Peru III – Bolivien I


01. November bis 26. November 2025

Ein letzter Tag, ein letzter Abend in Cusco der noch einmal zu einem speziellen Erlebnis wird. Wir laufen hinunter zur San Cristobal Kirche und sehen nebst der Altstadt unter uns ein Restaurant mit einer Dachterrasse. Bald schon sitzen wir da, vor einem Pisco Sour und geniessen die Sicht über die Dächer der Altstadt auf die belebte Plaza des Armas. Kurz vor Sonnenuntergang machen wir uns auf in die Stadt, zur Plaza San Francisco. Heute, an Allerseelen, wird hier an vielen Ständen Spanferkel angeboten, eine traditionelle Delikatesse. Der Markt neigt sich dem Ende zu, die Köchinnen tanzen schon auf der Strasse.

Zum Abendessen ist es noch zu früh. So lassen wir uns zurück zur Plaza des Armas treiben und begutachten die Menükarten der verschiedenen Balkon Restaurants am Platz. Am Ende wird es ein Restaurant in einem Innenhof, welches wir bereits vor ein paar Tagen gesehen haben. Im Efimero glauben sie an die Schönheit dessen was nicht ewig währt, an Aromen die überraschen, die Erinnerungen hervorrufen und an Details die nur einmal existieren. Wir verstehen nicht wirklich alles und sind gespannt, was uns erwartet. Geräuchertes Alpaka-Tartar mit geröstetem Brot, Rindfleischstreifen auf einem Ast aufgerollt und perfekt gebraten, langegeschmortes Lammfleisch mit fein abgestimmten Saucen. Herrlich. Alle Geschmacksnerven werden beglückt. Was für ein Essens Erlebnis.

Als wir am Hof von Luz Marina vorbeifahren, springt Marina auf den Weg und lädt uns ein, auf ihrer Wiese zu übernachten. Ihre Tochter Angela führt uns in den Stall, wo neben Alpakas, Schafen und Hühnern etwa 200 Meerschweinchen leben.

Am Morgen um 8 Uhr holt uns Sixto ab und fährt uns den Weg hoch in die Berge. Schon die Anfahrt begeistert uns. Ein grünes Tal mit golden leuchtenden Terrassen, beweidet von grossen Herden weisser Alpaka. Dann sehen wird sie: Rot, Senf, Grün, Weiß, Fuxia, Türkis und Lila. Das sind nicht etwa die Lieblingsfarben aus unserem Malkasten, das ist die Farbpalette der Regenbogenberge von Palccoyo. Sie ist auf das Vorhandensein pigmentierter Mineralien in den Schichten zurückzuführen. Mineralien wie Kupferoxid, Sandstein, roter Ton, Eisen, Schwefel und andere Elemente erzeugen einzigartige Farbtöne, die in ihrer Kombination dieses visuelle Spektakel ergeben. Nach einer kurzen Wanderung liegen sie alle vor uns. Wellen mit Farbstreifen, unterbrochen mit den Piedras, hochaufragenden Steinformationen. Zwischen den farbigen Bergrücken liegen die rote Täler mit ihren grünen Hügel. Im Hintergrund blitzen Schneeberge, der Ausangate. Ein wahrhaftig magischer Ort, ein einzigartiges Naturschauspiel. Wir staunen.

Die Menschen der Anden sind bekannt für ihre Webkunst: farbenfrohe Decken, Pullover mit Lama Mustern, leuchtende Ponchos und … Brücken. Ja, Brücken! Seilbrücken aus Gras und anderen traditionellen Materialien waren in der Inka-Zeit in den Anden weit verbreitet. Die meisten sind im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen, doch eine bedeutende Brücke existiert noch heute in Q’eswachaka.
Eigentlich hatten die Bewohner des linken Ufers des Apurímac beschlossen, eine Steinbrücke zu bauen. Als sie bereits Steinblöcke herbeigeschleppt hatten, erschien ihnen eine sehr grosse Schlange. Die Schlange empfiehl ihnen, die Brücke nicht aus Stein, sondern biegsam wie sie, aus wildem Stroh zu bauen, denn die Spanier würden sie bald überfallen, und sie müssten schlauer sein als diese. Darauf knüpften die Bewohner Seile aus Q’uya Gras und bauten damit die Brücke. Als die Spanier ankamen, zerstörten sie die Brücke und hinderten sie so am Überqueren des Flusses. Von da an beschlossen die Bewohner Q’eswachaka jedes Jahr mit rituellen Opfergaben an Mutter Erde und die Berggeister diese erneut aufzubauen.

Jedes Jahr im Juni wird sie im Rahmen einer viertägigen Zeremonie neu geflochten, und ihre Fertigstellung wird mit Speis und Tänzen gefeiert. Der alte Inka Ingenieur Señor Victoriano Arisapana Huayhua erklärte uns persönlich, wie die rund 1’200 Menschen der umliegenden vier Dörfern die Brücke neu flechten. Jeder muss eine bestimmte Länge gezwirnte Seile aus Gras bringen. Die vorgegebene Länge wird dabei nicht in Metern, sondern in « Umarmungen» gemessen. Gemeinsam werden diese dann zu armdicken Tauen verdreht. Nach Zeremonien mit viel Alkohol und Coca Blättern wird die alte Brücke abgeschnitten und sechs mehr als 200 kg schwere Taue über das Wasser gezogen und befestigt, vier für den Weg und zwei für die Handläufe. Schwerstarbeit für die Männer. Ein seitliches Geländer und eine Matte für den Boden vollenden das Werk. Unglaublich was man alles erschaffen kann, wenn Menschen zusammen arbeiten. Eine spannende Dokumentation dazu gibt es auf ARTE TV – Das Erbe der Inka

