Spanien Teil 1

15. September – 09. Oktober 2021

Es regnet immer noch, als wir bei Behobia die unsichtbare Grenze nach Spanien überqueren. Auf der Schnellstrasse Behobia-Pamplona gewinnen wir kontinuierlich an Höhe, an blauem Himmel und Sonnenschein. Spätestens nach dem 2.9 km langen Belate-Tunnel auf 550 MüM, dem siebtlängsten der Iberischen Halbinsel, zeigt sich das Wetter wieder ganz wie es uns gefällt. Über Spanien lacht die Sonne!

100 Höhenmeter tiefer und ein paar Strassenkilometer später erreichen wir Pamplona (baskisch Iruña). Bei der Anfahrt durch die Randbezirke erscheint sie uns als eine Stadt, die ausser Arbeit nicht viel zu bieten hat. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung Navarras lebt hier. Industrie und moderne Wohnanlagen prägen das Aussenbild der Stadt. Doch der erste Eindruck trügt.
Denn im Kontrast dazu steht die Altstadt Casco Antiguo, die etwas davon spüren lässt, dass die Hauptstadt von Navarra als römische Gründung eine Stadt mit langer Geschichte und Tradition ist. Die bekannteste Attraktion von Pamplona wohl ist die Fiesta Sanfermines im Juli. Dann stürzen sich wagemutige Touristen, in der Regel männlichen Geschlechts, in das Stiertreiben durch die Gassen der Altstadt. Wer daran teilnehmen möchte, sollte gut in Form sein und einige Vorsichtsmassnahmen beachten: nur die zugelassenen Zugänge verwenden, nur ein Teilstück der Strecke laufen und die Stiere nicht reizen. Wenn man die engen Gassen sieht und die wenigen Ausweichstellen, kommt man nur vom Gedanken ins Schwitzen.
Und tatsächlich, Pamplona überrascht uns. Wir erleben bei unserer Ankunft in der Altstadt keine wilden Stiere, sondern nur den lautstark unterstützten Zieleinlauf eines Rennens mit Inlineskates über 21 km. Dazu überschlagen sich die Glocken im Kirchturm nebenan. Die schier unzähligen engen Gässchen der Altstadt mit den hohen, bunten Häusern faszinieren, ihre schmiedeeisernen Balkone bezaubern.
Und noch etwas verwundert: In Spanien kennt man Corona anscheinend nicht. Die Gassen sind voll, es wir geherzt, gescherzt und gelacht. Alle Menschen drängen in die Bars zu Wein und Bier und natürlich Tapas, beziehungsweise Pintxos, wie sie hier genannt werden. Dabei werden wir unseren Eindruck nicht los, dass, wenn vier Spanier zusammen kommen, mindestens fünf davon gleichzeitig sprechen. Lebensfreude pur.

Da wir unverhofft und damit unvorbereitet nach Spanien gefahren sind, stellt sich uns die Frage, wohin, was ansehen, wo sind die schönen Orte? So beschliessen wir den Zeichen des Jakobsweges zu folgen, die sich uns in Pamplona vielfach zeigen: Muscheln aus Beton, aus Messing, aus Emaille oder gemalt. Auf Hauswänden, auf dem Gehsteig oder einfach nur am Strassenrand, Wegweiser für alle Pilger. Heute ist der Camino nicht mehr nur eine religiöse Reise, für manche gestresste Zeitgenossen ist es eine Zeit um loszulassen und neu anzukommen. Zu Fuss, per Rad, aber auch mit dem Fahrzeug kann man sich diese Auszeit gönnen. Der Weg ist das Ziel.
Von Pamplona nach Burgos fahren wir zuerst durch gebirgige, nachher hügelige Landschaft. Stieleichen, ockerfarbene Felder, Sonnenblumen, Stangenbohnen und viel Spargel sehen wir neben der Strasse. Bergauf und bergab, Kurve um Kurve sind wir unterwegs. 

