Portugal Teil 2 – Schweiz

27. Februar 2022 bis 31. März 2022

Óbidos ist eines der Juwelen Portugals. Die Geschichte erzählt, dass das mittelalterliche Dorf von König Dionysius seiner Frau Isabel als Hochzeitsgeschenk gegeben wurde und so etwa fünf Jahrhunderte lang Teil der Mitgift aller portugiesischen Königinnen war. Diese königliche Schirmherrschaft hat ein positives, dauerhaftes Erbe auf Óbidos hinterlassen, und noch heute ist es eine der charmantesten Städte in Zentralportugal.
Das schmucke Städtchen, umschlossen von einem mächtigen mittelalterlichen Mauergürtel und gekrönt von der maurischen Burg, hat uns beim letzten Besuch vor 20 Jahren begeistert. Doch in der Zwischenzeit wurde es von den Touristen entdeckt. Verstehen wir. Innerhalb der Stadtmauern herrscht ein fröhliches mittelalterliches Ambiente. Die alten, weiss gekalkten Häuser mit ihren blau oder gelb bemalten Türöffnungen und Fenster, die zahllosen farbenprächtigen Blumen und Pflanzen sind nach wie vor ein Hochgenuss für jedes Auge. Alle paar Meter gibt es jetzt jedoch auch noch einen Souvenirladen und der berühmte Ginjinha de Óbidos (Kirschlikör) wird an jeder Ecke angeboten, am besten aus einem kleinen Becher aus Schokolade. Trotzdem schlendern wir durch die verwinkelten Gässchen und versuchen einige schöne Ecken zu entdecken.

So ganz können wir von den hochschäumenden Wellen nicht lassen, die uns die letzten Tage begleitet haben. Wir steuern Nazaré an, wo sich an der Praia do Norte die ganz grossen Wellen brechen sollen. An der Küste liegt der Canyon von Nazaré, ein Unterwassercanyon mit einer Tiefe von mindestens 5.000 Metern und einer Länge von 230 km. Dieser Canyon erzeugt riesige Wellen, die Nazaré zu einem Mekka auf der weltweiten Landkarte für Bigwave-Surfer machen. Am 1. November 2011 gelang hier dem 44-jährigen hawaiianischen Surfer Garrett McNamara das Surfen auf einer 23,77 Meter hohen Welle! Damals schaffte er die Aufnahme ins Guinness-Buch der Rekorde, und das atemberaubende Beweisfoto des Fotografen António Manuel Silva ging um die ganze Welt!
Die ganz grossen Wellen dieser Saison haben wir leider um ein paar Tage verpasst. Heute ist es vergleichsweise ruhig. Die riesigen Supertubos sind aber nach wie vor sehr eindrücklich, ja fast bedrohlich. Die Big Wave Surfer werden von Wasserscooter in die Wellen gezogen. Einige Zeit schauen wir zu und staunen, zuerst direkt auf Augenhöhe vom Strand aus, danach auch noch von oben, von der Plattform vom Fort mit dem Leuchtturm. Faszination pur.

Im Dorf hören wir von Weitem Musik, nicht unbedingt schön, aber schön laut. Diese zieht uns quer über den Dorfplatz. Ach ja, es ist Rosenmontag, es herrscht Karneval. Eine Gruppe Kostümierter kommt die Strasse entlang, vorab ein Lastwagen mit Lautsprechern, die uns die Musik in den Körper hämmern. Hinterher tanzen die kostümierten oder auch traditionell folkloristisch gekleideten Gecken. Spass pur.

Der Weg ins Landesinnere nach Coimbra ist öde. Wälder und dazwischen eher lieblose Dörfer, Industriegebiete mit teilweise verfallenen Gebäuden, viele Kleingewerbe, nichts Aufregendes.

Coimbra gilt als die Universitätsstadt Portugals, war aber über 100 Jahre lang die mittelalterliche Hauptstadt des Landes. Die Universität wurde 1290 gegründet und ist die älteste Hochschule Portugals und eine der ältesten Universitäten der Welt. Ursprünglich wurde sie in Lissabon gegründet, aber der Campus wurde mehrere Male verlegt, bis er schliesslich im Königspalast von Coimbra landete, dem Wohnsitz der ersten Dynastie Portugals.
Die Stadt liegt an mehreren Hügeln und zeigt sich uns trotz bedrohlich schwarzen Wolken von ihrer besten Seite. In der gut erhaltenen, mittelalterlichen Altstadt entdecken wir einmal mehr schmucke kleine Gassen, kunstvoll verzierte Häuserfronten, schmiedeeiserne Balkone, Türme, Kirchen. Auf typisch portugiesischen Pflasterwegen, mit ihren Ornamenten aus schwarzen und weissen Steinen, geht es steil bergauf bis zur Universität ganz zuoberst auf dem Hügel. Die Gebäude rings um den Paço das Escolas werden zwar gerade renoviert, trotzdem strahlt der Platz etwas Majestätisches aus. Beim Schlendern durch die Gassen begegnen uns ab und zu Studenten, die an ihren schwarzen Umhängen erkennbar sind. Als Harry-Potter-Fans erkennen wir die traditionellen Uniformen sofort wieder. J. K. Rowling hat sich während ihres Aufenthalts in Portugal inspirierten lassen, als sie das erste Harry-Potter-Buch schrieb.
Nach so viel Tradition genehmigen wir uns einen portugiesischen Abend mit Fado Musik aus Youtube, Migas einem portugiesischen Hirtengericht. Zum Dessert gibt es Pastel de Nata, Pastel de Tengual und Papo de Anjo.