Statt der löchrigen Asphaltstrasse um den nächsten Hügelzug zu folgen, wagen wir eine schmale, gut gepflegte Naturstrasse direkt darüber. Durch kleine Ansiedlungen führt sie uns hinauf in goldene Weiden. Alpaka und Schafe schrecken auf, wenn Rocky mit seinen grossen, unbekannten Vögel auf den Seiten, an ihnen vorbeischleicht. Schon sehen wir das Schild oben auf dem 4’780 Meter hohen Charaje Pass. Noch die letzte Kurve und dann: Was für eine unerwartete Aussicht. Vor uns schier unendliche Bergketten in allen Formen, mitten drin die weisse Kappe des Ausangate. Hinter uns noch immer die goldenen Grashügel. Wir steigen aus und geniessen sprachlos den Rundblick.

In weiten Kurven geht es bergab ins grüne Tal. Die Laguna de Languilayo und die roten und grünen Berge im Hintergrund lassen unsere Vorfreude auf den «Hügel der Farben mit scharfen Spitzen» steigen.
Doch der will erst bezwungen werden. Ein roter Erdweg mit engen Serpentinen bringt uns im steilen Abhang hoch zum Ausgangspunkt der kurzen Wanderung am Pallay Punchu. Wieder ist die Luft sehr dünn und wir bewegen uns entsprechend langsam. Diese farbigen Berge bietet schroff aufragende Felsplatten in rot, grün, blau im Kontrast zu den verschiedenen grün und gold Tönen der Wiesen. Die verschiedenen Farbtöne an Hängen und Graten stammen von unterschiedlichen Mineralien und Sedimenten, die sich über Schichten abgelagert haben. Durch Oxidation und den Kontakt mit den Elementen offenbaren sie eine spektakuläre Farbpalette.
Der vollständige Name des Bergs «Pallay Punchu von Apu Tacllo» findet seine tiefe kulturelle Bedeutung im Quechua. „Pallay“ bedeutet übersetzt Weben oder Sticken, während „Punchu“ sich auf den Poncho bezieht, das traditionelle Kleidungsstück der Andenregion, an den die Farben des Berges erinnern. Der Zusatz „de Apu Tacllo“ bezieht sich auf den Schutzgeist, der gemäß der andinen Weltanschauung im Berg wohnt und Tacllo ist der spezifische Name des heiligen Berges in dieser Gegend.

Ein langer Fahrtag durch die peruanische Bergwelt und ihren Farben und Formen bringt uns nach Chivay im Colca Canyon, dort wo sich der Fluss noch nicht so tief eingegraben hat. Im warmen Wasser der Aguas Termales la Calera entspannen wir uns mit Blick auf die golden leuchtende Felswand.

Die Schlucht, die durch Auffaltungen im letzten Stadium der Anden-Hebung entstand, erhielt ihre heutige Form durch die 150 Millionen Jahre währende Erosion des Vulkangesteins von Wind und Wasser. 2005 wurde ihre maximale Tiefe mit 4160 Meter gemessen, mehr als doppelt so tief wie der Grand Canvon. Wir fahren am Rand der Schlucht entlang und halten an jedem Aussichtspunkt, um einen Blick in die Tiefe zu wagen. An den oberen Hängen bestellen die hiesigen Indios noch heute Terrassenfelder, die schon vor der Inkazeit angelegt wurden. Die damaligen Bewohner nutzten die colca (Nischen) in den Schluchtwänden, um ihre Ernte zu lagern und ihre Anführer beizusetzen. Je mehr wir in die Schlucht hineinfahren, desto tiefer wird sie. In der Nähe von Cabanaconde entdecken wir die steilen, gewundenen Wege, die uns vor neun Jahren in die Schlucht hinunter und wieder hinauf geführt haben. Kaum zu glauben. Heute würden wir das kaum mehr schaffen.

Damit es uns auf der gute ausgebauten Strasse nicht zu langweilig wird, nehmen wir die Abzweigung zum Geysir de Pinchollo. Es ist wieder einmal eine schmale Schotterstrasse, die uns 10 km und 600 Höhenmeter zu diesem Naturphänomen hoch bringt. Hier im Geothermalgebiet am Fusse des erloschenen Vulkans Hualca Hualca fließt das Wasser eines kleinen Bachs in ein Erdloch und wird umgehend als imposante Fontäne zischend in die Höhe geschleudert. Die Wasserdampfwolken nebeln die Umgebung und die Sicht auf den Vulkan malerisch ein.

Kaum zu glauben, dass ein Geschöpf mit einer Flügelspanne von fast drei Meter überhaupt vom Boden hochkommt, geschweige denn so schwerelos schweben kann. Doch schon als wir am späteren Nachmittag am Cruz del Condor ankommen, segelt ein Andenkondor am Himmel, ohne sich um uns erdgebundenen Zweibeiner zu kümmern. Zusammen mit ein paar Singvögeln und Spechten übernachten wir auf dem leeren Parkplatz am Mirador. Kurz bekommen wir noch Besuch von einem Andenfuchs.