Die Stadt Burgos in der Autonomen Region Kastilien-León liegt direkt am Camino de Santiago auf fast 900 m und bewahrt bedeutende Zeugnisse ihrer Blütezeit im Mittelalter. Der öffentliche Stellplatz der Stadt liegt leider weit ausserhalb der Altstadt in einem modernen Quartier. Unsere Falt-E-Bikes bringen uns jedoch auf grosszügigen Fahrradwegen schnell und sicher ins Zentrum.
Die Stadt besitzt mit ihrer riesigen Kathedrale eines der Meisterwerke der spanischen Gotik. Die Filigranarbeiten an den schmalen Turmhelmen und der Aussenseite gehören zu den herausragenden künstlerischen Meisterwerken. Diese Schönheit und architektonische Genialität soll sich im Inneren der Kathedrale fortsetzen. Mit Ausnahme eines ersten Blicks im Eingangsbereich bleiben uns diese jedoch verborgen. Um in das Gotteshaus zu gelangen muss zu unserer Enttäuschung Eintritt bezahlt werden, das akzeptieren wir nicht. Umrunden und von aussen bewundern ist frei. Neben der monumentalen Kathedrale sind aber auch die Häuser in der Altstadt bemerkenswert. Die verglasten Balkonfronten mit weiss gestrichene Holzrahmung, manche über vier oder mehr Stockwerke reichend, geben der Stadt einen besonderen Anstrich. Überraschender Weise zeigt sich dieser Baustil auch in Neubauviertel wieder.

Auf dem parkplatzartigen Stellplatz in Burgos hält uns nichts. Wir fahren weiter Richtung Westen. Auf der Autorouta Richtung León, schlängelt sich der Camino zwischen der Autobahn und der gutbefahrenen Autorouta. Einzeln, aber auch in Gruppen sind die Pilger unterwegs. Vor den Kathedralen und den Kirchen sammeln sie sich.
Die Pilger nahmen keineswegs den kürzesten Weg zu ihrem Pilgerziel. Auch weiter abseits liegende Kirchen und Klöster wurden zum Gebet aufgesucht, je nach Bedeutung des Schutzheiligen. Ein schönes Beispiel dafür ist San Miguel de Escalada östlich von Leon, weit ab der Hauptroute. Mönche aus Cordoba gründeten dieses Kloster im IX. Jahrhundert nach ihrer Vertreibung aus dem maurischen Spanien. Heute ist nur noch die Klosterkirche mit der wunderschönen Hufeisen-Bogenreihe und den schön verzierte Säulenkapitellen übrig. Wir übernachten auf einem Parkplatz keine 150 m davor mit schöner Sicht die Kirche und die dahinterliegenden Weiten.

Nach einer sternenklaren Vollmondnacht und einem goldenen Morgen, ziehen wir Richtung León. Unterwegs lässt uns ein Kirchturm mit riesigem Nest lächeln.  Wer hat das denn gebaut?

Parken mit dem Wohnmobil ist Glücksache. Wir irren durch schmale Strassen mit in zweiter Linie parkenden Spaniern und werden mit einem freien Busparkplatz direkt an der Stadtmauer von León belohnt. Hier soll sich im Jahre 70 n. Chr. das römische Heerlager Legio VII Gemina Pia Felix befunden haben. Diese Truppen hatten u.a. die Aufgabe, die Goldtransporte von Las Médulas (besuchen wir später) zu sichern. Der Stadtname León ist vom römischen Legio hergeleitet.
Eines der must see in León ist die gotische Kathedrale Santa Maria de Regla, ein Traum aus Glas. Die Zahl ihrer Fenster ist so groß, dass die Restauratoren immer wieder vor statischen Problemen stehen. 125 fantastische mittelalterliche Glasfenster zeigen prachtvolle Darstellungen wie einfache Ornamente, biblische Szenen oder Wappensymbole verschiedener Könige. Scheint die Sonne durch die riesigen Glasfenster, entsteht an den pastellgelben Mauern ein wunderbar warmes sanftes Licht. Es durchflutet die gesamte Kathedrale und brachte dem Bauwerk den Spitznamen „Haus des Lichts“ ein.
Wir schlendern weiter durch die touristischen Gassen zur Plaza de San Marcelo und stehen vor dem Casa Botines. Das heutige Museum wurde 1891 als Wohn- und Geschäftshaus vom Architekten Antoni Gaudí entworfen und gebaut. Den berühmten Erschaffer trafen wir vor dem Haus als Bronzefigur auf einer Parkbank sitzend.
Nur 500 Schritte sind es bis zur ältesten romanischen Kirche Spaniens, der Real Basilica De San Isidoro. Gleich neben der Kirche ist die Grablege der Könige von León-Kastilien, das sogenannte Panteón de los Reyes, wo unglaublich leuchtende Temperamalereien die Jahrhunderte überdauert haben.

