meer betrachten, ob hoch oben auf der Steilküste oder unten am Strand; die salzige Luft, das Schreien der Möwen und nicht zuletzt den einmaligen Blick auf die Felsklippen vergessen wir nicht so schnell. 

Der Hafen von Le Havre würde uns interessieren. Einige Baustellen und der viele Verkehr lassen uns nur vorbeifahren. Es ist zu schwierig einen Parkplatz für unseren Rocky zu finden. Am Ausgang der Stadt belohnt uns dann dafür die Pont du Normandie. Die Schrägseilbrücke besitzt mit 856 m die größte Spannweite in Europa. Sie überquert die Seinemündung und verbindet seit 1995 Le Havre auf dem rechten Ufer im Norden mit Honfleur auf dem linken Ufer im Süden. 

Was folgt ist eine ziemlich mondäne Gegend. Honfleur mit dem farbenfrohen Fischerhafen und den Fachwerkhäusern und kurz danach Deauville. Deauville ist seit jeher der Inbegriff der eleganten Seebäder und international bekannt. Coco Chanel präsentierte hier ihre Strandmode, noch heute treffen sich Stars und Sternchen beim amerikanischen Filmfestival oder während edler Pferderennen. Die schier endlose Strandpromenade „Les Planches“, die bunten Sonnenschirme, die Strandvillen und luxuriösen Hotels und das hübsche Casino sind legendär. 
Uns wollen sie hier nicht haben. Überall Verbote für Wohnmobile; nicht nur Übernachtungsverbot, auch Parkverbot oder sogar Fahrverbot. Wir Camper sind den Leuten hier wohl zu wenig nobel also umfahren wir sie großzügig. 

An der Küste der Normandie sind heute noch viele Bunker, Panzer und Kanonen zu besichtigen. Die D-Day Landungsstrände der Normandie gingen am 6. Juni 1944 in die Geschichte ein. Hier landeten an nur einem Tag 150.000 alliierte Soldaten. Der D-Day gilt als die größte Militäroperation aller Zeiten. Moderne Museen, Friedhöfe und Denkmäler erinnern heute in der Normandie an die Geschichte und die persönlichen Geschichten, die den Anfang vom Ende des 2. Weltkriegs einläuteten. Wir fahren Sie entlang der fünf Landungsstrände mit den Codenamen Sword, Juno, Gold, Omaha und Utha. Ob heute wirklich die Erinnerungen oder aber der Kommerz im Vordergrund steht, lassen wir offen. 

Saint Vaast de Hougue ist berühmt für Austern und das Ende August stattfindende Musikfestival auf der vorgelagerten Insel Tatihou. Bei Ebbe ist sie vom Festland aus zu Fuß zu erreichen. Wer allerdings lieber trockenen Fußes dorthin gelangen will, kann gezeitenunabhängig mit einem als Amphibienfahrzeug ausgebauten Boot auf die Insel fahren. Wir kommen leider zu spät am Abend an, als dass es noch für das Festival reicht. Ein Spaziergang um den Hafen ist aber allemal drin. Aufgrund des grossen Tidenhubs ist der Hafen mit einem grossen Schleusentor versehen und der Zugang zum Meer täglich nur zweimal während etwa 4 Stunden möglich. 

Weiter der Küste entlang fahren wir nach Barfleur und besuchen auch hier einen regionalen Markt mit frischen Fischen, allen möglichen Meerestieren aber auch Gemüse und Obst in allen Farben.  

Marcel ersteigt den Leuchtturm in Gatteville. Der Leuchtturm liegt der nordöstlichen Ecke der normannischen Halbinsel Cotentin und ist mit einer Höhe von 75m der zweitgrößte Leuchtturm Frankreichs. Er wurde von 1829 bis 1834 gebaut, und das ohne Gerüst! 350, 351, 352…. wie viele Stufen noch bis oben? Es werden 365 Stufen zur Aussichtsplattform mit einem herrlichen Blick über die Manche, die Küsten des Calvados und den normannischen «Bocage». Unten spritzt die Gischt an der Quai Mauer hoch und erfrischt die Spaziergänger.  

Nun lockt uns auch noch der nordwestliche Zipfel. Bei Auderville finden wir einen öffentlichen Stellplatz. Dank der Höhe unseres Rocky können wir vom Fahrzeug aus sogar das Meer sehen. Die Wanderung am Meer entlang von Goury zum Cap de la Hague beschert uns weitere spritzige Aussichten obwohl das Meer sich wieder einmal weit zurückgezogen hat. Rundgeschliffene Steine am Strand laden dazu ein, Steinmandli zu bauen. Am Morgen müssen wir noch einmal kurz zum Meer. Irgendwann muss es doch zurück sein und den Booten im Hafen den Weg ins Meer erlauben. 

