Spanien Teil 2

10. November bis 21. Dezember 2021

So ganz wie wir es uns wünschen will sich das Wetter auch hier in Palamós nicht zeigen. Aprilwetter im November, Regen und blauer Himmel wechseln sich ab, es windet stark. Von unserem Terrassen-Stellplatz aus, beobachten wir das aufgewühlte Meer im Trockenen und aus sicherer Entfernung.
Am Nachmittag klart es auf und wir besuchen das Städtchen. Ein Bier am Hafen und einen Bummel durch die Gässchen bei Sonnenschein geniessen wir umso mehr.

Palamós, ein Fischerort par excellence, ist ein angesehenes Touristikziel an der Costa Brava, wobei ein Grossteil der Besucher aus Katalonien selbst kommt. Die Bevölkerung schwankt zwischen 14.000 und 90.000 je nach Saison. Als zweitgrösster Fischereihafen Kataloniens wird Palamós auch heute noch durch die Fischerei geprägt. 3.000 Menschen leben hier direkt oder indirekt vom Fischfang. Die Fischer sind in einer Genossenschaft organisiert, die auch die Vermarktung aller Fänge übernimmt. Frühmorgens laufen die Schleppnetzfischer aus und alle Fangschiffe der Flotte liegen in einer Reihe am Ausgang der Bucht. Um Punkt 7:00 Uhr ertönt das Startsignal und die schnellsten Boote können sich die (vermeintlich) ertragreichsten Routen sichern. Um Strafgebühren zu vermeiden, müssen die Fangboote spätestens um 17:00 Uhr zur Versteigerung wieder einlaufen. Die Fischer können jedoch nur aufgrund massiver Subventionen des Dieseltreibstoffs mit Gewinn arbeiten.

Auch am nächsten Morgen präsentiert sich das liebe Wetter noch von der eher stürmischen Seite. Wir nehmen Verbesserungen an Rocky’s Einrichtung vor. Die Aufhängung für die Wasserschläuche in der Garage erhält Klettverschlüsse, eine PET-Box wird neben der Eingangstüre zum Aufbewahrungsort für Schuhputzbürste, Schuhlöffel, Schuhüberzüge recycelt. Da seit Tagen schon überall die Weihnachtsbeleuchtungen installiert werden, kreieren wir unsere eigene. Gemütlich geht es anschliessend ins Dorf zum Bier an der Sonne. Das haben wir uns verdient.

Es gefällt uns hier. Wir beschliessen hier zu bleiben, bis wir zum Interview für das US-Visa in die Schweiz aufbrechen müssen. Wir verbringen 10 ruhige Tage in Palamós mit verschiedenen kleineren Ausflügen:
Auf dem «Camí de Ronda», dem Wanderweg entlang der Küste der Costa Brava, passieren wir die Ruinen des Castell de Sant Esteve de Mar. Weiter führt uns der Weg zur Cala S’Alguer, wo es scheint, als sei die Zeit stehengeblieben. Die typischen Fischerhäuser verleihen dieser Bucht eine malerische Atmosphäre. Nur wenig weiter erreichen wir die Platja de Castell, einen der letzten unbebauten Strände an der Costa Brava. Überragt wird der Strand von den Überresten der iberischen Siedlung Castell de Palamós aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Von der Siedlung sieht man nicht mehr sehr viel, jedoch ist die Aussicht auf die steile Felsküste, das kristallklare Wasser, den goldenen Strand und die üppige Vegetation postkartenhaft.

Auf der Landkarte haben wir in der Nähe einen Dolmen ausgemacht. Nachdem uns die Menhire und Dolmen (Hinkelsteine) in der Bretagne so fasziniert haben, wollen wir auch dieses Exemplar nicht verpassen. Rund ums Dorf geht es zum Dolmen del Puig ses Forums, der in einem kleinen Waldstück inmitten eines Villenquartiers auf einem Hügel liegt. Die paar aufgerichteten Steine bringen uns nicht gerade ins Staunen, dafür ins Schwitzen beim bergan gehen. Jetzt aber zum Meer runter und dem Strand von Sant Antoni de Calonge entlang zu einem «caña» und einem «clara» auf der Terrasse der Hafenkneipe.

