Mexiko II

Sinaloa, Nayarit, Jalisco, Colima, Michoacán

30. Dezember 2022 bis 29. Januar 2023

So lässt es sich leben, so haben wir uns das vorgestellt.

Es ist so entspannend ruhig in Las Glorias, dass wir beschliessen den Jahreswechsel hier zu verbringen. Da wir im Dörfchen nur Camerones (Garnelen) und Bier beschaffen können, fahren wir für den Silvestereinkauf auf den Markt ins 40 km entfernte Guasave. Wie in den USA ist das auch in Mexiko keine Distanz. Mit unserem knappen spanischen Wortschatz kaufen wir Früchte, Gemüse und Fleisch ein.

Das Resultat lässt sich sehen und schmeckt himmlisch. Eine Margaritha zum Aperitif, ein Surf and Turf als Hauptgang. Ein letzter romantischer Sonnenuntergang. Das Jahr ist zu Ende.

Am 1. Januar darf natürlich das Neujahrsschwimmen von Marcel nicht fehlen. Die erste Überraschung des noch jungen Jahres erfährt er danach beim Verlassen des Duschhäuschens. Eine stattliche Pythonschlange sonnt sich vor dem Eingang. Schnell sind die andern drei geholt. Gemeinsam bestaunen wir das schöne, aber auch etwas unheimliche Reptil.

Nach zwei Wochen im Playa Bonito wollen wir heute weiter gegen Süden fahren. Die Abwassertanks sind geleert, Frischwasser ist aufgefüllt, noch kurz duschen, dann kann es losgehen. Da melden uns Tavo und Anna, dass das nahe Culiacán, die Hauptstadt von Sinaloa, total gesperrt ist. Für die Stadt und die Umgebung ruft die Regierung auf, in den Häusern zu bleiben. Sie haben in den Morgenstunden einen Führer des Sinaloa Kartells verhaftet. Viele Strassensperren wurden errichtet, Lastwagen brennen, es wurde geschossen. Wir bleiben wo wir sind. Hier, weit weg von den Städten und den grossen Strassen soll es sicher sein.

Nach zwei Tagen hat sich die Situation beruhigt. Die Lage scheint sicher zu sein. Wir ziehen los. Kilometer um Kilometer fahren wir an riesigen Feldern vorbei. Vor allem Mais, aber auch Zwiebeln, Zucchetti und sehr viele Tomaten werden hier angepflanzt. Konvois von Militär und Nationalgarde kommen uns reihenweise entgegen. Einige schwarze Stellen auf der Strasse zeigen, wo die Lastwagen-Blockaden waren. An einer Zahlstelle steht noch ein verbrannter Lastwagen quer im Durchgang. Der Verkehr staut sich kilometerlang. Wir fahren auf der glücklichen Strassenseite, die unter Militärkontrolle langsam durchfahren kann.

Und dann tönt es plötzlich komisch. Wir haben einen Platten, mitten auf der Schnellstrasse. Glück im Unglück, der Platten ist hinter rechts und wir können einigermassen gut neben die Piste fahren. Mit dem Schlagschrauber von Max ist der Reifen in rekordverdächtigen 15 Minuten gewechselt. Die Fahrt kann weitergehen.

Eine eigentümliche Ausfahrt; eine schmale Schotterstrasse, quer durch einen Hinterhof, die sich einer Asphaltstrasse anschliesst. Die ersten Kilometer Richtung Punta Prieta sind ausgewaschen, an einigen Stellen ist der Strassenrand weit eingestürzt. Danach ist dieser Weg, der zur Playa de Hincha Huevos abzweigt. Garmin und mapsme kennen in nicht, Google kennt zumindest das Ziel. Die Bucht erwartet uns malerisch, sandig und felsig. Ein Wal begrüsst uns in seiner Welt. Mit der Flosse winkt er uns zu, die Schwanzflosse klatscht spitzend aufs Wasser. Kranichgleich fliegen riesige Formationen von Pelikanen über uns hinweg ins Abendrot. Nachts ist es still, unterbrochen nur vom Geräusch der Brandung.

