Kanada West II

Alberta, British Columbia, Yukon, Northwest Territories

30. Juni 2023 bis 01. August 2023

Nach dem Jasper Nationalpark wird es neben der Strasse ziemlich eintönig grün. Wald rechts, Wald links, Wald vorne und Wald im Rückspiegel. Wir fahren auf dem Bighorn Highway, der sich auch „Scenic Highway to Alaska“ nennt, also eine landschaftlich schöne Strecke sein soll. Heute jedenfalls gibt es hier nur regenverhangenen Wald. Was wird uns auf den restlichen 3‘000 km nach Alaska erwarten? Werden wir die vielen Tiere sehen? Grizzly, Elche, Karibu, oder gar Eisbären? Werden wir im Yukon Gold finden? Oder ist das heutige Gold der Gegend schwarz, wie das Öl, das aus dem Boden gepumpt wird und grosse Narben hinterlässt? Oder ist das Gold hier in der Gegend vielleicht doch grün. Grün wie die Bäume, die unendlichen Wälder, wilde, unangetastete Natur?

Ein Elch, es ist ein Elch, ein Moose, wie die Kanadier der grössten heute vorkommenden Hirschart sagen. Eigentlich ist es eine Sie, eine Elchkuh. Wie viele Male haben uns verschiedenste Glanzprospekte im Osten Kanadas, in Maine, im Yellowstone Park versprochen, dass diese herrschaftlichen Tiere zu sehen sind. Wie viele Male haben uns riesengrosse Verkehrsschilder gemahnt, die Geschwindigkeit zu reduzieren, um einen folgenschweren Zusammenstoss mit diesen schweren Tieren zu vermeiden. Nie konnten wir eines dieser grossen Tiere entdecken. Schon fast haben wir geglaubt, dass ihre Existenz eine Mär ist. Und jetzt steht sie einfach da am Strassenrand und grast scheinbar ungestört. Pass auf schöne Elch Dame, die Strasse ist gefährlich!

Und gefährlich ist die Strasse auf jeden Fall. Die Gegend besitzt reichlich natürliche Ressourcen, früher Kohle, heute Forstwirtschaft, Öl und Gas. In den gerodeten Flächen stehen oft Pumpen und Tanks anstelle von Jungbäumen. Die Strasse gleicht einer rollenden Pipeline. Viele riesige Tanklastwagen kommen uns entgegen oder überholen uns. Also liebe Elch Dame, pass auf!

Nach den einsamen Gebieten fühlen wir uns in Grande Prairie schon fast wie in einer Grossstadt. Hier finden wir alle Geschäfte, um unsere Vorräte für die Fahrt in den hohen Norden aufzufüllen. Die Stadt zeigt sich uns erstmal zeitlos. In Grande Prairie gibt es als aussergewöhnliche Sehenswürdigkeit nämlich das Millennium Sundial, eine 12 m hohe Sonnenuhr. Und da der Himmel immer noch wolkenverhangen ist, fällt die Zeit gerade aus. Später, um 17 Uhr können wir dann doch noch überprüfen, dass die Sonnenuhr so akkurat ist, wie eine Schweizeruhr.


Heute ist der 1. Juli, es ist Canada Day. Und der wird im städtischen Muskoseepi Park gebührend gefeiert. Die grösste Hüpfburg für die Kleinsten, Konzerte für die Grossen, Food Trucks mit allerlei Fastfood und um 23 Uhr ein grosses Feuerwerk. – Wird es dann schon so dunkel sind, dass man es sehen kann? – Dick eingepackt gesellen wir uns am frühen Abend zu den Festivitäten. Es ist kalt, 18°C, ein eisig kühler Wind weht und ein Blick zum Himmel sagt nichts Gutes voraus. Aber es ist Canada Day und es ist Sommer. Also tragen die eingefleischten Kanadier kurze Hosen, Sommerkleidchen und Träger Shirts. Auch das Freibad ist noch immer gut besucht. Brrr… uns friert.

Letzten Monat sind wir in Montana durch «Middle of Nowhere» – Mitten im Nirgendwo – gefahren. Nun kündigt der Prospekt «the Middle of Everywhere» – die Mitte von überall – an. Was das genau bedeutet, versuchen wir noch herauszufinden.

Mile 0, der Anfang des bekannten Alaska Highway, der sich 1.528 Meilen (knapp 2.450 km) weit bis nach Fairbanks, Alaska schlängelt, liegt in Dawson Creek. Im Dezember 1941 hatte der verheerende Angriff der Japaner auf Pearl Harbor den Ruf nach Absicherung des nordamerikanischen Festlands laut werden lassen. Dazu war eine befestigte Strasse, die Truppen und Güter nach Alaska bringen konnte, notwendig. Zusammen mit dem US-Militär begannen schon im März 1942 die Arbeiten. Der Highway wurde nach einer Bauzeit von nur acht Monaten im November 1942 fertiggestellt und ist bis heute eine wichtige Verkehrsader in den Norden.
80 Jahre später hat der Alaska Highway wenig Ähnlichkeit mit dem ursprünglichen Weg, abgesehen von derselben wilden Landschaft. Er gilt zwar immer noch als eine Abenteuerstrasse, aber der Schwierigkeitsgrad ist in den letzten Jahren erheblich gesunken, da immer mehr Abschnitte begradigt und asphaltiert wurden. Heute ist die gesamte zweispurige Strasse asphaltiert. Der moderne Alaska Highway ist weit entfernt von der Pionierstrasse, die während des Zweiten Weltkriegs von den Einheiten des Army Corps of Engineers durch den Busch geschnitten wurde. Der schlammige, kurvenreiche, einspurige Trail war nur für LKWs und Bulldozer geeignet.

