Frankreich Teil 3

09. Oktober bis 10. November 2021

Es geht wieder Richtung Norden. Eigentlich sollten wir im Oktober nach Bern für das Visainterview in der US-Botschaft. Doch dieses wurde von der Botschaft wegen Corona kurzfristig abgesagt. Trotzdem wollen wir wie geplant Anika und Moritz im Maison La Cathenière im Burgund treffen. So geht es also die nächsten Tage wieder quer durch Frankreich.

Die erste Station ist Lourdes, in den Ausläufern der Pyrenäen, mit der auf der ganzen Welt bekannten katholische Marienwallfahrtsstätte. Wir fahren durch die ganze Stadt, immer den Wegweisern zum WoMo Stellplatz nach. Am Ende ist da der schöne, grosse, leere Platz für Reisebusse und Camper mit einem Parkverbot für Camper. Da soll einer die Franzosen verstehen. Na, dann halt auf den teuren Campingplatz am anderen Ende der Stadt.
Der Legende nach ist die Jungfrau Maria in der Grotte von Massabielle einem jungen Mädchen aus dem Ort erschienen. Pilger können das Wasser, das aus einer Quelle in der Grotte sprudelt, entweder trinken oder darin baden. Kerzen werden geopfert, von der Kleinsten bis zur Riesigen, die wohl monatelang brennt.  Eine unglaubliche Menschenmasse wälzt sich durch die Wallfahrtsstätte. Der Kommerz blüht.

Da stehen sie in allen Farben. Auf dem Flughafengelände von Tarbes reihen sich Dutzende Flugzeuge aus aller Welt aneinander, sorgfältig wie Spielzeug auf einem riesigen Parkplatz aufgereiht. Während der Corona Krise sind sie hier eingelagert und warten auf wieder bessere Zeiten. Wenn ein Flugzeug eingelagert ist, ist es noch lange nicht aufgegeben. Zunächst gilt es, alle Öffnungen abzudichten, um die sensiblen Bereiche zu schützen.  Die elektronischen Systeme werden regelmässig getestet und die notwendigen Wartungsarbeiten durchgeführt, um sie flugtüchtig zu halten. Manche werden trotzdem nie mehr abheben. Wir finden einen Feldweg, auf dem wir sehr nahe an die riesigen Airbus A380 herankommen. Vom Autodach gibt es eine noch bessere Sicht.

Nach dem Drachen von Calais und dem Elefanten von Nantes besuchen wir in der Halle de la Machine in Toulouse das dritte mechanische Ungetüm der Reihe, den Minotaurus. Hier wird nicht nur gefaucht, gebrummt und Wasser gespritzt, hier wird auch Musik gemacht. Wobei gemacht das genau richtige Wort dafür ist, wurden doch alle möglichen Instrumente zu Maschinen um- und zusammengebaut. Ein tolles Konzert lassen sie uns staunend hören. Auch erfahren wir viele weitere Details zum Drachen von Calais, dem aus unserer Sicht tollsten der drei mechanischen Riesen. Wie in Nantes gibt es auch hier ein Karussell, die Menage Le Carre Senart. Riesenbüffel schleppen Fischköpfe quer über den Kreis von Insekten auf Schienen, während andere Kreaturen sich um diese fantasievolle, märchenhafte Struktur bewegen.

Das grosse Toulouse hat keinen eigentlichen Stellplatz für Wohnmobile, dafür einen grossen Parkplatz mit überwachtem Tor und direkter Sicht auf die Cité de l’Espace inklusive Ariane 5. Die Cité de l’Espace wiederum bietet eine neue Sicht auf die Welt und alles ausserhalb. Auf der website steht: «Begeben Sie sich auf eine Reise ins Erdinnere. Ein Mondfragment mit der Lupe betrachten, das Innere der Weltraumstation Mir betreten… Lernen Sie die Wetterstation kennen, erfahren Sie alles zur Atmosphäre und verstehen Sie, wie Wettervorhersagen gemacht werden. Der 360°-Bildschirm des Planetariums lässt Sie wortwörtlich in den Weltraum eintauchen.»
Wäre interessant, all dies zu erfahren. Leider schliesst die Attraktion schon bald und bleibt morgen Montag auch geschlossen. Also bleiben wir draussen sitzen und begnügen uns mit über den Zaun gucken. Bis Dienstag wollen wir nicht warten, zumal auch das Aeroscopia von Airbus morgen geschlossen hat. Aber keine Bange Toulouse, wir kommen wieder, versprochen.

Die kürzeste Strecke von Toulouse nach La Cathenière ist die Gerade, oder eben die Strassen und Strässchen, die das Navi links und rechts dieser Geraden findet. Heute führt es uns nach Albi.
Die wunderschön an den Ufern des Tarn gelegene Stadt Albi macht ihrem Namen als «rote Stadt‟ alle Ehre! Der Grund dafür? Ihre wunderschönen Bauwerke sind aus Backstein und Stein errichtet und ergeben so einen malerischen Charme. Beim Gang vom Stellplatz in die Stadt sehen wir von weitem die wuchtige Kathedrale, die von aussen eher einer Burg gleicht. Die Kathedrale Sainte-Cécile, ein Juwel der gotischen Baukunst in Südfrankreich, ist die grösste Backsteinkirche der Welt und auch die grösste in Europa, deren Innenwände noch komplett bemalt sind. Wir können uns das nicht so richtig vorstellen und sind entsprechend positiv überrascht. Das klotzige Äussere lässt das bunte, helle Innere der Kirche nicht erahnen.
Im Licht der untergehenden Sonne leuchtet die ganze Stadt rotgolden. Die Kathedrale und die Brücken spiegeln sich im Fluss Tarn.