An Morgen geniessen wir unsere Bucht auf einem ausgiebigen Strandspaziergang. Bald entdecken wir eine erste Schildkröte – aus Plastik. Wir sehen Kugelfische, echte Schildkröten, einen Delfin und Reste eines Wals. Leider alle tot. Lieber würden wir sie lebend sehen. Zurück bei den Fahrzeugen beobachten wir Fische, die hoch aus dem Wasser springen. Sind es Rochen auf Brautshow?

Seit langen sind wir wieder einmal in einer grossen Stadt. Mazatlán, die touristische Hafenstadt am Golf von Kalifornien, genau gegenüber der südlichsten Spitze der Baja California. Wir schlendern erstmal am Malecón, der Mole, entlang und geniessen in einem der Strandrestaurants eine erste Margaritha und ein Ceviche.

Der Pino Suarez Markt ist nach Lebensmittelarten in Abschnitte unterteilt. Es gibt Gänge mit frischen Meeresfrüchten, mit Hühnern, Schweinefleisch, Rindfleisch und ellenlange Gänge mit Früchten und Gemüse. Nach dem ausgiebigen Marktbesuch mieten wir ein Pulmonia für eine individuelle Stadtrundfahrt. Pulmonias sind benzinbetriebene Open-Air-Taxis, die aussehen wie aufgesattelte Golfcarts! Die Mehrheit der Pulmonias sind abgespeckte Volkswagen mit massgefertigten Glasfaserkarosserien. Einige haben Türen und andere nicht. Sie sind so ikonisch, dass es sogar ein Pulmonia-Denkmal auf dem Malecón gibt. Die meisten haben Stereoanlagen und fahren mit lauter Musik herum! Unser Pulmonia ist ein Oldtimer ohne Musikanlage. Auch der Fahrer will für uns nicht singen.

Heute säumen vor allem Mangobäume unseren Weg. Sie stehen in voller Blüte, wobei uns lieber wäre, wenn sie bereits süsse Früchte tragen würden. Und dann, an einem kleinen Pass, stehen sie am Strassenrand: Guardia Nazional, Militar und Polizia. Schwer bewaffnet, aber scheinbar entspannt, Herr der Lage. Einige ausgebrannte, teilweise noch rauchende Lastwagen liegen in den Strassengräben. Im nächsten Dorf sitzen die Einsatztruppen auf den Transportern, bereit zur Rückfahrt. Im Dorf selber scheint das Leben ruhig weiterzugehen. Wir wechseln auf die mautpflichtige Autostrasse und mit hoffentlich weniger dieser Lastwagen Leichen. Dann sind wir im Bundesstaat Nayarit, raus aus Sinaloa, raus aus dem Einflussgebiet des Kartells.

Am Abend verschwinden wir trotz angenehmer Temperaturen schon früh in unsere Camper. «No see-ums», kleine, fast unsichtbare Mücken plagen uns. Sie finden Ihren Weg durch die Mückengitter und halten uns auch durch die Nacht weiter auf Trab.

Eine 15 minütige Fahrt mit dem Taxiboot bringt uns zur Isla de Mexicalitián, mitten in den Mangrovensümpfen von Nayarit. Fast ganz rund, die ovale Insel ist nicht sehr gross und misst an ihrer breitesten Stelle knapp 400 Meter. Bunte Häuser bis ans Wasser, schöne Wandmalereien, eine Strasse kreuz, eine Strasse quer und die Calle Venecia einmal im Kreis herum. Von oben sieht es aus wie die antike Stadt Aztlán, umgeben von Wasser. Während der Regenzeit sind die Strassen des Dörfchens überflutet, sodass die Fahrt mit dem Boot auch innerhalb der Insel die einzige Option ist. Aus diesem Grund hat sich die Insel den Namen „Das mexikanische Venedig“ verdient.
Obwohl die Bevölkerung von Mexicalitián immer noch nur etwa 800 beträgt, reicht die Geschichte der Insel weit zurück. Viele Historiker betrachten die Isla de Mexcaltitán als den Geburtsort der mexikanischen Identität, da die Mexikaner ursprünglich von dieser Insel aus aufbrachen, um Tenochitlán zu finden, das schliesslich zu Mexiko-Stadt, der Hauptstadt Mexikos, wurde.

