Kanada West III

Yukon, British Columbia – (USA: Alaska)

30. August 2023 bis 28. September 2023

Haat yee.á haa een ash kanyeelyát, sagú yéi nasní yeewháan ḵa ig̱aneix̱! – Kommt, spielt mit uns, habt alle Spass und seid sicher! So begrüsst uns Carcross, die kleine Tagish First Nation Gemeinde am nördlichen Ende des White Passes. Hier am Bennett See tummelten sich einst Goldsucher, die darum kämpften, den Weg zum Klondike zu finden. Carcross hat seinen Namen nicht etwa von Autos, die die Eisenbahn kreuzten, sondern ist eine Kurzform für Caribou Crossing. Die Karibus überqueren hier während ihrer alljährlichen Migration die Seen.
Carcross wuchs schnell von einer Zeltstadt und bald entstanden ein Gemischtwarenladen, Hotels und Restaurants. Das Caribou Hotel wurde 1898 eröffnet und ist noch heute in Betrieb. Und dann noch das: Frederick Trump, der Grossvater von Donald Trump, verdiente 1898 ein Vermögen mit dem Betrieb eines Hotels und Bordells in der Gegend von Carcross. 1901 kehrte er nach Deutschland zurück und wanderte bald darauf in die USA aus.

Das Haa Shagóon Hídi Zentrum, das Haus der Vorfahren, wird von acht hoch aufragenden Totempfählen bewacht wird. Drinnen gibt es indigene Kunst zu bewundern. Wir erfahren, dass in einem Schnitzschuppen beim Kunsthandwerkszentrum gerade ein Künstler am Werk ist. Keith Wolfe-Smarch lädt uns in seine Werkstatt ein und zeigt uns stolz seine Arbeiten. Zwei grosse Totempfähle erhalten gerade ihre traditionellen Formen und Farben. Wir staunen nicht schlecht, als Keith uns seine Schweizer Schnitzmesser zeigt. Ja, der Inuit hat in Brienz eine Schnitzschule besucht.

In der Zwischenzeit ist der Zug der White Pass & Yukon Route Railway am historischen Bahnhof angekommen. Hunderte von Kreuzfahrtpassagiere entsteigen den auf alt getrimmten Waggons und überfluten das Touristenzentrum von Carcross Commons. Keith schliesst vorsorglich seine Türen.

Gunalchéesh hat yeey.aadí – Vielen Dank für Ihr Kommen

2.5 km nördlich fahren wir durch die kleinste Wüste der Welt: Carcross Desert besteht hauptsächlich aus Sanddünen. Es ist aber keine Wüste im eigentlichen Sinn, vielmehr war es einst der Grund eines Gletschersees.

Benannt ist Yukons Hauptstadt Whitehorse nach den heute nicht mehr sichtbaren Stromschnellen des Yukon River, der sich unweit von der Stadt durch den sehr schmalen, rund zwei Kilometer langen Miles Canyon schlängelt. Diese wilden Stromschnellen, deren Kämme wie die Mähnen galoppierender weisser Pferde aussahen, kosteten während des grossen Goldrausches Ende des 19. Jahrhunderts vielen Menschen das Leben, und Hunderte von Schiffen und Flössen verloren hier wertvolle Ladung. Mit dem Bau des Whitehorse Rapids Dam 1958 konnte nicht nur das Wildwasser gezähmt werden, es entstand auch der Schwatka Lake, der heute zur Stromerzeugung und als Landeplatz für Wasserflugzeuge dient.

Der Staudamm behinderte jedoch den Zugang der Lachse zu den über 3’000 Kilometer vom Meer entfernten Laichgewässern. Die Lösung war eine Fischleiter, eine Holzkonstruktion, die den Lachsen die sichere Passage des Damms ermöglicht. Auf einer Länge von 366 m überwinden Tausende von Lachsen jedes Jahr einen Höhenunterschied von 15 m, um zurück an ihre Laichplätze zu gelangen.

Die Stadt überrascht uns positiv. Whitehorse eine charmante Kleinstadt mit allen Annehmlichkeiten einer Grossstadt. Es herrscht Leben in den Strassen, und es sind die Leute aus der Stadt selber, die es lebendig wirken lassen, nicht nur die Touristen. Und endlich können wir wieder einmal ein Bier an der Sonne geniessen. Es ist warm genug und ein Restaurant mit Aussenterrasse lässt sich schnell finden, wohlgemerkt eine Terrasse, die für einmal nicht auf einen Parkplatz oder auf die Strasse hinaus führt.
Wir laufen die Frontstreet und die Main Street hoch und runter. Interessante Oldtimer röhren lautstark an uns vorbei. Sie sind unterwegs auf einer Rally von Alaska nach Mexiko. Fahrzeuge aus halb Europa sind vertreten, sogar welche aus der Schweiz.