Natürlich erkunden wir den Camí de Ronda auch südlich von Palamós. Zuerst gelangen wir mit den Fahrrädern ans Ende des langen Strandes Torre Valentina, einem der wichtigsten städtischen Strände von Sant Antoni de Calonge. Auf dem Küstenweg geht es anschliessend zu Fuss wörtlich über Stock und Stein um eine kleine felsige Landzunge. Weiss schäumen die Wellen an den Felsen und ziehen unsere Blicke an. Nachdem wir die Vielfalt der vielen kapriziösen und schönen Buchten wie Cala dels Homes, Cala del Forn, Platja dels Esculls oder Cap de Roques Planes genossen haben, die sich durch ihre Einzigartigkeit auszeichnen, kommen wir an der Platja de Can Cristus an. Natürlich gibt es auf dem Rückweg das mittlerweile schon obligate Bier am Hafen.

Ein gut ausgebauter Radweg führt ins 10km entfernte Calella de Palafrugell, das mit seinem ursprünglichen Bild verzaubert. Die Touristen sind auch hier eingezogen, aber es bleibt ein bezaubernder Ort. Strahlend weisse Häuser mit Arkaden drängen sich dicht an das blaue Meer. Der Kern des ursprünglichen Fischerviertels gruppiert sich rund um den Port Bo. Um den Naturhafen wurden die ersten Fischerhäuser errichtet. Am Strand liegen Fischerboote, ein Zeichen dafür, dass hier weiterhin die Fischerei betrieben wird. Vor dem Küstenort reihen sich kleine Strände, dazwischen drängen sich Felsen, die von den Wellen umspielt werden. Ein alter Wachturm, der Torre de Calella, erinnert an die Zeiten, als Piraten die Küstenorte überfielen und die Ortschaften plünderten. Auch jetzt, Mitte November, sonnen sich einige Leute am Strand oder schwimmen sogar im klaren, eher frischen Wasser.

Die Rückfahrt nach Palamós führt mit einem kleinen Umweg zu unserer Stammkneipe am Hafen. Neben Bier und Chips wird uns heute als Überraschung der Start zur nächsten Etappe der Rally Costa Brava 2021 geboten. VW Golf GTI, Renault Alpin, Lancia Stratos, NSU und viele andere alte und entsprechend zurechtgemachte Autos passieren lautstark unseren Tisch.

Es ist Zeit unseren grossartigen Terrassenstellplatz in Palamós zu verlassen und Richtung Schweiz aufzubrechen. Wir wollen es gemütlich angehen und unterwegs noch dieses und jenes entdecken. So haben unsere Nachforschungen ergeben, dass unsere Kraniche auch in der Camargue überwintern, ein guter Grund da ein paar Tage zu verbringen, auch wenn die Wetterprognosen nicht eben sehr erbauend sind.

Erst gilt es aber noch spanische Spezialitäten einzukaufen. Nicht Spanische Nüssli, die haben nämlich überhaupt nichts mit Spanien zu tun, sondern Tourrones in verschiedenen Formen, Membrillo und natürlich frische Mandarinen. Und dann kurven wir zu einem Abschiedsbier in die Stammkneipe am Hafen, wo heute zur Überraschung ein Kreuzfahrtschiff, die Silver Spirit, festgemacht hat.

Wir sind wieder unterwegs. Auf der Fahrt in Richtung Figueres sehen wir in der Ferne die schneebedeckten Gipfel des Pic du Canigou und weitere weisse Spitzen. Wir drehen nach rechts gegen das Meer, um in Roses Gas zu tanken. Was auf der Karte als ein schreckliches touristisches Konstrukt erscheint, entpuppt sich beim Durchfahren als Klein Venedig. Jedes Ferienhaus hat sein Türmchen, seinen Anleger mit Boot und seine Terrasse am Wasser.

