Mexiko VIII

San Luis Potosí, Querétaro, Guanajuato, Jalisco, Michoacán, Hidalgo, México

01. März bis 31. März 2024

Es ist noch sehr früh als wir an der Kasse unsere Eintritte zum Sótana de las Huahuas kaufen. Ob der Tag schön wird und ob die Vögel heute ausfliegen werden, ist noch nicht ganz klar. «Vermutlich sind sie etwas später», meint der Mann an der Kasse. Ausgerüstet mit Stirnlampen geht es im Nebel durch den noch dunklen Wald. So langsam bricht der Tag an, als wir an der beeindruckenden Doline ankommen. Es ist eine der zwei Cenoten in der Huasteca Potosina, in denen man Schwalbenschwärme und grüne Papageien beobachten kann. Diese fliegen morgens aus dem Abgrund hinaus und abends wieder hinein. Die Höhle hat einen Durchmesser von 60 Metern und ist 478 Meter tief.
Mit zunehmendem Tageslicht nimmt das Vogelgezwitscher zu. Die Merlin App zeigt uns, welche der gefiederten Freunde schon so früh singen. Ab und zu können wir sogar einen in den dichten Bäumen entdecken. Dann vernehmen wir das Krächzen der grünen Gesellen tief aus der Höhle. Schon kurven die ersten Papageien nach oben. Spiralförmig schwingen sie sich in Gruppen synchron bis an den Rand des grossen Lochs. Oben angekommen verschwinden sie mit lautem Gekrächze in den Baumwipfeln. Ab und zu scheint einer etwas vergessen zu haben und stürzt sich kopfüber wieder in die Tiefe. Auf einem Ast am Höhlenrand sitzt ein Raubvogel und schaut wie wir dem Treiben interessiert zu.


Irgendwann wird es still. Es scheinen nun auch die letzten Papageien ausgeflogen zu sein. Wir warten noch einige Zeit auf die Schwalben, die auch hier in der Höhle nisten sollen. Sie scheinen aber bei dem nebligen Wetter keine Lust auf einen Ausflug an die frische Luft zu haben. Na, dann alles zurück zum Frühstück. Jetzt bei Tageslicht erkennen wir, durch was für einen erstaunlich dichten Dschungel wir gekommen sind. Über uns ein grünes Dach, am Wegrand Pflanzen, die bei uns in kleiner Ausführung im Wohnzimmer standen. Auch einige Vanilleranken können wir ausmachen. Unterwegs kommen wir an den Kaffee Plantagen vorbei, deren Kaffee wir gestern degustiert haben.

Bei der Stadt Axtla de Terrazas, 25 Kilometer von der magischen Stadt Xilitla entfernt, verbirgt sich das Castillo de la Salud, ein farbenfrohes Bauwerk, das sich damit rühmt, auch ein Zufluchtsort des Wohlbefindens zu sein. Es wurde von Don Beto Ramón erbaut, einem Nahua-Mann. Hier wird das Wissen der indigenen Bewohner in Botanik, Kräuterkunde und traditioneller Medizin über Generationen hinweg bewahrt. Inmitten der Vegetation wurde einen magischer Raum geschaffen, um es in die Praxis umzusetzen und in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen.
Wir sind vor allem von den auffälligen Bauwerken angetan. Mehrere sind von Bibelstellen inspiriert. Es gibt einen Lebensbaum, eine Arche Noah und den Turmbau zu Babel. Eines haben alle gemeinsam; sie sind leuchtend bunt angestrichen.

Der britische Bildhauer Edward James schuf in den 1960er Jahren in der Huasteca Potosina den Park Las Pozas, eine labyrinthische Traumwelt umgeben von üppiger Vegetation. Ursprünglich widmete er sich der Orchideenzucht und dem Erhalt der exotischen Fauna der Gegend. Eine Kälteperiode hat dann einiges zu Nichte gemacht. James begann dann mit dem Bau von Konstruktionen und Strukturen, die in die Natur integriert sind, jedoch keinem praktischen Zweck dienten. So vermischen sich seine Treppen, gotischen Bögen und Betonblumen mit den Bäumen, Pflanzen und Wasserfällen wie in einem surrealen Traum. Der Dschungel holt sich heute den Park immer mehr zurück. Die künstlichen Skulpturen werden immer mehr überwuchert und es entsteht eine mystische Atmosphäre. Wir lassen uns von der Mischung zwischen Realität und Fiktion, zwischen Architektur und Natur verzaubern.