Auf dem Weg nach Ponferrada kommen in uns Erinnerungen an Australien auf. Neben den Strassen ziehen uns rotleuchtende, gelbe und dann wieder weisse und schwarze Erdbänder in ihren Bann.
Wie in vielen anderen Orten entlang dieses Pilgerwegs war auch in Ponferrada der Bau einer Brücke Startschuss für die weitere Entwicklung des Ortes. Es war die erste Brücke am Jakobsweg, in der Eisen verbaut wurde. Aus der lateinischen Bezeichnung pons ferrata (Eiserne Brücke) entwickelte sich die heutige Ortsbezeichnung Ponferrada. Der Orden der Templer übernahm hier den Schutz des Jakobswegs, Ponferrada erhielt Stadtrechte und wurde mit einer Stadtmauer umgeben. Auf einem Hügel am Rand der kleinen Altstadt liegt die Templerburg Castillo de Ponferrada aus dem 12.  Jahrhundert. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts begann deren Verfall. Die Mauern dienten als Steinbruch und die Flächen wurden als Weiden genutzt. Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten zeigt sich das Schloss heute ein wenig als Märchenschloss, welches Klischees einer mittelalterlichen Burg bestens bedient.
Es ist Zeit für das tägliche Abendgeläut. Die Glocken an der Kirchturmspitze überschlagen sich wieder und wieder und lassen uns fasziniert staunend zusehen.

Weiter geht es in die Berge. Las Medulas sind unser Ziel. Durch enge kleine Dörfer schlängeln wir uns nach oben. Manchmal geht es nur im Schritttempo durch die Gässchen, kaum eine Handbreit zwischen den schiefen Häuschen und den Rückspiegeln. Wenn da einer entgegenkommt! Etwa 1 km vor dem vermeintlichen Parkplatz scheint dann endgültig Schluss zu sein. Ein Verkehrsschild kündet starke Steigung an und verbietet die Weiterfahrt für Fahrzeuge über 6 m Länge. Zum Glück kommt gerade ein müder Holländer von oben gelaufen und erklärt uns lachend, dass wir mit unserem Rocky locker bis oben weiterfahren können.
Das letzte Stück zum Mirador de Orellàn gehen wir zu Fuß. Die Aussicht ist atemberaubend. Im Talkessel vor uns stehen die roten Türme, wir wähnen uns im Brice Canyon. Die Römer haben hier vor mehr als 2000 Jahren (!!) einen Tagebau betrieben um Gold zu schürfen und das über 400 Jahre lang. Blickt man von der Aussichtsplattform hinunter auf das unvergleichliche Panorama, das sich einem bietet, betrachtet man eigentlich ein Werk der Zerstörung. Die Römer verliehen der Bergbautechnik, die sie dafür einsetzten, den bezeichnenden Titel „Ruina Montium“ („Zerstöre die Berge“). Dabei wurde ein weitreichendes hydraulisches Netzwerk geschaffen, um Wasser über eine Entfernung von über 100 Kilometern zu den Bergen zu leiten. Dort angekommen, wurde es in großen Becken gestaut. Zugleich wurden Tunnel und Schächte in den Fels getrieben, durch die das Wasser schließlich schoss, sobald der Damm der Stauseen geöffnet wurde. Das Wasser hatte dermaßen viel Kraft, dass es den Fels regelrecht sprengte. Das Gold wurde dadurch aus dem Stein herausgelöst und mit nach draußen geschwemmt. Natur und auch die Kastanienbauern ringsum haben das Gelände zurück erobert und so hat sich eine phänomenale Harmonie aus riesigen, orangeroten Felsen und grüner Dschungellandschaft gebildet. Unser Versuch auch von der anderen Seite aus eine schöne Sicht auf die Felswände zu erhaschen, scheitert am Aprilwetter. Es wird nichts mit einer grösseren Wanderung.

Kaum haben wir unseren Stellplatz am See bei A Runa erreicht, ziehen grollend rabenschwarze Wolken aus dem Tal in unsere Richtung. Eine wuchtige Bö biegt die Bäume und bläst uns Blätterwolken zu. Es fängt an zu regnen. Alles ist auf Sturm. 10 Minuten später ist der Spuk vorbei.
Wir erwachen in die warme Decke eingemumelt und lauschen den unbekannten Geräuschen. Vogelgezwitscher, weiter weg Hähne, die den Morgen verkünden, Hunde die sich die neuesten Nachrichten weitergeben, die Kirchturm Glocken spielen eine Melodie,  eine Gruppe fröhlich schnatternden Menschen auf dem Weg zur Arbeit, das schnurrende Geräusch von nebenan…. Noch nicht alle sind wach….  Und schon bald zieht Kaffeeduft durch unser Zuhause.