Nach nur 2 km verlassen wir die berühmte Strasse schon wieder für einen ersten Abstecher. Bereits am Ortseingang von Chetwynd fallen einem die Holzskulpturen ins Auge. Der Ort nennt sich stolz „Chainsaw Sculpture Capitol of the World“ (Kettensäge-Skulptur Hauptstadt der Welt). 1987 begann man erstmals damit, mit Motorsägen Skulpturen aus Holz herzustellen und diese als Teil eines Rundgangs durch das Städtchen auszustellen. Seit 2005 findet ein jährlicher Wettbewerb statt (International Chainsaw Carving Championship), der Künstler aus aller Welt in die Gemeinde bringt. Die preisgekrönten Stücke werden in die Sammlung aufgenommen. Leider ist das Museum mit den wertvollsten Kunstwerken heute geschlossen. Aber auch viele der Schnitzereien an verschiedenen Orten in der Stadt sind bewundernswert.

Grün, grün, grün sind alle meine Kleider, grün, grün, grün ist alles was ich hab, weil mein Schatz ein Kanadier ist …. Wir sind in Fort Nelson angekommen, bereits 300 Meilen/480 km von Mile 0 entfernt. Die Stadt entpuppt sich als verschlafener, beinahe ausgestorbenen Fleck. Natürlich führte uns der Alaska Highway wieder fast ausschliesslich durch Wald. Aber überall ist das grüne Gold British Columbias nicht so grün. Der Borkenkäfer wütet in den westkanadischen Wäldern und beschäftigt die Forstwirtschaft. Viele Tannen sind befallen und bereits dürr. Weitere riesige Flächen sind abgebrannt. Kahle, schwarze Stämme stechen dort traurig aus dem wieder grün spriessenden Waldboden. Und dann sind da noch die hässlichen, kahlen Flächen voll mit Pumpen, Rohren und Tanks. Die Oel- und Gasindustrie fordert ihren Zoll. Zum Glück für die Natur bleibt immer noch viel grün.

Nördlich von Fort Nelson steigt die Strasse stetig zum Summit Lake, der mit 1’295 m.ü.M. den höchsten Punkt des Alaska Highway markiert. Die Bergspitzen rundherum sind grau und nicht bewaldet. Sie sollen auch im Sommer ab und zu eine weisse Schneekappe tragen. Wir parken für die Nacht direkt am glasklaren See. Und schon überzieht der Himmel mit schweren Wolken. Die geplante Wanderung fällt dem fast schon obligatorische Regen zum Opfer. Heute erwischt er uns nicht unterwegs.

Nach tagelanger, schnurgerader, eintöniger Fahrt schlängelt sich die Strasse durch die Nordspitze der Rocky Mountains. Es wird kurvig. Es geht hinauf und hinunter. Klar erkennbar und spürbar sind die Strassenschäden verursacht durch Eis und Schnee im langen Winter. Zwar ist die Fahrbahn manchmal etwas windschief, hier und da fehlt der Asphalt, aber die Unterhaltsmannschaften haben ganze Arbeit geleistet. Danke. Auch die Aussicht ändert; wir folgen Flüssen mit blaugrünem Wasser, neben uns erheben sich die Folding Mountains mit interessant gefalteten Gesteinsschichten, immer wieder erlauben Brücken tiefe Blicke in Schluchten und Täler. Und dann steht auch wieder einmal ein Moose, ein Elch, neben der Strasse.

Der smaragdgrüne 11 km lange Muncho Lake ist unser nächstes Etappenziel. Muncho hat eine reiche Geschichte, da er während der ursprünglichen US-amerikanischen Militär-Konstruktion der Strasse eine beachtliche Herausforderung darstellte. Mit Hilfe des First Nations Führers, Charlie McDonald, wurde eine sichere Route entlang des Ufers geplant. Wir sind früh da, denn es gibt nur wenige Plätze auf den Strawberry Flats direkt am Seeufer. Den letzten für uns, Glück gehabt. Wir geniessen zwei ruhige Tage Strandurlaub mit (fast) Nichtstun. Marcel versucht es mit einem Bad, aber das Wasser des Bergsees ist dann doch zu kalt.

Die Natural Hot Pools in Liard Hot Springs, weniger als eine Autostunde nördlich des Muncho Lake, sind eine echte Oase für Reisende. In den thermisch heissen Pools entspannen wir uns und waschen den Staub der Wildnis ab. Nur die Luftqualität lässt zu wünschen übrig. Leichter Rauch eines Waldbrandes – gemäss Rancher in weiter Entfernung – trübt sichtlich den Himmel. Es riecht rauchig, winzige Ascheteilchen fallen vom Himmel. Na ja. Nach dem Bad in den Hot Springs sind wir frisch gekocht. Nun sitzen wir im Rauch und lassen uns konservieren.