Um Tickets für Las Pozas zu kaufen, haben wir uns am Vortag mit Rocky mitten durch die engen Gassen von Xilitla gewagt. Das lebendige Pueblo Mágico hat es uns sehr angetan, sodass wir uns nach dem Parkbesuch mit dem Taxi ins Dörfchen auf dem Hügel fahren lassen. Auch heute sind viele Leute unterwegs. Am Gesteigrand sitzen Bauern aus der Umgebung und versuchen ein paar Früchte zu verkaufen. Farbige Girlanden überspannen die Strasse, auf der Dorfbühne üben Jugendliche einen Volkstanz ein. Stände mit Kunsthandwerk und Essen sind aufgebaut und ergänzen das bunte Bild. Schnell erkennen wir den Grund für die festlichen Aktivitäten; der «Trail Mágico», ein Volkslauf, findet dieses Wochenende in Xilitla statt.
Doch noch ist nicht alles bereit für das Fest. Auf dem Platz vor der Kirche wird ein Baum für die Voladores, die fliegenden Männer, aufgebaut. Es wackelt heftig. Der Mann an der Spitze präpariert den schlanken Stamm, um das Drehstück aufsetzen zu können. In luftiger Höhe befestigt er die Seile, ohne Sicherung. Uns wird vom zuschauen schwindelig.

Morgens um 5 Uhr werden wir von Musik geweckt, in mexikanischer LAUTstärke. Was ist nur los? Wir sehen nur, dass der Ausgang von unserem Parkplatz mit einem Gitter abgesperrt ist. Marcel geht hoch um zu schauen und in diesem Moment startet der Lauf. Da war wohl unser Spanisch Verständnis wieder einmal zu schlecht. Morgens, nicht abends um 8 Uhr beginnt das Rennen, und hier vor Las Pozos und nicht im Pueblo. Auf Nachfrage finden wir heraus, dass die Straße jetzt wieder eine Stunde für den Verkehr offen ist. Vielleicht eine Stunde lautet die wage Aussage, danach wird sie wieder gesperrt für die nächste Runde. Also vorwärts: Morgenessen, aufräumen und nichts wie los, sonst sitzen wir bis zum Mittag fest. Dicht stehen Verkaufs- und Verpflegungsstände links und rechts der Laufstrecke. Aber wir sind ja schmal und kommen ohne weiteres durch.

Eine kurvige Bergstrasse führt uns aus der Huasteca Potosina zurück in die Sierra Gorda. Im teilweise frischgrünen Wald leuchten violett blühende Bäume und gelbe Akazien heraus. Im kleinen Dorf Landa de Matamoros sticht die riesige, gelb-rote Missionskirche heraus. Filigrane Steinbrucharbeiten zieren die Hauptfassade der frisch renovierten Kirche. Die indigenen Handwerker hatten viel Erfahrung mit dem Material, das den fünf Franziskanermissionen in dieser Gegend eine einzigartige und charakteristische Farbe verleiht.

Auch in Jalpan de Serra steht eine der Missionen im Zentrum. Noch einmal gibt es eine kunstvolle Fassade mit den fein geschnitzten Bildern zu bewundern, die eine Mischung aus katholischer Evangelisierung und indigener Weltanschauung darstellen. Auf dem Markt füllen wir unsere Früchte- und Gemüsevorräte auf. Auch ein paar Eier dürfen es sein, wie üblich im Plastiksack.

Am 5 Uhr abends bringt uns Daniel, unser Campinghost, hinauf in die Berge zu Don Pedro. Der bald achtzigjährige harzige Mann saugt mit seiner Ococote – Flaschenkürbis – 3- bis 5-mal pro Tag das Agua Miel aus seinen Agaven, das bei Tagestemperatur rasch zu Pulque fermentiert.
Pulque ist eines der ältesten Getränke der Menschheit. Schon die Azteken haben aus dem Saft der Maguey-Pflanze, einer Agave Art, ein alkoholisches Getränk gebraut. Nach der Eroberung brachten die Spanier Wein mit. Aber die Leute tranken weiter Pulque, Wein ließ sich nicht verkaufen. Daher versuchten die Spanier alles, was mit der Maguey-Pflanze und mit Pulque zu tun hat, zu zerstören. Es war ein Wirtschaftskrieg. Später kam dann die Bierindustrie nach Mexiko. Die Industriebosse versuchten das gleiche wie die Spanier.
5 Jahre wächst eine Agave, bis Don Pedro sie anzapfen kann. Um die 300 Liter kann er dann abschöpfen, bis die Pflanze nach 3 weiteren Monaten stirbt. Wir dürfen bei Don Pedro Pulque probieren. Zu unserem Erstaunen ist das Getränk lauwarm, leicht säuerlich, aber sehr erfrischend. Pulque schmeckt uns.
Auch wilde Tomaten, verschiedene Kräuter und frisch geerntete und geröstete Kichererbsen gibt’s zu probieren. Die Kichererbsen schmecken ähnlich wie unsere Maroni. Wir merken uns das vor und wollen bei nächster Gelegenheit welche auf dem Markt kaufen.