Ein Sightseeing Wegweiser in Saint Martial erweckt unser Interesse: An den Flanken des Viaur-Tals steht der 1902 fertiggestellte Viaur-Viadukt, eine bemerkenswerte metallische Leistung des Ingenieurs Paul Bodin.
Der Viaur-Viadukt war 1887 Gegenstand eines Architektenwettbewerbs. Acht Projekte wurden vorgestellt, darunter eines von einem gewissen Gustave Eiffel. Schliesslich wurde das Projekt ausgewählt, das Paul Bodin, Ingenieur der Firma Batignolles und Professor an der Ecole Centrale, vorgestellt hatte. Diese Stahlbrücke, 116 m hoch und 460 m lang, 3800 t Stahl, besteht aus zwei ausbalancierten und gelenkigen Kragträgern, die jeweils durch ein Mauerwerkswiderlager mit zwei Bögen verlängert werden. Der Mittelbogen mit einer Spannweite von 220 m wird von zwei symmetrischen Rahmen gebildet, die in der Mitte der Brücke durch einen Gelenkschlüssel verspannt sind. Es ist die einzige Brücke dieser Art in Frankreich. Diese Technik ermöglicht die freie Verformung des zentralen Bogens unter dem Einfluss der Lasten, die während der Fahrt der Züge getragen werden, der Temperaturschwankungen und des Windes.

Weiter in nordöstliche Richtung treffen wir auf Bozouls. Das Dorf Bozouls liegt am Rande von hohen Felsen und ragt über den Fluss Dourdou in einer sehr beeindruckenden Naturumgebung: Ein grandioser Talkessel in Form eines Hufeisens, mit einem Durchmesser von knapp 400 m und einer Tiefe von 100 m. Spazierwege führen durch den Ort, bis hinab zum Fluss und über die Brücke wieder hinauf zur Kirche und dem Schloss im Innern des Hufeisens. Die wunderschönen Rundumsichten sind von überall spektakulär und oft schwindelerregend.

Und wieder ist es eine alte Eisenbahnbrücke, die uns in den Bann zieht. Zwischen 1880 und 1884 hat der Visionär Gustave Eiffel zusammen mit dem Ingenieur Léon Boyer ein elegantes und gewagtes Bauwerk aus Metall geschaffen. Damals galt der Viadukt von Garabit nicht nur als eines der schönsten Kunstbauwerke der Welt, sondern auch als eine Meisterleistung in Sachen Technik und Architektur. Der Viadukt war für 25 Jahre die höchste Eisenbahnbrücke der Welt und zählt zu den bedeutendsten Brücken des 19. Jahrhunderts. Der kreative Umgang mit dem Werkstoff Eisen brachte dem Konstrukteur und Unternehmer Gustave Eiffel neuen Ruhm ein. Man nannte ihn den „Eisenzauberer“. Der Erfolg beim Bau seiner Brücken trug mit dazu bei, dass er den Auftrag zur Errichtung des nach ihm benannten Eiffelturmes zur Weltausstellung in Paris erhielt.
Das Bauwerk überspannt mit einer Länge von fast 565 Meter in 122 Metern Höhe das Tal der aufgestauten Truyère. Die Spannweite des Bogens beträgt 165 Meter. 3169 Tonnen hochwertigen Schmiedeeisens, 41 Tonnen Stahl und 23 Tonnen Gusseisen wurden mit 678.768 Nieten verbaut. Das Gewicht der einzelnen Bauteile betrug transport- und baustellengerecht maximal 145 kg. Der Anstrich deckt 51.000 m². Die ursprünglich graue Farbe wurde Ende der 1990er Jahre durch einen roten Anstrich ersetzt, der die Eleganz des Bauwerkes unterstreicht. Nachts wird der Viadukt beleuchtet.

Bei der Anfahrt auf Saint Flour geniessen wir die schöne Aussicht auf die auf einem Basaltfelsen errichtete Oberstadt mit ihren natürlichen Wehrmauern aus Vulkanstein. Der Besuch der Altstadt führt uns durch enge Gassen zur Kathedrale Saint-Pierre, die berühmt ist für ihren grossen Christus aus Nussbaumholz, den «Schönen schwarzen Gott». Das gotische Bauwerk aus schwarzem Lavastein wirkt von aussen schwer und fast bedrohlich. Es ist kalt und nass, die Läden sind geschlossen, das Städtchen ist wie ausgestorben. Vielleicht ist es nur die falsche Zeit, die Leute sind am Mittagessen.

Weiter geht’s quer durch das Massif Central, das wilde, grüne Herz Frankreichs. Eine Vielzahl von Landschaften begleiten uns; alpin anmassende Hochebenen, Torfmoore, erloschene Vulkankegel, herbstlich brach liegende Felder, Laubwälder mit ersten gelben und roten Blättern. Hier und dort grüsst ein schmuckes Schlösschen, eine Burgruine, ein schlichtes Dorf.