Dunkle Wolken hängen am Himmel als wir nordwärts wieder Richtung Küste fahren. Es sieht nicht so freundlich aus, sogar ein paar Tropfen fallen als wir die Halbinsel Costa Nova erreichen. Den malerischsten Blick auf den Urlaubsort hat man von der Uferstrasse, in der sich ein Holzhaus an das andere reiht. Sie sind abwechselnd mit weissen und bunten Streifen in einer jeweils anderen, kräftigen Farbe bemalt. Die Fischer errichteten diese Pfahlbauten, die sogenannten «palheiros», die als Schutzhütten oder zur Lagerung ihrer Gerätschaften dienten. Nach ihrer Restaurierung sind aus ihnen hübsche Ferienhäuser geworden. Ein tolles Foto Sujet.
Wir stellen uns direkt hinter die Düne und erhoffen uns da etwas Schutz vor dem starken Wind. Der Spaziergang entlang dem langen Sandstrand mit lebhafter Brandung führt uns bis zu einem Restaurant. Klar, auch der Durst will gestillt werden. Heute darf es zur Abwechslung mal ein Glas Wein sein. Die Kellner empfiehlt uns einen Vinho verde, einen grünen Wein. Schmeckt gut, angenehm spritzig und frisch. Auf der Lagunenseite gehen wir dem Haff von Aveiro entlang zurück. So können wir die gestreiften Häuser nochmals von der Nähe geniessen und noch ein paar Pastel de Nata kaufen, bevor wir unseren Stellplatz aufsuchen.

Der Wind rüttelt an Rocky. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Also schnell weg in ruhigere Gegenden. Wir besuchen Aveiro, das als Venedig von Portugal gilt. An verschiedenen Stellen wird gebaut, repariert, aufgerissen was das Zeug hält. Es soll alles wieder glänzen, wenn die Touristensaison beginnt. Denn die Stadt ist ein beliebtes Touristenziel, berühmt für seine Kanäle, die kunstvollen Jugendstilgebäude und die bunt bemalten Moliceiros-Boote. Im Moment macht sie allerdings nicht gerade einen gemütlichen Eindruck.
Im frühen 19 Jahrhundert war die Stadt ein industrielles Zentrum für Seetang Farmen und Salzgewinnung. Seetang bildete die Grundlage für die ersten Düngemittel. Er wurde in der Salzwasserlagune Ria de Aveiro geerntet und mit Moliceiros-Booten transportiert. Das qualitativ hochwertige Salz der Lagune wurde traditionell für die Zubereitung von Bacalhao (getrockneter, gesalzener Kabeljau) eingesetzt, eines der Lieblingsgerichte der Portugiesen.

Eigentlich ist Porto so etwas wie ein Freilichtmuseum. Das malerische Altstadtviertel Ribeira direkt am Rio Douro, die Portweinhäuser in Vila Nova de Gaia auf der anderen Seite des Flusses, die beiden verbunden durch die markante Dom Luís I Brücke, die den Douro mit zwei Fahrebenen überspannt. Porto ist wirklich jeden Besuch wert.
Wir richten uns für ein paar Tage auf einem Campingplatz in Canidelo ein, nur wenig südlich der Stadt, mit Sicht auf das stürmische Meer. Der Bus bringt uns auf abenteuerlichen Wegen durch schmalste Quartiersträsschen direkt ins Zentrum von Porto. Von der Mosteiro da Serra do Pilar, dem Kloster mit der runden Kirche, geniessen wir einen ersten ausgiebigen Blick auf die Altstadt und die berühmte Doppeldecker-Brücke. Benannt wurde sie nach dem damaligen König Dom Luís I., entworfen hat sie ein ehemaliger Kompagnon von Gustave Eiffel. Die Brücke hat zwei Fahrebenen: unten fahren Autos, oben fährt die Metro. Fussgänger können beide Ebenen benutzen, doch die obere ist für Menschen mit Höhenangst eher ungeeignet, denn sie verläuft 60 m über dem Fluss. Wir werden den Stahlkoloss später noch auf uns einwirken lassen, wenn wir auf der Terrasse am Douro Ufer einen Portwein trinken.

Jetzt überqueren wir erst einmal die Brücke auf der oberen Ebene hin zur Kathedrale Sé do Porto und dem Bischofspalast, deren Vorplatz weitere Blicke über den Fluss, die Häuser und das andere Ufer bietet. Von dort aus steigen wir über Treppen und mittelalterliche Strassen bis zur Ribeira mit ihren Terrassen und malerischen Ecken hinunter. Hier lohnt es sich, ein wenig zu verweilen, das Ambiente auf sich einwirken zu lassen. Mit Sicht auf den Fluss und das gegenüberliegende Ufer setzen wir uns an die Sonne zum Mittagessen.
Eine endlos lange Treppe führt uns durch verwinkelte Gassen wieder hinauf zur Kathedrale und zum Bahnhof São Bento. Der São Bento ist Bahnhof und Kunstwerk zugleich. Insbesondere die vielen blauen Fliesen lassen die Bahnhofshalle mehr wie ein Kunstmuseum als einen Verkehrsknotenpunkt wirken. 20.000 Azulejos zieren die Vorhalle des 1916 eröffneten Bahnhofsgebäudes. Dabei erzählen die Bilder verschiedene Geschichten aus der Vergangenheit Portos. Eine weitere interessante Anekdote zum Bahnhof: Ehe mit Hilfe aufwendiger Sprengungen überhaupt ein Tunnel für Züge gelegt werden konnte, befand sich im selben Gebäude ein Frauenkloster, das bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts errichtet wurde.