Früh sind wir am Morgen auf der Aussichtsplattform und sichern uns einen guten Platz für den Blick in die Tiefe. Es ist noch kalt, das Wetter ist aber gut, die Sonne schaut bereits hinter den Bergspitzen hervor. Beste Konditionen für eine gute Thermik. Die Kondore nutzen diese Aufwinde, um sich von ihren Schlafplätzen unten im Canyon mit geringem Kraftaufwand in die Höhe zu schrauben. Doch anstelle der Riesenvögel kommen riesige Scharen von Touristen. Bus um Bus hält direkt am Mirador an und entlädt seine laute Fracht. Ob das die Kondore mögen? Sie tun es nicht. In weiter Entfernung können wir zwei Jungvögel und einen Erwachsenen erkennen. Sie fliegen erst hin und her, dann schrauben sie sich hoch und sind verschwunden. Doch die vielen Touristen, die wie wir extra für die Riesenvögel gekommen sind scheint das nicht zu stören. Sie knipsen ihre Selfies mit den menschlichen Kondorpuppen und feilschen mit den Indigenen um Souvenirs. Dann fährt ihr Bus weiter.
Wir trauern um die verpassten Andenkondore. Bei unseren letzten Besuch ist noch ein Dutzend von ihnen direkt vor den Augen von zwei Dutzend Bewunderern gesegelt. Ein paar haben sich damals sogar in der nahen Wiese niedergelassen. Aber wir verstehen sie.

Der Weg zwischen Chivay und Arequipa ist einer der höchsten Pässe der Welt. Er liegt knapp fünf Kilometer über dem Meeresspiegel und wurde schon von den präkolumbianischen Zivilisationen Perus als Verkehrsweg genutzt. Heute führt eine breite, asphaltierte Strasse über den Pass, der mehr eine Hochebene ist. Ganz zuoberst liegt in einem Feld von Steinmännchen der Mirador de los Andes. Er ist mit 4’910 m der höchste Punkt der Route. Nicht weniger als sechs Vulkane sind in der Ferne zu sehen, darunter der rauchende Sabancaya.

Wenn es in Arequipa dunkel wird, beginnt die Magie. Die Kathedrale und die umliegenden Gebäude, auf einem der schönsten Stadtplätze Perus, werden beleuchtet. Aber das ist nicht alles. Wandeln im historischen Zentrum kommt einer Zeitreise gleich, denn die Stadt besteht aus mehr als 500 Kolonialvillen im europäisch-andinen Stil, verziert mit weißen Gewölben und Bögen aus lokalem Sillar-Stein. Wegen dieser markanten Vulkansteine wird Arequipa auch liebevoll „die weiße Stadt“ genannt.
Unser Höhepunkt in Arequipa ist aber das Wiedersehen mit Maria und Thomas. Auf unserer Reise durch Nordamerika sind wir den beiden Schaffhauser immer mal wieder über den Weg gefahren. Jetzt sind sie erneut unterwegs in Südamerika und wir haben es geschafft zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu sein. Wir freuen uns auf ein wenig gemeinsame Zeit mit «alten» Freunden!

Zusammen besuchen wir den Añashuayco-Steinbruch, in dem aus gewaltigen 30 Meter hohen Klippen, der markante weisse Vulkanstein Sillar abgebaut wird. Dieser Steinbruch hat seinen ganz besonderen Charme, da Künstler die leichten Steine als perfektes Material für Skulpturen entdeckt haben. Eine der malerischsten Skulpturen im Steinbruch ist eine peruanische Hommage an Petra. Außerdem gibt es Löwen, Pferde, Frösche und eine ganze Weihnachtskrippe, die darauf warten, fotografiert zu werden. Da gerade Mittagszeit ist, können wir leider keinen Blick auf die Steinmetzmeister erhaschen, die mit Hammer und Meißel an ihrem nächsten Meisterwerk arbeiten.

Eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Arequipas ist das Kloster Santa Catalina, weltberühmt als Meisterwerk kolonialer Architektur, einer Stadt in der Stadt. Es besticht durch zahlreiche Räume, wunderschöne Plätze, kunstvolle Brunnen und verwinkelte Kopfsteinpflastergassen. Das Kloster wurde 1579 erbaut und von der wohlhabenden Witwe María de Guzmán finanziert. Nur Frauen aus der Oberschicht wurden aufgenommen, die bei ihrer Aufnahme eine Mitgift von 2’400 Silbermünzen entrichten mussten (heute umgerechnet etwa 150’000 Euro). In den 1960er Jahren wurde das Kloster von zwei schweren Erdbeben heimgesucht, die die Innenräume stark beschädigten und die Nonnen zwangen, angrenzend neue Gebäude zu errichten. Aktuell leben nur noch etwa 20 Nonnen im nördlichen Teil des Komplexes. Die beschädigten Bereiche des Katharinenklosters wurden nach und nach restauriert und sind heute eine Touristenattraktion.

Die markante Kegelform des Vulkan Misti beherrscht das Stadtbild von Arequipa, gilt deswegen als Wahrzeichen von der Stadt und findet sich sogar im Stadtwappen wieder. Genau rechtzeitig bringt uns ein Taxi zum Mirador Yanahuara, wo sich der Misti im Abendrot zeigt.