Und wieder schlängeln wir uns an den grünen Hügeln hoch hinauf. Wir durchqueren kleine Dörfer, die an die steilen Flanken der Berge geklebt scheinen. Häuser auf Betonstelzen schweben neben der Strasse über dem Abgrund. Fast 2’800 Meter ü.M. zeigt unser Höhenmeter auf dem höchsten Punkt an. Hier ändert sich schlagartig die Vegetation. Was gerade noch grün war, ist plötzlich steinige, kahle Bergwelt. Kaum ein Baum, kaum ein Busch. Steil führt die Strasse wieder bergab. Das einzige Flache und Grüne weit und breit ist der Kunstrasen auf dem Fussballfeld am Rand eines Bergdorfes.

In Bernal angekommen, müssen wir uns den Weg durch die schmalen Gässchen suchen. Hier eine Baustelle, dort eine Einbahnstrasse, zu eng, zu steil … Irgendwie schaffen wir es zum vorgesehenen Standplatz für die Nacht. Nach den 38 Grad der letzten Tage ist es hier mit 27 Grad und einem kleinen Lüftchen recht angenehm.
Jetzt haben wir Zeit endlich Zeit, uns um das Wahrzeichen des Ortes zu kümmern, den Peña de Bernal. Der eindrückliche Felsen ist einer der grössten Steinmonolithen. Wir wollen ihn besteigen, aber erst morgen früh, wenn es nochmal etwas kühler ist.
Erst einmal geht es hinunter nach Villa de San Sebastión Bernal. Zusammen mit vielen anderen Touristen schlendern wir durch die schönen, bunten Strassen des Pueblo Mágico. Von jeder Ecke aus kann man den majestätischen Peña de Bernal bewundern, der angeblich voller Energie ist. Nach einer Runde durch das Dorf erholen wir uns bei einem kühlen Drink und einem Plättli mit lokaler Wurst und Käse. Mundet sehr gut und so sind wir mit Wurst und Käse beladen, als wir beschwingt den Rückweg bergauf in Angriff nehmen.

Der Aufstieg zum Peña de Bernal ist nicht einfach, obwohl es für den größten Teil einen Weg gibt. Man erklimmt etwa drei Viertel der Felsformationen, der Rest ist Kletterern vorbehalten. Der untere Teil ist einfach nur steil, mit teilweise hohen Trittstufen. Da ergibt es sich, dass wir den Moment geniessen und entsprechende Pausen einlegen, um die Landschaft und die Aussicht auf das Pueblo aus verschiedenen Winkel zu bewundern. Die letzten 45 Höhenmeter des Aufstiegs verlaufen dann beinahe vertikal über eine glatte Felsnase. Teilweise ist ein Sicherungsseil angebracht, aber meist geht es nur mit 4×4 weiter bergan. Ab hier nimmt Marcel den Rest alleine unter die Hände und Füsse. Oben angekommen ist die Sicht frei auf das Dorf und eine weite Ebene, die sich im Dunst verliert.

Nomen ist Omen, so hoffen wir, als wir auf der Ruta de Queso y Vino nach Tequisquiapan fahren. Auch diese Stadt ist ein Pueblo Mágico und auch hier lohnt der Besuch. Laubengänge säumen den grünen Stadtpark auf drei Seiten, die obligate, grosse Basilika bildet den Abschluss. Aber auch die gut unterhaltenen farbigen Häuser in den Nebensträsschen, mit grossen Innenhöfen, sind sehenswert. Zum Schluss landen wir beim La Fromalier, zu einer Käse und Wein Degustation. Zwölf verschiedene Käse und zwei Weine dürfen wir verkosten. Trotz vollem Kühlschrank kommt ein weiteres Sortiment an Käse mit uns auf die Reise. Man weiss ja nie!

Es ist immer wieder wertvoll, die Berichte von anderen Reisenden aufmerksam zu lesen. So erfahren wir bei MaJanta.net_ von einer wenig bekannten Attraktion, den Opal Minen in La Trinidad. Bei den Opalminen handelt es sich um Tagebaue, in denen auf rustikale Weise mit einem selbstgebauten Hammer mit feiner Spitze gearbeitet wird.