Nach Cadaqués wollten wir schon lange Mal. Unsere Spanischlehrerin Elvira stammt aus diesem Dorf und hat uns immer wieder davon vorgeschwärmt. Das Künstlerstädtchen ist einer der östlichsten Punkte der Iberischen Halbinsel. Es liegt in karger, felsiger Umgebung und in abgeschiedener Lage südlich des Cap de Creus an der Costa Brava. Ein wenig fühlt es sich an, als sei man hier am Ende der Welt, denn nur eine einzige, kurvenreiche Strasse führt in das verträumte Örtchen. Das ehemalige Fischerdorf hat viel von seinem ursprünglichen Charakter bewahrt. Das pittoreske Städtchen, mit seiner entspannten Atmosphäre zog zahlreiche, wichtige Künstler an. Lorca, Miró, Picasso – sie alle waren hier. Zu verdanken hat Cadaqués seinen Bohème-Stil und sein mondänes, künstlerisches Flair Salvador Dalí, dessen Vater aus Cadaqués stammte. Der surrealistischen Maler war viele Jahre hier zu Hause und hat hier einige seiner grossen Werke erschaffen. Der historische Altstadtkern ist ein Labyrinth von gepflasterten Strässchen, weiss getünchten Häusern und bezaubernden blauen Türen und Fenstern. Hier findet man an jeder Ecke ein neues architektonisches Juwel. Auch heute noch ist der Ort ein beliebter Anziehungspunkt für Künstler und in den verwinkelten Gässchen findet man zahlreiche Galerien.

Einer Gruppe Chinesen gefiel Cadaqués so gut, dass sie es kopiert und unter dem Namen Kadakaisi 1:1 im Süden Chinas nachgebaut haben.

Noch einmal geht es die kurvige Bergstrasse hinauf und hinunter zu unserem Stellplatz mit prächtiger Meersicht bei El Port de la Selva. Gleich von zwei Wiedehopfen werden wir in der Einsamkeit begrüsst. Auch ein Schwarzkehlchen heisst uns mit seiner Pfeiftirade herzlich willkommen.
Frühstück mit Meerblick, was für ein Privileg. Und Kaktusfeigen gibt es gleich neben dem Fahrzeug zu ernten.
Dann geht es auf der uns bereits bekannten Route dem Meer entlang nordwärts. Bei Sonnenschein ist die Fahrt über die beiden Pässe sehr viel angenehmer als im Dauerregen vor 12 Tagen. Wir können jetzt etwas sehen von der wilden Küste und den riesigen Umsetzbahnhöfen auf der spanischen und der französischen Seite. Die Dimensionen sind überwältigend. Wie bereits im letzten Bericht erwähnt, können in Poutbou und Cerbère die Züge wegen der verschiedenen Spurweiten der Bahnen in Spanien und dem übrigen Europa nicht weiterfahren. Die Waren werden auf den beiden Bahnhöfen umgeladen, einige wenige Wagons werden umgespurt. 

Wir setzen Kurs auf Collioure an der Côte Vermeille, mit dem riesigen Château Royal, seinem Hafen und seinen lachsfarbenen Häusern mit grünen Schlagläden. Wir flanieren durch die schmalen Gässchen des Altstadtquartiers, machen eine Tour durch die Felsbuchten und Strände des Örtchens zur Mole an der Hafeneinfahrt und lassen uns auf einer Caféterrasse an der Plage Boramar nieder. Am Ende der Plage steht die Notre-Dame des Anges mit dem Turm im Wasser, so als ob die kleine Kirche gleich ablegen wolle. Im Hinterland ragen die Pyrenäen auf. Das Ganze ist eine Explosion der Farben: Rot, Orange, Grün, Violett, Gelb. Darüber der Himmel, blau mit weissen Wölkchen.

Wieder in Frankreich müssen zuerst einmal unsere Vorräte an Wein, Käse und natürlich frischer Pâte aufgefüllt werden. Dann geht es wieder nach Peyriac de Mer, wo wir noch einmal das Naturparadies um die ehemaligen Salzbecken erkunden wollen. Ein wunderschön farbiger Fasan spaziert vor dem Eingang zum Stellplatz und lässt sich weder vom grossen Fahrzeug noch von unseren klickenden Fotoapparaten beirren. Die Störche sind auch noch da und fliegen über uns zurück in ihr Nachtlager.