Dann steht Einkaufen an. Nach den vielen Grenzübertritten der letzten Tage will der Kühlschrank wieder einmal gefüttert werden. Grauwasser raus, Frischwasser rein, Propan und Diesel aufgefüllt. Los geht es auf den Alaska Highway in Richtung Süden. Die Strecke ist wie gehabt; Strasse mit plötzlichen Schlaglöchern, links und rechts fast undurchdringlich gesäumt mit Fichten, rollende Hügel, durchbrochen von ein paar Flüssen und Seen. Wenn eine Scenic View – ein Aussichtspunkt – ausgeschildert ist, so ist auch hier die Aussicht durch Bäume zugewachsen.

Am Moose View Lake finden wir abseits der Strasse einen ruhigen Flecken für die Nacht. Natürlich lassen sich die Elche nicht blicken. Am Morgen poltert es im Wagen. Der Elch kann es nicht sein, den würden wir sehen. Ob sich trotz Marderschutz wieder eine Bisam Ratte in den Motorraum verirrt hat?

Kurz nach dem Übernachtungsplatz wollen wir auf den Stewart Cassiar Highway abzweigen. Ein Stau an der Strassengabelung lässt schlechtes erahnen. Dann sehen wir die Anzeige: Road closed – Strasse geschlossen – wie wir später erfahren, bereits seit 3 Tagen. Weitere Information gibt es auf dem Internet. Ha, ha, wie den, hier ist kein Empfang. Andere haben Internet über Starlink und wissen, dass die Strasse durch einen Waldbrand führt und dass um 10 Uhr vielleicht im Konvoi durchgefahren werden kann. Die Kolonne an der Strasse wird immer länger. Wir warten, die Ausweichroute wäre 1’400 km länger! Um 12 Uhr gibt es neue Nachrichten: die Strasse wird frühestens abends um 6 oder 7 Uhr geöffnet.

Wir fahren zum Warten nach Watson Lake. Hier haben wir beim berühmten Sign Forest wenigstens Internet und können uns direkt informieren. Am Nachmittag kommt leichter Regen auf. Ob der wohl hilft? Inzwischen wird ein Update der Lage um 21 Uhr versprochen. Nach dem Nachtessen machen wir uns auf einen Spaziergang zum Laden. Ob all der Warterei ist ein süsses Dessert ist fällig. Ein kurzer Blick auf die Webseite zeigt bereits um 20:10, dass die Strasse einspurig alternierend offen ist. Hopp und weg. Bei der Einmündung in den Steward Cassiar Highway steht immer noch die Anzeige «road closed». Mit mulmigem Gefühl fahren wir trotzdem weiter. Ein ganz schönes Stück weiter werden wir gestoppt. Wir müssen auf den Pilot Car warten, der uns durch die Brandzone führen wird. In der Zwischenzeit ist es dunkel geworden. Es rumpelt bei uns. Ja, wir haben wohl einen Untermieter.

Fast eine Stunde später kommt unser follow me, endlich. In unglaublich hohem Tempo fliegt er uns voran durch die Dunkelheit. Er war wohl wirklich mal Pilot. Links wie rechts sind Brandherde mit meist kleinen, aber teilweise auch grösseren Flammen zu sehen. Auch brennen mal ganze Bäume wie Fackeln. Der Brand zieht sich über viele Kilometer hin. Furchterregend, beängstigend, erschreckend, wie hier ein riesiges Waldstück dem Feuer zum Opfer fällt. Dann endlich sind wir durch und mehr als reif für einen tiefen, gesunden Schlaf.

Nachts springt eine Maus über Erikas Hand. So hat es sich zumindest angefühlt. Sie hat den Sack mit den Nüssen und die Tomaten entdeckt und sich daran gütlich getan. Marcel sieht sie auf der Beifahrerseite. Dann versteckt sie sich hinter der Verkleidung. Na dann. Wenn wir schon keine «Moose» sehen, so haben wir nun eine eigene «Muus».