Auf dem Weg vom Meer hinauf nach Guadalajara macht das Fahrzeug von Max schlapp. Kein Öldruck mehr. Ein grüner Engel – Mexicos freie Pannenhilfe auf Mautstrassen – führt uns zu einer Werkstatt. Ein Ölwechsel am Strassenrand, ein neuer Ölfilter und mucho dinero helfen. Etwas besser geht es danach noch bis zum RV Park in Tepic.

Die Hänge blitzen blau im Sonnenschein. Agaven werden hier angebaut, bis an die Strassenränder wurden sie gepflanzt. Der Preis für Agaven ist derzeit gut, sehr gut sogar. Steil führt die Autobahn die Hügel hinauf und dann ebenso steil und kurvig wieder hinunter in einen Talkessel. Man erkennt gut, dass hier alles vulkanisch ist. Breite Ströme aus Obsidian Felsen entlang der Strasse zeugen von einer feurigen Vergangenheit. Tequila Pueblo liegt hier im längst erloschenen gleichnamigen Vulkan.

Um keine andere Flüssigkeit ranken sich so viele Geschichten, Mythen, Legenden und Überlieferungen wie um Tequila und sein Schwestergetränk Mezcal. Als Nordamerikas erstes destilliertes Getränk und erster kommerziell hergestellter Alkohol hat Tequila eine lange und reichhaltige Geschichte. Seine Wurzeln reichen bis in die vorspanische Zeit zurück, als die Eingeborenen den Saft der lokalen Maguey-Pflanzen zu einem Getränk namens Pulque fermentierten. Einst nur ein Getränk für Bandidos und Rancher, ist Tequila bei den heutigen Business-Yuppies genauso zu Hause wie eine Tasse Starbucks-Kaffee.
Den Tequilakönig José Cuervo haben wir nicht getroffen, dafür aber José Guadelope Núñez Rodriges, der uns auf eine spannende Tour durch seine Agavenfarm und seine Destiladora Puntual mitgenommen hat. José ist sehr freundlich und weiss viel über die Geschichte und den Prozess von Tequila. Seine Familie widmet sich seit fünf Generationen dem Tequila-Herstellungsprozess. Seine Agaven werden 9 Jahre lang frei von Agrochemikalien angebaut, um eine optimale Qualität zu garantieren. Fermentiert wird nur mit Hefe ohne jegliche Zusatzstoffe, destilliert bei 95°, um den Geschmack von Agaven in jedem produzierten Liter zu erhalten.
Am Ende der Tour sitzen wir an Josés Verkostungstheke und nippten an all seinen wunderschönen Tequilas mit jeweils einzigartigem Aroma und Geschmacksprofil. Als wir damit fertig sind, mischen wir uns unter seiner Anleitung ein originales Tequila-Mischgetränk der Gegend, den köstlichen Cantaritos, hergestellt in dieser Reihenfolge: Grapefruit, Orange, Zitrone, Limette und natürlich feinsten Puntual-Tequila.

Guadalajara, die zweitgrösste Stadt Mexikos, ist bekannt für Tequila und Mariachi-Musik. Wir parken die Fahrzeuge am Stadtrand und machen uns auf den Weg, die Stadt zu entdecken. Fast eine Stunde dauert die abenteuerliche Fahrt mit dem Bus ins Zentrum. In der historischen Altstadt Guadalajaras befinden sich mehrere Plätze und Wahrzeichen aus der Kolonialzeit, darunter das Teatro Degollado, der Regierungspalast und die Kathedrale mit goldenen Zwillingstürmen. Der Stadtbummel durch die Gassen macht müde. Mehrdeutige Sitzgelegenheiten vor dem Hospicio Cabañas lassen uns etwas ruhen. Auf der Plaza de los Mariachis geniessen wir ein Corona und lassen uns von einer Mariachi Gruppe mit Inbrunst eines ihrer Lieder vortragen. Während dem Nachtessen an der Plaza Guadalajara kommen wir unverhofft in den Genuss einer Lightshow mit der Kathedrale als Leinwand.