Wir folgen Señor Pilón über felsige Pfade zu seinen Opal Minen. Er ist ein außergewöhnlicher Mensch, der leidenschaftlich gerne alles teilt, was er weiß; er teilt Erfahrungen aus der Mine, dem Opal und der Familie, die seit vier Generationen in den Minen nach den Edelsteinen sucht. Auch die heilenden Wirkungen der Pflanzen am Wegesrand kennt er ganz genau. Bei der Mine angekommen, drückt der erfahrene Bergmann jedem von uns einen Hammer in die Hand und demonstriert kurz die Hämmertechnik. Schon sind wir selber Mineure und versuchen unsere eigenen Opale zu finden. Bald erkennen wir die Opale, die im Sonnenlicht in Schwarz, Weiß, Braun, Lila, Gelb, Orange, Grün, Blaugrün oder farblos in den Bruchsteinen glänzen. Und das schönste ist; alles was wir finden, dürfen wir behalten. So kehren wir nach drei Stunden mit mehreren Kilo opalhaltigen Steinen zu Rocky zurück. Eigentlich wollten wir doch auf der Reise keine Steine mitnehmen, aber echte Opale!

Symbol und Stolz der Stadt Santiago de Querétaro sind die „Los Arcos“, ein Aquädukt mit 74 Steinbögen und einer Länge von 1’280 m. Dieses majestätische Bauwerk ist dem Wohltäter von Querétaro, Juan Antonio de Urrutia y Arana, Marquis von Villa del Villar del Águila, zu verdanken, der es im 18. Jahrhundert errichten liess. Der Legende nach verliebte er sich in eine der Nonnen, die im Kloster des Heiligen Kreuzes lebte. Er gab deshalb ein riesiges Vermögen aus, um den Aquädukt zu bauen und seiner Geliebten Wasser bringen zu können. Noch heute gelangt Wasser über ihn in die Stadt und speist 10 öffentliche und 60 privaten Brunnen in der ganzen Stadt.

Die Einfahrt in die Stadt gestaltet sich sehr schwierig. Heute ist internationaler Frauentag, auch in Querétaro demonstrieren die Frauen für ihre Rechte. Die Zufahrten in die Innenstadt sind von der Polizei weiträumig abgesperrt. Anstelle parallel zum schönen Aquädukt fast direkt zum Übernachtungsplatz zu fahren, werden wir immer wieder umgeleitet, quälen uns durch stockenden Verkehr und enge Gässchen, um am Ende nur wenige 100 m von der ersten Sperre auf unseren Platz einzubiegen.

All diese Mühe auf dem Weg in das koloniale Herz von Querétaro hat sich gelohnt. Das Zentrum der Stadt ist geprägt von Fußgängerzonen, wunderschönen Plazas und riesigen Kirchen. Trotz viel Historie lebt die Stadt. Ganze Familien sitzen zusammen auf den Parkbänken und essen, vor dem Pavillon tanzen Jung und Alt zur Musik einer Band. Wenn man durch die entzückende koloniale Altstadt von Querétaro mit seinen schattigen Plätzen, großartigen Brunnen und historischen Herrenhäusern schlendert, würde man niemals auf die Idee kommen, dass dies, dank der boomenden Flugzeug- und Technologieindustrie, eine der am schnellsten wachsenden Städte der nördlichen Hemisphäre ist.

Auch der Weg aus der Stadt ist dann nicht ganz einfach. Für Fahrzeuge über 3 t sind die Überführung an den Kreuzungen nicht erlaubt. So fahren wir brav unten durch, aber … da führt keine Strasse geradeaus. Wir verpassen eine Abzweigung, verfahren uns in schöne, aber enge Quartierstrassen. Zum Glück. Denn hier finden wir einen Gemüsehändler am Strassenrand, der Kichererbsen am Stauch ab seinem Pick-up verkauft. Für 60 Peso (3 Franken) erhalten wir einen ganzen Bund.

Eine Überraschung erwartet uns auf dem RV Park in San Miguel de Allende. Manuela und Fabian stehen hier. Die beiden jungen Basler haben wir auf der Baja mehrere Male getroffen. Beim Apero mit Käse, Knoblibrot, Melone, Guacamole und gerösteten Kichererbsen gibt es viel zu erzählen von den Erlebnissen der letzten Wochen.