Die blauen Kacheln sind auch unser erstes Ziel am nächsten Tag. Dafür steigen wir noch einen Hügel hoch. Die schöne Igreja de Santo Ildefonso ist mit mehr als 11.000 Azulejo-Fliesen verziert, die die gesamte Aussenfassade bedecken.
Der Bolhão-Markt ist ein historischer zweistöckiger Markt in klassizistischem Gebäude mit Händlern für frische und zubereitete Erzeugnisse wie Blumen, Obst und Gemüse, Fleisch aber auch Kunsthandwerk und Souvenirs. Er ist uns von unserem letzten Besuch im Porto vor 20 Jahren in guter Erinnerung geblieben. Leider wird das Gebäude im Moment generalrenoviert und ist geschlossen. Auf dem temporären Markt erfreuen wir uns trotzdem am farbenfrohen Angebot, wenn auch das besondere Ambiente fehlt.
Nördlich vom Jardim da Cordoaria findet sich ein weiteres Highlight der traditionellen Azulejo-Fliesen. Die Igreja do Carmo ist berühmt für ihre wunderschönen, in weiss und blau gehaltenen Fliesenmalereien, die die gesamte Ostseite bedecken. Beim genauen Hinschauen erkennt man, dass es sich um zwei Kirchen handelt, die durch ein einen Meter breites Haus verbunden sind. Das schmale Haus war notwendig, weil sich zwei Kirchen nebeneinander nicht eine Wand teilen durften, um die Keuschheit zwischen den Mönchen der Igreja do Carmo und den Nonnen der Igreja dos Carmelitas zu gewährleisten.

Vila Nova de Gaia, am linken Ufer des Douro, ist die traditionelle Heimat des Portweins. Der Wein reift hier in riesigen Kellern. Alle wichtigen Portweinproduzenten befinden sich hier und bieten Führungen mit Portweinverköstigungen durch ihre Keller an. Auf unserem Rundgang durch Vila Nova de Gaia schauen wir auch beim „Halben Hasen“ vorbei. Dabei handelt es sich um ein einzigartiges Strassenkunstwerk, dass vollständig aus Schrott besteht.
Die von den grossen Kellereien angebotenen Port-Tastings scheinen uns alle zu einseitig, zu touristisch oder zu abgehoben. Zudem haben alle trotz Nebensaison lange Wartelisten. Wir entschliessen uns daher zu einen individuellen Port Tasting im Restaurant Bacchus Vini am Cais da Ribeiro. Die herzliche Bedienung mit gutem Fachwissen bringt uns Laien die Welt des Portweins auf verständliche Weise näher. Direkt am Douro, neben der Brücke sitzen wir an der Sonne und lassen uns die verschiedenen Portweine erklären. Mit Sicht auf den Fluss und die fröhliche Menschenmasse geniessen wir den späteren Nachmittag, die Verkostung, die Käsehäppchen und den Iberico Schinken. Die kleine gemütliche Weinbar mit ihrem kompetenten und freundlichen Service hat es uns angetan. Am nächsten Tag setzen wir uns hier nochmals an die Sonne und lassen uns bei einer Douro-Weindegustation verwöhnen.

Braga ist eine der ältesten Städte in Portugal. Die Bischofsstadt im Norden des Landes bietet zahlreiche historische Bauwerke, darunter die älteste Kathedrale von Portugal. In Braga schlägt das religiöse Herz Portugals. Zur Semana Santa, der heiligen Karwoche, finden hier die berühmten abendlichen Osterprozessionen statt. Auch viele andere Bauwerke haben mit der Kirche zu tun, so hat Braga heute die höchste Konzentration an religiösen Gebäuden in einer portugiesischen Stadt. Auf uns wirkt sie eher etwas düster, was aber auch am Wetter liegen mag. Ein Lichtblick bildet der Käseladen, der echten Schweizer Appenzeller anbietet. Da müssen wir zugreifen.

Braga ist auch Schauplatz des beeindruckendsten Denkmals Nordportugals, des Bom Jesus do Monte. Diese schöne Kirche ist berühmt für ihre barocke Treppe, die einen steilen Hügel hochführt und den Aufstieg zum Himmel darstellt. Vom Parkplatz überwindet die Freitreppe mit 581 Stufen die 116 m Höhenunterschied. Einmal nach rechts, dann wieder nach links, mit einem Bildstock auf der Plattform bevor es dreht. Kopfsteinpflaster mit immer neuen schwarz-weissen Mustern zieren den Weg. Das letzte Stück, die Doppeltreppe aus Granit, stellt einen atemberaubenden Aufstieg im wahrsten Sinne des Wortes dar – gespickt mit Grotten, kleinen Kapellen, Gärten, Skulpturen und kunstvollen Springbrunnen führen die vielen Stufen im Zickzack den Hang hinauf zur Kirche. Von hier oben geniesst man auch eine schöne Aussicht auf die Stadt.
Parallel zu den Treppen fährt die älteste Drahtseilbahn der iberischen Halbinsel und älteste funktionstüchtige Wasserballastbahn der Welt. Normalerweise überwindet sie die Höhendifferenz mit Hilfe von Wasserkraft in nur 3 Minuten. Nicht aber heute, die historische Bahn ist in Revision. So geht es auch abwärts auf Schusters Rappen.