Guachimontones ist der Name einer alten vorspanischen Siedlung in der Stadt Teuchitlán, etwa eine Stunde westlich von Guadalajara. Dieses zeremonielle Zentrum umfasst mehrere Gebäude mit einem besonderen architektonischen Stil, darunter mehrere abgestufte konische Pyramiden, zwei Ballplätze, ein Amphitheater sowie einige Terrassen und kleinere Gebäude.
Die dominierenden Merkmale von Los Guachimontones sind drei kreisförmige Stufenpyramiden. Die mit 18 m höchste Pyramide hat 13 hohe Stufen, die zu einer oberen Ebene führen. Auf der höchsten Ebene wurde ein Loch gefunden, höchstwahrscheinlich für fliegende Zeremonien. Die Pyramiden könnten auch kleine Tempel getragen haben. Die Gründung der Siedlung geht möglicherweise auf die Azteken zurück.

Bereits einen Monat sind wir schon in Mexiko unterwegs. In der Zwischenzeit haben wir die Mexikaner als sehr fröhliche, lustige und hilfsbereite Menschen kennengelernt. Viele freuen sich, wenn wir versuchen, mit ihnen in spanisch zu kommunizieren. Mit unseren wenigen Worten mag das oft lustig für sie klingen. Bei der Einfahrt in ein Dorf werden wir mit «bienvenidos» (willkommen) begrüsst und am Ausgang mit «buen viaje» oder «feliz viaje» (glückliche Reise) wieder verabschiedet. Mit «Freuden»-Sprünge über die Topes (Strassenschwellen) bezeugen wir unser Gefallen. Ja, die Topes. Diese finden sich in Mexiko überall und sollen die Fahrzeuge abbremsen, denn Geschwindigkeitslimiten werden kaum beachtet. Meist sind sie schlecht markiert oder liegen schier unsichtbar im Schatten. Aber man spürt es gut, wenn man einen verpasst hat.

Das hier die Vulkane allgegenwärtig sind, sieht man an den Formen der Hügel, den Steinformationen und Topographien. Auf kurvigen und steilen Bergstrassen fahren wir weiter. Schwer beladene Lastwagen werden auf dieser Strecke ganz schön gefordert. Agaven malen ihre blauen Muster in die Landschaft. Dazwischen natürlich immer wieder Mais. Auch scheint Zuckerrohr eine grosse Einnahmequelle zu sein. Die Bevölkerung lebt hauptsächlich von der Landwirtschaft.

In Talpa de Allende besuchen wir erst einmal die Kaffeerösterei Don Balbino in der Catedral del Cafe. Die aus Ziegelsteinen gebaute Rösterei ist eine architektonische Meisterleistung, vollständig aus Materialien und von Arbeitern aus der Region gebaut. Das nachhaltige Gebäude war internationaler Finalist des World Architecture Festival 2016.
Dann geht’s ins Pueblo Magico mit seinen bunten Häusern. An jeder Ecke werden Rollo de guayaba direkt vor den Augen der Touristen hergestellt. Das ist Süss in Form einer Rolle, hergestellt aus Guave und Dulce de Leche. Es wird zubereitet, indem eine mit Zucker gekochte Guavenpaste, auf einer mit Zucker bestreuten Oberfläche verteilt wird. Darauf kommt ein dickflüssiger und streichfähiger Kondensmilchkaramell, der zuvor über dem Feuer erhitzt und reduziert wurde. Anschliessend wird die Süssigkeit auf sich selbst gerollt, um einen Zylinder zu bilden. Natürlich müssen wir die versuchen. Die Kostprobe war gut, wir decken uns mit einem Vorrat ein. Vor der Basilica de Nuestra Señora del Rosario de Talpa steht noch immer der dekorierte Weihnachtsbaum. Rund um den Platz vor der Kirche werden an verschiedenen Ständen weitere Süssigkeiten angeboten. Vielleicht noch ein Rest vom Weihnachtsmarkt. Etwas Hunger wäre vorhanden, etwas richtiges zum Essen finden wir aber nicht. Nach einem Rundgang durch den Markt, kehren wir zu Tacos, Encheladas und Quesadillas ins Restaurant ein.