Auf der Weiterfahrt wird der Rauch immer dichter. Die Sicht wird immer schlechter. Wie Nebel im Herbst, nur mit unangenehmen Geruch. Die Sonne steht als leuchtend roter Ball am Himmel. Es ist etwas unheimlich. Da wir hier im Überall natürlich kein Internet haben, können wir uns auch nicht erkundigen, wo das Feuer wütet. Nach Kilometern lichtet sich der Rauch etwas, nur um danach noch dicker zu werden. Auf der gegenüberliegenden Seite des breiten Liard Rivers sehen wir im Zwielicht Rauch aus den Bäumen aufsteigen, aber kein Feuer. Wir sind nahe am Coal River Wildfeuer. Dann wird es allmählich wieder etwas klarer.
Die Wildtiere scheinen nicht beunruhigt zu sein. Zwar sind es auch heute nur weinige, die unseren Weg kreuzen, dafür zeigen sich die Bären. Ein Schwarzbär sucht am Strassenrand nach Nahrung. Ein Grizzly? Etwas weiter weg ein bräunlicher. Vielleicht gar ein junger Grizzly? Dann grast ein schöner brauner direkt nebenan friedlich im Strassengraben.

Im 200 km entfernten Watson Lake – der Alaska Highway zählt mittlerweile seinen Kilometer 1021 – ist der Rauch immer noch deutlich zu sehen und zu riechen. Unser erster Gang gilt dem Visitor Center. Wir holen Informationen zu den Höhepunkten auf unserer nächsten Etappe ein und erkunden uns über die Situation der Waldbrände. Allein im Territorium Yukon sind aktuell 16 aktive Wildfires registriert. Zwei davon werden aktiv bekämpft, alle andern werden vorsichtig beobachtet. Beamte überwachen das Feuer auf mögliche soziale Störungen oder andere schwerwiegende Auswirkungen, während es seine natürliche ökologische Rolle erfüllt. Der Wald braucht die Wildfeuer um sich zu regenerieren. Und übrigens; der Rauch in Watson Lake stammt von einem Feuer in der angrenzenden Provinz British Columbia. So einfach und so alltäglich ist das. Na ja, zwei der Brände liegen im Bereich unserer Route. Wir können wohl weiterhin keine frische Luft und keine klare Sicht erwarten. Es sei denn; der Regen fällt, der uns sonst so gerne begleitet.
Aber die Sicht ist ausreichend im berühmtesten Wahrzeichen von Watson Lake, dem Signpost Forest, einem Wegweiserwald mit – je nach Quelle – mehr als 100’000 Schildern! Wo fehlen nun all diese Ortstafeln, Wegweiser und Autoschilder? Der Schilderwald mit Tafeln aus aller Welt wurde während dem Bau des Alaska Highway vor über 80 Jahren von einem heimwehkranken US Soldaten begonnen. Sein Schild ist jedoch schon lange vermodert. Wir streifen kreuz und quer durch diesen speziellen Wald und finden überraschend viele Tafeln aus der Schweiz: St.Gallen, Grenchen, Münsingen, Oberuzwil, Steffisburg und mehr.
Da wir den hohen Norden im Sommer bereisen, ist die Chance für uns sehr klein, das Nordlicht zu sehen. Im Northern Lights Center in Watson Lake erfahren wir aus wissenschaftlicher Sicht mehr über das faszinierende Naturphänomen Aurora Borealis. Das Kuppelkino des Centers erlaubt, das Nordlicht mitten im Sommer bei angenehmer Temperatur zu bewundern.

Es dauert 5 Tage, bis wir in nördlicher Fahrt dem Rauch der Wildfeuer entfliehen und endlich wieder blauen Himmel sehen. Herrlich wie sich frische Wildnisluft in den Lungen anfühlt. In Watson Lake sind wir vom Alaska Highway auf den Robert Campbell Highway abgebogen. Es sei hier erwähnt, dass in Kanada das Wort «Highway» nicht unbedingt eine Autobahn meint. Rechtlich bedeutet „Highway“ einfach eine Strasse, zu der die Öffentlichkeit Zugang hat. So besteht der 583 km lange Campbell Highway zu etwa 60 % aus Schotterpisten. Der Strassenzustand variiert je nach aktuellen Wartungsarbeiten erheblich. An manchen Stellen ist die Strasse schmal und hat statt Schotter viele Steine ​​und überall Schlaglöcher. Hier von „Autobahn“ zu sprechen geht wirklich über die Wahrheit hinaus. Die abgelegene, aber landschaftlich reizvolle Fahrt – dort wo man im Rauch etwas sieht – führt durch eine der am wenigsten entwickelten und am dünnsten besiedelten Regionen des Yukon-Territoriums. Über weite Strecken begegnet uns kein anderes Fahrzeug. Leider bleiben auch die vielen Tiere aus. Fast, denn auch wenn wir langsam auf der Schotterstrasse unterwegs sind, bremsen wir gerne für die vielen Eichhörnchen und Chipmunks, die vor uns den Weg kreuzen.