Entlang des Flusses Sil fahren wir durch gebirgiges und bewaldetes Gebiet. Die Sicht ist auch heute wunderschön. Der Fluss schlängelt sich durch die Berge. Mal sehen wir ihn von hoch oben, mal fahren wir direkt am Wasser. Wir folgen dem Wegweiser zum Mirador Montfurado und sehen einen Durchbruch in der Felswand. Auch in dieser Gegend wurde von den Römern Gold abgebaut. Um eine Flussschlaufe für das Goldschürfen trockenzulegen, haben sie dem Fluss einen Tunnel gebaut, ebenfalls mit der Wassersprengmethode, wie in den Medulas.

Der Rio Miño, der später die Grenze zwischen Spanien und Portugal bildet, war an der Gestaltung des heutigen Anblicks der Hauptstadt Ourense eindeutig ausschlaggebend. Vor beinahe zweitausend Jahren ließen sich die Römer in dieser Gegend nieder, für welche vor allem die hier vorhandenen Thermalquellen einen bedeutenden Anziehungspunkt verkörperten. Und die Römer haben dann auch die erste von heute 11 Brücken über den Miño gebaut, die A Ponte Vella.
Die jüngste, die Millenium-Brücke, ist ein avantgardistisches Werk des Architekten Álvaro Varela. Sie sticht insbesondere aufgrund ihrer außergewöhnlichen Form mit dem interessanten Gehweg hervor, welcher der Brücke einen exklusiven Charakter verleiht. Bevor wir unseren Stellplatz suchen, müssen wir natürlich über diese Superbrücke fahren und gleich auf der Nachbarbrücke zurück, auf der man sie so gut sieht.
Wir finden einen Platz am Fluss auf der gegenüberliegenden Seite der Thermalquellen. Nur kurz über eine weitere Brücke und eintauchen ins warme Wasser. Es kocht uns fast. Nach einer Stunde sind wir gar und setzten unser Reise Richtung Innenstadt mit dem Rad fort. Nochmals die Millenium Brücke zu Fuss überqueren, auf dem Gehweg auf die Pfeiler klettern und unter die Brücke schauen. Einfach ein super Teil.

Wir verlassen den Camino de Santiago, bergauf und bergab geht es wieder dem Atlantik entgegen. Kaum am Meer, kommen auch schon wieder schwarze Wolken. Bald gießt es sintflutartig, die Straßen werden zu Flüssen. Aber beim Campingplatz angekommen scheint wieder die Sonne.

Immer der Küste nach umrunden wir die Bucht Enseada de San Simón vor Vigo. Sie ist übersät mit Muschel-Plattformen und präsentiert sie sich damit nicht gerade sehr hübsch. Während Vigo neben einem grossen Autoverladehafen und einem Kreuzfahrtschiff vor Anker vorwiegend aus Betonbunkern besteht,  zeigen sich uns der Bucht entlang immer wieder neue Aussichten. Die Küste bei Cangas auf der gegenüberliegenden Seite von Vigo glänzt mit den ursprünglichen Häusern und ihren galizischen Vorratshäuschen im Garten.
Sie stehen wie graue Särge auf Stelzen, sind sehr verbreitet und tragen auf dem Dach neben dem Kreuz oft eine Pyramidenform. Hórreos heißen diese Maisspeicher, die wir in Galicien sehr oft vorgefunden haben. Bis heute sind sie als Lagerplätze für Mais sowie Getreide gefragt und gleichzeitig ein Symbol für Nordwestspanien. Nur noch im benachbarten Asturien lieben die Bewohner ihre Maisspeicher so sehr. Doch es gibt um längen weniger. Und deren Hórreos sind nicht länglich sondern quadratisch.

Es windet ziemlich stark auf der Insel Arouso. Die Windsurfer und Kitesurfer freut es, sie kurven in grosser Geschwindigkeit in der Bucht vor uns. Uns schüttelt es durch. Gegen Morgen nimmt der Wind glücklicherweise ab. Im Naturreservat an der Südspitze der Insel fühlen wir uns wie auf den Seychellen. Buchten mit den Granitfelsen umrahmt mit Wäldern ergeben ein tolles Bild.