Auch die Kulinarik kommt nicht zu kurz. In der Markthalle gibt es Unterwäsche, Früchte, Fleisch und viele Sorten von Kartoffeln zu bewundern. Die Besonderheit findet sich aber im oberen Stockwerk zwischen Ständen von wohlriechenden Blumen. Hier bereitet Dona Estrelita vor unseren Augen ein Queso Helado Arequipeño zu. In einem Holzfass mit Eis und Salz, steht ein Metallbehälter mit einer Mischung aus Milch, Zimt und anderen Zutaten. Durch Drehen des Behälters gefriert die Mischung an den Wänden und bildet Schichten, die in Stücken serviert werden und wie Käsescheiben aussehen, daher der Name.

Den Aperitif geniessen wir auf den Zinnen des Claustro de la Compañía de Jesús, einem bedeutenden architektonischen Komplex mit reich verzierten Säulen, selbstverständlich aus Sillar. Von hier oben bietet sich uns noch einmal ein goldener Sonnenuntergang bevor wir uns zu einem feinen Abendessen ins Zig Zag begeben. Das Gourmetrestaurant mit Schweizer Chef bietet verschiedene Arten von Fondue, wir bleiben aber bei einem hervorragenden Stück Fleisch serviert auf dem heissen Vulkanstein.
Viel zu schnell gehen die gemeinsamen Tage zu Ende. Einmal mehr heisst es Abschied nehmen von Maria und Thomas. Unterschiedliche Pläne führen uns in unterschiedliche Richtungen. Wir haben die Zeit mit ihnen sehr genossen. Irgendwo auf der Welt werden wir uns wiedersehen, bestimmt.

Die Peruaner lieben sie, die engen Serpentinen die die steilen Hänge hinaufführen. Da Arequipa relativ tief liegt, sind es denn auch viele dieser Schlangenlinien, die uns zur Salinas-Lagune hinaufführen. Lastwagen mit Anhänger vollbeladen kommen uns auf der staubigen Strasse entgegen. Die flache Salzlagune innerhalb des Nationalreservats Salinas y Aguada Blanca schrumpft während der Trockenzeit erheblich und reduziert sich dann auf eine Salzkruste. Der Bergbau ist die wichtigste wirtschaftliche Aktivität in der Umgebung der Lagune; hier befindet sich ein Abbauzentrum für Natriumborate. Auch die Anwohner betreiben kleingewerbliche Salzgewinnung. Die Sicht über die weisse Fläche mit den farbigen Berge im Hintergrund ist wunderschön. In der Ebene vor der Lagune sehen wir auch wieder viele Vicunjas. In den verbleibenden Pfützen stolzieren sogar eine Handvoll Flamingos, die in der Regenzeit zu Tausenden hierherkommen.

Die Lagune ist von ausgedehnten Torfmooren umgeben und von hochandinem Grasland gekennzeichnet, das jetzt trocken goldig leuchtet. Immer wieder strecken Lamas und Alpakas ihre Hälse und schauen uns mit ihren großen Augen an. Dann ändert sich die Landschaft. Weisse Hänge kommen zum Vorschein. Es sieht aus wie im Frühling in der Schweiz wenn Restschnee auf den braunen Hügeln klebt. Aber hier sind es Kalkfelsen die aus den Grasflächen hervorblitzen.

Ein weiter Bogen und einen steilen Abhang hinauf und wieder landen wir auf einer Hochebene. Bald erreichen wir unser Nachtlager im Bosque Rocas de Mauca mit bizarren Felsformationen. Das vulkanische Gestein wurde durch Erosion, Regen, Wind, Erdbeben und anderen Naturgewalten geformt und sieht aus wie ein geheimnisvoller, verzauberter und versteinerter Wald. Der Fantasie sind einmal mehr keine Grenzen gesetzt, um aus verschiedenen Blickwinkeln kuriose Figuren zu entdecken, zumal sich die Sonne dahinter senkt.
Im Morgenlicht entdecken wir noch einmal andere Figuren. Wir lassen uns Zeit, denn bei minus 5.5 Grad auf über 4’500 m braucht Rocky erst einmal ein paar Sonnenstrahlen, bis er ohne Husten ruhig vor sich hin schnurrt.

Eine Baustelle stoppt uns kurz auf dem Weg zum Titicacasee. Kurz davor warnte eine Tafel, das die Strasse von 9 bis 13 Uhr wegen Bauarbeiten gesperrt ist. Es ist 20 nach Neun; Umleitung keine. Es bleibt nur eins, warten. Doch schon vor 10 Uhr kommt Bewegung in die Warteschlange, wir dürfen weiterfahren. Glück gehabt.
Ganz zum Titicacasee fahren wir nicht, denn auch Puno und die indigenen Uros auf ihren Schilfinseln haben wir bereits während der letzten Perureise besucht und wollen sie so in Erinnerung behalten.
Kurz vor Puno biegen wir ab zu den ewigen Ruhestätte des Altiplano-Adels. Die imposanten Chullpas von Sillustani stehen auf einer Halbinsel, die in das azurblaue Wasser der Umayo-Lagune ragt. Sillustani besitzt etwa 90 Chullpas. Erbaut aus perfekt taillierten Steinblöcken in Form eines umgekehrten Kegels, sind diese Grabtürme bis zu zwölf Meter hoch. Der Legende nach wurden die Leichen der höchsten Kolla-Autoritäten, die als Repräsentanten des Inka-Reiches galten, vor ihrer Beisetzung in Fötusstellung mumifiziert. 