In San Miguel de Allende schloss sich der einheimische General Ignacio Allende dem Priester Miguel Hidalgo an, im Kampf um die Unabhängigkeit von Spanien. Der Ort wird deshalb die Schmiede der mexikanischen Unabhängigkeit genannt. Mit seiner gut erhaltenen Architektur aus der Kolonialzeit, den charmanten kopfsteingepflasterten Straßen und seinem kulturellen Angebot ist die Stadt bereits seit dem vergangenen Jahrhundert bei Schöngeistern und Romantikern beliebt. Dazu gehört auch eine grosse Bevölkerungsgruppe aus US-Amerikanern, die entweder ganz in der Stadt leben oder hier ihre Winterdomizile haben.
Der zentrale Platz Jardín Allende ist das Herz der Stadt. Von hier aus bewundern wir die berühmte Pfarrkirche San Miguel Arcángel, deren Bau von Zeichnungen, Stichen und Postkarten von europäischen Kathedralen inspiriert wurde. Im Park werden allerlei Kunsthandwerk, Blumen und Spielzeug verkauft. Wir kaufen uns ein Eis, in Mexiko: Nieves = Schnee genannt, setzen uns auf eine Bank im Schatten der grünen Lorbeerbäume und schauen lange dem emsigen Treiben zu.
Als wir an Abend noch einmal auf den Platz zurückkehren, hat sich die Szenerie nur geringfügig verändert. Noch immer sind sehr viele Leute unterwegs, überraschend viele mexikanische Familien mit Kindern. Im Pavillon spielt ein Orchester und animiert zum Tanze. In den Restaurants am Rande des Parks bieten Mariachi-Gruppen ihre musikalischen Darbietungen an.

Die außergewöhnliche Stadt Guanajuato wurde 1559 wegen der reichen Silber- und Goldvorkommen in der Region gegründet. Zwischen den steilen Hängen eines engen Tals drängen sich prächtige Kolonialbauten, baumbestandene Plazas, leuchtende Kirchen, die riesige Kuppel der Markthalle und das übergroße Gebäude der Universität, das so gar nicht ins Bild passt. Die Hauptstraßen der Stadt winden sich um die Berge herum und verschwinden in langen, dunklen Tunneln, die früher Flüsse waren.

Das bekannte Museo de las Momias ist die wohl skurrilste (manche meinen auch: die geschmackloseste) Sehenswürdigkeit beim Friedhof der Stadt. Es handelt sich tatsächlich um mumifizierte Überreste von Menschen, entstanden weil es in den Gräbern sehr trocken war. Aber die Körper sind nicht Tausende von Jahren alt. Die ersten Überreste wurden 1865 ausgegraben, um auf den Friedhöfen Platz für neue Leichname zu schaffen. Was die Behörden dabei entdeckten, waren keine Skelette, sondern eben Mumien. Einige haben groteske Formen und fratzenhafte Gesichtsausdrücke. Ein Musterbeispiel für den mexikanischen Hang zum Morbiden.

Das Herausragende an Guanajuato sind aber wohl die unzähligen kleinen bunten Häuser der Einwohner, die weit hinauf an den Hängen kleben und so ein überaus farbenfrohes Gesamtbild ergeben. Mitten durch diese Hangsiedlungen folgt die Panorámica mit unzähligen Windungen den Konturen der Hügel und erlaubt die Stadt aus allen Blickwinkeln zu bewundern. Es dauert eine ganze Stunde, die Panoramastrasse abzufahren.

Was wäre eine Reise von Schweizern durch Mexiko ohne einen Besuch bei Charly in Santa Elena. Der Schweizer aus dem St. Galler Rheintal hat sich hier vor über 35 Jahren sein Paradies gebaut, das er gerne mit anderen teilt. Unsere Fahrt zu Charly ist eine Fahrt ins Blaue, oder besser gesagt, eine Fahrt durchs Blaue. Links und rechts der Strecke wachsen Agaven bis weit in die Berghänge hinauf. Wir sind im Bundesland Jalisco, also wird daraus wohl Tequila gebrannt. Wer den nur alles trinken mag? Die letzten Kilometer vor St. Elena hat unser GPS wieder einmal den kürzesten Weg gefunden. Wir kurven auf Feldwegen durch und um die Agaven.