Die Stadt Guimarães gilt als die „Wiege Portugals“. Hier hat Alfonso Henriques, der spätere erste König Portugals, in der Schlacht um São Mamede die Unabhängigkeit der Provinz Portugalense vom spanischen Königreich Kastilien errungen. Damit war der Grundstein für das heutige Portugal gelegt. Seine Geburtsstätte, die Burg von Guimarães, das „Castelo“, gilt als ein Wahrzeichen der Stadt. Neben der stolzen Burg gibt es den prunkvollen Palast der Herzöge von Braganza, sowie eine liebevoll restaurierte mittelalterliche Altstadt. Ein Labyrinth aus schmalen Gassen und Gässchen mit anmutigen Eisenbalkonen und Granitveranden an den Herrenhäusern.

Der Kompass steht in Richtung Ostnordost, allgemeine Richtung Schweiz. Wir verlassen Portugal durch das Douro-Tal. Bis Barca de Alva ist das Weingebiet des Douro-Tals das älteste abgegrenzte Weinanbaugebiet der Welt. Der Fluss leistete die erste Arbeit, indem er tiefe Täler in die Erde grub. Der Mensch verwandelte die Gebirge aus Schiefergestein in Erde und Mauern und legte auf ihr Weingärten an, grün im Sommer, feurig im Herbst. Jetzt im Frühling kahl, eher etwas trist. Einmal ragen die Rebstöcke kaum über den Boden, dann wieder sind sie wie Spaliere angelegt, unter denen man spazieren könnte. In den extrem steilen Hängen werden sie in horizontalen Reihen angebaut, Reihen, welche heutzutage mit dem Bagger angelegt werden. Danach steht ein Rebstock links und einer rechts auf der schmalen Terrasse. Hier werden die Trauben sicher noch von Hand gelesen.
Die kleine, enge und kurvige Strasse führt auf grossen Teilen der Strecke in einem ständigen Auf und Ab durch das Tal. Der eine oder anderen Aussichtspunkt mit einem herrlichen Panoramablicke auf den Douro lässt sich ansteuern.
Nach den steilen, farblosen Hängen, dominiert von Rebbergen, die ihre geometrischen Muster in die Landschaft malen, geht es aus dem engen Tal hinauf in flachere Hügel. Die Reben werden abgelöst von gelbblühenden Mimosen, rosa und weissen Mandelbäumchen und grau grünen Olivenhainen mit knorrigen Stämmen.
Auf dem Saucelle Staudamm überqueren wir den Douro und somit auch die Grenze zu Spanien. Der Weg führt steil bergan und bringt uns auf kurzer Strecke auf 600 Meter über Meereshöhe. Kilometerlange, schnurgerade Strassen führen über die Hochebene, die kaum merkbar stetig leicht ansteigt. Dehesa mit Eichen und Buschwerk und dazwischen riesengrosse Felder zeigen sich uns. Die Erde scheint einmal rostrot, dann wieder knallig gelb oder weiss. Zwischendurch erfrischt das Grün von bereits austreibenden Feldern das Auge.

Salamanca gilt als die schönste Stadt Kastiliens. Seit dem Mittelalter wird sie auch die goldene Stadt genannt, da ihre Gebäude überwiegend aus einem eisenhaltigen Stein mit goldenem Schimmer erbaut wurden. Das Nervenzentrum von Salamanca ist die riesige Plaza Mayor. Der Platz ist an allen Seiten mit dreistöckigen Gebäuden umgeben, dessen Arkaden Schutz vor der Sonne bieten. Besonders spannend sind die zahlreichen Stein-Medaillen, die an den Arkaden angebracht sind und die Gesichter spanischer Persönlichkeiten zeigen. Ironischer Weise schaut Franco auf dem Plaza Mayor direkt auf die spanischen Könige. Leider zieht ein kräftiger kalter Wind durch den Platz, der uns nicht zum Absitzen und Geniessen einlädt.
Die „Casa de las Conchas“ fällt durch die über 300 Muscheln auf, mit denen die Aussenwände verziert sind. Ihr Eigentümer, ein Ritter des Santiago Ordens, wollte die Fassade der schönen Villa mit dem Ordenssymbol schmücken, den Muschelschalen. Neben der speziellen Fassade schauen wir in den malerischen Innenhof der Villa hinein, der auch einen originellen Stil aufweist.
„El que quiera saber que vaya a Salamanca“: Wer Wissen erlangen will, der gehe nach Salamanca. Das galt früher, und es gilt bis heute. Viele Studierende aus der ganzen Welt möchten an der bekanntesten Universität von Spanien studieren. Ca. 40.000 von ihnen gibt es hier bei knapp 144.000 Einwohnern. In den Sommermonaten kommen noch viele ausländische Studenten, um einen Sprachkurs zu belegen.
Wir stehen auf dem Patio de Escuelas, dem kleinen Platz mit der berühmtesten Fassade unter allen Fassaden der Universität von Salamanca. An der Fassade der alten Universität gilt es also einen Frosch zu finden. Die Tradition besagt, dass man mit Glück gesegnet wird (und Studierende mit bestandenen Prüfungen), wenn man den Frosch ohne Hilfe an der Fassade über dem Tor entdeckt. Daher geben wir euch hier keinen Tipp. Versucht euer Glück selbst in Salamanca! Uns ist das Glück hold, wir haben den Frosch gefunden.
Nebenan feiern die Studenten. Fasnacht, Ende der Studienzeit oder einfach so, wir haben es nicht herausgefunden. Kostümiert und singend wird getanzt und laute Musik gemacht. In der ganzen Stadt treffen wir Gruppen von ihnen an.