Nur zwei Siedlungen liegen nahe am Campbell Highway. Ross River ist ein kleines Dorf an den Ufern der Flüsse Ross und Pelly. Das Dorf betreibt eine Flusskabelfähre zum Nord Canol Road Heritage Trail. Für Fussgänger gibt es eine Hängebrücke über den Pelly River. Zu den wichtigen Dienstleistungen von Ross River für Reisende gehören eine Tankstelle, ein Gemischtwarenladen, ein Geldautomat und Postamt. Unten an der Fähre und vor dem Laden treffen sich die Bewohner des 1st Nation Dorfes.

Faro, nur 70 km weiter nordwestlich, war einst Yukons grösste Bergbau-Boomtown. Fast über Nacht wurde die Stadt 1969 aus einem grösstenteils unberührten Streifen Waldes im Tal des Pelly River herausgearbeitet, um die Arbeiter des zeitweise grössten Blei-Zink-Tagebaus der Welt unterzubringen. Jahrzehntelang war hier das pulsierende Herz der Wirtschaft des Yukon. Dann kam die Pleite. Nun wächst Faro langsam wieder. Bereits sind es wieder 450 Bewohner, die Faro stolz ihre Stadt nennen.
Im Besucherzentrum werden wir herzlich empfangen, sogar in deutsch. Ein schmaler Waldpfad bringt uns zum Van Gorder Wasserfall. Na ja, wir haben schon spektakulärere gesehen, aber der Weg dahin war abwechslungsreich mit vielen verschiedenen Pflanzen. Von wegen abwechslungsreich, hier gibt es neben Beeren auch Bären, die diese sehr gerne fressen. Wir sehen aber keinen, sie uns zum Glück auch nicht. Neben der Herzlichkeit seiner Menschen und der Bergbaugeschichte ist das ländliche Faro bekannt für seinen Golfplatz, der quer durch die Stadt verläuft! Auf dem Bear Trail, der rund um den Ort führt, müssen wir nicht auf Bären, sondern auf fliegende Golfbälle achten. Es soll hier aber auch viele Wildtiere geben, uns aber bleiben sie verborgen. Kein Bär, kein Elch, kein Wolf. Nur die kleinen haben keine Angst vor uns; ein Hase, ein paar Ptarmigan – Schneehühner – und die neugierigen Eichhörnchen. Und dann trottet doch am Morgen eines der sehr seltenen Wolverine ungestört auf dem Strässchen neben unserem Platz dahin.

30 km bevor der Campbell Highway in den Klondike Highway mündet, treffen wir auf den Yukon River, der hier parallel zur Strasse fliesst. Na ja, parallel ist etwas übertrieben. Der Yukon windet sich, teilt sich in mehrere Läufe und findet wieder zusammen. Die Strasse macht das glücklicherweise nicht. Der breite Fluss hat während dem Goldrush vor über hundert Jahren viel Geschichte geschrieben. Viele Goldsucher haben ihr Hab und Gut auf wackeligen Flossen von Whitehorse nach Dawson City heruntertreiben lassen. Später transportierten die Sternwheeler – stattliche Dampfschiffe mit einem grossen Schaufelrad am Heck – auf der Strecke Mensch und Material.

Ein guter Ort, um sich beim Fahren auf dem North Klondike Highway die Beine zu vertreten, sind die Five Finger Rapids im Yukon River. Der Name kommt von den vier Inseln, die den Fluss in fünf Kanäle teilen. Während des Klondike-Goldrauschs stellten die Stromschnellen eine grosse Gefahr für Goldsucher dar. Die Sternwheeler konnten aufgrund der Wassertiefe nur den ganz rechten Kanal fahren. Trotzdem mussten die Dampfschiffe bei Niedrigwasser stromaufwärts das Schaufelrad anheben und sich an einem fix montierten Stahlseil hochziehen. Eine 219-stufige Treppe und einen Waldweg führen direkt an die Stromschnellen. Die sehen ja gar nicht so gefährlich aus! Na ja, nach mehreren Unfällen wurde Sprengstoffe eingesetzt, um den schiffbaren Kanal zu verbreitern.

Wir halten weiter Ausschau nach Bären. Jeder dunkle Punkt entlang der Strasse wird potenziell als Bär in Betracht gezogen, bevor er sich immer wieder als grüner Busch entpuppt. Doch dort einen Hügel weiter springt ein Luchs über die Strasse. Am Waldrand, aus sicherer Entfernung, schaut er uns noch einige Zeit an, bevor er im Dickicht verschwindet.

In letztjährigen Waldbrandgebieten sollen im Frühjahr Morcheln wachsen. Zwar ist es schon nicht mehr ganz Frühjahr, aber es müssten doch noch ein paar letzte zu finden sein. Als ein nächstes Mal die Bedingung stimmen nutzen wir die Gelegenheit, um nach den schmackhaften Pilzen zu suchen. Beim kurzem Streifzug durch den schwarzen, verkohlten Wald findet Erika tatsächlich einige Morcheln. Nun hängen sie zum trocknen beim Fenster, unsere Naturdekoration. Für ein paar Saucen reicht es allemal.