Vichy ist das bedeutendste Heilbad Frankreichs. Insgesamt sechs heisse und kalte Quellen heilen hier Körper und Geist. Selbst die Römer wussten schon um den Kurort Vichy, und auch Mitglieder des französischen Königshauses waren hier zu Gast. Die noble Stadt hat von dem Prunk der damaligen Zeit zahlreiche architektonische Schätze bewahren können. In der Quellenhalle von 1902, amüsieren wir uns an den Reihen von Wasserhähnen, an denen die Kurgäste unter Coronabedingungen mit dem Becherchen von Hahn zu Hahn spazieren. Die überdachte Metallgalerie der Quellenhalle lädt in wärmeren Jahreszeiten die Gäste zu einer Rundwanderung ein, um sehen und gesehen zu werden. Wir tun das auch und niemand schaut uns zu.

Lastwagen um Lastwagen fahren auf unserer Strecke nordwärts wie südwärts. Später finden wir heraus, dass die Autobahn daneben wegen Bauarbeiten geschlossen ist und der gesamte Verkehr auf unsere Strasse umgeleitet wird. Wir fügen uns und finden einen schönen sonnigen Stellplatz direkt am Canal Latéral à la Loire. Leider ist der Verkehr die ganze Nacht zu hören.

Bis zu unseren Ziel La Cathenière ist es nicht mehr weit. Wir sind noch etwas zu früh und entscheiden uns für einen Besuch in Chalon-sur-Saône. Wir haben Glück, heute ist Markttag im Städtchen und wir decken uns mit frischen Lebensmitteln direkt vom Produzenten ein. Chalon-sur-Saône verfügt über ein schönes Architekturerbe. Das Herz des historischen Zentrums, der malerische Platz Saint-Vincent, wird überragt von der Silhouette der Kathedrale und ist umgeben von schönen alten Fachwerkhäusern. Nach dem Durchschlendern der Einkaufsstrassen der Altstadt, geniessen wir auf dem Platz ein Croque Madame (Croque Monsieur + Spiegelei).

Im Herzen des Burgunds, umgeben von einer parkähnlichen Anlage, erwartet uns das «Maison La Cathenière». Der stattliche Landsitz aus dem vorletzten Jahrhundert, bestehend aus Gästehaus und Gruppenhaus, kann für Workshops, Familienferien, Jugendlager, Vereinsausflüge, usw. gemietet werden. http://www.catheniere.ch
Am späten Nachmittag treffen wir hier Anika und Moritz. Schön die beiden wieder zu sehen, es gibt viel zu erzählen. Nach und nach trifft das ganze Team ein, dass morgen Samstag Renovierungsarbeiten am Haus weiterführen wird.

Viele fleissige Hände sind am Werk. Eine Gruppe streicht Türen neu, die andere tauscht ganze Fenster aus. Gar keine einfache Aufgabe in so einem alten Gebäude, aber alle Schwierigkeiten werden mit fachlicher Unterstützung brillant gemeistert. Yolanda und Erika sorgen für das leibliche Wohl. Eine kräftige Gemüsesuppe zum Mittagessen, Trutenschnitzel an einer feinen Rahmsauce, Ofengemüse und Kartoffeln zur Stärkung, nach vollbrachtem Werk, am Abend. Natürlich begleitet von einem guten Tropfen Burgunder. Mmhhh, allen schmeckt’s.

Während die andern Handwerker am Sonntag wieder Richtung Schweiz aufbrechen, geniessen wir noch ein paar Tage zusammen mit Anika und Moritz auf La Cathenière und lassen uns von den Beiden die Sehenswürdigkeiten in der näheren Umgebung zeigen.
Gleich um die Ecke, in Louhans, findet jeden Montagmorgen einer der grössten und ältesten Wochenmärkte Frankreichs statt. Den müssen wir natürlich besuchen. Die «Grande Rue» mit ihren Arkaden ist für den Verkehr gesperrt und weicht dem Bekleidungsmarkt. Auf den Plätzen rund um die Peterskirche befindet sich der Lebensmittelmarkt, eine kleine Welt der echten regionalen Produkte. Die eigentliche Sehenswürdigkeit soll jedoch der Geflügelmarkt sein, der heute saisonbedingt etwas kleiner ausfällt. Der „Marché à la Volaille“ ist ein Magnet für Feinschmecker und Freunde französischer Lebensart. Sterneköche kommen ebenso hierher wie die Bewohner der umliegenden Orte, die Legehennen für ihren Garten kaufen oder wissen, dass der Braten hier garantiert frisch über den Tresen geht. Selbst Paul Bocuse, legendärer Meisterkoch aus dem knapp eine Autostunde entfernten Lyon, soll hier bei gelegentlichen Einkäufen für sein Sternelokal „L’Auberge du Pont de Collonges“ gesichtet worden sein.

Um 13 Uhr ist das Spektakel vorbei. Wir fahren weiter nach Tournus. „Tournus“ hat eine Besonderheit der Aussprache, das „s“ wird üblicherweise mit ausgesprochen. Die Promenade durch die malerischen Gassen mit alten Häusern führt uns zur bemerkenswerten Abteikirche Saint-Philibert, einem Juwel der romanischen Architektur. Die Fassade hat fast das Aussehen eines Bergfrieds. Nur die später hinzugefügten rosafarbenen Glockentürme mildern sein Erscheinungsbild. Nur einer ist dabei auf einem der romanischen Türme aufgesetzt, der andere steht am gegenüberliegenden Ende der Kirche.