Auf Charly’s RV Park nehmen wir eine kurze Auszeit vom Reisen. Der Frischwassertank muss endlich wieder einmal desinfiziert werden und auch sonst gilt einige aufgeschobene Dinge zu erledigen. Vor allem aber tun wir einfach einmal nichts, machen Urlaub. Wir geniessen die relative Ruhe, die Abkühlung im Pool, die Gesellschaft mit Ursula und Markus aus Konolfingen, die kulinarischen Leckerbissen in Charly’s Restaurant. Sogar Kalbsbratwurst, Cordonbleu und Rösti stehen auf der Speisekarte.
Im nächsten grösseren Ort, Atotonilco el Alto, wollen wir uns neue Brillengläser fertigen lassen. Die alten haben in den letzten 3 Jahren so viel Schönes gesehen, dass es mit der Durchsicht langsam hapert. Unser Vorhaben scheitert leider an der kommenden «Semana Santa», der Osterwoche. In der Woche vor und nach Ostern läuft in Mexiko nicht viel, so dass wir zu lange warten müssten.
Es ist Samstagmorgen, Hausherr Charly steht in seiner Backstube und bäckt das wohl leckerste Brot, das wir auf den amerikanischen Kontinent je bekommen haben. Ursula nutzt die Restwärme des Ofens und überrascht uns mit einer kleinen «Berner Züpfe» und Kuchen. Wir werden verwöhnt. Danke Ursula!

Bevor wir uns zu sehr daran gewöhnen, lösen wir nach 10 Tagen unsere Anker, verabschieden uns von Charly’s und ziehen weiter nach Morelia. Da es eine etwas längere Etappe ist, und wir heute noch etwas von der Stadt sehen wollen, nehmen wir die Mautstrasse. Plötzlich kommen uns Autos auf dem Pannenstreifen entgegen, dann steht alles still. Aus Protest gegen angeblich willkürliche Handlungen von Polizeikräften in ihrer Gemeinde, blockieren Bewohner die Zahlstelle. Die Guardia National fährt mit einem Grossaufgebot vor, scheint aber keinen Erfolg zu haben. Wir stehen. Eine Stunde, zwei, drei, … Die Mexikaner nehmen es geduldig. Trotz der hohen Temperaturen haben sie ihre Motoren abgestellt, nur die Musik läuft lautstark weiter. Sie stehen auf der Straße, oder laufen zum Kiosk bei der Zahlstelle, um sich mit Getränken und Snacks einzudecken.
Dann tut sich was auf der Gegenspur. Ein PKW vor der Einfahrt zur blockierten Zahlstelle biegt auf einen Feldweg ab, durchquert holpernd das gepflegte Feld und steht vor dem Drahtzaun vor der Autobahn. Kurzerhand werden die Drähte durchtrennt. Noch einmal ein ordentlicher Hopser und schon geht’s mit Tempo auf der leeren Fahrbahn weiter. Die kühne Aktion bleibt nicht ungesehen. Bald sind Nachahmer gefundenen.
Eingeklemmt zwischen Lastwagen, gibt es für uns keinen Ausweg. Im Gegensatz zu unseren Leidensgenossen haben wir jedoch Kühlschrank und Bett dabei. Nach unendlich lange scheinenden 5 Stunden und 50 Minuten geht es endlich weiter. Es ist bereits viertel vor Sechs, bald geht die Sonne unter. So schnell Rocky kann und darf geht es im Noch-Tageslicht voran. Trotzdem ist es dunkel, als wir mitten durch die Altstadt von Morelia zu unserem Übernachtungsplatz am Park Bosque Cuauhtémoc fahren. Das reicht für heute, den Stadtrundgang verschieben wir auf morgen.

Dem gut erhaltenen Aquädukt entlang laufen wir in das lebendige Kolonialstädtchen Morelia. Die Straßen der Innenstadt sind von eleganten Steinhäusern gesäumt, in denen sich Banken, Hotels, Restaurants, Chocolaterías, Straßencafés und preiswerte Taquerías (Taco-Stände) befinden. Behauene Steine an Fenstern und Türbögen, geschmiedete Gitter an Balkonen und Fenstern, Holztüren mit schmucken Türklopfern verzieren die gut erhaltenen Häuser aus Vulkangestein.
Dann stehen wir vor der allesbeherrschenden Kathedrale am zentralen Platz der Stadt. Sie gilt als die schönste in Mexiko. Der Bau dauerte fast ein Jahrhundert (1660-1744), was zu einem bunten Mischmasch der Stile führte. So haben die 70 m hohen Zwillingstürme einen Sockel im Herreresque Stil, barocke Mittelteile und klassizistische Spitzen mit mehreren Säulen. Das riesige Innere ist mit Weihrauch erfüllt, was die einfallenden Sonnenstrahlen quer durch den Raum schweben lässt und ihm eine feierliche Stimmung verleiht.

Was folgt ist wieder einmal eine Fahrt mit vielen Auf und Ab’s. Gestartet auf einer Höhe vom 1’900 m führt uns die Autobahn hoch auf 2700 m, nur um am Ende in Tula wieder auf 2’000 m anzukommen. Entsprechend ändert auch die Vegetation; Steppenartige Landschaften mit grünen Bäumchen wechseln ab mit Kakteen und Wald, bewirtschaftete Felder liegen wie Teppiche in den Tälern. Die Seen, an denen wir vorbeifahren, sind auch hier meist ausgetrocknet.