Ein Abstecher ins Landesinnere bringt uns nach Santiago de Compostela, dem Ziel aller Jakobswege. Wenn ein Platz in Santiago hervorzuheben ist, dann der Plaza del Obradoiro. Das gesamte Leben der Stadt scheint sich um diesen Punkt zu drehen, an dem u. a. die Kathedrale, der Raxoi-Palast und das luxuriöse Hostal de los Reyes Católicos, das vermeintlich älteste Hotel der Welt (Standard Doppelzimmer ab 155 Euro), stehen. Wir sitzen am Platz und schauen den Pilgern zu, die angekommen sind, mit ihren typischen Stöcken und Muscheln. Von wo sind sie losgelaufen, was sind ihre Beweggründe, was geht in ihnen vor, jetzt, am Ziel ihrer Reise? Wir können nur mutmaßen.
Natürlich schauen wir auch ins Innere der mächtigen Kathedrale. Glücklicherweise müssen wir nicht lange anstehen. Neben viel Gold, einer sehr sehenswerten Orgel bewundern wir auch das berühmte riesige Weihrauchgefäß „Botafumeiro“.  Schwingen sehen kann man es nur an bestimmten Feiertagen oder auf vorherige Buchung (450 Euro). Es herrscht ein recht grosser Rummel in der Kirche. Wie die Pilger wohl hier zur Andacht kommen können?
Kreuz und quer laufen wir durch die Altstadt. Die Gassen sind eng mit tollen Arkaden. Kirchen an jeder Ecke. Dazwischen Souvenirshops, Hostals und Restaurants. Der Camino ist eben auch heute noch ein Wirtschaftszweig.
Und auch das ist Santiago de Compostela. Bei der Ausfahrt aus der Stadt entdecken wir die Cidade da Cultura da Galiza, ein moderner, von einem renommierten Architekten entworfener Gebäudekomplex mit Ausstellungen, Events & Konzerten. Im Moment ist da nichts los aber uns interessiert sowieso vor allen die ausserordentliche Architektur.

Wir fahren der Küste nach weiter über Noja, Muros, Carnota. Am Wasserfall Ezaro machen wir Rast, um dem Wasser beim freien Fall zuzusehen.

Es geht auf nach Finisterre. Auch hier das Ende. Nicht das Ende der Welt, aber des Jakobsweg. Das Cabo Fisterra ist für die Pilger die Verlängerung des Weges nachdem sie Santiago de Compostela erreicht haben. So ist hier einiges los im negativen Sinne. Denn die Menschen verbrennen hier ihre Kleidung und hinterlassen weitere Spuren in Form von Aufklebern, abgelegten Schuhen etc.

Es ist noch früh. Obwohl es hier einen tollen Stellplatz mit Sicht auf die Klippen hat, beschliessen wir weiter in Richtung Muxia zu fahren. Die verschiedenen Stellplätze im Dorf entsprechen jedoch nicht unserer Vorstellung und zum Leuchtturm kommen wir nicht. Überall im Dorf wird gebaut, die Strassen sind daher für unser grosses Fahrzeug nicht passierbar. Also nochmal weiter. Die nächsten Camping und Stellplätze sind nicht mehr offen. Aber unser Glück bleibt uns erhalten. In Praia del Leis fahren wir an einen tollen kleinen Campingplatz mit Sicht aufs Meer, Strandzugang, Abendessen mit Sonnenuntergang und morgens einer warme Dusche. Was will man mehr.

Wildromantische Wege durch Pinienwälder führen uns der Küste nach A Coruna. Als Wahrzeichen der Stadt gilt der Torre de Hércules. Der Herkulesturm ist der älteste noch intakte und in Betrieb stehende Leuchtturm der Welt. Im 2. Jahrhundert erbaut, ziert er noch heute das Stadtwappen von A Coruna. Seit der Zeit Kaiser Trajans weist dieses einzigartige Leuchtturmbauwerk den Seefahrern den Weg. Später wurde der Turm dann aufwändig restauriert und erhielt dabei sein heute bekanntes Aussehen. Der Legende nach soll es sich bei dem Felsen, auf dem der Turm steht, um den sagenumwobenen Felsen handeln, auf dem Herkules drei Tage und drei Nächte lang gegen Riesen Geryon gekämpft und diesen am Ende besiegt hat. Aus Dankbarkeit wurde danach aus dem Felsen der gigantische Leuchtturm erbaut.