Ein weiterer gemeinsamer Ausflug gilt dem Château de Cormatin. Umgeben von breiten Wassergräben erwartet uns das monumentale Schloss inmitten seiner Gärten. Wir nehmen an einer Führung teil und erfahren viel vom Leben in diesem Schloss. Die Marquis d’Huxelles liessen es zu Beginn des 17. Jahrhunderts erbauen, um ihre Macht und ihr Ansehen zu bezeugen: Das Schloss sollte beeindrucken. Das gelingt ihnen auch heute noch.
Die prachtvoll bemalten, geschnitzten und vergoldeten Gemächer sind das vollständigste und am besten erhaltenen Zeugnis der dekorativen Kunst zur Zeit von Marie de Medici. Möbel, Gemälde, Wandteppiche und antike Gegenstände erlauben einen Einblick in das damalige Leben.
Wir lustwandeln im grossen Garten und erahnen die Blumenpracht während den wärmeren Jahreszeiten. Von der Vogelvoliere im Buchslabyrinth aus geniessen wir die Aussicht auf das Schloss und den gesamten Schlossbereich. Im Gemüsegarten wären noch Salat, Kohl und ein paar Auberginen zu ernten.

Überragt von der Silhouette seines alten Schlosses, lädt das schöne hoch liegende mittelalterliche Dorf Brancion zum Schlendern ein. Während des Spaziergangs entdecken wir reizende Gässchen gesäumt von alten liebevoll restaurierten Häuser. Der Herbst zeigt sich in den leuchtenden Blättern der wilden Reben. Neben der Kirche, die alte Fresken birgt, erwartet uns ein wunderbarer Aussichtspunkt auf die ländliche Umgebung.
Auch Schlendern macht Durst, Hunger und vor allen «Gluscht» auf den Gâteau au Chocolat, der im einzigen offenen Terrassenbeizli angekündigt ist. Die Besitzerin, eine ältere Dame, hat ihn für ihren Besuch gebacken, aber nun essen ihn halt die Gäste. Wir haben Glück und erhaschen die letzten Stücke. Ein Genuss.

Wir verlassen La Cathenière und folgen den Jungen ein gutes Stück auf ihrem Heimweg in Richtung Schweiz zu den Cascades du Hérisson. Eine grossartige Gegend, die uns die Beiden hier zeigen. Über 280 Meter und zahlreiche kleine und 7 grosse Wasserfälle fliest hier die Hérisson ins Tal. Wir erwandern die Wasserfälle auf dem Fussweg, der immer wieder lauschige Blicke auf den Bachlauf und die Wasserfälle freigibt. Eingerahmt im bunt leuchtenden Herbstwald ergibt sich ein wunderschöner gelungener Ausflug. Auf dem leeren Parkplatz richten wir uns mit den beiden Wohnmobilen zur Nacht ein.

Wir verabschieden uns von Anika und Moritz. Sie fahren zurück nach Hause, uns zieht es weiter südwestwärts. Die ersten Kraniche sollen in diesen Tagen in ihren Winterquartieren in Frankreich ankommen. Eines davon ist der Étang de Cousseau, ein anders Arjuzanx, weiter südlich. Da wollen wir hin, um sie zu begrüssen.

Den Étang de Cousseau kennen wir gut, liegt er doch nahe bei Carcans Plage. Während den Sommerferien mit den Kindern in Carcans waren wir öfters mal da auf Entdeckungstour. Also zurück an den Atlantik, wo wir bereits Mitte September ein paar schöne Tage verbracht haben. Diesmal mit viel Zeit geht es wieder quer durch Frankreich auf der Strecke, die wir viele Jahre auf dem Weg in die Ferien fast Nonstop durchgefahren sind.

Durch die Auvergne geht die Fahrt; weite Ausblicke über endlos scheinende Felder und sanfte Hügel. In der Ferne sehen wir die Kegel der längst erloschenen Vulkane mit dem Puy de Dom als höchstem und bekanntesten im Parc des Volcans.

Ein erster Abstecher gilt dem Château de Val. Dieses märchenhafte Schloss wurde im 15. Jahrhundert von der Familie Estaing erbaut und liegt malerisch neben und umgeben von einem schönen See. Die imposante Festung wird von sechs Türmen flankiert, die mit Pechnasen gekrönt und mit Pfefferstreuerdächern gekrönt sind. Obwohl die Lage der Burg mit Sorgfalt ausgewählt zu sein scheint, darf nicht vergessen werden, dass die Burg einst auf einem Hügel stand und einen beeindruckenden Blick über das darunter liegende Tal bot! Erst durch die Aufstauung des Bort-Staudamms bekam sie ihre idyllische Lage auf einer Halbinsel.

Wieder zurück auf unserer «historischen» Route National 89 treffen wir auf viele bekannte Orte. Ein Halt in Rochefort sur Montagne erlaubt einen ausgedehnten Blick auf das Städtchen unter der Brücke. In Égletons ist Markt, eine wunderbare Gelegenheit das Städtchen einmal zu Fuss zu erkunden. Und natürlich das McDonald am Ausgang von Brive-la-Gaillarde, bei dem wir regelmässig Pause gemacht haben. Heute stehen davor aber so viele Leute Schlange, dass wir uns entscheiden, ohne Hamburger, Pommes Frites und Cola weiterzufahren.