Über einige weitere Bergketten geht es stetig hinunter zum Meer. In Puerto Vallarta, oder genauer im Resort Badeort Nuevo Vallarta treffen wir Daniela, die Tochter von Max und Marion, die sich hier mit ihrem Partner Aaron vom Arbeitsstress erholt. Camper und Overlander sind hier nicht wirklich erwünscht. In 20 Fussminuten Entfernung finden wir jedoch einen ruhigen Bussparkplatz, auf dem wir stehen dürfen.
Aaron, Daniela, Max und Marcel gehen Hochseefischen. Marion und Erika bleiben zurück und nehmen Verbesserungen an den Fahrzeugen vor. Nach 8 Stunden auf See kehren die vier erfolgreich mit 5 grossen Mahi Mahi, Goldmakrelen, zurück. Heute gibt es frischen Fisch zum Abendessen, zubereitet und serviert auf dem Kiesparkplatz einige Reihen hinter den mondänen Luxushotels. Auch die Tiefkühltruhe ist voll. In der nächsten Zeit verhungern wir sicher nicht.

Eine ruppige, gepflasterte Strasse führt uns quer durch den sehr touristischen Ort Puerto Vallarta. Enge Gassen, enge Abzweigungen, rücksichtslos Taxis von links, gedankenlose Touristen von rechts und dazu noch ein paar fies angeordnete Topes: Fünf Sinne reichen kaum aus für eine sichere Fahrt. Nach der Stadt wird es besser, noch ein paar Topes vor den Touristenbunkern, dann geht’s zügig und entspannt über einen weiteren Hügelzug in den Süden. Auch heute finden wir zum Abschluss wieder einen schmalen, staubigen, versteckten Schotterpfad, der uns zu einem tollen Stellplatz an der Playa Peñitas bringt.
Am frühen Morgen haben sich ein paar Kühe hinter den Fahrzeugen versammelt und wecken uns mit lautem Muhen. Wir stehen wohl auf ihrem Frühstücksplatz. Die Fischer schieben bereits ihre Boote durch den Sand ans Wasser. Dann stechen sie fast wortwörtlich durch die Brandung in See. Wir geniessen die aufgehende Sonne, die ein zartes Morgenrot in die Wellenkämme zaubert.
Der obligate Spaziergang am kilometerlangen, unberührten Sandstrand führt uns zu zwei ausgeraubten Schildkrötennestern. Schade! Beim einem sind die Spuren der Schildkröte und des Nesträubers noch gut sichtbar. Fasziniert beobachten wir die Pelikane beim Fischen. Scheinbar wagemutig stürzen sie sich aus grosser Höhe ins Wasser. Nicht selten sind sie erfolgreich, man kann aus der Ferne erkennen, wie sie ihren Fang herunterschlucken. Die Kormorane üben sich im Wellentauchen. Verschiedenste andere Wasservögel holen sich ihre Leckerbissen aus der zurückweichenden Brandung.

Wir verlassen dieses Paradies und besuchen Dave, einen Freund von Max und Marion aus Kanada. Dave entflieht dem Winter nach La Manzanilla, einem kleinen, noch fast ursprünglichen Küstenort. Hier gibt es noch keine Hotelbunker, keine Horden von lauten Touristen. Ein paar Strandrestaurants, Palapas, am Strand tummeln sich mexikanische Familien. Die ausländischen Touristen scheinen fast ausschliesslich kanadische Snowbirds zu sein.
Der Aufenthalt hier gibt uns Gelegenheit, unsere Wäsche waschen zu lassen. Wir schleppen unsere Kleider 1.5 km dem Strand entlang zur Wäscherei. Um 5 Uhr soll sie abholbereit sein. Als wir um halb sechs wieder da sind, läuft gerade mal unsere Waschmaschine. Wir sollen um acht wiederkommen. Also zurück zum Campingplatz und dann in zwei Stunden noch einmal am nächtlichen Strand ins Dorf. Wir sind in Mexiko.

Dem Pazifik entlang weiter südlich öffnet sich eine riesige Ebene mit Bananen Plantagen. Hoch aus den Bananenstauden ragen Kokospalmen. So ist es nicht verwunderlich, dass am Strassenrand überall frische Bananen und Kokosnüsse angeboten werden. Wer kann da widerstehen. Speziell die kleinen Bananen munden süss und fruchtig.