Auch ausserhalb des Signpost Forest von Watson Lake gibt es besondere Wegweiser. Einer davon steht auf den 1672 hohen Keno Hill. Wir erreichen ihn über den Silver Trail, der in Stewart Crossing nach Mayo und Keno abzweigt. Auch hier begann alles mit Gold, das in den Sandbänken des Stewart Rivers gefunden wurde. Dann wurden in den nahen Bergen erhebliche Silbervorkommen entdeckt. Die Region war viele Jahre lang Kanadas grösste Silbermine. Das abgebaute Erz wurde nicht vor Ort verarbeitet, sondern verdichtet, in Säcke verpackt nach Mayo transportiert und dort verschifft. Im Winter war der Fluss zugefroren und ein Transport nicht möglich. Der Prozentsatz von Silber im Erz war aber so hoch, dass es trotz der Entfernungen und den Schwierigkeiten beim Transport immer noch wirtschaftlich war, es zu versenden. Das alles und noch viel mehr interessante Details aus Geologie und Bergwerkshandwerk erfahren wir in den Museen in Mayo und Keno.

Als der Himmel etwas aufklart, wagen wir die Fahrt auf den Keno Hill. Entsprechende Schutthalden zeigen, dass noch immer in jedem Tälchen, an jedem noch so steilen Hang gegraben wird. Heute sind es meist private Glücksritter, die wieder vorwiegend nach Gold suchen. Viele sind davon überzeugt, dass die wirklich grosse Goldader noch nicht gefunden wurde. Oben angekommen pfeift es von überall her. Murmeltiere und Ground Squirls fühlen sich gestört. Dann geniessen wir halt die Blumenwiesen und die Sicht ins Tal auf glitzernde Seen und Flüsse in den bewaldeten Hügeln.
Doch schwere Wolken trüben die Aussicht. Schlechte, steile Naturstrassen im Zusammenhang mit Regen ruft schlechte Erinnerungen in uns wach. Das müssen wir nicht wieder erleben, also schnell zurück zu Rocky und hinunter nach Keno. In der letzten Spitzkehre beginnt es zu Tropfen, aber bald sind wir sicher in Keno. Auf der guten Schotterstrasse zurück nach Mayo erwischt uns der Gewittersturm mit aller Wucht. Aber ausser einem total verdeckten Fahrzeug kann er uns nichts anhaben.

Ist heute Bärentag? Kurz nach der Abfahrt aus Mayo zeigt sich ein Schwarzbär. Nur wenig später weidet ein schöner Brauner am Strassenrand die Beerensträucher ab.

Dann fehlt auf einem kurzen Stück Strasse der Asphalt. Ein Auto mit Anhänger kommt uns mit hohem Tempo entgegen. Ein lauter Knall und in der Windschutzscheibe prangt ein 2 cm grosses Loch, ein richtig schönes Bull Eye, wie sie hier sagen. Wir fahren auf den nächsten Parkplatz und versuchen, den Schaden mit dem Reparaturkit zu flicken.

Aber waren da nicht gerade zwei Bären in der Gegend? Versteckt sich vielleicht noch ein weiterer im nahen Gebüsch? Während Erika die «Baustelle» bewacht, übt sich Marcel mit dem Kit. Das dauert, aber am Ende lässt sich das Resultat sehen, ohne Bärenbesuch.

Mit den pelzigen Burschen geht es aber gleich weiter. Kurz nach Stewart Crossing verschwindet ein grauer schimmernder Bär im Gebüsch. Vielleicht dieses Mal ein Grizzly? Wir können es nicht eindeutig erkennen. Der vierte an diesem Tag ist dann wieder eindeutig ein Schwarzbär. Er trottet der Strasse entlang und setzt sich dann ebenfalls ab ins hohe Gras. Also doch Bären Tag!

Dann weisst ein grosses blaues Schild mit weisser Schrift in Richtung Arctic Ocean. Wir biegen ein auf den 740 km langen Dempster Highway. Bis in die 1950er Jahre waren die Hauptreisenden in dieser Gegend Fallensteller, Jäger und wandernde Karibus. Die Aussicht auf Oel und Gas veranlasste 1959 den Bau der ganzjährig offenen Strasse, die jedoch erst 20 Jahre später fertiggestellt wurde. Die ungeteerte, holprige Strasse durch die Wildnis führt von Dawson City durch weithin menschenleere Tundra Regionen nordwärts über den Polarkreis bis zur Inuit-Siedlung Inuvik im Mackenzie-Delta und seit 2017 weiter bis ans Polarmeer in Tuktoyaktuk.
Der Bau und Unterhalt einer arktischen Autopiste hat eine grosse Herausforderung: der Permafrost. Permafrost ist Boden, der mindestens zwei aufeinanderfolgende Jahre lang eine Temperatur von oder unter 0 °C aufweist. Etwa 20 Prozent der Erde, darunter die Hälfte Kanadas, sind von Permafrost bedeckt. In Permafrost Gebieten sind die Sommer nicht lang genug oder nicht warm genug, um mehr als die obere Erdschicht aufzutauen. Solange Permafrost gefroren bleibt, ist er stabil. Wenn er auftaut, hebt und senkt sich der Boden. Um zu verhindern, dass der Permafrost unter dem Highway auftaut und instabil wird, verzichteten die Strassenbauer darauf, die Oberflächenvegetation abzutragen, die den Permafrost vor der Sonne isoliert und ihn kalt hält. Sie schütteten ein dickes Felsen- und Schotterpolster auf, das den darunterliegenden Permafrost isoliert und verhindert, dass dieser schmilzt und die Strasse versinkt. Anstelle von Brücken werden Wasserläufe durch dicke Metallrohre in der Aufschüttung durchgeführt. Die «Steckdosen» an diesen Durchlässen werden von Strassenarbeitern zum Auftauen von Eis verwendet, das ansonsten die Rohre zerdrücken könnte.