Nur ein paar Kilometer entfernt liegt Terrasson mit seiner Altstadt am Hang der Vézère. Bislang ist uns der Ort nur in Erinnerung vom alljährlichen Stau auf der Fahrt nach Carcans und dabei der Sicht aus dem heissen Auto auf die badenden Menschen im Schwimmbad neben der Strasse. Heute machen wir in Terrasson einen ausgiebigen Halt, um auch hier einmal das Städtchen zu erwandern. Überrascht schlendern wir durch malerische Gassen. Der Ort geht zurück auf die Gründung eines Klosters im 6. Jahrhundert. Im 12. Jahrhundert wurde von Benediktiner-Mönchen über die Vézère eine steinerne Brücke gebaut. Die Brücke wurde mehrfach repariert und hat so die Jahrhunderte überlebt. Sie ist heute das Wahrzeichen von Terrasson-Lavilledieu.

Und wieder sind wir in unserem Carcans Plage. Waren vor 6 Wochen noch etliche Surfer am Stand, im Ort und auf dem Campingplatz, so wirkt es jetzt fast ausgestorben. Der Campingplatz ist geschlossen, nur die Pizzeria Galipo und ein Surferladen ist noch offen für diejenigen, die es verpasst haben oder die es einfach nicht lassen können. Wir geniessen noch einmal eine Galipo-Pizza.

Werden wir sie zu sehen bekommen, die sehr scheuen Kraniche, die Glücksvögel? Am Eingang zum Réserve Naturelle Nationale de l’Étang de Cousseau stellen wir Rocky auf dem Parkplatz ab. Hier können wir in dieser Jahreszeit auch gut über Nacht stehen bleiben. Auf geht es ins Naturschutzgebiet, das erste Stück mit dem Rad, anschliessend zu Fuss. Bewaffnet mit Feldstecher und Kamera entdeckten wir schon bald eine Handvoll Kraniche, zum Beobachten etwas weit entfernt. Gerade rechtzeitig wechseln wir auf dem Beobachtungsturm. Die Kraniche fliegen zu ihren Übernachtungsplatz im Reservat ein. Zuerst ungeordnet, in kleinen Gruppen, aber dann kommen sie in Formationen, Hunderte. Faszination Natur pur.

Eigentlich wollten wir ganz früh aufstehen, um die Kraniche beim Abflug auf die Felder zu beobachten. Es ist grau und gefühlte 6 Uhr als wir auf den Wecker schauen. Oh Schreck, bereits halb neun. Jetzt aber schnell auf und mit dem Rad wieder ins Naturreservat! Im grossen Tempo gelangen wir zum Beobachtungsturm. Sind sie schon ausgeflogen? Als wir näherkommen, sehen wir, dass die Ebene und der See in Nebelschwaden gehüllt sind. Einzelne Bäume am Horizont strecken ihre Krone aus dem weissen Vorhang.
Wir hören sie. Sie müssen noch da sein. Na ja, Glück gehabt. So wie sich die Nebelschwaden lichten, sehen wir sie auch. In kleinen Gruppen starten sie zu ihrem Mahl auf die Felder. Und dann scheinen sie plötzlich alle in der Luft zu sein. Sie bilden ihre typischen Formationen und entschwinden am Horizont. Es wird wieder still.

Nach dem verspäteten Frühstück geht es weiter gegen Süden. Eine eintönige Fahrt über schnurgerade Strassen, links und rechts meist gesäumt von Pinienwäldern, nur zwischendurch einmal ein abgeerntetes Maisfeld. Sie führen uns zum nächsten Kranich Spot. In Arjuzanx, einem ehemaligen Braunkohle Abbaugebiet, stehen wir auf einem Beobachtungsstand und freuen uns die Anflüge der Gruppen zu verfolgen. Wir übernachten gleich daneben und hören beim Einschlafen das Flöten der Grues, wie sie hier in Frankreich heissen.

Im Morgengrauen stehen wir dick eingepackt wieder im Beobachtungsposten. Weit entfernt sehen wir die Formationen wegfliegen, zu unserem Leidwesen in die falsche Richtung. Ab und zu kommen einige auf uns zu. Wiederum herrscht eine überwältigend mystische Stimmung. Die Sonne vertreibt langsam die Nebelschwaden. Gestern seien noch keine Kraniche da gewesen, erzählt eine andere Beobachterin. Unser Glück ist perfekt.
Unser Tagesprogramm steht. Zuerst ein Besuch im Infozentrum des Nationalreservats, anschliessend suchen wir die Kraniche auf den Feldern in der Umgebung. Unser Glück hält an. Bald entdecken wir eine grössere Gruppe weit weg in einem Maisfeld. Wir schleichen uns auf dem Feldrand an, wollen sie aber auf keinen Fall aufschrecken. Allzu nah kommen wir daher nicht.
Da wir nun wissen wo die Vögel zum Übernachtungplatz fliegen, wählen wir den Stellplatz für die nächste Nacht direkt neben der Kirche in Morcenx. Hier haben wir perfekte Sicht auf die anfliegenden Schwärme. Und sie kommen! Diese Nacht werden 4000 Kraniche erwartet. Mal sehen, ob wir da noch schlafen können.