Weiter durch die goldigen Gassen treibt es uns hinunter zur Puente Romano, der römischen Brücke, die den Fluss Tormes überquert. Von hier aus erhebt sich die Silhouette der Altstadt mit den beiden Kathedralen, die auf den ersten Blick als eine einheitliche Kirche erscheint.
Bereits von der Brücke aus gesehen, kommen wir ein paar Gehminuten weiter an der Casa Lis vorbei. Die farbenprächtige Glasfassade deutet schon ein wenig darauf hin, was sich in der Casa Lis befindet: das Museo Art Nouveau y Art Déco. Seine farbigen Glasfensterfronten hätten sicher auch Erikas Mami begeistert.
Wieder in der Altstadt erreichen wir keine 200 m von der Casa Lis entfernt die alte und die neue Kathedrale. Beide stehen sehr eng zusammen, sodass man sie auf den ersten Blick als einen Gebäudekomplex wahrnimmt. Der Name neue Kathedrale kann den Eindruck erwecken, dass diese vielleicht im 20. Jahrhundert errichtet wurde. Aber so neu ist die Kathedrale dann doch nicht. Begonnen wurde ihr Bau 1513, fertiggestellt wurde sie aber erst im 18. Jahrhundert.
Wie dem auch sei, viele Details lassen sich an den Fassaden bestaunen. Besonders berühmt sind zwei Figuren an der reich verzierten Puerta de Ramos der neuen Kathedrale. Schaut man genau hin, so entdeckt man zwei Figuren, die bei Restaurierungsarbeiten 1992 hinzugefügt wurden: einen Astronauten und etwas weiter unten einen Dämon, der in seiner linken Hand eine Waffel mit Eiskugeln hält. Also Humor haben die Spanier 🙂
Aber nicht nur aussen, auch innen haben die beiden Kathedralen viel zu bestaunen; ein reich ausgestatteter Kirchenraum mit 20 Kapellen, breite Säulen von fast vierzig Metern Höhe und die barocke Kuppel über dem Querschiff, 80 Meter hoch. Bemerkenswert ist neben den figurenreichen Altären das geschnitzte Chorgestühl. Die Alte Kathedrale ist über den Innenraum der Neuen Kathedrale zu erreichen. Diese ist zwar weniger grandios als die Neue, aber ihre mittelalterliche Atmosphäre und Stille schlagen jeden Besucher in ihren Bann.
So viel Kultur gibt entsprechend Hunger. Wir versuchen die lokale Spezialität: Hornazo, eine spanische Fleischpastete, die in den Provinzen Salamanca und Ávila gegessen wird. Sie wird aus Mehl und Hefe hergestellt und mit Schweinsfilet, würziger Chorizo und hartgekochten Eiern gefüllt. Lecker, aber leider etwas trocken. Jetzt braucht es dringend etwas Flüssigkeit. Ein Caña und ein Clara helfen weiter.

Wäre da nicht die Anzeige vom Navi, wir würden es kaum merken: unsere Reise führt über eine Hochebene auf 800 – 1100 Meter über Meer. Dominiert von endlos weiten Feldern, in der Ferne schneebedeckte Berge, kaum ein Baum, selten ein Haus oder in der Ferne ein Dorf.

Und plötzlich erscheint sie. Ávila, die Stadt mit der vollständig erhaltenen mittelalterlichen Stadtmauer. Vom den Los Cuatro Postes, einem Wegekreuz, das von vier dorischen Säulen umgeben ist, geniessen wir die erste Sicht auf die zinnenbewehrten, halbrunden Türme. Rau, wehrhaft und trutzig, so präsentiert sich die Stadt Ávila auf den ersten Blick. Wir steigen auf die Stadtmauer aus Granit, die auf weiten Strecken ihrer 2.557 Metern Länge begehbar ist. Die Mauern sind bis zu 12 Meter hoch und drei Meter dick. 88 Wehrtürme gliedern die gigantische Wehranlage, neun Tore führen in die Altstadt. Abgesehen von ihrer Verteidigungsfunktion diente die Stadtmauer der Kontrolle des Warenaustauschs und dem Schutz der Stadt vor der Einschleppung möglicher Epidemien. Stehen in anderen mittelalterlichen Städten die Kathedralen meist im Zentrum, so ist hier die mächtigen Kathedrale Salvador de Ávila als Teil der Befestigungsanlagen mit der östlichen Stadtmauer fest verbunden.

Weiter geht es auf der Hochebene nach Segovia. Die Wegstrecke wird hügeliger, Eichen und Buschwerk säumen die Strasse. Die Felder sind kleiner, unterbrochen vom Bäumen und Felsen.