Es folgt ein Fahrtag mit Regen und ein paar verwirrten Sonnenstrahlen. Der schmale Steward Cassiar Highway führt uns durch Wald, Wald und Wald. Wo ein Blick durch die Bäumen möglich ist, erkennen wir im Hintergrund frisch eingeschneite Bergspitzen. Kein Wunder klettert das Aussenthermometer nicht über kalte 5° C. Ein Schwarzbär mit schönem weissem Kragen schaut uns aus dem Strassenrand an und geht dann seiner Wege.

Eine Rast legen wir in Jade City ein. Der Ort ist nach den ausgedehnten Jadevorkommen in der Nähe benannt und bietet einen Einblick in den Abbau dieses schönen Steins. Mit einer Bevölkerung von etwa 20 Menschen biete der familiengeführte Jadebergbaubetrieb für uns eine interessante Abwechslung auf dem Stewart Cassiar Highway. Wir bewundern im Cassiar Mountain Jade Store viele schöne Jadeschnitzereien, Kunstwerke. Draussen, vor der Schleifwerkstatt, drehen wir so manchen interessanten Rohstein in der Hand … und legen ihn wieder hin. Wie gerne würden wir ein paar mitnehmen.

Am Abend basteln wir aus einer Getränkeflasche eine Mausefalle und bestücken sie mit allerlei Leckerbissen. Hoffen wir, dass unsere Maus das Angebot annimmt. Gerne würden wir sie in ein neues Zuhause entlassen. Die andere Option ist nicht so schön.

Ein kurzer Blick auf den grasenden Schwarzbär am Strassenrand und schon geht es weiter durch Wald. Auf dem Abzweiger des Stewart Highway fahren wir zum südlichsten Punkt von Alaska.

Einen Fotostopp, den wir uns nicht entgehen lassen, ist der Bear Glacier. Der Gletscher mündet nur wenige Meter vom Highway entfernt in den Strohn Lake. Ein Anblick, der sich vielleicht nicht mehr allzu lange bieten wird – jedes Jahr verschwindet ein kleines Stückchen!

Die kleine Gemeinde Stewart an der Grenze zum US-Bundesstaat Alaska hat nur 500 Einwohner und war bis in die 1950er-Jahre nur per Schiff zu erreichen. Auf diesem Weg kamen bereits Ende des 19. Jh. Tausende von Goldgräbern in die Gegend, viele jedoch ohne Glück. Erst im frühen 20. Jh. wurden grössere Mengen an Gold gefunden, und von 1920 bis zu ihrer Schliessung 1952 war die Premier Mine die grösste Goldmine Nordamerikas.

Ein kurzer Stopp am Visitorcenter und weiter geht es ins drei Kilometer entfernte Hyder, am südlichen Ende des Alaska Panhandle. Die Stadt war ursprünglich als Portland City bekannt, aber das US-Postamt lehnte den Namen Portland ab, da es der Meinung war, dass es in den Vereinigten Staaten bereits zu viele gab. Der Name wurde dann 1915 in Hyder, Alaska geändert. Hyder bezeichnet sich selbst als die „freundlichste Geisterstadt Alaskas“, so sind von einem Grossteil der Altstadt heute nur noch Pfähle im Watt übrig.

Hyder ist ein bekanntes Ziel für Grizzly- und Schwarzbärenbeobachtungen während die Lachse am Fish Creek laichen. Die Lachse stehen dann auch Flosse an Flosse im seichten Wasser. Viele haben schon abgelaicht und liegen tot am Ufer. Vögel wie der Steller Jay nähren sich am Laich, der rot durch das Wasser schimmert. Und kein Bär weit und breit.

Auf einer ruppigen, dreckigen Naturstrasse, mitten durch das Gelände einer Mine, fahren wir 30 km durch das Salmon Valley hoch zum Salmon Gletscher. Auf einer kleinen Plattform gegenüber dem Gletscher bietet sich ein Platz zum Übernachten mit perfekter Aussicht. Oben angelangt zeigt sich der Gletscher kurz bevor er im dichten Nebel verschwindet.

Bereits um 6 Uhr ist Tagwacht. Wir wollen früh am Fish Creek sein und die Bären bei ihrem Frühstück beobachten. Das Glück scheint heute auf unserer Seite, so zeigt sich uns der Salmon Glacier im Sonnenschein. So schnell es der Strassenzustand zulässt, rumpeln wir hinunter zum Fish Creek. Nach gut drei Stunden ziehen wir enttäuscht von dort weiter. Auch heute kein Bär weit und breit. 😞

Also wieder zurück über die Grenze nach Kanada. Vor Stewart fährt man durch Hyder B.C., oder was neben der Zollstation noch davon übrig ist. Hyder, B.C. entstand teilweise aufgrund des Zustroms von Bewohnern von Hyder, Alaska während der Prohibition. Der Geschichte zufolge gab es auf der Alaska-Seite einen ausgetretenen Pfad über den Berg, der als „Smugglers Trail“ bekannt war. Viele Alaskaner gingen einfach hinüber nach Hyder, B.C., tranken sich satt und kehrten nach Hause zurück.