Wer den Dempster schnell fährt, – nicht wenige lassen uns in ihrer Staubwolke stehen – ist selbst schuld. Wir sind froh, dass wir genügend Zeit mitbringen, um jeden Streckenabschnitt geniessen zu können. Ein erstes Amuse-Gueule serviert die Piste bereits bei Kilometer 72. Der Tombstone Territorial Park, in dem schroffe Berge über 2’000 Meter aus der Tundra emporragen. Eine anstrengende Wanderung auf dem Grizzly Trail bietet als Belohnung Begrüssung am Aussichtspunkt durch ein freches Murmeltier und die fantastische klare Sicht auf den Mount Monolith.
Ein paar weitere Kilometer der Strasse entlang öffnet sich nach Westen das Tal des North Klondike River hinauf in Richtung Tombstone Mountain. Der Tag ist klar und so können wir den 2’140 Meter hohen Gipfel des Tombstone in 24 Kilometern Entfernung gut erkennen.

Danach wird es ziemlich einsam. Der Wald weicht den Alpenwiesen und der subarktischen Tundra. Diese über Jahrtausende gegründete Landschaft erlebt einen raschen Wandel. Die globale Erwärmung fördert das Kriechen der Baumgrenze und den schmelzenden Permafrost nach Norden. Während sich einige Pflanzen- und Tierarten in den Norden ausbreiten, ziehen sich andere zurück. Für uns bedeutet das weniger offene Tundra Zone und mehr fahren im Wald. Wobei der Wald hier eine besondere Form aufweist. Es sind nicht mehr die hohen Pinien, sondern magere kleine Tannen, in Gruppen angeordnet fast wie Gebüsch. Es ist ein grosses Wurzelwerk, aus dem mehrere Stämmchen spriessen. Genannt wird das Ganze Krummholz, auch auf Englisch. Egal, die Sicht in die Ferne ist eingeschränkt. Wo sich die Strasse oben auf der Krete entlangzieht, öffnet sich der Blick ins Ogilvie Tal durchkreuzt vom silbrig glänzenden Fluss. Von den Berghöhen steigt die Piste in das riesige Delta des Mackenzie hinunter.

Auf eine Tankstelle, zwei winzige Indianerdörfer und zwei Flussfähren trifft man auf der gesamten Strecke nach Inuvik. Die Fähren sind nur im Sommer in Betrieb. Im Winter sind die Flüsse Peel und Mackenzie zugefroren, dann führt der Weg direkt über das Eis. Und im Frühling und Herbst, wenn es taut und gefriert? Dann bleibt die Verbindung nach Inuvik unterbrochen! Dann bleibt nur das Flugzeug.

Und dann ist da natürlich noch der Breitengrad 66° 33‘. Bei Kilometer 405, zwischen der Tankstelle Eagle Plains und der Grenze zu den Nordwest Territories, überqueren wir den Polarkreis. Nördlich von hier gibt es im Sommer sechs Wochen lang rund um die Uhr Tageslicht. Dafür sind wir einige Tage zu spät. Die Sonne taucht zwar kurz unter, aber dunkel wird es in der Nacht auch jetzt nicht.

Nach sechs Tagen Schüttelpiste und sechs Nächten auf teilweise sehr idyllischen Plätzen entlang der Route, erreichen wir Inuvik. Der Ort wurde in den späten 1950er Jahren als Ersatz für die bestehende Siedlung Aklavik errichtet, die durch Überschwemmungen und Erosion bedroht war. Zirka 3000 Menschen – Inuit, Dene und Weisse – leben hier am Ostrand des gewaltigen Mackenzie-Deltas und machen dem Ortsnamen „Platz des Menschen“ alle Ehre. Die Sonne geht 57 Tage lang nicht unter. Demgegenüber stehen etwa 30 Tage, an denen die Sonne nicht über den Horizont steigt, aber dennoch für 4 Stunden Dämmerung sorgt. Der erste Sonnenaufgang im Januar wird dann auch entsprechend gefeiert.
Das wahrscheinlich ikonischste Gebäude der Stadt ist die katholische Kirche in Form eines Iglus mit einer Kuppel in der Kuppel und einer Kuppel an der Spitze. Während der Führung erfahren wir viel über die Geschichte der Stadt, der arktischen Region und ihrer Bewohner und natürlich der Iglukirche. Der Bau dauerte zwei Jahre und wurde 1960 fertiggestellt. Es ist ausserdem das einzige Gebäude in der Gegend, das nicht auf Pfählen, sondern auf einem schalenförmigen Fundament errichtet wurde.