Und es geht doch noch in die quirlige Stadt Puno. Einerseits führt fast kein Weg daran vorbei, andererseits müssen wir noch unsere Propangas und Dieselvorräte auffüllen bevor wir ins Nachbarland Bolivien auswandern. Treibstoffe, speziell Diesel, sind dort Mangelware und meist nur nach stundenlangem Schlange stehen erhältlich.
So gerüstet fahren wir aussichtreich dem Titicacasee entlang und stehen schon bald an der Grenze in Kasani. Nach drei Monaten verlassen wir das Land der Inkas, dass von noch viel älteren Kulturen geprägt wurde. Neben vielen unterschiedlichen Ruinen, die uns immer aufs Neue faszinierten, wussten uns die unterschiedlichsten Farben und Formen der Natur von den Wüsten am Meer bis in die hochgelegene Altiplana zu gefallen. Und natürlich die Menschen, die Einheimischen mit ihren farbenfrohen Trachten und lustigen Hüten. Ach ja, und dann waren da noch die unzählbare Anzahl von Serpentinen.

BOLIVIEN

So mache Grenze haben wir die letzten Jahre in Lateinamerika überschritten, noch selten ging es so schnell und einfach. Ausstempeln in Peru, Geldwechsel im Niemandsland, Migration und Zoll in Bolivien mit kurzem Check der Fahrzeugnummer. Das war es. Keine 30 Minuten später fahren wir in Bolivien, dem 14. Land unsere Reise, durch die Amerikas.

Unsere erste Station ist Copacabana. Nein, natürlich nicht an den berühmten Strand in Rio de Janeiro, sondern in den schmucken kleinen Wallfahrtsort am Ufer des Titicacasees. Es ist schön was los am Samstagnachmittag. Die Besucher vergnügen sich am kalten Wasser des Sees, lassen sich auf dem Bananenboot durch die leichten Wellen ziehen, oder treten im Wasserlaufrad. Wir laufen auch, nämlich schon einmal die steile Stasse mit den Souvenirshops hoch zur Basilica de Nuestra Señora de Copacabana. Hier soll morgen ein besonderer Event für Rocky stattfinden.

Vor der Basilika in Copacabana werden jeden Tag Autos gesegnet. Aus ganz Bolivien und auch aus Peru kommen die Menschen mit ihren Fahrzeugen, insbesondere wenn sie neu sind. Wir stellen uns in die Reihe und Rocky wird von einer Marktfrau liebevoll mit Blumen für die Zeremonie geschmückt. So dekoriert wartet er geduldig auf den Padre, der bald darauf erscheint, ihn segnet und ihn und uns mit Weihwasser besprengt. Traditionsgemäss wirft Erika ein paar Handvoll Rosenblätter hinterher. Das war’s schon. Nun hoffen wir, dass noch ein Schutzengel mehr bei uns mitfährt.

Die Route von Copacabana nach La Paz endet an der Straße von Tiquina, einer See-Enge im Titicacasee. Die Überfahrt auf der 780 Meter breiten Wasserstrasse ist ein echtes Abenteuer. Jeweils zwei Fahrzeuge fahren auf eine flossähnliche, wackelig aussehende Barke. Angetrieben nur von einem Aussenbordmotor bringt der Kahn seine Fracht – und das darf auch ein grosser LKW oder Autobus sein – in wenigen Minuten auf die gegenüberliegende Seite.

Thomas und Maria haben uns den ruhigen Campingplatz Colibri ausserhalb von La Paz wärmstens empfohlen. Um dahinzufahren, muss Rocky allerdings wieder einmal seine Kletterstiefel anziehen, führt doch die Strasse vom Altiplano steile 800m hinunter ins Tal. Wir umfahren dabei die Grossstadt La Paz und tauchen ein in eine farbige Landschaft aus ausgewaschenen, sandigen Felsen. Valle de Luna, nennt sie sich dort, wo die ausgeprägtesten Spitzen stehen. Da wir noch nicht auf dem Mond waren, können wir das nicht bestätigen.
Mit ihrer Höhenlage zwischen 3500 und 4000 Metern gilt La Paz zusammen mit der Vorstadt El Alto als eine der höchstgelegenen Städte der Welt. Während La Paz in der vom Fluss Choqueyapu geformten Schlucht liegt, bieten sich von El Alto, auf der Ebene oberhalb von La Paz, fantastische Ausblicke auf die Stadt und die hohen Berge des Altiplano, darunter der imposante, schneebedeckte Illimani.

Die Metropole, die von Hügeln und Tälern geprägt ist, versinkt im Verkehrschaos von Hunderten von Kleinbussen – den sogenannten Combis – die Fahrgäste in alle Teile der Stadt befördern. Um die Mobilitätseinschränkungen der Einwohner von La Paz zu verringern, wurden 2014 die ersten Linien der Seilbahn von La Paz in Betrieb genommen. Heute gleicht die Teleférico einem riesigen Spinnennetz. Es erstreckt sich über 31 km und verteilt sich auf 10 Linien, die jeweils eine andere Farbe haben und die Stadtteile von La Paz und El Alto strategisch miteinander verbinden.
Mit unserm Guide Gert steigen wir in die Seilbahn. Eine Fahrt in einer der Gondeln – übrigens Made in Switzerland – ist ein echtes Erlebnis mit großartigen Aussichten und Einsichten auf La Paz. Aus der Höhe gibt es so viel zu sehen: die Dächer, die Terrassen, die Plätze, die Straßen, die von oben wie auf den Boden gezeichnete Linien wirken. Dort wo sie steil hinauf nach El Alto führt, kleben Backsteinhäuser an den Hängen, der Schwerkraft trotzend. Wir werden im Laufe des Tages noch viele Male die einzigartigen Ausblicke aus der Bahn geniessen.