Übrigens war die Eigenbau Mausefalle am Morgen leer. Im Hardware Shop in Stewart kaufen wir ein Set richtiger Mausefallen. Nun erhält unser Untermieter die Kündigung. Vielleicht war der Maus das Geschüttel von gestern ja zu viel und sie ist von sich ausgezogen, gehört haben wir sie heute auf jeden Fall noch nicht.

Kaum sind wir wieder unterwegs, steht ein Bär am Strassenrand und verschwindet schnell im Gebüsch. Hier bist du! Das Tal zeigt sich heute von seiner freundlichen Seite. Nebel und Wolken machen für einmal der Sonne Platz. Aus jeder Rinne züngelt ein Gletscher ins Tal.

Das historische Dorf Gitanyow beherbergt einige der ältesten bekannten und grössten Totempfähle in British Columbia, von denen einige mehr als ein Jahrhundert alt sind. Jeder Totempfahl erzählt eine Geschichte über einen Clan. Obwohl viele der ursprünglichen Totempfähle an das Royal British Columbia Museum in Victoria geschickt und durch Nachbildungen ersetzt wurden, sind viele an ihrem Platz geblieben, darunter auch das Totem „Hole in the Ice“, das um 1850 errichtet wurde. Eine bewundernswerte Handwerkskunst. Fast können wir den Geist und die Geschichte der Indigenen spüren, die von den vielen Artefakten ausgehen.

Und schon wieder grüsst ein kleiner Schwarzbär aus dem Gras. Die wissen wohl einfach nicht, wo der Fish Creek in Hyder liegt oder sie haben alle kein Visum für die USA.

Eine schmale Hängebrücke führt hoch über den Bulkley River nach Hazelton. Das Dorf verdankt seinen Namen tatsächlich den hier zahlreich vorkommenden Haselnussbäumen. Wir schauen uns hier die Anlage des Ksan Indian Historic Village an, eine historische Rekonstruktion eines Indianer-Dorfs der Gitxsan. Zu sehen ist das Wolf House, das Fireweed House, das Eagle House und das Frog House, ein Langhaus für bis zu 60 Bewohner. In solchen Häusern wohnten ein oder mehrere Grossfamilien im Winter, während sie in der wärmeren Jahreszeit in den Wäldern lebten und jagten.

Ausgerechnet heute können die Häuser innen nicht besichtigt werden. Wegen einer Baustelle in der Umgebung musste das Wasser abgestellt werden. Den Zusammenhang sehen wir nicht wirklich. Was solls, auch von aussen sind sie sehenswert. Vor den schlichten Häusern mit den typischen naiven Malereien der Indigenen sind gewaltige Totempfähle aufgestellt. Sie sind mit Menschen und Tieren aus der Geschichte dieses First-Nations-Volks verziert.

Dann sind wir in Smithers. Was uns zuerst auffällt ist der hölzerne Alphornbläser am Eingang zur blumenverzierten, beflaggten Main Street. Alpine Al, ist 2 Meter gross, mit einer Kettensäge geschnitzt aus 1.000 Jahre altem Rotzedernholz, und ist sozusagen das neue Maskottchen der Stadt Smithers, in deren Umgebung viele Schweizer Auswanderer leben.
Die blühende Gemeinde hat diverse Wirtschaftszweige, die zum Wachstum beitragen, etwa die Forst- und Landwirtschaft, sowie Tagebau und Tourismus. Und sie hat «The Sausage Factory» an der Main Street 1107. Hier in decken wir uns ein mit Landjägern, Schweizer Käse und Aromat. Vielen Dank an Gisler’s für den guten Typ.

Die Landschaft, durch die wir fahren, hat sich deutlich verändert. Anstelle des dichten, monotonen Tannenwalds ist aufgelockerter Mischwald getreten. Unterbrochen sind sie von landwirtschaftlich genutzten Feldern. Hier und dort eine Farm mit Kühen. Bereits färben sich die Blätter der Laubbäume gelblich. Ein farbenfrohes Bild zusammen mit den verblühten, aber immer noch rötlich schimmernden Fireweeds und dem satten Grün der Wiesen. Und es gibt wieder vermehrt Tiere zu bewundern: ein Reh, dass mit allen Vieren wie eine Gazelle davonhüpft, Sandhill Kraniche im abgeernteten Maisfeld und sogar ein Schwarzbär, friedlich grasend mitten auf einer Wiese.