Wir liegen im Bett und lauschen. Sind die Kraniche schon unterwegs? Es ist nichts zu hören ausser der Glocke direkt vom Kirchturm neben uns. Noch ist es dunkel. Aufstehen und Frühstück richten können wir allemal bis sie kommen. Das Wasser kocht noch nicht, schon hören wir die Ersten im Anflug. Also sofort raus aus der warmen Stube. Ganz so glücklich sind wir über unseren Standort allerdings nicht, daher alles festmachen und schnell einen Parkplatz einige Hundert Meter weiter ansteuern. Ja, hier sehen wir sie besser. So stehen, fotografieren und bewundern wir die Silhouetten der anmutigen Vögel.

Wir lösen unser Versprechen an Toulouse ein, Rocky steht wieder auf den Parkplatz vor der Cité de l’Espace. Wir besuchen am Nachmittag die Altstadt, obwohl eine Demo der Corona Skeptiker stattfinden soll. Beim Auftauchen aus der U-Bahn dann der Schock. Die Strassen sind übervoll. Glücklicherweise aber nicht mit fordernden Demonstranten, sondern mit friedlichen Leuten beim Einkaufen, Sightseeing oder Flanieren. Wir verschaffen uns erst einmal einen Überblick im 6. Stock der Galerie Lafayette, wo wir auf der übervollen Terrasse mit Sicht über die Dächer ein Glas Wein trinken. Dem Rat von Bernd folgend, bummeln wir anschliessend vom Place Wilson durch die Gassen bis zur Garonne.
Toulouse verdient ihren Namen «rosa Stadt» zu Recht. Die unzähligen Häuser aus rosa-roten Terrakotta-Ziegeln und auch die Lage an der Garonne, machen die Stadt zu einem besonderen Ort. Ausserdem soll Toulouse eine sehr junge, lebhafte Metropole mit vielen Studenten und dem Hang zu wilden Feiern sein. Das können wir uns gut vorstellen; morgen Sonntag ist Halloween und das wird wohl diese Nacht schon so richtig gefeiert. Viele Leute sind bereits jetzt geschminkt oder verkleidet und vor allem in lauter Stimmung. So können wir unseren Streifzug durch die Altstadt gar nicht so richtig geniessen. Wo wir uns nicht vor Autos und Fahrrädern in Sicherheit bringen müssen (in der Fussgängerzone) werden wir sicher von entgegenkommenden Leuten rücksichtslos angerempelt. Wir tauchen ab in die U-Bahn, fahren zurück zum Womo und geniessen in Ruhe ein feines Raclette zum Abendessen.

Willkommen im Weltraum. Der Themenpark Cité de l’Espace verhilft uns zu einer aussergewöhnlichen Reise zu den Sternen. Auf der riesigen Leinwand im IMAX sehen wir den 3D Film «Astroid Hunters». Überzeugend wird darin dargestellt, wie die internationale Wissenschaft die Erde vor einer Kollision mit einem Asteroiden schützen will. Danach entdecken wir die Rakete Ariane 5. Gigantisch, die lebensgrosse Nachbildung der europäischen Trägerrakete erreicht eine Höhe von 53 Metern. Weiter spazieren wir auf dem Mond, steigen in eine exakte Nachbildung der berühmten russischen Raumstation Mir ein und träumen im Planetarium mit dem Kopf in den Sternen von fernen Galaxien und schwarzen Löchern.

Nahe den Airbuswerken zeigt das Museum Aeroscopia eine einmalige Sammlung, die der Liebesgeschichte zwischen Toulouse und der Luftfahrt würdig ist. Das einem Flugzeugrumpf nachempfundene Gebäude ist der Geschichte des Fliegens gewidmet. Vom ersten ein Sekunden Hüpfer bis zum Überschall-Flugzeug; ein 58 m langes Wandbild zeigt auf, wie es von den Flugpionieren innerhalb eines Jahrhunderts zum Hyperschalljet gekommen ist. Innovative Menschen und raffinierte Technik machten es möglich. Und dann geht es an Bord der Concorde 201, der n°1 der Serie. Dieses Flugzeug ist kein Prototyp, es hat bei Flugtests zur Fluggenehmigung teilgenommen und war von 1973 bis 1985 in Betrieb. Am 28. November 1974 flog es mit der Höchstgeschwindigkeit Mach 2,22. Eine einmalige Gelegenheit das Cockpit mit den vielen Anzeigen, Knöpfen und Schalthebeln (200 Anzeigen, 200 Kontrolllampen und 100 Schalter) sowie den Komfort der damaligen Passagiere zu erkunden. (Da flieg ich gerne etwas langsamer in der Holzklasse.) Das Aeroscopia bietet eine Ausstellung legendärer Flugzeuge aus allen Epochen (Concorde, Caravelle, Super Guppy, A300B u. a.), aber auch der modernen Airbus Jets (A320, A340, A380, A400M). Es bietet eine einzigartige Gelegenheit, dem A380 besteigen, sich neben dem Super Guppy klein zu fühlen und alles zu entdecken, was man sonst nie sieht, wenn man mit dem Flugzeug fliegt.