La Paz ist, wie für einen Regierungssitz typisch, reich an Geschichte. Es ist zwar nicht die Hauptstadt Boliviens, aber dennoch dessen politisches Zentrum. Neben der Kathedrale stehen an der Plaza Murillo der Präsidentenpalast und der Palast der Nationalversammlung. Hinter den beiden historischen Häusern ragen jeweils die modernen neuen Gebäude der Institutionen in den Himmel, die das Gesamtbild nicht wirklich verschönern. Als wir den Platz erreichen, marschiert gerade die Nationalgarde in ihren roten Uniformen vorbei.

Nur wenig weiter führt uns Gert in den Innenhof des Collegiums San Simón de Ayacucho, der ältesten Bildungseinrichtung Boliviens. Zufällig empfängt uns Professor Edwin Quenta Clares, der Direktor. Stolz führt er uns in sein mit Pokalen überfülltes Büro und erläutert uns die Geschichte der Schule. Nicht weniger als 13 Präsidenten haben hier studiert.

Die blaue Linie der Teleférico bringt uns zur Plaza Libertad, oben in El Alto. In den Gassen neben dem Platz wird traditionelle Kleidung gefertigt und verkauft. Diese besteht typischerweise aus bunten Röcken, kunstvoll bestickten Blusen, Schals, Bombín-Hüten und mehreren Lagen Unterröcken. Die weit geschnittenen Faltenröcke, die Polleras, sind ein wesentlicher Bestandteil der Gewänder der indigenen und mestizischen Frauen Boliviens, die gemeinhin als „Cholitas” bekannt sind. Diese Kleidungsstücke sind ein sichtbares Symbol für kulturelle Identität, soziale Verwurzelung und werden auch im Alltag getragen. Bemerkenswert ist, dass die Röcke recht schwer sind. Aufgrund des kalten Klimas der Region werden sie mit vier langen Falten oder Raffungen gefertigt. Wir bewundern die Vielfalt, ihre zeitlose Eleganz und die teilweise exquisiten Outfits, die auch einmal über 1’000 US-Dollar kosten können.

Tränke gegen den bösen Blick, Glückspulver, Wunderparfums die Geld anziehen, Zuckerpuppen, um Probleme zu versüßen, Kerzen, um Liebhaber anzuziehen, Puder die Neid abwehren, Wachsfiguren, um Liebeszauber zu aktivieren. Und inmitten all dessen zwei berühmte, essenzielle und ikonische „Produkte“, um Pachamama, Mutter Erde, zu nähren und um ihre Gunst zu bitten: das Kokablatt und der Fötus des Lama, Alpaka oder anderer Tiere.
Wir steifen durch den Hexenmarkt in El Alto. In dieser faszinierenden Ecke verschmelzen uraltes Wissen mit Folklore und Tourismus. Doch nicht nur Touristen kommen hier auf ihre Kosten. Anwohner kaufen auf dem Markt Vorräte, um den Bau eines Hauses, die Eröffnung eines Geschäfts oder eine Hochzeit zu segnen.
Etwas weiter, an der Klippe hinunter zu La Paz, stehen die Klausen der geheimnisvollen Yatiri, der Medizinmänner und -frauen, der „Wissenden “. Sie führen Reinigungsrituale durch und Lesen von Kokablättern. Seit Jahrhunderten sind sie eine Art Zauberer oder Heiler, die als Stütze einer Weltanschauung von Glaubensvorstellungen fungierten.

Uyuni entwickelte sich im späten 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt für die südamerikanischen Eisenbahnen. Der Zusammenbruch des Bergbaus in den 1940er Jahren stoppte jedoch diese Entwicklung. Die entmutigten Einwohner Uyunis liessen die Züge am Stadtrand einfach verrotten. Ohne Zäune oder Wachen zerlegten Plünderer einige der Fahrzeuge auf der Suche nach Altmetall. All dies trug zur Entstehung des riesigen Eisenbahnfriedhofs bei, wo verlassene alte Dampflokomotiven zu einer der ungewöhnlichsten Sehenswürdigkeiten Boliviens wurden. Wir übernachten auf dem Parkplatz direkt davor und können so einige großartige Bilder schießen. Denn während dem Tag werden die Wrackteile von der Selfie-Generation belagert.

Der Salar de Uyuni zählt zu den spektakulärsten Orten Südamerikas. Die gewaltige, schimmernd weiße Salzwüste – sie ist sogar aus dem Weltraum sichtbar – befindet sich an der Stelle eines prähistorischen Sees, der vor 40’000 Jahren austrocknete. Salzschichten wechseln sich mit Sedimentablagerungen ab, die im Zentrum der Ebene eine Tiefe von bis zu 10 Metern erreichen. Man schätzt, dass sich hier insgesamt 10 Milliarden Tonnen Salz befinden. Der wahre Schatz liegt jedoch unter dem Salzsee, wo sich etwa 70 % der weltweiten Lithiumreserven befinden.
Uns interessiert aber das Naturspektakel, die weisse, unendlich scheinende Weite, die sich während der Regenzeit in den grössten Spiegel der Welt verwandelt. Da wir auch die noch nasse Zone des Salar besuchen möchten, entscheiden wir uns für eine geführte Tagestour. Eine Fahrt im Salzwasser würde Rocky sicher nicht bekommen. Bei Colchani steuert Guide und Fahrer Beimar den 4×4 SUV auf die blendend weisse Fläche und legt schon bald einen ersten Stopp am Salt Hotel, der Installation „Flags of the World“ und dem Dakar-Denkmal ein, einem Muss für Salar Touristen.