Unsere Tagesetappe endet in der Holzindustriestadt Prince George. Mit dem zunehmenden Borkenkäfer-Problem, das in der gesamten Gegend erschreckend sichtbar ist, kam eine Zeit des wirtschaftlichen Abschwungs für Prince George. Durch die Erschliessung von neuen Märkten und Produkten, die aus dem vom Borkenkäfer geschädigten Holz gefertigt werden, konnte sich die Forstwirtschaft jedoch wieder einigermassen erholen und ist heutzutage nach wie vor einer der wichtigsten Industriezweige in der Stadt. Und der Borkenkäfer darf gemütlich weiter wirken!

Am Rande der Stadt finden wir auf dem Parkplatz des Cottonwood Island Parks ein ruhiges Plätzchen für die Nacht. Zuvor geht es auf Entdeckungsreise in den nahen Wald, in dem die Bäume «sehen» können. Das liegt daran, dass der Künstler Elmer Gunderson Dutzende Gesichter in die Bäume geschnitzt hat. Die aufwendig detaillierten Gesichter haben etwa die Grösse einer Handfläche. Einige sind einfach zu finden, andere wollen gefunden werden. Und mittendrin werden wir umschwärmt von bettelnden Meisen. Marcel holt sich Sonnenblumenkerne, die sie ihm aus der Hand picken.

Obwohl wir südlich von Prince George keine „städtischen“ Gebiete durchquerten, haben wir nie wirklich das Gefühl, in der „Wildnis“ zu sein. Es herrschte ständiger Verkehr in beide Richtungen, darunter viele der riesigen Sattelschlepper mit Auflieger-Anhänger, sogenannten Double Semi, die Güter aller Art transportierten. Auch wenn die Städte nicht gross sind, gibt es doch eine ganze Menge davon.
Einige der Orte haben eher seltsame Namen – wie zum Beispiel „100 Mile House“. Diese Orte haben ihren Ursprung in der Zeit des Goldrauschs. Die ursprüngliche Strasse durch die gesamte Region hiess Cariboo Waggon Road, und alle „Meilen“-Haltestellen waren Raststätten. Der Kilometerstand wurde von der kleinen Stadt Lillooet nach Norden, Meile 0, berechnet.

Auf der 108 Mile Ranch ist Markttag, der ideale Ort für einen Zwischenstopp. Die Ranch besteht aus 12 historischen Gebäuden, einem Roadhouse, einem Telegraphen-Büro, einem Hotel und einem Geschäft. Wir schlendern durch die Marktstände mit Handarbeiten und Kunsthandwerk. Auch die Gebäude können besucht werden. Dort sehen wir, wie die Pioniere früher gelebt haben.

Je mehr südlicher je trockener erscheint die hügelige Ranchlandschaft. Das Ödland erinnert uns stark an die steppenartigen Gebiete in New Mexico. Wir sind im Gold Country angekommen, im Herzen von British Columbia. Hier, inmitten von Kakteen, Tumbleweed und einem wüstenähnlichen Klima wohnt Erikas Bruder Max – wenn er nicht gerade auf Abenteuerreise ist – und seine Tochter Tamara mit Familie. Von Wüste ist auf dem herrlich grünen Anwesen allerdings nichts zu spüren.

Zwei ruhige Tage verbringen wir bei Marion und Max bevor wir in den Obstgarten Kanadas weiterziehen. Das Okanagan Valley ist die wärmste Gegend in Britsh Kolumbien. Über zweihundert Kilometer erstrecken sich Farmen und Obstwiesen mit Apfel-, Birnen-, Pfirsich- und Aprikosenbäumen. Und Rebberge. Weine aus Kanada sind wenig bekannt, jedoch sind Bodenbeschaffenheit und das Klima für den Weinbau optimal. Tagestemperaturen von bis zu 40 °C und kühle Nächte ermöglichen es den Trauben, ihre natürliche Säure zu bewahren – ein charakteristisches Merkmal von BC-Weinen. Das Okanagan Valley ist sogar wärmer und trockener als das Napa Valley und erhält während der Hauptwachstumszeit fast zwei Stunden mehr Sonnenlicht pro Tag.
Die Weinlese ist in vollem Gange und die Apfelbäume hängen voller roter Früchte. Wir halten an vielen Ständen entlang der Strasse an, um von den frischen Früchten zu profitieren. Wegen den überdurchschnittlich hohen Temperaturen in diesem Sommer und den vielen grossen Waldbränden in der Gegend hat die Qualität leider etwas gelitten. Trotzdem bleibt es ein Genuss, in einen Apfel frisch vom Baum zu beissen.