Aber Inuvik ist noch nicht das Ende der Welt. Nach langer Fahrt auf dem Dempster Highway von Dawson City hierher, fahren wir weitere 150 km Schotterpiste nach Tuktoyaktuk, einem kleinen Inuit-Dorf direkt an der Eismeerküste. Und hier heisst es dann wirklich: End of the Road – Ende der Strasse. Wir sind am nördlichsten Punkt unserer Reise durch die Amerikas angekommen.
Die Bewohner von Tuktoyaktuk gehen immer noch auf die Jagd nach Nahrungsmitteln und reisen oft über das Land zu traditionellen Jagd- oder Angelplätzen, um dort etwas zu fangen. Die offenen Einwohner begegnen uns mit einem freundlichen «Willkommen in Tuk». Gerne sind sie auch zu einem kleinen Schwatz bereit. Der Gang durch das Dorf offenbart den Kontrast zwischen traditionellem und modernem Lebensstil. In Grandma’s Kitchen gibt es neben einem teuren Fish and Chips – die beste Wahl neben pikanten Pouletflügeli und Hamburger – lokale Küche zum Degustieren: Getrockneten Fisch und Muktuk, Haut und Speck eines Belugawals in kleinen Würfeln. Na ja, für den modernen Gaumen unkonventionell, soll aber dabei helfen, das ganze Tier zu verwerten. 

Schon bei der Planung unserer Reiseroute hat Marcel versprochen, dass er sich in die Fluten des Eismeers stürzen wird. Jetzt sind wir hier, jetzt muss es sein. Erst der Zeh, dann der Fuss … Das Wasser scheint gar nicht so kalt, nichts wie rein. Gemäss offiziellen Angaben war es über 10°C, angefühlt hat es sich wärmer. Abgesehen vom trüben Wasser war es ein angenehmes Bad. Die überraschend hohe Temperatur lässt sich mit der nahen Mündung des Mackenzie Rivers erklären.
Noch lange sitzen wir am Abend vor dem Wohnmobil direkt am Ufer des Arktischen Ozeans. Noch immer steht die Sonne hoch am Himmel. Um 02:20 Uhr wird die Sonne untergehen und 78 Minuten später bereits wieder erstrahlen. Gute Nacht.

Dann heisst es den gleichen Weg zurück, 930 Kilometer nach Dawson City. Und sie beginnen ausgezeichnet. Schon Ausgangs Tuktoyaktuk watet ein Kanada Kranich mit zwei Jungen durch den Sumpf. Kurz darauf fliegen zwei weitere vorbei. Bestimmt unsere Glücksboten für der Rückweg.

Und so geht dann auch alles gut bis am Tag drei der Morgendunst verdächtig nach Rauch riecht. Kurz vor Eagles Plains wütet ein Wildfeuer, nur vier Kilometer von Hotel, Campingplatz und Tankstellen entfernt. Noch ist alles gut. Der Campingplatz wurde vorsorglich geschlossen, die Tankstelle wird von der Feuerwehr schon mal bewässert. Der Feuerwehrmann erklärt uns, dass das Feuer mit den wenigen Leuten nicht zu kontrollieren sei und seine Aufgabe darin bestehe, die Gebäude von Eagle Plains vor einem Brand zu schützen. Alles im Griff.
Viel mehr stört uns eine Anzeige auf der anderen Strassenseite: «Die Strasse südlich von Eagles ist geschlossen». Aber da müssen wir doch durch! Die zuständige Feuerwehrfrau gibt Entwarnung. 70 km von hier gibt es ein weiteres Feuer nahe der Strasse. Aus Sicherheitsgründen schließen sie die Strasse ab Mittag. Für uns kein Problem, wir dürfen fahren. Bei Kilometer 300 liegt wieder viel Rauch in der Luft. Jetzt sieht der Wald abgebrannt aus, es steigt noch Rauch auf. Direkt neben der Strasse lodert sogar ein Feuer im Unterholz. Dann brennt eine ganze Tanne, dann zwei, lichterloh. Aber alles in allem ist nur wenig Feuer nahe der Strasse zu sehen. Und dann sind wir auch schon durch. Es war wohl nicht so gefährlich wie es ausgesehen hat. Wir können schon darüber Spassen: Wunderkerzen vom Yukon Territorium zum Geburtstag von Marcel.

Die restliche Fahrt zum asphaltierten Klondike Highway bleibt ereignislos. Wir sind zurück vom Arktischen Ozean, zurück aus der arktischen Wildnis, zurück in der Zivilisation. Die Landschaften waren eindrücklich, weit und schön. Rollende Hügel, grün auf der Südseite, felsig grau auf der Nordseite. Im Hintergrund Bergketten weit entfernt. Und immer wieder kleine Tundra Seen, in denen sich die Umgebung spiegelt.
Vermisst haben wir die erwartete Tierwelt. Kein Karibu liess sich sehen, kein Bär kam vorbei. Es ist den Tieren nicht zu verübeln, dass sie sich beim wahrsten Sinne des Wortes aus dem Staub machen, den die Fahrzeuge aufwirbeln. Da sind wir glücklich neben den Kranichen, vielen Enten und Tundra Schwänen auch noch einen Elch, eine Herde Yukon Pferd, zwei Weisskopfseeadler und eine Fuchsfamilie mit drei Jungen entdeckt zu haben.
In Dawson bekommt erst mal Rocky seine wohlverdiente Dusche. Pannenfrei hat er uns über fast 2’000 km Schotterstrasse getragen. Oft wurde er auf Waschbrettstrecken und in Schlaglöchern arg durchgeschüttelt. Obwohl wir keinen Regen hatten, ist Rocky ziemlich verstaubt und hat dringend eine Wäsche nötig.