Weite Felder, hügelige Landschaft und in der Ferne die Pyrenäen begleiten uns auf dem Weg nach Carcassonne. Die mittelalterliche Stadt ist immer wieder einen Besuch wert.
Eine populäre Legende besagt, die Festung sei einst belagert worden, als Mme. Carcas Herrin der Burg war. Die Belagerung hielt so lange an, dass der Hunger bald die ersten Opfer in der Cité forderte. Mme. Carcas beschloss daraufhin, ein Schwein zu mästen, und als es fett genug war, liess sie es von der Burgmauer werfen. Die Belagerer, selbst schon erschöpft, dachten beim Anblick des kräftigen Tieres, dass es davon wohl noch eine ganze Menge dort oben geben musste, wenn man sie jetzt schon von der Burgmauer warf. Niedergeschlagen gaben sie auf und kehrten nach Hause zurück. Als zum Jubel über das Ende der Belagerung die Burgglocken läuteten, soll einer der Belagerer gesagt haben Madame Carcas sonne (Madame Carcas läutet = Carcas-sonne).
Malerische Gassen mit kleinen Boutiquen, ein Spaziergang durch die Altstadt, die sich hinter dem doppelten Mauerring erschliesst, gleicht einer Zeitreise. Es gibt so viele malerische Ecken. Wir schmunzeln ob den Kindern mit Schwert, Hellebarden, Pfeil und Bogen und den Helmen aus Holz. Hatten nicht unsere beiden Kids auch Freude daran.

Rechtzeitig, bevor es zu regnen beginnt, sind wir zurück bei Rocky. Unser Entschluss steht, zuerst einkaufen, dann weiter Richtung Mittelmeer durch das Weinbaugebiet. Von hinten türmen sich die schwarzen Wolken, angsteinflössend wie in einen Film über amerikanische Wirbelsturmjäger. Schnell weg. Doch der Wind bläst alles weg. Als wir uns auf dem Stellplatz in Peyriac de Mer einrichten, zeigt sich der blaue Himmel wieder.

Peyriac-de-Mer liegt am Rande der Lagune von Doul und erfreut sich eines aussergewöhnlichen Lichts, das die Landschaft je nach Tageszeit entsprechend verändert. Inmitten der Hügel gelegen, hat der Doul die Besonderheit, mit fast der doppelten Konzentration von Meerwasser der Salzigste der Narbonnaise-Teiche zu sein (70 Gramm Salz pro Liter). Wären die Temperaturen noch etwas höher, so könnten wir dort schwimmen mit dem seltsamen Gefühl, im Herzen des Toten Meeres zu sein, in Schwerelosigkeit.
Auch so ist es der ideale Ort zum Wandern. Ein erster Fussmarsch bringt uns um den Étang und auf den 60 m hohen Aussichtberg, mit einer wunderbaren Sicht weit über die Lagunen bis hin zum Meer. Zwei Dutzend Störche fliegen direkt über uns hinweg und lassen sich in der Thermik hoch hinauftragen. In der Ferne sehen wir einige Flamingos stehen. Wir schrecken einen Eisvogel auf. Schwupps, weg ist er. Schade, aber es gibt auch sonst noch vieles zu beobachten und zu geniessen. Abends fliegen ganze Schwärme von Störchen über uns hinweg zurück in ihr Nachtquartier. Wo das wohl liegt? Wir werden es nicht herausfinden.
Es ist schön hier. Wir beschliessen noch 2 Tage zu bleiben.

Am nächsten Morgen bringt uns eine erste Runde über den Steg ins Dorf zum Bäcker und zum Gemüsestand. Heute sind viel mehr Flamingos zu sehen. Wir packen uns ein Picknick und uns selbst in warme Kleidung und gehen wandern. Erst einmal auf dem Ponton quer über die Lagune, dann Richtung Fischerhafen und rings um die Halbinsel. Es windet uns fast vom Steg. Auch der Eisvogel ist wieder da und diesmal lässt er sich etwas länger beobachten. An einem windschattigen Plätzchen geniessen wir unser Mittagessen. Eine Biegung weiter stossen wir auf eine Gruppe Flamingos ganz nah. Ruhig und langsam gehen wir auf sie zu und an ihnen vorbei. Sie lassen sich nicht stören und suchen weiter im Wasser nach Nahrung.
Auf der anderen Seite der Insel stehen die Störche im Sumpfgebiet, leider sind sie weit weg. Abends werden sie dann vom starken Wind an ihren Schlafplatz geblasen. Fantastisch wie diese schweren Vögel sich durch den Wind tragen lassen.

Der Wind rüttelt und schüttelt unseren Rocky. Und heute und morgen soll es weiterhin Böen bis zu 100km/h geben. Wunderschön sonnig, aber es bläst einem quer durch das Gehirn. Wir fliehen ins Landesinnere, bergan, abseits von grossen Strassen nach Castelnou. Alter Stein, Blumengassen und ein feudales Château: Auch Castelnou, katalanisch für «Chateau neuve», gehört zu den vielen malerischen Orten in Frankreich, die das Mittelalter bewahrt haben.
Von April bis Oktober finden sich hier Kunsthandwerker, Galerien und Cafés. Jetzt, ausserhalb der Saison wirkt der Ort so ausgestorben wie einst im 19. Jahrhundert, wo er als verlassen und aufgegeben galt. Wir lassen uns durch die Gassen treiben hin zum Dorfplatz, und schauen uns die Fassaden aus groben Feldsteinen genauer an. Manche Häuser besitzen noch traditionelle, halbkugelförmige Backöfen, andere sind unter der Dachtraufe mit Keramikfliesen geschmückt. Fenstergitter, Türen, Blumenschmuck, kein Detail zu klein, um bewundert zu werden.