Die Faszination «Vulkan» lässt uns nicht los, wir fahren Mexikos aktivsten Vulkan entgegen. Der Vulkankomplex besteht eigentlich aus zwei Gipfeln: der Nevado de Colima (4330 m), der älter und inaktiv ist, liegt etwa 5 km nördlich des jüngeren und sehr aktiven 3860 m hohen Volcán de Colima. Etwa 300.000 Menschen leben im Umkreis von 40 km um den Vulkan.
Am 7. Juni 2005 brach der Colima-Vulkan in seiner grössten aufgezeichneten Eruption seit mehreren Jahrzehnten erneut aus. Die Schwaden dieses Ausbruchs erreichten eine Höhe von 5 km über dem Kraterrand, was zur Evakuierung von mindestens drei benachbarten Dörfern führte.

Die Hochebene um den Vulkan ist sehr fruchtbar. Wir fahren durch Mango-, Avocado- und Drachenfruchtplantagen. In hässlichen Plastiktreibhäusern reifen Heidelbeeren, Himbeeren, Brombeeren und sogar Erdbeeren.

Noch einmal fast 900 Meter höher liegt das Pueblo Magico Tapalpa inmitten einer wunderschönen, bewaldeten Landschaft auf über 2200 Meter über Meer. Tapalpa zeichnet sich aus mit der Schönheit des Einfachen und Natürlichen, seiner provinzielle Atmosphäre. Häuser mit weissen Fassaden, holzige Balkone und rote Satteldächer, Kopfsteinpflaster aus Bollenstein, Arkaden um den Platz vor der grossen Kirche.

In der Nähe von Tapalpa liegt das Valle de Los Enigmas, das Tal der Rätsel mit den fremden Felsen von Jalisca, den Piedrotas. Einige sagen, es seien Meteoriten, andere, dass sie vom Meeresboden stammen, oder dass der Vulkan Colima sie ausgestossen hat. Wieder andere wollen wissen, dass sie von Wesen von anderen Planeten mitgebracht wurden. Auf jeden Fall schreiben ihnen alle energetische Kräfte zu.

Zum Übernachten fahren wir in die Nähe des Salto del Nogal, des Sprungs der Walnuss. Die Route vom Schlafplatz zum Wasserfall am nächsten Morgen scheint ein Spaziergang, entpuppt sich aber als ziemlich steil nach unten. Aufgrund der schlechten Konditionserfahrung von Marcel beim Aufstieg vom Wasserfall Basaseachi, entscheidet er, auf halben Weg wieder umzukehren. Max und Marion steigen weiter ab in die Schlucht zum 105 m hohen, zweistufigen Wasserfall, dem höchsten in der Region. Das tosende Rauschen des Wassers in das darunter liegende Wasserbecken macht den Besuch lohnenswert, auch wenn das Wasser zu kühl zum Schwimmen ist.

Ein kurzer Abstecher bringt uns zurück in den Smog von Guadalajara. Rocky hat vor ein paar Tagen einen Stein in die Windschutzscheibe erwischt. Ein Spalt breitet sich mehr und mehr über die Scheibe aus. Wir müssen persönlich zur Fahrzeugversicherung zur Schadensmeldung. Alles soweit ok, aber um den Ersatz der Scheibe irgendwo in Mexiko müssen wir uns selber kümmern.

Die Vulkane lassen uns noch nicht los. Quer durch Guadalajara, entlang kilometerlangen, rauchenden Industriegebieten fahren wir gegen Mexiko City. Auch in den Morgenstunden liegt ein dichter Smog über der ganzen Ebene. Eine Abzweigung nach rechts führt uns ins Herz des Bundesstaat Michoacán, in eine Gegend voller Vulkane. Beim Ausbruch des Paricutín im Jahre 1943 wurde die ganze Stadt San Juan Parangaricutiro langsam von der Lava des wenige Kilometer entfernten Vulkans begraben. Übrig geblieben sind nur Teile der Kirche, die Fassade mit den Türmen und der Hauptaltar. Dank der Langsamkeit des Lavastroms haben alle 10’000 Einwohner der Stadt das Drama überlebt, deren «Begräbnis» 9 Jahre dauerte. Der Paricutín ruht jetzt, sein kleiner Bruder Saipichu dagegen ist noch aktiv und raucht noch immer.