Danach geht es mit hoher Geschwindigkeit mehr als 100 km über die unendlich erscheinende Salzfläche. Mittendrinn, in einem weißen Meer aus sechseckigen Salzplatten, halten wir an für das Mittagessen. Das tiefe Blau des Himmels spielt mit dem grenzenlosen Weiß. Zum Nachtisch gibt es eine Fotosession mit lustigen Perspektivaufnahmen und Videos. Die vollkommene Fläche Landschaft mit einen endlosen Horizont eignet sich perfekt für Fotos mit atemberaubenden Perspektiven.

In der Ferne erkennt man die Umrisse der Insel Incahuasi. Die Insel mitten im Salz Meer ist eine Oase mit einem einzigartigen und isolierten Ökosystem, das von Hunderten von riesigen Kakteen bevölkert wird. Oben auf dem versunkenen Vulkan bieten sich umwerfende Blicke auf die Salzwüste. 

Schon rasen wir wieder zurück über das 11 Quadratkilometer grosse Naturwunder, um das Salzwasser zu besuchen und den Spiegeleffekt zu beobachten. Jetzt, gegen Ende der Trockenzeit, sind es nur einige Pfützen, in denen Himmel und Erde zu verschmelzen scheinen. Entsprechend gross ist der Andrang. Doch Beimar findet den perfekten Spot für den Sundowner Aperitif und ein paar weitere Fotos im spiegelnden Wasser.

Dank dem neuen bolivianischen Präsidenten gibt es wieder etwas mehr Diesel im Land und wir müssen nur 50 Minuten in der prallen Sonne anstehen. Nun sind Diesel und Frischwassertank randvoll und es kann losgehen auf die Lagunenroute, die das bolivianische Uyuni mit San Pedro de Atacama in Chile verbindet. Sie ermöglicht ein wunderbares Eintauchen in das bolivianische Altiplano mit Ausblicken auf Vulkane, hohe Gipfel, Lagunen, Salzseen und die vielfältige Tierwelt.
Die ersten 150 km sind eine Art Hauptstrasse und wir kommen zügig voran, bevor wir bei Alota auf die eigentliche Lagunenroute Ost abzweigen. 250 km holprige Straßen mit Schotter, Sand, tiefen Spurrillen und dem gefürchteten Waschbrett liegen vor uns. Ein Gürteltier kreuzt die Piste und macht sich schnell aus dem Staub. Was für ein Glück, sind diese scheuen Tiere doch nur selten zu sehen.

Die Lagunenroute verdankt ihren Namen den Lagunen, die durch vulkanische Aktivität und Mineralablagerungen entstanden sind. So auch die kleine Laguna Vinto, an deren Ufer wir unser erstes Nachtlager aufschlagen. Obwohl der Wasserstand niedrig ist, ist der See voll mit Flamingos. Nach einigen Recherchen können wir drei verschiedene Arten erkennen: den vorherrschenden Andenflamingo, den Chileflamingo und den seltenen James-Flamingos. Letzterer galt als ausgestorben bis 1956 eine kleine Population wiederentdeckt wurde.
Aber nicht nur Flamingos leben am See. Vikunjas laben sich am kleinen Bächlein, das in den See fliesst. Eine stattliche Anzahl von Nandus hat uns wohl gesehen und versteckt sich im Uferschilf. Später entdecken wir sie wieder weit weg auf der gegenüberliegenden Seeseite.
Es wird dunkel und kalt. Die Flamingos gruppieren sich nahe zusammen im tieferen Wasser. So treffen wir sie auch am Morgen an, bevor sie sich zur Nahrungsaufnahme wieder über den See verteilen.

Unweit von unserer Lagune liegt eine geologische Formation mit dem ungewöhnlichen Namen Italia Perdida, verlorenes Italien. Einer Legende zufolge war der erste Besucher dieser Gegend ein Italiener, der sich in der bolivianischen Wüste verirrte, den Weg nicht mehr fand und starb. Deshalb ist die Region nach ihm benannt. Einmal mehr spielt unsere Fantasie in den verwitterten Klippen. Und vielleicht haben wir sogar den Italiener entdeckt. Auf jeden Fall schaut uns ein Gesicht aus einem der Felsen an.

Böen zerren unaufhörlich an den spärlichen Grasbüscheln und kleine Staubteufel tanzen über den wandernden Sand. Staubwolken warnen vor heranbrausenden Touristenjeeps, die in hohem Tempo über die schlechte Piste fliegen. Immer wieder entdecken wir Gruppe scheuer Vikunjas, die auf Flächen grasen auf denen scheinbar nichts wächst. Selbst die Flora und Fauna dieser Gegend haben sich an diese raue, fast außerweltliche Umgebung angepasst. Und dann überrascht ein kleines Rinnsal in einem grünen Tal mit Nandus und Lamas.
Vorsichtig halten wir an, als wir in den Felsen ein paar Vizcachas hüpfen sehen.