Wir stellen Rocky am Plaza de Tores ab, dem offiziellen Stellplatz von Segovia. Das eigentliche Eingangstor zu dieser Märchenstadt ist ein beeindruckender Aquädukt. Den erreichen wir zu Fuss in ein paar Minuten. Über den Aquädukt begannen die Römer am Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus, Wasser aus dem 14 km entfernten Ríofrío in die Stadt zu leiten. Bis in die 1970-er Jahre versorgte das Bauwerk die Stadt mit Wasser. Das letzte Teilstück ist atemraubend. Hier lief das kühle Nass auf bis zu 29 Metern über zwei monumentale überlagerte Bogenreihen mit 166 Bögen. Die 20.400 perfekt behauenen Steinquader des Aquädukts sind weder durch Mörtel noch irgendwelchen Zement miteinander verbunden. Die bis zu einer Tonne schweren Steine liegen einfach übereinander und zeigen die Perfektion der römischen Arbeitsweise. Beim genauen Hinschauen sieht man an allen Steinen Kerben, ausser an einigen in der untersten Reihe. Dort wurden die Vorrichtungen eingehakt, die zum Bewegen und Anheben dienten. Uns kommen umgehend Erinnerungen an die Inkabauwerke in Peru. Wer hat da von wem abgeschaut.
Die Gassen von Segovia sind herrlich. Von der Plaza Azoguejo führen sie zur Plaza Mayor mit dem Rathaus und der Kathedrale. Auf dem Weg hinauf in das Zentrum der Altstadt passieren wir einige der typischen Paläste und Kirchen der Stadt. Auf der rechten Seite liegt die Casa de Picos mit einer eigenwilligen Fassade aus steinernen Spitzen, die an geschliffene Diamanten denken lassen. Immer wieder eröffnen sich kleine Plätze, die die Sicht auf die Dächer und die schneebedeckten Gebirgszüge der Sierra de Guadarrama freigeben.

Am Ende der Altstadt öffnet sich die Plaza de la Reina Victoria Eugenia vor dem Alkazar. Die mittelalterliche Festung wirkt wie eine Mischung aus Ritterburg und Zauberschloss. Hier residierten zuweilen die kastilischen Könige, hier betrieb Alfonso X el Sabio („der Weise“) seine himmelskundlichen Studien, hier wurde Isabella zur spanischen Königin ausgerufen. Die Hallen des Alkazars mit ihren wunderbaren Decken sind zu besichtigen. Alle Decken sind originalgetreue Nachbildungen, die nach dem grossen Brand von 1862 aus den Ruinen wieder aufgebaut wurden. Dank der Zeichnungen, die von den Decken vor dem Brand angefertigt wurden, konnten sie exakt nachgebaut werden. Wir gehen durch den sogenannten Thronsaal und den Königssaal. Seine Dekoration mit Bildern aller Könige von Spanien bis hin zu Juana la Loca ziehen viel Aufmerksamkeit auf sich. Welcher war der schönste, welcher sieht am gefährlichsten aus?
Auch der Aufstieg auf den Turm Juan II. über die 152 Stufen der engen Wendeltreppe lohnt sich. Oben angelangt verstehen wir, warum man munkelt, der Alkazar habe Walt Disney als Inspirationsquelle für Schneewittchens Schloss gedient.
Nach all den monumentalen Eindrücken müssen wir natürlich noch in einem lokalen Restaurant das gebratene Spanferkel versuchen, das von den Einwohnern von Segovia als kulturell-gastronomisches Erbe angesehen wird.

Und weiter geht es auf der Hochebene. Wir fahren wieder viele Kilometer durch eher ödes, dünn besiedeltes Gebiet, das uns landschaftlich an Schweizer Alpweiden erinnert. Die Sicht ist begrenzt, es stürmt und regnet in Strömen, zeitweise herrscht Schneegestöber. Die Schneepflüge warten schon am Strassenrand. Gut für die ausgetrocknete Gegend, schlechter für uns. Das Städtchen El Burgo del Osma mit seiner Stadtmauer und der grossen Kathedrale böte sich für einen Zwischenhalt an. Regen und Wind sind aber so stark, dass wir, ohne auszusteigen nach den Mittagessen weiterfahren.
Dann tauchen wir in die Ebene des Rio Ebro. Innerhalb weniger Kilometer steigen wir 700 Höhenmeter ab. Auch das Wetter hat sein Einsehen, als wir Rocky in Arguedas abstellen. In den Steilhängen direkt hinter dem Stellplatz finden sich ehemalige Höhlenwohnungen, die komplett aus dem weichen Sandstein herausgearbeitet wurden.
Von Arguedas ist es nur ein Katzensprung auf schmaler Strasse zum Infozentrum der Bardenas Reales. Hier informieren wir uns über mögliche Routen und eventuelle Einschränkungen. Der übliche Rundweg, den man mit dem Fahrzeug zurücklegen kann, ist eine einigermassen befestigte Schotterpiste. Für unseren Rocky also kaum ein Problem. Da es das letzte Tagen auch hier massiv geregnet hat, legen wir vorsichtshalber den 4×4 ein.
Bardenas Reales ist eine Halbwüste. Ja, wir sind im WILDEN Osten angekommen. Man wähnt sich fast im Monument Valley. Hier erwartet man an jeder Ecke, dass ein Cowboy auftaucht und die Geier kreisen. Geier sehen wir, die Cowboys nicht. Aber die Szene ist auch so eindrücklich. Viele markante und skurrile Sandstein-Formationen lassen uns immer wieder staunen. Das weichere Gestein wurde durch Wind und Wasser ausgewaschen, eine festere Schicht oben bleibt und bildet einen Deckel auf der Spitze. Wir sind wieder Mal begeistert.
Eine interessante Ausfallstrasse aus der Wüste ist wegen Unterhaltsarbeiten gesperrt. So beenden wir den Abstecher in die Wüste und fahren zurück in die Zivilisation.