Tollan-Xicocotitlan, die archäologische Zone von Tula, beherbergt die Überreste der antiken Toltekenstadt. Bewacht wurde die Hauptstadt des Toltekenreichs von furchteinflößenden steinernen Kriegern, die 4.5 m in die Höhe ragen. Das Highlight des Besuchs hier ist das Erklimmen der Pyramide, auf der wir den toltekischen Kriegerstatuen quasi von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen und von wo man einen weiten Blick auf die hügelige Umgebung (und die rauchenden Industrieanlagen in der Nähe) hat. Auf der Nordwand der Pyramide sind noch einige der Steinreliefs zusehen, die früher das ganze Bauwerk umgaben. Sie zeigen die Symbole der Kriegerorden: Jaguare, Kojoten und Adler.
Vor der Pyramide liegt der Palacio Quemado (Verbrannter Palast), von dem nur runde und eckige Säulen übrig sind. Er bestand wohl aus einer Reihe von Hallen und Höfen, die für Zeremonien oder Wiedersehenstreffen genutzt wurden.

Es ist in Tula nicht nur die archäologische Stätte, sondern auch der Weg dorthin. Im Zickzack führt er zur Stätte, umrandet von verschiedenen Kakteen. Und diese sind nicht nur grün und stachlig, sie sind voll von roten, gelben, weißen und pinken Blumen, die in der Morgensonne leuchten. Nicht nur wir, sondern auch Bienen und Schmetterlinge haben ihre Freude daran.

Während der Kolonialzeit war es üblich, dass große Bauarbeiten von religiösen Orden durchgeführt wurden, so auch der Aquädukt Arcos del Sitio in Tepotzotlán, der im Auftrag der Jesuitenpadres gebaut wurde. Dieser Aquädukt sollte Wasser zu zwei Siedlungen bringen, der von Sitio und der von Xalpa, deren Eigentümer und Verwalter die Jesuiten waren. Der Bau wurde jedoch unterbrochen, als der Orden 1767 aus dem Land vertrieben wurde und erst 90 Jahre später fertiggestellt. 
Mit 43 Bögen, verteilt auf 4 Ebenen, mehr als 450 Metern Länge und 62 Metern Höhe ist er nicht nur der höchste in Mexiko, sondern auch sehr gut erhalten und von einer wilden Landschaft umrahmt, die ihn einzigartig macht.
Und noch etwas macht ihn einzigartig. Heute liegt er in einen Ökotourismuspark. Integriert in einen Rundweg kann man in seiner Wasserrinne gehen und so die Schlucht überqueren, zurück geht es über wackelige Hängebrücken. Nach der Wanderung wollen wir uns im Schwimmbad abkühlen. Abkühlen ist hier auf 2’350 m wörtlich zu nehmen. Obwohl die Luft angenehm warm ist, bleibt das Wasser eiskalt. Das Wasser im Eismeer, am nördlichsten Punkt unserer Reise, war auf jeden Fall wärmer.

Der Großraum Mexiko-Stadt oder die Metropolregion des Tals von Mexiko ist mit über 22 Millionen Einwohner die zweitgrößte Metropolregion Lateinamerikas und eine der zehn bevölkerungsreichsten Städte der Welt. Doch wir lassen uns von der Größe von Ciudad de Mexico, oder kurz CDMX, nicht einschüchtern. Jetzt über Ostern nutzen viele Stadtbewohner den Urlaub und fahren ans Meer, in ein Pueblo Mágico oder sonst an einen schönen Ort außerhalb der Metropole. So gibt es Platz in der Stadt für uns. Rocky bleibt vor den Toren der Stadt sicher geparkt und wir fahren mit Uber zu unserem Hotel direkt im historischen Zentrum der Stadt.
Um bequem einen Überblick über die schönsten, wichtigsten und angesagten Highlights zu verschaffen, touren wir erst einmal mit dem offenen Hop on Hop off Doppeldeckerbus durch die Hauptstadt. Die Route führt uns entlang der der Avenida Paseo de la Reforma zum Monumento a la Independenca mit dem goldenen Engel an der Spitze. Auch Wolkenkratzer gibt es an der bekannten Allee, so wie den Reforma Tower, mit seiner Höhe von 246 Metern das zweithöchste Gebäude des Landes.