Und wieder fahren wir im Wald. Durch Täler mit schönen grossen Tannen ziehen wir in Bogen der US- Grenze entlang nach Westen. In Hope mündet der Trans Canada Highway ein, womit der Verkehr spürbar zunimmt. Durch die Vororte von Vancouver suchen wir auch mehrstufigen Autobahnen dem Weg mitten in die grösste Stadt der Provinz British Columbia.

In den rund 20 Jahren, seit wir zum letzten Mal in Vancouver waren, scheinen hier einige moderne Gebäude gewachsen zu sein. Wir verzichten auf eine grosse Stadtbesichtigung und schlendern auf dem Seawall zum Convention Center. Gläserne Appartementhäuser mit toller Sicht auf das Hafenbecken begleiten uns auf der einen Seite, im Wasser liegen kleinere und größere Segel- und Motoryachten und die Wasserflugzeugbasis. Wir setzen uns auf die Terrasse und betrachten das emsige Starten und Landen bei einem Bier.

Natürlich laufen wir einmal um das Cruise Ship Terminal mit seinen fünf schönen weissen Segeln. Ein Kreuzfahrtschiff hat heute keines angelegt. Gut so, denn damit ist das Stadtviertel Gastown nicht so überlaufen. Gastown ist der einzige Stadtteil in Vancouver, in dem man ein wenig das Gefühl hat, ein Stück Geschichte zu spüren. Hier befindet sich der Geburtsort der Stadt. Mit seinen alten gepflasterten Straßen, geschmückt mit antiken Straßenlampen, gesäumt von Backstein-Gebäuden bietet Gastown einen interessanten Mix aus Vergangenheit und Gegenwart.
Neben vielen Souvenirgeschäfte mit allerlei teurem Krempel «Made in China» gibt es hier eigentlich nicht viel zu sehen. Die Haupt-Sehenswürdigkeit ist die berühmte Steam Clock, ein kleiner Nachbau des Big Ben aus London. Die Uhr ist eine der wenigen dampfbetriebenen weltweit. Viertelstündlich pfeift sie durch Gastown, besonders zur vollen Stunde sammeln sich viele Touristen rundum. Es ist fast unmöglich ein Foto zu machen, ohne posende Asiaten davor zu haben.
Unser nächstes Ziel war eigentlich das benachbarte Chinatown. Leider nähern wir dabei einem ziemlich unschönen sozialen Brennpunkt der Stadt. Drogenabhängigkeit, Prostitution und Kleinkriminalität sollen im Viertel vorherrschen, Auswüchse der desolaten Lebenssituation der verarmten Bewohner. Bereits Strassen davor steigt uns ein penetranter Geruch in die Nase und lässt uns umkehren.
Nun ist es doch eine grössere Stadtwanderung geworden. Hunger und Durst treiben uns in ein Restaurant, nahe der Dampfuhr. Wir ergattern uns den letzten Platz auf der Terrasse mit freier Sicht auf die trötende Zeitmaschine. Bald klopft es von innen an die Scheibe. Dort sitzt der texanische Schweizer Roland mit seiner mexikanischen Frau Leticia und seiner Schwester Monika aus Nidau. Wir haben die Drei auf der Fahrt von Watson Lake bis hierher mehrere Male getroffen. Zufälle gibt’s!

Mit der Fähre setzen wir über nach Vancouver Island. Im Westen von Victoria erwartet uns ein besonderes Wiedersehen. Wir besuchen Shorty, einen Freund aus Erikas Kindertagen. Mehrere Jahre haben sie ihre Sommerferien auf dem Zeltplatz VD8 am Neuenburgersee verbracht. Beim Abendessen werden Erinnerungen an alte Zeiten ausgetauscht. Auch Shorty geht demnächst auf grosse Reisen, mit der Segelyacht nach Süden. Wir dürfen ihn bei einigen Abschlussarbeiten auf seinem Boot unterstützen. Macht Spass, wieder einmal richtig anzupacken.