Die Goldgräberzeit lebt fort in Dawson City, das um 1900 als «Paris des Nordens» gefeiert wurde. Rund 30 000 Menschen lebten hier zur Zeit des Klondike Gold Rush. Bis heute prägen Brettergehsteige und Holzfassaden im Wildwestlook das mittlerweile unter Denkmalschutz stehende Stadtbild Dawsons an der Mündung des Klondike River in den Yukon. Die rund 2000 jetzigen Einwohner der Stadt Leben vom Tourismus. Aber in der Umgebung schürfen Dank des derzeit hohen Goldpreises wieder Miner nach Gold. Mitten in der Stadt treffen wir einen 84jährigen Miner, der uns stolz 2 Gold Nuggets im Wert von 10‘000 US$ zeigt. Er trägt sie in der Hosentasche mit herum.

Ja, der berühmte Goldrausch … Noch immer beflügelt er unsere Fantasie und lässt unsere Augen funkeln! Aber ist in den Klondike Goldfeldern überhaupt noch etwas zu finden? Wohl kaum, betrachtet man die schier unendlichen Schutthalden bei der Einfahrt nach Dawson City. Hier wurde ganze Arbeit geleistet, hier wurde jeder Stein schon einmal umgedreht. Antworten erhalten wir auf der Tour durch die Millar-Mine, die sich auf dem ehemaligen Stadtgelände von Gold Bottom befindet. Die Tour beinhaltet unterhaltsame Erklärungen und Demonstrationen sowohl historischer als auch moderner Abbaumethoden und -techniken. Heute wird der Boden hier zum dritten Mal innerhalb von 125 Jahren durchgearbeitet. Zuerst haben die Goldgräber in mühselig Handarbeit die grossen Nuggets gefunden. Ab ca. 1920 wurde der Talboden industriell mit grossen Dredges systematisch abgesucht. Nuggets grösser als 10 mm werden heute nicht mehr erwartet. Im Gegenteil, es geht vor allem um Feingold, winzige Goldflocken.
Nachdem wir die Tricks des Handwerks erlernt haben, sind wir an der Reihe, das Glück beim Goldwaschen zu versuchen. Die sieben Flocken, die wir finden, dürfen wir behalten.

Im Bonanza Creek, südlich von Dawson, einem Seitental des Klondike River, wurde 1896 das erste Gold entdeckt. Dort steht als historisches Denkmal die riesige alte Goldwaschanlage Dredge Nr. 4. Der Goldbagger veranschaulicht die Entwicklung des Goldabbaus in dieser Region, von den arbeitsintensiven manuellen Techniken der frühen Goldsucher bis hin zu groß angelegten industriellen Gewinnungsmethoden für Unternehmen.
Goldbagger schwimmen auf einem sich bewegenden Wasserteich, nehmen mit einer Eimerkette an einem Ende goldhaltigen Kies auf und speien den Abfallkies am anderen Ende wieder aus. Im Inneren des Baggers entleeren sich die Eimer in einen Trichter, der eine geneigte, rotierende Trommel mit Löchern beschickt. Grosse Wassermengen aus dem Teich spülen das feine Material in den Verteiler, wo es zu den Schleusenkästen geleitet wird. In diesen Kästen sammelt sich das schwere Gold. Während der Spitzenproduktion wurden so alle drei bis vier Tage fast 23 kg Gold gewonnen.
Dredge Nr. 4 ist acht Stockwerke hoch und zwei Drittel so groß wie ein Fußballfeld. Die Eisenschaufeln mit einem Fassungsvermögen von 0,45 m3 konnten Material von 14,6 m unter dem Wasserspiegel graben und dabei 14’000 m3 pro Tag verarbeiten. Sie förderte bis 1959 im Bonanza Creek und sank im Jahr darauf, als ein Damm brach. In den 46 Betriebsjahre förderte der Bagger Nr. 4 acht Tonnen Gold.

Drei Kilometer Flussaufwärts liegt der Free Claim Nr. 6. Dieser Claim gehört der Klondike Visitors Association und jedermann kann hier frei für maximal 3Tage im Jahr Gold graben und Gold waschen, soviel er will. Zwar hat die Dredge No. 8 hier vor Jahrzehnten schon einmal gewühlt und Bulldozer haben schon die Hänge bearbeitet, aber Touristen finden hier regelmässig noch etwas. Wir bewaffnen uns mit Gummistiefel, Schaufel und Pfannen und versuchen erneut unser Glück. Nach fast drei Stunden verlassen wir den Claim ohne weiteres Gold dafür reich an einer neuen Erfahrung.

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