Das Wetter zeigt sich heute in Mausgrau. Nach einem Zwischenstopp im Städtchen Viveiro machen wir an der Praia das Catedrais Station. Auf der Webseite von Turismo de Galicia heißt es dazu:
«Wenn in Galicien die Kraft des Meeres und die Geduld der Zeit aufeinandertreffen, entsteht ein Kunstwerk … Die Praia das Catedrais, ein Naturdenkmal mit übernatürlichen Dimensionen. Man muss nur auf die Ebbe warten, die Schuhe ausziehen, loslaufen … und sich wie im Paradies fühlen!»
Die Sonne zeigt sich kurz hinter den Wolken, also Schuhe ausziehen und los zu den Felsen. Das Meer hat ein Repertoire an Bögen, Säulen und Kuppeln in die Steilküste gearbeitet. Wasser zieht sich noch zurück. Ebbe ist erst um 9 Uhr, abends und morgens.
Morgens beim Aufstehen regnet es wieder, dabei wollten wir uns die Felsen bei Ebbe ansehen. Erstaunlicherweise kommen sogar zwei Brötchen-Becks auf den entlegenen Parkplatz. Das Frühstück ist bereit und es klart auf. Also sofort Schuhe ausziehen, an den Stand und die Herrlichkeit begucken.
Einen weiteren kurzen Halt gibt es nebenan an der Praia de Gastros. Das Wasser in den Felsspalten kocht.

Schau nur diese wildromantische Küste! Und diese Sicht auf die Bucht und das schäumende Wasser! Marcels Gefühle überschlagen sich. Dutzende von Kilometern folgen wir auf schmalen, kurvigen Strassen der Küste. Jeder Ausblick toppt den letzten. Aber irgendwann werden die Arme schwer vom vielen Kurbeln. Wir wechseln auf die geraderen Straßen.

Einen tollen Parkplatz zum Übernachten finden wir bei der Playa Moniello. Auch hier schäumt und brodelt es. Wir sind begeistert. Plötzlich meldet Marcel eine Warnung für die Küste auf der Wetterapp.  Für die Nacht sind orkanartige Windböen und Starkregen angesagt. Obwohl es schon später Nachmittag ist,  entscheiden wir uns bis Gijon weiterzufahren. In der Stadt sollten wir geschützter sein. Hier in Gijon findet gerade ein Laufrennen statt. Viele Strassen zum vorgesehen Stellplatz sind gesperrt, wir drehen im Kreise. Und dann ist der Platz auch noch voll belegt. Nach längerem hin und her zurück durch die Stadt erreichen wir den weiteren Stellplatz am Hafen. Hier ist gerade noch ein Platz frei. Glück gehabt.

Bei unsere Irrfahrt durch Gijon haben wir am Rande der Stadt ein riesiges Gebäude entdeckt und später als die Universidad Laboral de Gijón identifiziert. La Laboral ist mit satten 270.000 m2 das größte Gebäude Spaniens und eines der kreativsten und monumentale Räume in Asturien. Was ursprünglich ein Waisenhaus für Kinder von Bergarbeitern war, beherbergt heute eine Vielzahl von Einrichtungen wie die Fakultät für Handel, Tourismus und Sozialwissenschaften, das Institut für darstellende Kunst, ein anderes für Industrial Design, ein Konservatorium für Musik und dem Kulturraum Laboral Ciudad de la Cultura.

Der Monte Naranco bei Oviedo ist vieles: Ausflugsziel, Aussichtsberg, Laufstrecke, Ziel von Fahrradrennen, Motorradstrecke…und all deren Vertretern begegnen wir bei der Fahrt auf den Berg mit der Jesus Statue, die ein wenig an Rio de Janeiro erinnert. Auf dem Sockel der 30 m des hohen Sagrado Corazon de Jesus prangt ein 5 Meter hohes Siegeskreuz. Dieses Kreuz befand sich ursprünglich auf der Skulptur, doch 1990 wurde sein Standort aufgrund der starken Winde in der Umgebung geändert.
Die Strasse ist schmal und steil, Gegenverkehr ist nicht wünschenswert. Die eine Spitzkehre lässt sich nur mit zweimal rangieren bezwingen. Aber unser Rocky schafft das locker. Den letzten Kilometer geniessen wir zu Fuß auf dem Wanderweg. Ein herrlicher Blick weit über die Stadt Oviedo hinweg eröffnet sich uns.
Mitten in der Stadt erweckt ein Bau in der Form einer Muschel unsere Neugier. Als wir wieder unten sind – die Bergstrasse wurde in der Zwischenzeit nicht breiter und auch die spitzige Spitzkehre war noch da – umrunden wir den spannenden Bau. Es ist ein riesiges neues Ausstellungs- und Kongressgebäude inmitten der Stadt. Die Architektur ist umwerfend.