Ein Gewitter mit ausgiebig Blitz und Donner dreht die ganze Nacht um uns, begleitet von sintflutartigem Regen, der auf das Dach des Wohnmobils prasselt. An ausgiebigen Schlaf mit rosa Träumen ist nicht zu denken. Das überraschende Staunen dann am Morgen: Wo gestern noch ein idyllischer Stellplatz mit Naturboden war, ist heute ein grosser, brauner See. Und Rocky steht mittendrin wie eine Insel, rundherum alles Wasser. Die Polizei kommt vorbei, um zu sehen, ob alles okay ist. Nach unserem Daumen hoch ziehen sie wieder ab. Es regnet immer noch wie aus Kübeln. Für Rocky sollte es kein Problem sein, aus den Fluten zu entkommen, zuerst müssen jedoch die Stützen hoch. Also steigt Marcel mit nackten Beinen, Flipflops und einem Regenponcho ins eiskalte, 20 cm tiefe Wasser.

Gemäss Wetterbericht soll es nicht besser werden, auch Morgen nicht. Beim Frühstück – auf befestigtem Grund ausserhalb des Sees – beraten wir uns. Die Camargue fällt bei diesen Bedingungen wohl für den Moment aus. Wir beschliessen nochmals nach Toulouse zu fahren und im Cite de l’Espace die verpasste Ausstellung über Wetterstationen nachzuholen. Während einem Zwischenstopp in einem Bricomarkt in Carcassonne, geht bei Erika eine SMS des U.S Visa Service Desk ein: «Dear Applicant, we must cancel your visa appointment that is scheduled on Wednesday, December 8, 2021. … Kind regards». Termin gestrichen, schon wieder 🙁. Grosser Frust, dafür haben wir uns also die letzten Wochen nördlich der Pyrenäen aufgehalten, anstatt in den warmen Süden Spaniens zu fahren 🙁. Wir drehen auf der Stelle um und fahren auf dem schnellsten Weg südwärts, diesmal sogar auf Frankreichs Mautstrassen. Nichts kann uns mehr davon abhalten der Wärme entgegenzufahren.

Eine erste Atempause legen wir in Valencia ein. Die Ciutat de les Arts i les Ciències, das moderne Wahrzeichen der Stadt, haben wir vor Jahren einmal ausgiebig besichtigt. Diesmal wollen wir uns in der Altstadt umsehen. Die U-Bahn bringt uns vom Stellplatz direkt in die Stadt, wo wir als erstes auf dem Mercat Central in die spanische Lebensart eintauchen. Das Bauwerk im Jugendstil besticht durch wunderschöne Bleiglasfenster, farbenprächtige Mosaiken und ein Dach mit grosser Kuppel und Metallpfeilern. Es ist nicht nur einer der grössten Lebensmittelmärkte Europas, sondern sicher auch einer der Schönsten. An rund 1’000 Ständen gibt es ein riesiges Angebot an Obst, Käse, Fisch, Fleisch, Gebäck, Süssigkeiten und vielem mehr.

Nur wenige Gehminuten von der Markthalle entfernt liegt die Lonja de la Seda, die Seidenbörse. Das prunkvolle gotische Gebäude liessen die reichen Seidenhändler Valencias im 15. Jahrhundert erbauen, um dem eigenen Wohlstand ein architektonisches Denkmal zu setzen. Die Lonja gilt als eines der schönsten Bauwerke der zivilen Gotik. Seide ist jedoch nicht das einzige Gut, für das Valencia berühmt ist. Um 1900 setzte in und um die Stadt ein regelrechter „Orangenboom“ ein, der bis heute anhält: Jede zweite im Norden verkaufte Orange stammt aus der Region Valencia. Damit ist sie noch immer Europas grösster Orangengarten. Wie wichtig die Zitrusfrucht für die Stadt war und ist, zeigen die vielen Orangenbäume, die die Stadt schmücken.