Salduie, Caesaraugusta, Saraqusta, Zaragoza – iberisch, römisch, muslimisch, christlich – Römer, Moslems, Juden und Christen haben an dieser Kreuzung ihre Spuren hinterlassen.
Mit dem Tram geht es vom Stellplatz beim Campus del Actur direkt ins Zentrum von Zaragoza. Wir steigen beim städtischen Mercado aus und stehen vor einigen Resten der römischen Stadtmauer. Bei der nahen Touristeninformation steigen wir auf den Torreon de la Zuda für einen ersten Blick auf die Stadt und die Basilika. Von hier aus sind es nur noch wenige Schritte bis zum Plaza del Pilar. An dem grossen Platz liegen einige der wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Zaragoza.
Die Basilika Nuestra Señora del Pilar ist das grösste barocke Bauwerk Spaniens. Hier soll die Jungfrau Maria dem Heiligen Jakob erschienen sei. Hauptattraktion der Kirche ist die Kapelle mit der Marienstatue auf einer Säule. Da gerade ein Gottesdienst stattfindet können wir nur einen kurzen Blick in den Innenraum werfen. Einer der vier Türme der Basilika lässt sich besteigen, beziehungsweise befahren. Mit einem Aufzug geht es bequem und schnell bis fast nach oben. Die restlichen Stufen bis an die Spitze sind allerdings nur für schwindelfreie Personen. Die Belohnung ist ein schöner Panoramablick und eine gute Sicht auf die farbigen Kuppeldächer der Basilika.
Eine tolle Aussicht auf die Basílica del Pilar haben wir von der Puente de Piedra, der ältesten Brücke, die den Ebro überquert. An der Stelle, an der sich diese Brücke heute befindet, gab es bereits in römischer Zeit eine Holzbrücke. Sie lag vor einem der Haupttore der Stadt und diente sowohl als Brücke als auch als Aquädukt. Bedingt durch die starken Überschwemmungen des Flusses Ebro wurde die Brücke mehrmals wieder aufgebaut.

An der nördlichen Seite des Platzes folgen das Rathaus und die alte Börse, La Lonja. Mit dem Bau wurde im sechzehnten Jahrhundert der Stadt ein ziviler öffentlicher Ort geschaffen, an dem Händler ihre Geschäfte durchführen konnten, damit sie nicht weiter die Kathedrale oder andere Kirchen dafür nutzten. Heute dient die Halle mit der kunstvollen Decke als Ausstellungssaal. Aktuell werden Gemälde der spanischen Künstlerin Eva Armisén gezeigt. Uns gefallen die Decke und die Bilder.

An der Stelle der Kathedrale San Salvador, auch La Seo genannt, stand früher ein Tempel, der je nach Periode mal als Kirche, mal als Moschee genutzt wurde. Im 12. Jahrhundert schliesslich wurde über all diesen Bauten das erste christliche Gotteshaus errichtet, das nach Norden anstatt wie damals üblich nach Osten ausgerichtet wurde, um sich so von der Gebetsrichtung der Moslems nach Mekka zu unterscheiden. Die Kathedrale weist aufwendige Seitenaltare auf, jeder in sich komplett unterschiedlich. Im Inneren befindet sich die bedeutende Gobelinsammlung, bestehend aus Wandteppichen von hoher Qualität, viele von ihnen stammen aus dem Mittelalter. Erstaunliche handwerkliche Leistungen.
An jedem 13. Oktober findet in Zaragoza die Prozession des Rosario de Cristal statt. Fünfzehn Wagen präsentieren dann spektakuläre Kristalllaternen aus Bleiglas, die abwechselnd mit Laternen der Prozession einen besonderen Glanz verleihen. Einige sind über fünf Meter hoch. Im Museum de los Faroles werden die handwerklichen Stücke ausgestellt. Eines der beliebtesten ist die grosse Basilica del Pilar, in Glas nachbildet.
Islamische und gotische Architektur verschmelzen miteinander in der Aljafería, einem arabischen Palast aus dem 11. Jahrhundert. Der Zugang in den Innenraum bleibt uns knapp verwehrt. Die Siesta beginnt gerade und so bleiben die Pforten die nächsten drei Stunden geschlossen.
Aber auch moderne Architektur gibt es in der Innenstadt von Zaragoza, das Aragonische Institut für Zeitgenössische Kunst und Kultur (IAACC). Das grosse Gebäude hebt sich durch sein kraftvolles geometrisches Volumen und seine Ausführungen aus schwarz und blau lackierten Metallplatten ab.

Einige Zeit fahren wir entlang einer grauen Hügelkette. Die steinigen Felder werden in allen möglichen Formen um die trockenen Büsche herum beackert. Eine surreale Landschaft. Und plötzlich wechselt es in rosa. Wir denken zuerst an Mandelbäumchen, aber die müssten in der tiefen Lage schon verblüht sein. Es sind Pfirsichbäumchen, die das Tal eindecken. Millionen Blütenblätter tauchen die Landschaft um das kleine Dorf Aitona in ein buntes Farbenmeer. Einmal im Jahr ist die Welt hier in der Ebene von Lleida rosarot. Für ein paar Tage dreht sich dann alles nur um den Pfirsich. Von Fuchsia bis Pink leuchten die Blüten an den Bäumen in den schönsten Tönen.
Nach Lleida sind es die Obstbäume in Plantagen, die weite Strecken des Weges zeichnen. Es tauchen die Bergspitzen von Montserrat auf. Eigenwillige Steinformationen. Je näher wir Barcelona kommen, desto mehr nimmt der Verkehr zu und wird aggressiver. Dazu herrscht wieder einmal ein starker Wind. Schnell vorbei!