Fast zuhause in den Bergen fühlen wir uns bei der Fahrt auf den bekanntesten Aussichtspunkt in Asturien, den Mirador del Fito. Nicht nur ist die Strasse eng und kurvig, wir müssen sie auch noch mit einigen Kühen teilen. Von Mirador aus schaut man nach Norden auf das Kantabrische Meer, nach Südosten zu den Picos de Europa und in die anderen Richtungen auf andere Dinge. Das heißt, man schaut auf all dies, wenn das Wetter klar ist und nicht der orvallo, der feine, alles durchnässende Nieselregen, typisch für Spaniens Norden, die Landschaft in triefende Watte packt.
Eigentlich ist dies ein Pass mit dem Namen Alto de la Cruz de Llames, aber Mirador del Fito ist als Name viel gebräuchlicher. Hin und wieder führen Etappen der Vuelta a España über den Pass. Bei der Austragung der Rundfahrt in 1996, oder genauer, auf der dreizehnten Etappe ging der Mirador del Fito in die Radsportgeschichte ein. Miguel Indurain gab nämlich nach der Überquerung des Passes das Rennen auf. Er sollte danach nie wieder irgendwo als Radsportprofi antreten, womit der Mirador del Fito der letzte Pass ist, den er in seiner aktiven Laufbahn unter die Räder nahm.

Wir übernachten unten am Pass im Dorf Cangas de Onis. Es besticht mit schönen Gassen voller alter Häuser. Das Wahrzeichen der Stadt ist jedoch die sogenannte Puente Romano, eine mittelalterliche Brücke über den Fluss Sella. Vielleicht war ihre Vorgängerin tatsächlich eine römische Brücke, wie die Bezeichnung nahelegt.

Bei der Fahrt nach Santander türmen sich die Bergspitzen hoch neben uns auf. Wir sind am Rande der Picos de Europa. Das Kalkstein-Massiv innerhalb des Kantabrischen Gebirges in Nordspanien erstreckt sich über Teile der autonomen Gemeinschaften Asturien, Kastilien-León und Kantabrien. Die Picos de Europa sind nicht so hoch wie die Alpen, aber trotzdem sehr beeindruckend.

In  Santillana del Mar machen wir Mittagshalt. Das mittelalterliche Städtchen zählt zu den schönsten Orten in Kantabrien. Autos sind hier nicht erwünscht, schon gar keine Wohnmobil. Für letztere gibt es einen gesonderten Parkplatz weit ab vom Städtchen. Zu Fuß geht es über gepflasterte Gassen und Straßen entlang der blumengeschmückten Paläste und Kirchen. Links und rechts Holzbalkone und Eingänge mit den Wappen der (ehemaligen) Besitzer. Dazwischen liegen kleine grüne Gärten als Oasen der Ruhe. Ab dem Spätmittelalter erbaute sich hier der Landadel wundervolle Paläste und Häuser.

Santander ist nicht nur eine international bekannte spanische Bank, sondern soll vor allem auch eine der schönsten Küstenstädte Spaniens sein. Der schon zu römischer Zeit bekannte Hafen ist bis heute einer der wichtigsten Handelsplätze im spanischen Norden. Das Königshaus ließ sich hier einen Palast errichteten. Der Aufstieg zu einem mondänen Badeort mit herrlichen Stränden rund um die Hafenbucht, war damit eingeleitet. Grund genug für uns das genauer anzusehen.
Der offizielle Stellplatz liegt weit weg vom Zentrum auf der anderen Seite eines Hügels. Glücklicherweise gibt es einen Strassentunnel, der auch von Fahrädern genutzt werden kann. Überhaupt bietet die Stadt mit grosszügigen Radwegen eine gute Basis für eine Besichtigung per Rad. Dass es in der Stadt kaum Parkplätze für Fahrräder gibt ist eine andere Sache. Dass es während unser Tour fast ununterbrochen regnet, liegt dann sicher nicht mehr in der Zuständigkeit der Stadtväter. Ein Großbrand im Jahre 1941 zerstörte fast die ganze Altstadt, einschließlich der Kathedrale. Daher gibt es kaum historische Sehenswürdigkeiten.

Vor 24 Jahren eröffnete das Guggenheim Museum in Bilbao. Und machte aus einer sterbenden Industriestadt eine Kulturmetropole. Das von Stararchitekt Frank O. Gehry in einem avantgardistischen Architekturstil entworfene Gebäude ist zum Wahrzeichen Bilbaos geworden. Seit seiner Einweihung sind das Guggenheim Bilbao und der Hund Puppy – die Blumenskulptur von Jeff Koons vor dem Gebäude – zum international bekanntesten Symbol Bilbaos geworden. Natürlich zeigt sich Puppy für uns ausnahmsweise – das erste Mal seit 24 Jahren – nicht in der gewohnten Blumenpracht, sondern hinter einem Baugerüst und einer Sammelbüchse. Puppy muss totalsaniert werden und jeder der will, darf dafür bezahlen.
Das Herz der Stadt Bilbao bleibt aber in der Altstadt, die eher unter der Bezeichnung Las Siete Calles bekannt ist. Wir geniessen die Atmosphäre in den sieben Strassen, in denen sich gut bummeln lässt. Und noch besser Tapas essen. Hier heißen sie Pintxos. Absolut perfekt für einem gemütlichen Abend. Die Stimmung ist gelöst und mit Lebensfreude gefüllt. Bilbao immer wieder gerne!