Wir bummeln weiter durch das älteste Viertel der Stadt, dem Barrio del Carmen, zur Plaza de la Virgen, dem Jungfrauenplatz. Hier befinden sich eine ganze Reihe der berühmtesten Attraktionen von Valencia wie die Kathedrale, der Turia-Brunnen, die Basílica de la Mare de Déu dels Desemparats, der Regierungspalast und der Palau de la Generalitat.
Beim Genuss einiger Tapas und einem Horchata de Chufas, dem lokalen Erfrischungsgetränk aus Erdmandelmilch, stärken wir uns, bevor wir unsere Erkundungstour an der Plaza del Ayuntamiento, mit dem kunstvoll gestalteten Rathaus, fortsetzen. Auf dem Platz wird neben der Weihnachtsdekoration auch gerade eine Eisbahn aufgebaut. Nur wenig weiter liegt die Estacion Valencia del Norte. Der wunderschöne Jugendstilbahnhof gehört zu den beliebtesten Fotomotiven in Valencia. Gleich neben dem Bahnhof befindet sich die beeindruckende Stierkampfarena, die leider nicht von innen besichtigt werden kann.
Ein zweifellos lohnender Halt auf unserer Route durch Valencia ist der Mercado de Colón. Die dreischiffige, offene Halle aus rotem Backstein, Eisen und Glas wurde anfangs des 20. Jahrhunderts mit grossem Einfluss Gaudís erbaut. Auffällig stechen ihre schönen Fassaden, ihre Mosaike und ihre Metallstruktur hervor.  Der Markt bietet heute eines der grössten Gastronomieangebote der Stadt.
Nochmals tauchen wir in das Gewirr der Altstadtgassen ein, vorbei am Nationalen Keramikmuseum mit der überschwänglichen Fassade, von den Serranos-Türmen quer durch das historische Stadtzentrum zu den Quart-Türmen. Müde und voll von Eindrücken steigen wir in die Bahn, die uns zurück zum Stellplatz bringt.

Links wie rechts der Autostrasse zeigen sich die vollen Orangen- und Mandarinenbäume. Wäre schön, wenn wir welche pflückfrisch kaufen könnten, aber hier in Spanien kennen sie anscheinend weder Selfpicks noch Strassenstände. Durch die Ebene weht ein kräftiger, böiger Wind. Die Strasse durch die Berge bringt uns hinauf auf erstaunliche 1000 Meter. Der Ausblick ins Tal mit den Terrassen, den Olivenbäumen und dem Meer im Hintergrund ist umso grandioser.

«Der Stellplatz ist immer noch so gepflegt wie am ersten Tag, alles ist tadellos in Ordnung. Die vielen Hecken und Bäumchen müssen allerdings noch wachsen. Die Entfernung zum wirklich schönen Badestrand beträgt nur etwa 250m. Auf dem Paseo Marítimo kann man lange Spaziergänge machen. … Dieser Stellplatz ist inzwischen sehr gefragt und in der Hauptreisezeit oft voll, vor allem Überwintern ist hier angesagt.» So die Beschreibung des Platzes in El Campello nördlich von Alicante, den wir heute anfahren. Wir haben Glück, es ist noch ein letzter Platz frei, aber nur für eine Nacht. Die Beschreibung stimmt eigentlich auch, aber so haben wir uns einen Ort zum Überwintern nicht vorgestellt. Auf einem Schotterplatz stehen sie, die Wohnmobile. In vier Linien, militärisch aufgereiht, alle mit dem gleichen Abstand. Es schreit fast nach irgendeiner EU-Norm, die wir noch nicht kennen. «Im Winter quasi nur Rentner, einen snobistischen Touch erkennt man sofort», heisst es in einem Kommentar, und genauso ist es. Dass der einzige weitere Schweizer zu uns kommt, um uns zu berichten, dass er bereits vor einem Jahr reserviert habe und weiter südlich sowieso alles ausgebucht sei, stimmt uns nicht gerade fröhlicher. Wenigstens ist der menschenleere Strand schön und wir müssen nur eine Nacht bleiben.