Auf unserem Weg nach Norden besuchen wir unseren Terrassenstellplatz in Palamós, auf dem wir bereits im Herbst ein paar Tage verbracht haben. Dieses Mal stehen wir sogar auf der vierten Terrasse mit noch besserer Sicht auf das Meer. Natürlich geht’s ins Städtchen in unsere Bar für Caña, Clara und Chips. Heimatgefühle!

Auch in Peyriac de Mer verbringen wir wieder eine Nostalgienacht. Treue Blogleser mögen sich erinnern, da wo Rocky im November baden ging (Spaniel Teil 2). Bei der Anfahrt sehen wir auch jetzt wieder Rebstöcke in überschwemmten Feldern. Ob das wohl ein guter Jahrgang wird? Auf dem Stellplatz ist der hintere Teil prophylaktisch abgesperrt. Der Rest ist entsprechen voll. Leer sind zu unserer Überraschung hingegen die Becken der ehemaligen Saline. Kein einziger Flamingo ist zu sehen. Auch am Himmel lässt sich nicht ein Storch blicken. Wo sind die nur alle hin?

Wie die Zugvögel machen wir in der Camarque Station, um uns vom Weg in den Norden zu erholen. Natürlich hoffen wir auch verschiedene Vögel beobachten zu können, obwohl Ende März dafür schon eher spät ist. Mit etwas Glück können wir vielleicht noch ein paar Kraniche finden, die teilweise hier überwintern. Und siehe da, schon auf dem Weg nach Salin de Giraud an der Rhonemündung sehen wir eine Formation Kraniche am Himmel und später eine Schar in einem Feld. Aber das war’s denn auch schon fast. Auch im ornithologischen Sinn ist in der Camarque jetzt Zwischensaison, die einen Zugvögel sind schon weg in den Norden, die aus dem Süden sind noch nicht angekommen. Auf der Fahrradtour durch die Saline zeigen sich ein paar wenige Flamingos, ein paar Silberreiher, Blesshühner und Möven. Auch auf dem Ausflug mit der Fähre über die Rhone ins Naturreservat Marais de Vigueirat beobachten wir zusätzlich nur eine Schar Brachvögel, die mit ihren langen krummen Schnäbeln im Sumpf nach Nahrung suchen. Keine weiteren Vogelarten lassen sich blicken, dafür kleine grüne Frösche auf den Ästen der Büsche.

Hat jemand mitgezählt, wie viele Aquädukte wir auf unserer Reise durch Frankreich, Spanien und Portugal gesehen haben? Einige. Einer der bekanntesten in Europa fehlt noch, der Pont du Gard. Marcel wollte den schon immer einmal sehen, heute ist es soweit. Er ist gigantisch. Etwa zur gleichen Zeit gebaut wie derjenige in Segovia, ist er doppelt, und einiges breiter, der einzige antike Aquädukt mit drei übereinander liegenden Bögen. Auch hier kann man sich kaum vorstellen, wie die römischen Bauherren dieses Mammutwerk geplant und realisiert haben. Der Pont du Gard war Teil einer Wasserleitung, um Quellwasser zur Stadt Nîmes zu transportieren. Die Quelle und Nîmes lagen nur 20 km Luftlinie auseinander, aber die Leitungen mussten einige Hindernisse wie Hügel und Täler überwinden, so dass sie mehr als das Doppelte an Wegstrecke zurücklegen mussten. Der Höhenunterschied von der Quelle zur Stadt betrug gerade mal 17 Meter. Das ergibt ein Gefälle von 34 Zentimetern pro Kilometer! Und hier liegt die Genialität des gesamten Bauwerks: Über die Gesamtlänge von 50 km wurde dieses geringe Gefälle exakt eingehalten und umgesetzt. Dabei wurden Berge umgangen oder mit Tunneln durchbohrt und Flusstäler mit Brücken überwunden, ohne dabei von der geringen Neigung abzuweichen. Gleichzeitig musste die Neigung in Kurven geringer sein als das Gefälle auf der Geraden, damit der Druck der täglich geförderten Wassermengen an diesen Stellen nicht zu hoch geworden wäre. Die Wasserleitung transportierte täglich um die 20.000 Liter Wasser zu ihrem Zielort.
Uns gefällt der filigranere Aquädukt von Segovia mit seinen klobigen Granitsteinen trotz allem besser als der mächtige Pont du Gard mit seinen feinbehauenen Sandsteinen.

Ohne grosse Umwege fahren wir durch das Rhonetal und das Val d’Isere zum Genfersee. Und doch ist es anders als die vielen Male, die wir diese Strecke früher schon gefahren sind. Wir vermeiden wie immer die Autobahnen. So dauert es zwar bedeutend länger, viele Kreisel und Schwellen zwingen zusätzlich zum Abbremsen, aber es ist wesentlich interessanter. Wir erkennen Gegenden, an denen wir bisher nur vorbeigerast sind; die endlosen Nussbaumkulturen im Vinay-Gebiet, den Lac de Bourget und den Lac d’Annecy, immer mit den noch verschneiten Bergen des Mont Blanc Massivs im Hintergrund.

Am 31. März überqueren wir bei Saint-Gingolph die Grenze zur Schweiz. Auf den acht Monaten Reise durch Frankreich und die iberische Halbinsel haben wir viel, sehr viel Schönes, Ausgefallenes, Beachtliches, Beeindruckendes, Cooles, Fantastisches, Geniales, Bezauberndes und Spassiges entdeckt, erlebt und genossen. À bientôt France, hasta luego España, até logo Portugal.

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