Und gleich die nächste wilde Küste,  Nez Jobourg, begeistert uns. Rote Hügel von blühenden Erika auf der einen und wilde Klippen mit blauem Meer auf der anderen Seite.  
In der Ferne die Kamine der Wiederaufbereitungsanlage La Hague an der wir dann auch vorbeifahren. Wäre zwar sicher interessant,  aber schnell weg hier. 

Am Strand von Pirou können wir etwas über Austern und Moules lernen. Die Austern werden mit der Tischkultivierung gezüchtet, die nur an flachen Küsten mit einer ausreichend breiten Gezeitenzone möglich ist. Bei dieser Methode werden in der Tidenzone ca. 50 cm hohe Eisentische aufgestellt. Auf diesen liegen grobmaschige Säcke, in denen die Austern heranwachsen. Sie sind bei Flut im Wasser und bei Ebbe im Trockenen. Die Aufzucht auf Tischen verhindert einerseits, dass die Austern einen schlammigen Geschmack annehmen und schützt weiterhin die Tiere vor bodenlebenden Räubern. Die Säcke werden in regelmäßigen Abständen gerüttelt und gewendet, damit die Austern nicht zusammenwachsen oder eine krumme Form bekommen, außerdem muss ständig der Algenbewuchs entfernt werden. Ein Vorteil diese Methode ist der Umstand, dass die Bewirtschaftung bei Ebbe trockenen Fußes erfolgen kann. 
Die Mouleszüchter fangen Muschellarven auf natürliche Weise an Seilen aus natürlichen und biologisch abbaubaren Fasern. Sie werden dann um Holzpfähle, Bouchots genannt, gewickelt. Die Muscheln sind für Krabben und andere Raubtiere unzugänglich. Jeder Bouchot kann bis zu 80 kg Muscheln aufnehmen. Die Zuchtmuscheln hat eine Dicke von mindestens 12 mm und ist höchstens 8 cm lang. Die Muschel enthält weder Sand noch Parasiten. 
Von der Mole aus lassen sich die interessanten Arbeiten gut sehen. Und noch ein Schauspiel präsentiert uns: Aufgrund der vielen Muschelbänke hat Pirou keinen Hafen. Nachdem die Flut etwa halb zurückgegangen ist, kommt plötzlich Leben am Strand auf. Ein Traktor mit einem Boot auf dem Slipwagen fährt über die grosse Rampe auf den Strand und setzt das Boot ins Wasser. Die Traktor wird direkt am Ort stehengelassen, zwei Männer springen auf das Boot und ab geht es auf das offene Meer zum Fischen. Und noch so ein Gespann fährt auf den Strand, zwei, fünf, mehr. Interessant sind dabei auch einige der Traktoren, ein Oldtimertreffen, würdig für das Museum. In diesem Ort stehen vor fast jedem Haus nicht nur Autos,  sondern auch ein Schiff und eben auch ein Traktor. 

Unsere letzte Station in der Normandie ist der Mont-Saint-Michel. Der Berg mit der Abtei ragt wie eine Insel aus dem Wattenmeer der Normandie. Im 12. Jahrhundert war die Abtei Ziel großer Pilgerströme. Sie verfügte über große Macht und bedeutenden Einfluss. In noch geringem, aber wachsendem Umfang wird der Berg auch wieder von Pilgern besucht, unter anderem auch von Pilgern auf dem Jakobsweg. Er ist deshalb seit 1998 auch Teil des Welterbes Jakobsweg in Frankreich. 
Im Jahr 1995 wurde der Grundstein für das Renaturierungsprojekt am Mont-Saint-Michel gelegt. Der Klosterberg sollte seinen maritimen Charakter zurück erhalten. Seit Abschluss des Projekts im Jahr 2015 wird die berühmteste Sehenswürdigkeit der Normandie mehrmals im Jahr wieder zur Insel. 
Die Gezeitenkräfte in der Gegend um den Berg sind hoch; Victor Hugo sprach von Fluten „à la vitesse d’un cheval au galop“ („mit der Schnelligkeit eines galoppierenden Pferdes“). Zwischen höchstem und niedrigstem Wasserstand, dem Tidenhub, liegen bis zu 14 Meter. Mittelalterliche Pilger gaben der hoch über dem Meer aufragenden Abtei deshalb auch den Namen Mont-Saint-Michel au péril de la mer, („Mont-Saint-Michel in den Gefahren des Meeres“), sie mussten schließlich noch ihren Weg durch die bei Ebbe zurückgewichenen Fluten suchen.  
Abends stehen wir auf den Zinnen der Stadtmauer und halten Ausschau nach dem Meer, welches Richtung Land rauscht. 

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