Und wieder fahren wir durch scheinbar endlose Orangen- und Mandarinenhaine. Bäumchen voll beladen mit den orangenfarbigen Früchten, an tiefhängenden Zweigen, lassen Gelüste aufkommen. Und noch immer sehen wir keinerlei Möglichkeit direkt beim Produzenten welche zu erwerben. Nach der Ebene geht es wiederum in die Berge, kurvig hoch und kurvig runter.
Die letzte Strecke zum heutigen Ziel, der Playa de Percheles, ist ziemlich öde und trist, vorbei an vielen Gewächshäusern, die man in dieser Region findet und an Siedlungen im typischen Stil dieser Region und man denkt niemals, dass da irgendwann so eine schöne Bucht kommen soll. Wären wir nicht vorgewarnt gewesen, wir hätten bestimmt gedacht, dass wir uns verfahren haben. Und dann, nach einem letzten holprigen Weg liegt sie vor uns die Schlangenbucht, so traumhaft und idyllisch gelegen mit Palmen und Sandstrand, wie man sich einen richtig schönen Strand vorstellt.
Hier gibt es keine markierten Stellplätze und jeder darf sich in freier Natur hinstellen, wo er will. Trotzdem stehen wieder einige Wohnmobile ausgerichtet in Reih und Glied. Ob es wohl doch eine Euro-Norm dafür gibt? Wir finden unser individuelles Plätzchen fast direkt am Wasser einer Nebenbucht, wo wir uns zwei Tage erholen. Mal wieder einfach nichts tun, die Sonne und die Wärme geniessen. In der Nähe von uns installieren sich moderne Fischer. Sie lassen ihre Angelleine durch eine Drohne ins Meer hinausziehen und dort fallen, clever. Interessiert schauen wir zu. Ein Streifzug durch die trockene, öde Gegend beantwortet unsere Frage nicht, warum der Strand eigentlich Schlangenbucht heisst. Wir haben jedenfalls keine einzige Schlange gesehen. Schade eigentlich!!

Der Küste entlang in Richtung des Naturparks Gabo el Gato geht es kurvig und bergig weiter, eine Herausforderung, der sich Marcel gerne stellt. Wir schauen uns verschiedene Stellplätze an, auch im Hinblick auf eine Überwinterung, falls ganz im Süden wirklich alles besetzt sein sollte. Wir finden einen passenden Stellplatz in Agua Amarga (Bitteres Wasser), einem kleinen Fischerdorf, das sich wohlbehütet im Naturschutzpark Parque Natural del Cabo de Gata-Níjar befindet. Der malerische Küstenort war früher nur über eine Sandpiste zu erreichen. Seitdem er an das Strassennetz angeschlossen wurde, hat sich hier ein kleines Ferienzentrum entwickelt, doch er hat seinen charmanten Charakter beibehalten. In den Felsen, die den Strand begrenzen, liegen Höhlen, in den zu früheren Zeiten Piraten und später einige Hippies Unterschlupf gefunden haben sollen. 
Wir schlendern durch das Dorf und steigen zu den Ruinen hoch. Die Ruinen sind nicht gut erhalten, aber die spektakuläre Aussicht auf das Dorf und die Küste belohnt die Mühen des steilen Aufstiegs. Doch was sind das für Mauer Reste? Eine Infotafel klärt die Fragen: Diese fast idyllische Umgebung wurde von Waggons mit Mineralien und Träumen von einer besseren Zukunft durchquert. Die Mineralladerampe von Agua Amarga war der Endpunkt der Eisenbahnlinie von Lucainena de las Torres nach Agua Amarga. Dieser vor den Ostwinden geschützte Ort wurde gewählt, um das in den Bergwerken von Lucainena gewonnene Eisen auf die Schiffe zu verladen, die es zu den Hochöfen der Bergbauunternehmen transportieren sollten. Die Tätigkeit der Laderampe begann Ende des 19. Jahrhunderts und nach einer Geschichte voller hektischer, aber auch schwieriger Zeiten ging 1942 das letzte Frachtschiff in See.

Auf dem Stellplatz gibt es ein paar kleine, wilde, hungrige Katzen. Diese bekommen von Erika ein exquisites Zmorge. Dann gehts los. Plastikgewächshäuser soweit das Auge reicht. Ein Landstrich unter Folie. Wie mit Schnee sind alle ebenen Flächen überzogen. Bis weit in die Hügel hinauf stehen die Gewächshäuser auf künstlichen Terrassen. Im Laufe der Zeit wurde in der spanischen Provinz Almeria, vor allem durch finanzielle Förderung der EU, ein riesiges Plastik-Meer, das «mar del plastico», auf einer Fläche von 350 Quadratkilometern aufgebaut. In den 32.000 Gewächshäusern werden jährlich 2,8 Millionen Tonnen Obst und Gemüse produziert. Diese Masse kann nur mittels moderner technischer Anlagen erzielt werden, die bis zu fünf Ernten pro Jahr ermöglichen. Durch den enormen Wasserverbrauch ist das Grundwasser in den letzten Jahren in Almería stark zurückgegangen und stellt damit die gesamte Gegend vor ein Problem. Erschreckend, wenn man sieht, was hier los ist, damit wir in der Schweiz das ganze Jahr hindurch frische Tomaten essen können.