Während der Tour durch Polanco fahren wir durch die Presidente-Masaryk-Allee, der wohl teuersten Straße der Stadt mit den exklusivsten Markengeschäften. Wir bewundern das Soumaya-Museum, ein beeindruckendes Gebäude, das eine umfangreiche Kunstsammlung beherbergt. In dieser Gegend hängen die Bäume teilweise so tief in die Strasse, dass wir auf dem offenen Oberdeck des Busses die Köpfe heftig einziehen müssen.


Eine dritte Route zeigt uns den Süden der Stadt. In den Kopfsteinpflasterstrassen im Zentrum von Coyoacán besass bereits Hernán Cortez ein Haus. Hier wirkten auch die berühmten Künstler Frida Kahlo und Diego Rivera. Ihr „Blaues Haus“ ist heute ein Museum, das ihr außergewöhnliches Leben und künstlerisches Erbe zeigt.

Das Herz der Stadt ist der riesige, betonierte Plaza de la Constitución oder Zócalo, dem größten öffentliche Platz in Lateinamerika. An seinen Rändern stehen der Nationalpalast, der Stadtpalast, eine Reihe antiker Geschäfte mit Arkaden und die Metropolitan Kathedrale. Unüblich für einen Zócalo steht kein einziger Baum auf dem Platz, dafür einen überdimensionalen Fahnenmast, eine Bühne und zwei Festzelte, die fast die gesamte Länge einnehmen. Wofür die Zelte aufgebaut wurden, scheint niemand zu wissen.

Wir steifen ziellos durch die Straßen der Innenstadt. Hie und da ein Gebäude aus der spanischen Kolonialzeit, daneben ein Art-Déco-Palast, immer wieder eine Kirche. Je weiter wir uns vom Zentrum entfernen, desto unscheinbarer werden die Gebäude. Kaum welche sind gut unterhalten. Auffällig ist jedoch, dass viele Häuser und vor allen die Kirchen schief sind. Der Grund ist eine Bodenabsenkung von teilweise mehreren Millimetern pro Jahr. Die Stadt wurde am Texcoco-See erbaut, der sich im 17. Jahrhundert mit Schlick füllte, nachdem spanische Eroberer damit begannen, den See trockenzulegen. Seitdem hat die Last der Stadtentwicklung dazu geführt, dass sich der Schlamm immer dichter ansammelt und der Boden schrumpft und absinkt. Das bekannteste Beispiel für die Auswirkungen ist die Kathedrale, deren schwere Fundamente bis zum Abschluss eines großen Stabilisierungsprojekts im Jahr 2000 ungleichmäßig in den Seeboden einsanken. Die Auswirkungen sind aussen und im Innern noch gut sichtbar.

Ein altes Gebäude mit farbigen Kuppeln ist uns während der Rundfahrt besonders aufgefallen, der Palacio de Belles Artes. Der 1934 fertiggestellte Palast der Schönen Künste, bietet neben einem Kunstmuseum, einen Saal mit Platz für 1’800 Personen und einer 24 Meter lange Bühne. Hier finden Veranstaltungen des Nationalen Symphonieorchesters, der Nationalen Tanz Company, der Nationalen Opera Company und der Nationalen Theater Company statt. Die schönste Sicht auf die Kuppel des Gebäudes bietet sich von der Aussichtsplattform des 44-stöckigen Torre Latinoamericana (1956) gleich nebenan. Das höchste Gebäude im historischen Zentrum erlaubt auch einen Panoramablick auf die Stadt, der allerdings durch die hohe Luftverschmutzung im Valle de Mexiko erheblich eingeschränkt ist.

Zurück auf festem Boden, der hier auf 2’230 Meter über Meer liegt, spazieren wir im Schatten der Bäume der Alameda Central. In diesem Stadtpark ist ganz schön was los, speziell in und um die Brunnen. Ganze Familien lagern auf den Steinbänken und planschen fröhlich im kühlen Nass. Wir holen uns an einem der vielen Stände einen Liter Agua de Fruta, lassen uns auf einer Parkbank nieder und haben unsere Freude mit anzusehen, mit wie wenig die Mexikaner glücklich sind.

Über 170 Museen bietet die Hauptstadt, dabei sind wir doch so gar keine Museumgänger. Eines interessiert uns aber, das Nationalmuseum für Anthropologie mit historischen Artefakten, die bis zur Mayakultur zurückreichen. Vor ein paar Tagen in Tula haben wir erfahren, dass die am besten erhalte Kriegerstatue der Toltekenstadt in diesem Nationalmuseum steht. So erwarten wir, dass auch die schönsten Relikte aus anderen archäologischen Stätten hier zu bestaunen sind. Wir werden nicht enttäuscht. Erstaunlich, was für Kunstwerke diese Kulturen hervorgebracht haben.