Vancouver Island hat viele kleine, fast unberührte Buchten, die über Forststrassen erreichbar sind. Eine davon ist die Little Bear Bay, versteckt an der Inland Passage nördlich von Campbell River. Gemäss Insidertipps soll man hier täglich Humback Wale, Orkas, Seelöwen und Seehunde schwimmen sehen. Bei Ebbe sollen am gegenüberliegenden Ufer Schwarzbären unter den Steinen nach Krebsen suchen. Nachdem wir gestern schon den ganzen Tag am zwar sonnigen, aber saukaltem Strand gesessen und vergeblich gewartet haben, schauen wir dem heutigen, grau regnerischem Tag entgegen entsprechend betrüblich entgegen. Und dann springen da draussen plötzlich eine Familie Delfine um das Fischerboot. Die Delfine verschwinden und der Fischer sucht sich andere Fischgründe. Eine Gruppe American Robins hüpft um uns herum und pickt nach Würmern in der Wiese. Kingfischer fliegen vorbei, rotieren in der Luft, und setzen sich auf den dürren Ast mit Aussicht auf das Treiben im Wasser. Der Weisskopfseeadler fliegt seine Runden. Drei Spechte klopfen ihren Takt im Baum nebenan. Später tummeln sich Seehunde in der Bucht, strecken vereinzelt ihre Köpfe aus dem Wasser und schauen uns immer mal wieder neugierig an. Enten tauchen Schwupps ab und irgendwo mal wieder auf. Fischerboote, Segeljachten und Motorboot wechselt von links nach rechts oder umgekehrt, kleine und riesige Kreuzfahrtschiffe. Nur kurz zeigt sich ein Sonnenstrahl. Wir warten weiter, geduldig, ungeduldig. Zeigt sich uns noch ein Wal? Ober vielleicht der Bär. Nein, wir haben vergeblich gewartet.
Sollen wir noch weiter auf Bären und Wale warten. Nein, wir geben auf und fahren weiter. Vor der Abfahrt halten wir für einen kurzen Schwatz bei unseren deutschen Nachbarn. Der Bald Eagle fliegt für uns eine Abschiedsrunde. Und dann sind sie plötzlich doch noch da: die Schwarzbär Mutter mit ihrem Kleinen drehen die Steine um. Sie suchen nach Essbaren.

Die beiden Deutschen waren auf einem Campingplatz, in dessen Umgebung sie Bären bei Fischen beobachten konnten. Das wollen wir sehen. Nichts wie los zum Stamp River. Und tatsächlich, kaum angekommen sehen wir ein Schwarzbär auf der anderen Flussseite. Am nahen Wasserfall springen die Lachse hoch, versuchen das Hindernis auf dem Weg in die Laichgewässern zu überwinden. Bei einigen endet der Sprung am Felsen. Im Pool darunter tummeln sich ganze Schwärme von Fischen. Schöpfen sie Kraft für ihren grossen Sprung? Ein weiterer Bär trottet am Ufer entlang und kommt dem Blaureiher sehr nahe. Dieser scheint sich nicht ganz sicher zu sein, ob er wegfliegen oder nur ein paar Schritte zurückweichen soll. Der Bär aber interessiert sich nicht für ihn.
Noch vor dem Frühstück laufen wir wieder dem Fluss entlang zum Wasserfall. Kein Bär in Sicht. Sind wir zu früh, oder doch schon zu spät? Doch beim Zurückgehen verlässt ein Bär weiter oben seine Deckung. Wir gehen ihm entgegen. Es ist eine Bären Mutter mit ihrem Jungen. Der scheue Kleine versteckt sich im Gebüsch. Die Mutter steigt erfolglos von Stein zu Stein. Kein Fisch zum Fassen in der Nähe, also zurück in den Wald. Am Wasser stehen die Fotografen und warten. Hier scheint die Show stattzufinden. Wir gesellen uns dazu und beobachten noch zwei weitere Bären. Auch Mutter und Kind kommen zurück.

Die kurvige Strasse mit vielen Strassenschäden führt und quer über die Insel an den Pazifik. Eigentlich wollen wir nach Tofino, aber da sind die Campingplätze unerschwinglich oder ausgebucht. In Ucluelet werden wir fündig. Auf dem nahen Wild Pacific Trail drehen wir eine Runde. Der Pfad führt durch den Regen(Zauber)wald mit riesigen Zedern. Eine Reihe von romantischen angelegten Aussichtspunkten öffnen den Blick auf die Meereswellen, die unaufhörlich auf die Felsen darunter schlagen.