Wir fahren in Almeria zum Webasto Händler. Unsere Dieselheizung will nicht mehr wie sie soll, der Spezialist soll sich das einmal ansehen. Leider bekommen wir von ihm nur die Auskunft, dass er die Vertretung nicht mehr innehat. Der nächste und letzte Servicestützpunkt in der Region ist westlich von Marbella. Da wir die Gegend um Malaga erst vor ein paar Jahren bereist haben und da das Wochenende ansteht, entscheiden wir uns den langen Weg nach Estepona durchzufahren. Entgegen den Angaben im Internet will aber auch diese Werkstatt nichts mehr von einer Webasto-Vertretung wissen.
Müde finden wir einen Übernachtungsplatz am Hafen mit überraschender Sicht auf den Felsen von Gibraltar und nach Afrika.

Noch eine grosse Kurve um die Südspitze von Spanien und wir sind an der Costa de la Luz. Hier am Atlantik können wir uns vorstellen, ein paar Wochen zu verbringen. Es ist zwar sicher rauer und windiger als am Mittelmeer, dies schreckt dafür einige und ist somit weit weg von jeglichen Touristenmekkas. Ein erster Campingplatz in Valvaquares hat nur wenig sonnige Plätze und man hört die nahegelegene Hauptstrasse recht gut. Wir fahren weiter nach Zahara de los Atunes, welches wir von früher kennen. Ein übersichtlicher kleiner Campingplatz direkt am kilometerlangen Sandstrand, grosse sonnige Parzellen, nur mässig belegt und fussläufig ins kleine Dorf. Dusche, Waschmaschine, Wifi, alles was man so braucht.

Zahara de los Atunes ist ein kleiner Küstenort an der Costa de la Luz in Andalusien. Schon der Name des Fischerortes gibt Hinweise darauf, was hier zu erwarten ist: Sand und Thunfisch.
Der Strand von Zahara erstreckt sich in südöstlicher Richtung bis zum Cabo de Plata. Darauf folgt die Playa de Atlanterra, die auch als Strand der Deutschen, Playa de los Alemanes, bekannt ist. Noch etwas weiter liegt die schöne und unverbaute Playa de El Cañuelo. Die Küste gilt als eins der längsten naturbelassenen Strandstücke ohne Bebauung in ganz Andalusien. Dies ist zum einen den Bemühungen der Naturschützer zu verdanken, die eine Entwicklung erschweren, zum anderen dem «Levante», dem sporadisch heftigen Ostwind. Das Meer ist klar, meist mit schönen grossen, sich überschlagenden, weissschäumenden Wellen.
Der Thunfischfang, die Almadraba, hat bis heute eine wichtige ökonomische Bedeutung für die Küstenorte im Süden von Andalusien. Das spanische Wort «Almadraba» stammt aus den Arabischen und bedeutet Kampfplatz. Damit wird eine traditionelle Form des Fangs der Thunfische beschrieben, die im Frühjahr und Herbst die Meerenge von Gibraltar passieren. Durch ein System von Netzen werden die bis zu 400 kg schweren Fische bis in die Nähe der Küste geschleust. Dort werden die Thunfische mit Harpunen von den Booten aus getötet und an Bord gezogen. Wir werden die Almadraba verpassen, diese findet in den Monaten April und Mai statt.

Ja, hier können wir uns vorstellen länger zu bleiben. Wir buchen gleich einen ganzen Monat. Nach 4 Monaten Zigeunerleben quer durch Frankreich und Spanien sind wir angekommen. Und jetzt tun wir erst einmal was Rentner eigentlich nie tun: Wir tun nichts.
Wir unterbrechen das Nichtstun mit ausgiebigen Strandspaziergängen, beobachten die Wellen, sammeln Muscheln, Steine und Ojo de Santa Lucía, schauen zu, wie die Strandläufer dem Wasser entlang rennen, freuen uns am Gesang der Stieglitze, geniessen die Wärme oder üben uns in LandArt. Das Füttern der immer hungrigen Spatzen auf unserem Platz ist zum täglichen Ritual geworden. Da Brot wohl auf die Dauer nicht gesund für sie ist, bekommen sie von uns jetzt Vogelfutter und Sonnenblumenkerne.