Eine üble Schotterstrasse führt bis an den Rand des Lavafeldes. Über poröse Steine, die ungeordnet aufgetürmt sind, kann man den Kirchturm bewundern. Eine kleine Klettertour bringt uns ins Lavafeld zu den Ruinas del Santuario del Señor de los Milagros. Die Türme sind über ein Stockwerk tief verschüttet. Am Altars haben die Gemeindemitglieder als Erinnerung an ihren Besuch religiöse Bilder aufgestellt.

Jeder Hügel, den wir hier sehen, ist oder war ein Vulkan. Und in diesem bergigen Gelände hat es Wälder von Avocado Bäumen. Eine Plantage reiht sich an die andere, bis hoch in die Hügel hinauf. Was in Jalisco die Agaven waren, sind hier in Michoacán die Avocado Bäume. Diese können bis zu 200 Jahre alt werden können, zweimal im Jahr kann geerntet werden, total bis zu 400 Früchte pro Baum. Avocados reifen übrigens erst, nachdem sie vom Baum geerntet wurden.

Bei der Fahrt durch die Vulkane fällt uns eines auf. Ganze Dörfer scheinen sich auf ein Handwerk spezialisiert zu haben. Holzwaren, Lederwaren oder eben Kupferwaren. Im Pueblo Magico Santa Clara del Cobre, in dieser charmanten Stadt schmelzen, formen und bewahren Kunsthandwerker eine Tradition, die Kupfer in Gebrauchsgegenstände und Souvenirs verwandelt. Im Museum schauen wir verschiedenste kunstvolle Exemplare an. Riesige Kupferkessel, Platten mit feinsten Verzierungen, Krüge. Alles aus jeweils einem Stück gehämmert. Im Innenhof zeigen Handwerker, was sie können. Hier entstehen kleinere Miniaturen mit den gleichen Herstellungsverfahren wie die Originale. Wow!
Das Zentrum des Dorfes scheint ein riesiger Kupferwarenladen. Überall glänzt und glitzert es rotbraun aus den Läden. In der Kirche neben dem Dorfplatz werden heute Samstag die Hochzeitspaare im Minutentakt getraut. Begleitet von Mariachi-Musik paradieren die schmucken Hochzeitgesellschaften sie anschliessend durchs Dorf.

Pátzcuaro, ebenfalls ein Pueblo Magico, verbindet modernes Leben mit indigenen Purépecha-Traditionen. Die vielen Kirchen, die weiten Plätze und die weissen Häusern verleihen dem Ort eine unverwechselbare Note. Schwarze Schriftzüge mit roten Lettern über den Eingängen verraten die Art jedes Geschäfts. Ein Spaziergang durch das Zentrum führt auf Kopfsteinpflasterstrassen durch die Gassen. Es ist Sonntag, es ist Markttag, die Stadt ist voller Menschen. Nicht nur im riesigen Mercado Municipal, an jeder Ecke werden Waren angeboten. Kleider, Kunsthandwerk, Esswaren, allesheilende Salben und Mezcal mit Skorpionen in der Flasche.
Gerade rechtzeitig erreichen wir den Vasco de Quiroga Platz, um einer Darbietung beizuwohnen, die im Bundesstaat Michoacán traditionell ist. „La Danza de los Viejitos“, der Tanz der kleinen alten Männer. Die Tänzer sind als Senioren bunt gekleidet, tragen mit bunten Bändern geschmückte Hüte und eine rosa lächelnde Maske. Es soll ein humorvoller Tanz sein. Die Männer beginnen gebeugt vor Schmerzen, auf ihre Stöcke gestützt, in sehr langsamer Bewegung zu gehen. Plötzlich wird es zu einem energischen, beweglichen Tanzen und Stampfen mit den Füssen. Holzbretter als Schuhsolen betonen den Takt. Begleitet werden die Viejitos von Geigen- und Gitarrenmelodien.
Diese Aufführung soll auf die indigene Gruppe Purépecha aus Michoacán zurückgehen und sollte den „alten Gott“ ehren; später, nach der Kolonialisierung durch Spanien, wurde es „modernisiert“ und zu einer Parodie auf alte spanische Männer.

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