Und dann ist da noch die Biskaya Brücke, eine der letzten sechs Schwebefähren in Europa und zugleich die älteste. Wir konnten bereits in Deutschland zwei dieser technischen Meisterwerke bewundern, diese ist uns einen kleinen Umweg wert. Die Anlage besteht aus 45 Meter hohen Stahlfachwerktürmen an beiden Ufern mit einem 160 Meter langen horizontalen Traggerüst dazwischen, an dem die Transportbarke aufgehängt ist. Mit der Barke können Personen und Autos (bis zu sechs Pkw) transportiert werden, die aufnehmbare Nutzlast ist allerdings auf 22 Tonnen begrenzt. Zusätzlich gibt es noch einen Fußgängerüberweg im oberen Teil der Hochbrücke, der per Aufzug zu erreichen ist. Wäre sicher interessant,  wenn da nur die Höhenangst nicht wäre.

Es gibt unendlich viele Gründe, warum ein Besuch der Einsiedelei von San Juan de Gaztelugatxe auf eine Rundfahrt durch Nordspanien nicht fehlen darf. Zunächst einmal ist die Lage wirklich fantastisch: eine kleine Kapelle auf einem hohen Felsen vor der Küste Spaniens, mit dem Festland nur über eine Brücke und eine Zickzacktreppe verbunden. Außerdem ist San Juan de Gaztelugatxe einer der spektakulären Drehorte, an denen die Hit-Serie Game of Thrones gedreht worden ist. Zu guter Letzt soll man von dort oben einen atemberaubenden Blick auf die Küste des Baskenlands, die schroffen Felsen und die tosende Brandung, das tiefblaue Meer und das Grün auf den Bergspitzen haben. Doch leider auch hier nicht für uns, Parkplätze sind für Camper gesperrt. Genügend Plätze wäre vorhanden und stehen leer. Wir ziehen enttäuscht von dannen.

Das kleine Städtchen Lekeitio ist da ganz anders und bietet kostenlose Stellplätze für Wohnmobile auf einen Parkplatz, der von der Polizei gut kontrolliert wird. Das merken auch die Camperkollegen, die am Abend keinen Platz mehr hatten und sich auf die PKW Plätze gestellt haben. Sie werden – freundlicherweise erst am Morgen – von der Polizei weggewiesen. Der Ort selber ist ein eher unspektakulärer Fischerort,  schmucke enge Gässchen begleiten uns zum Hafen. Es ist Flut und die Fischer nutzen sie um auszulaufen. Hier fällt uns eine Besonderheit auf. Die Boote sind nicht über einen Steg zu erreichen, sondern pro Linie über einen kleinen Ponton. Dieser wird an einem Seil zur Basis gezogen, bestiegen, das Seil auf der anderen Seite aus dem Wasser gefischt und ab geht’s zum eigenen Boot.

Eine kurvige, bewaldete Straße mit vielen faszinierenden Ausblicken auf das tosende Meer bringt uns der Steilküste entlang nach San Sebastian.
Das Seebad San Sebastián zählt zu den schönsten Städten an der baskischen Küste. Gelegen an einer schönen Bucht, umgeben von den Ausläufern der Pyrenäen, bietet die Stadt muntere Lebendigkeit, eine außergewöhnliche gute Gastronomie und ein abwechslungsreiches Kulturangebot. Hier liegt die Hochburg für alle, die Pintxos lieben. So wie die Einheimischen lassen auch wir uns vom vielfältigen Angebot an Pintxos verführen, das die Wirte an ihren Theken feilbieten.
Wir bummeln kreuz und quer durch die engen Strassen und nehmen uns Zeit, ohne eine feste Route, sondern einfach dem Ruf der köstlichen Pintxos folgend und geniessen dazu einen Txakoli oder ein Bier. Ein würdiger Abschluss unsere Rundreise durch Nordwestspanien. Morgen geht es wieder bei Behobia über die unsichtbare Grenze, diesmal nach Frankreich.

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