Im Pacific Rim National Park Reserve of Canada wir tauchen wir noch tiefer in den Regenwald ein. Auf Holzstegen führt der Rain Forest Trail durch empfindlichen uralten Wald. Urwaldriesen strecken ihre Köpfe ins Sonnenlicht, 100 Meter über uns. Andere liegen dicht bemoost am Boden und geben vielen Tieren und Pflanzen Nahrung. Eine verwunschene Stimmung umgibt uns. Neben ein paar Krähen ist kaum ein Vogel zu hörten. Lautlos kriecht eine schöne gelbe Bananenschnecke durch das Moos.

In Tofino scheinen wir nicht willkommen zu sein. Überall heisst es: no RVs, no trailers, no camping – keine Wohnmobile. Dabei wollen wir doch nur Parken, um uns das Städtchen zu besichtigen und vielleicht ein paar Dollars auszugeben. Wir finden trotzdem ein Plätzchen für Rocky. Der Blick in den kleinen Hafen ist mystisch. Die Sonne scheint, doch die ganze Bucht ist in Nebel getaucht, der sich allmählich auflöst. Ein Spaziergang durch das touristische Zentrum für uns zu einem Glace Stand. Na ja, wenn doch die Sonne scheint!

Er ist der längste Sandstrand an der Westküste von Vancouver Island, die Long Beach im Pacific Rim National Park Reserve. Surfer, Kajakfahrer, Schwimmer, Sandburgen- und Schwemmholzhüttenbauer, Frisbeewerfer, Fotografen und Spaziergänger lassen sich von dieses Strandes inspirieren. Auch hier schleicht ein Nebel über das Wasser, was den Strand magisch erscheinen lässt. Wohl zum Unwillen der Surfer, denn die Wellen bleiben für einmal aus.

Der Old Country Market begann als Straßenstand, der Reisende auf dem Weg zur Westküste von Vancouver Island mit frischen Produkten versorgte. Im Laufe der Jahre hat es sich zu einem Wahrzeichen von Coombs entwickelt, mit Geschenken, internationalen Lebensmitteln, und Ziegen … auf dem Dach!
Der ursprüngliche Markt wurde 1973 von Kristian Graaten gegründet. Der gebürtige Norweger Kris ließ sich inspirieren, ein Grasdach in seine Marktgestaltung einzubeziehen. Das Gras wuchs gut und wurde ziemlich lang. Der Legende nach schlug Larry nach ein paar Gläsern Wein vor, dass sie sich ein paar Ziegen „leihen“ sollten, um das Gras zu „mähen“ und vielleicht den vorbeifahrenden Autos etwas Unterhaltung zu bieten. Unnötig zu erwähnen, dass die Ziegen bei Einheimischen und Touristen gleichermaßen beliebt waren. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, wird die Tradition mit einem Ziegentrio fortgesetzt, das jedes Jahr von Frühling bis Herbst sein Zuhause auf dem Dach hat.

Zurück in Victoria lassen wir es unserem Rocky wieder einmal gut gehen. 16 Monate nachdem wir auf einem Feldweg im Osten von Kanada die Wasserwanne aufgerissen haben, sind wir mit einem provisorischen Flick herumgefahren. Tyler von R.O.A.D Overland repariert den Schaden endgültig und verstärkt die Wanne. Zudem bekommt Rocky zwei schöne, rote Sandbleche. Nur für den Fall.

Unseren letzten Tag in Kanada verbringen wir in Victoria, Hauptstadt von British Columbia. Victoria, an der Südspitze von Vancouver Island, hat das mildeste Winterklima aller Städte Kanadas und ihre vielen Parks und Grünflächen haben ihr die Bezeichnung „Gartenstadt“ eingebracht. Auch Victoria kennen wir noch von unserem Besuch im Jahr 2000. Das prächtige Parlamentsgebäude und das stolze Fairmont Hotel umrahmen den inneren Hafen, wo wie damals Walbeobachtungsboote und Wassertaxis auf die Touristen warten. Wir machen uns einen ruhigen Tag und entdecken gleich um die Ecke eine malerische Ecke von Victorias Uferpromenade. In der Fisherman’s schwimmen viele bunte Bootshäuser, ein verborgener Schatz, der darauf wartet, entdeckt zu werden.

Dreimal ertönt das Schiffshorn bei der Ankunft der Fähre Coco im Hafen. Bereits wurden wir von den amerikanischen Zollbeamten kontrolliert. Mit Rocky verschwinden wir im Bauch des Schiffes, um bald darauf an der Reling zu stehen. Ein letzter Blick. Goodbye Victoria, goodbye British Columbia, goodbye Kanada.

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