Frisierte junge Frauen stehen da, stolz und schlank in der Landschaft. Zwerge mit langen Kappen, eingepackt in wallende Mäntel und Feen beäugen uns von der Seite. Unbeweglich. Denn sie sind aus Stein, geformt von der Erosion. Wind und Wetter haben ein geologisches Naturwunder geschaffen, die Orgues d’Ille-sur-Tet. «Die kleine Schwester des Bryce Canyon», sagt die Dame am Kassenhäuschen stolz, drückt uns einen deutschsprachigen Führer in die Hand, und ermahnt: «Nicht kraxeln, immer auf dem Weg bleiben und immer mit Maske.»
Dem Weg hinauf, vorbei an Olivenbäumen und Metallkunst, folgt eine heideähnliche Landschaft mit Strauchheide und niedrigen Hartholzsträuchern. Lavendel und Thymian wachsen zwischen Grüneichen und anderen kleinen Bäumen. Die Erosion hat die Kämme völlig zerfressen und stattliche Pinien zu krüppeligen Bonsai verkümmern lassen. Die Natur arbeitet hier ungehindert weiter an ihrem Wunderwerk, den Orgues, einem Amphitheater mit bis zu 12 m hohen Wänden und freistehenden Säulen. Knochentrocken, in Stein gemeisselt, und doch der steten Wandlung unterworfen. Die Einzelsäulen schützt, zumindest eine gewisse Zeit, eine härtere Gesteinsschicht, die wie ein Hut den weicheren Stein bedeckt. Doch auch sie stürzen irgendwann ein.

Rot-Gelb wehen allerorten die Fahnen; Perpinyá la Catalana steht stolz auf dem Ortsschild. Auch 460 Jahren nach dem Anschluss an Frankreich setzt Perpignan alles auf die katalanische Karte. Der kantige Palast der Könige von Mallorca, Perpignan war im 14. Jahrhundert die kontinentale Hauptstadt des Königreichs von Mallorca, der Turm Castillet oder die Kathedrale Saint Jean gehören zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten. Fast die gesamte Altstadt von Perpignan ist heute eine Fußgängerzone, nur wissen das wohl viele Autofahren noch nicht.
Uns ziehen vor allem zwei Märkte an. Wir irren durch Gässchen, umrunden den Königspalast, suchen die Märkte. Derjenige am Place République, dem Herz des historischen Zentrums, wo mehrere Händler uns das ganze Jahr über willkommen heissen sollen. Es hat gerade mal zwei Gemüsestände. Und dann den Marché Cassanyes. Dieser Markt soll eine echte Institution in der Stadt Perpignan sein, bekannt für die soziale Vielfalt der typischen Kundschaft. Und sehr bunt soll er sein, mit vielen Geschäften (Lebensmittel, Kleidung, Kosmetik, Schuhe, Schmuck usw.). Bunt ja, aber uns erscheint er eher wie ein Flohmarkt, da hätten wir grosse Teile unsere Haushaltung loswerden können.
Frische grüne Bohnen, Salat, Peterli und Mandarinen tragen wir zurück, und ein feines Brot für den nächsten Tag.

Genug Stadt, lieber wieder in die Natur. Am Étang de Canet – Saint-Nazaire bilden 10 Holzhütten ein «Fischerdorf». Die Fischerhütten wurden 1993 mit traditionellen Materialien saniert und sind gegen Regen, Wind, aber auch Kälte isoliert und im Sommer gut belüftet. Diese Hütten werden jedoch nicht mehr als Wohnort für Fischer genutzt, sondern dienen hauptsächlich als Lagerplatz und der Aufbewahrung von Netzen und Angelausrüstung. Auf dem Gelände des Fischerdorfs, in einiger Entfernung zu den Hütten, lädt ein ornithologischer Aussichtspunkt zum stillen Beobachten der Vögel am Étang. Haubenlerchen, ein Wiedehopf, viele Kormorane und weiter weg Flamingos und Seidenreiher zeigen sich uns.

Unser Übernachtungsplatz in Saint Cyprien liegt direkt am Strand. Vom Bett aus schauen wir am Morgen den schäumenden Wellen zu. Wie am Antlantik! Das Wetter weiss nicht was es will. Für die nächsten zwei Tage ist Regen angesagt und es soll nicht gerade warm sein. Nach dem Frühstück ziehen wir südwärts, fahren durch Argelès, Collioure, Port-Vendes. Es regnet immer stärker. Kurzentschlossen fahren wir weiter gegen Spanien, alles dem Meer entlang. Banyuls, Cerbère mit dem grossen Bahnhof auf der französischen Seite und Portbou, sein Pendant auf der spanischen. Wegen verschiedenen Spurweiten der Bahnen in Spanien und dem übrigen Europa können die Züge hier nicht weiterfahren. Die Waren werden auf den beiden Bahnhöfen umgeladen, wenige Wagons werden umgespurt. Auf der Parc4Night App finden wir etwas weiter südlich einen vielversprechenden Stellplatz mit Sicht aufs Meer. Dort soll auch das Wetter etwas besser sein. Also auf nach Palamós. Der Stellplatz hält was er verspricht. Und Hurra, es zeigt sich blauer Himmel.

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Spanien Teil 1
18.09.2021 – 09.10.2021

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10.11.2021 – 21.12.2021