Um Rocky wieder einmal zu bewegen und um etwas grösser einzukaufen als nur im kleinen Dorfladen, besuchen wir Conil de la Frontera. Conil de la Frontera ist eines der wenigen weissen Dörfer Andalusiens, die nicht im Hinterland liegen, sondern direkt am Meer. Vom Zentrum aus sind es nur wenige Meter bis zu den kilometerlangen Sandstränden. Wie so viele andere weisse Dörfer, lebt Conil nicht von grossen Sehenswürdigkeiten, sondern viel mehr von seiner großartigen Lage und dem Flair innerhalb des Dorfes. Beim Schlendern durch die engen Gassen werfen wir einen lohnenden Blick in so manchen Hinterhof, die mit wunderschönen Fliesen und vielen Pflanzen geschmückt sind. Uns fallen die Strassennamen auf. Im Quartier der Fische hat jedes noch so kleine Gässchen den Namen eines Fisches, der auf einem farbigen Schild mit Bild und Text präsentiert wird. Im nächsten Quartier tragen die Gässchen Blumennamen. Zeit für eine Lektion Spanisch.
Lernen macht hungrig. Zeit für Churros! In Conil de la Frontera gehören Churros zum Alltag. Die Churrería La Chana ist eine richtige Institution hier und sogar die Locals gönnen sich eine Portion zum Frühstück. Eigentlich handelt es sich hierbei nur um eine kleine Bude, aber die Churros sind ohnehin am besten in Papier eingewickelt.

Ein zweiter Ausflug führt uns nach El Puerto de Santa Maria. Auch wenn es hier in der Gegend kaum Weihnachtsmärkte gibt, soll in El Puerto der Mercado de Abastos, der gedeckte Lebensmittelmarkt, neben seinem traditionellen Angebot mit typischen Weihnachtsaktivitäten verschmelzen und Süssigkeiten, Keramikfiguren usw. anbieten. Na ja, unsere Vorstellungen eines Weihnachtsmarktes werden nicht wirklich erfüllt. Dafür gibt es auf dem Markt schönes Gemüse und ein leckeres Stück roten Thunfisch.
In El Puerto verbrachte Christoph Kolumbus mehrere Jahre und bereitete hier seine zweite Reise nach Amerika vor. Später entwickelte sich die Stadt zu einem der wichtigsten Häfen im Überseehandel mit den spanischen Kolonien in Übersee. So liessen sich Kaufleute aus dem ganzen Land, sogar aus dem Rest des Kontinents, in der Stadt nieder. Diese wurden zu einer der einflussreichsten sozialen Gruppen in El Puerto de Santa María. Und sie waren es, die die berühmten Palasthäuser gebaut haben, die wir heute entdecken. Leider hat der Lauf der Zeit von vielen dieser Häuser ihren Tribut gefordert.
Ein eindrucksvolles Gebäude mit einem Durchmesser von fast 100 m und Platz für 12’000 Besucher ist die örtliche Stierkampfarena, die drittgrösste Spaniens. Neben den in Andalusien über eine lange Tradition verfügenden Stierkämpfen finden in der Arena auch andere kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte oder Theateraufführungen statt.

Für uns geht ein weiteres Jahr mit vielen Veränderungen zu Ende. Viel Schönes, Interessantes, Eindrückliches durften wir seit unserer Abreise aus der Schweiz erleben, entdecken und geniessen. Das meiste so, wie wir es uns vorgestellt haben, aber einiges eben auch nicht. So warten wir immer noch auf das US-Visa, das für uns im Moment der Schlüssel auf dem Weg auf die Panamericana ist. Aber um Maria zu zitieren: «Alles hat seinen Sinn, auch wenn dieser für uns nicht gerade offensichtlich ist» oder auf Schweizerdeutsch: «Es chunt wies chunt». In der Zwischenzeit sehen wir uns am Strand weiter nach Ojo de Santa Lucía um, die sollen Glück bringen und davon geben wir euch gerne etwas ab.
Wir haben unseren Rocky bereits festlich geschmückt und werden Weihnachten und Silvester hier in Zahara in aller Ruhe verbringen. Marcel hat bereits versprochen, am 1. Januar zum Neujahrsschwimmen im Meer anzutreten.

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