Wir umrunden die fast ausgetrocknete Laguna Capina, auf der Salz und Borax abgebaut wird und erreichen bald darauf das Nationale Andenfauna-Reservat Eduardo Avaroa. Auf einer Höhe von über 4’900 m biegen wir rechts ab und beginnen den Abstieg, mit wunderschönen Ausblicken auf die vor uns liegende Laguna Colorada.
Doch plötzlich geht bei Rocky die Motorkontrollleuchte an und er versagt das manuelle Schalten in einen tieferen Gang. Bald wird klar, der Dieselpartikelfilter ist übervoll. Auf dieser Höhe wird er sich kaum selbstständig regenerieren. Da das Fahrzeug aber sonst problemlos läuft, machen wir uns keine weiteren Sorgen.

Wir umrunden die Lagune und erreichen den Aussichtspunkt im Norden, wo wir die Nacht verbringen wollen. Vor uns liegt die Laguna Colorada mit ihrer intensiven rostroten Farbe. Ein Naturschauspiel, das durch rote Sedimente und Mikroorganismen, darunter bestimmte Algenarten, hervorgerufen wird. Diese Mikroorganismen produzieren die roten Farbpigmente und verstärken in Kombination mit Sonnenlicht und flachem Wasser die Leuchtkraft der Farben. Vor den Boraxinseln, die wie gestrandete Eisberge in der Lagune liegen, überziehen Pastellfarben in allen Tönen den See.
Eine der größten Attraktionen der Laguna Colorada sind die dort versammelten Flamingo Schwärme, die gemächlich in seinem seichten Wasser umherstreifen. Flamingos werden mit weiß-grauem Gefieder geboren. Mit der Zeit färbt sich ihr Gefieder rosa, verursacht durch ein Pigment in den Algen, die sie fressen. Die Rotalgen der Laguna Colorada verleihen ihnen ihre leuchtend rosa Farbe.

Der Anstieg zum hochgebirgigen Geothermalgebiet Sol de Mañana macht Rocky zu schaffen. Wo er sonst locker hochklettert, ist das heute nur im Geländegang möglich. Doch es lohnt sich. Das Gebiet zeichnet sich durch intensive vulkanische Aktivität aus. In den Kratern blubbert kochender Schlamm. Fumarolen und Geysire stossen mit hohen Druck Wasserdampf in die Höhe. Diese Phänomene formen eine Landschaft, die an die Frühzeit der Erdentstehung erinnert.

Zum Salar de Chalviri, beziehungsweise zu den heissen Termales de Polques geht es nur hinunter. Damit hat Rocky kein Problem. Zusammen mit Brigitte und Jörg, die wir gestern an der Laguna Colorada kennengelernt haben, erholen wir uns schon bald im 28°C warmen, mineralreichen Wasser. Die heißen Quellen sind eine Oase der Entspannung inmitten einer einzigartigen Landschaft umgeben von Bergen und klarem Himmel. Sogar die Vikunjas trauen sich ans Wasser, während wir im Pool sitzen.
Es war frostig kalt in der Nacht. Auch wenn die Außentemperatur noch unter Null ist, sitzen die jungen Tourentouristen schon in den Pools. Wir frühstücken gemeinsam mit unseren beiden neuen Reisefreunden im beheizten Rocky und warten bis sich das Eis auf der Frontscheibe in der Morgensonne aufgelöst hat.

Mittlerweile ist der Allradkonvoi gestartet, so haben wir freie Fahrt auf der Wellblechpiste durch die Salvador-Dalí-Wüste. Die treffend benannte Landschaft ist übersät mit surrealen, vom Wind geformten Felsformationen. Der weiße, rosafarbene und beige Wüstensand vor den kaleidoskopartigen Bergen im Hintergrund ergeben das Gefühl, einen einsamen, fernen Planeten zu entdecken, der noch unberührt von der Außenwelt ist.

Bei der Abzweigung zur smaragdgrünen Laguna Verde müssen wir schweren Herzens entscheiden, diese nicht anzufahren. Zu gering ist Rockys Leistung. Wir umrunden die Laguna Blanca mit ihrer milchig-weißen Farbe, die durch die hohe Konzentration von Mineralien, insbesondere Borax, verursacht wird. Im Hintergrund erhebt sich der symmetrische Kegel der Vulkans Licancabur, nur einer von vielen alten Vulkanen in der Gegend.

Schon stehen wir an der Grenze zu Chile. Ein kurzer, aber interessanter Besuch in Bolivien geht bereits wieder zu Ende. Aber wir werden wiederkommen, um die vielen weiteren interessanten Orte und Landschaften von Bolivien zu entdecken. Dann hat sich hoffentlich die Treibstoff Situation im Land verbessert.
Die ersten Meter in Chile erweisen sich als äussert schwierig. Es geht bergan und das gefällt Rocky immer weniger. Nur mit viel Mühe und gut zureden schafft er in die chilenische Zollstation. Bald sind die Stempel in unseren Pässen und das TIP ausgestellt. Chiles restriktiven Einfuhrbestimmungen fallen ein paar Knoblauchzehen und eine halbe Flasche Honig zum Opfer. Alles andere dürfen wir mitnehmen, auch unser Fondue und den Raclette Käse aus Ecuador. Bienvenidos a Chile.
Noch einmal ein Zittern für die letzte Steigung zur Hauptstrasse, dann geht es auf eine lange Abfahrt nach San Pedro de Atacama. Hier werden wir uns erst mal der Gesundheit von Rocky widmen.

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27.11.2025 – 31.12.2025

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01.10.2025 – 31.10.2025

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