01. April bis 29. April 2026
Noch einmal besuchen wir eine Criolla, diesmal im Roosevelt Park, nur wenig ausserhalb von Montevideo. Vielfältige Darbietungen mit Theater, Musik und Tanz, ein lebhafter Markt mit Kunsthandwerk, Kitsch und Trödel und ein breites kulinarisches Angebot locken die Besucher. Sogar ein kleiner Rummelplatz inklusive Riesenrad fehlt nicht. Der Unterschied zur grossen Criolla del Prado in der Hauptstadt ist sofort sichtbar. Hier ist alles weniger pompös, es wirkt familiärer, natürlicher, gemütlicher. Die vielen Familien mit Kindern geben dem Fest seine eigenständige Atmosphäre.
Der Hauptanziehungspunkt für die Zuschauer bildet auch hier die Jineteada, die traditionellen Reitsportart im Rio de la Plata Raum, bei dem die Gauchos versuchen, sich mehrere Sekunden lang auf ungezähmten Pferden zu halten. Wir haben gerade rechtzeitig auf der kleine Tribüne Platz genommen, um dem Einzug der Offiziellen und der Gauchos beizuwohnen. Natürlich darf die Begleitung der Militärkapelle nicht fehlen. Wer auf der Tribüne keine Platz mehr findet, setzt sich auf dem mitgebrachten Campingstuhl vor die Ränge. Ist sicher auch bequemer als auf den harten Betonbänken ohne Rückenlehne. Dann beginnt der Wettbewerb der mutigen Gauchos auf den stolzen Wildpferden.
Ein Haus in der Form eines Adlerkopfs, wer baut den sowas? Aber uns gefällt es. Der zu Stein gewordene Adler beobachtet ungerührt die Küste von Atlántida und kümmert sich nicht um die staunenden Touristen. Ein wohlhabender Italiener lies das Casa El Águila einst erbauen. Die riesigen Augen sind die Fenster des Wohnzimmers, von denen aus man direkt auf das offene Meer blicken kann. Aber dieser Blick bleibt verborgen, die Türen des Casa Águila sind verschlossen.
Wir verbringen Ostern im Paradies. Viele Südamerikaner, denen wir begegnen, nennen die Schweiz ein Paradies. Dabei liegt das Schweizer Paradies in Uruguay, unweit von Piriápolis. Paraiso Suizo ist ein ruhiger, kleiner Badeort, der von Schweizer Einwanderern gegründet wurde. Es gibt fünf Strassen (Uruguay, Basilea, Berna, Ginebra und Zurich), Gebäude im Stil von Alpenchalets und einen endlos langen, weissen Sandstrand. Wir verweilen bei Ruhe, Entspannung, und Sonnenschein im „Schweizer Paradies“ und haben Zeit, den Blog fertigzustellen. Die Ostereier hauen wir gleich am Sonntagmorgen in die Bratpfanne und geniessen sie zum Frühstück. So wissen wir, wo die Eier sind und müssen sie nicht suchen gehen.
Die Lebenserwartung unserer Aufbaubatterien neigen sich dem Ende entgegen, was sie uns in letzter Zeit ab und zu mal zu verstehen gegeben haben. Da wir ungern irgendwo im brasilianischen Dschungel auf Strom in unserem fahrenden Haus verzichten wollen – dann geht auch unser Kühlschrank nicht mehr – fahren wir zu Timo, Felix und Michael. Die drei Brüder aus Norddeutschland haben in der Gegend das Unternehmen TerraVentura aufgebaut, das Wohnmobile baut, wartet und repariert. Hier bekommt Rocky eine neue Stromversorgung mit zwei leistungsstarken Lithiumbatterien.
Die Nächte vor und nach dem Umbau verbringen wir auf dem Campingplatz der drei Brüder. In der zweiten Nacht zieht ein kräftiger Sturm mit orkanartigen Böhen über das Gelände. Rocky steht nicht gut im Wind, bekommt die volle Breitseite ab und wackelt heftigst. Ein Vorgeschmack auf das windige Patagonien.
Piriápolis wird als schönes Belle Epoche Städtchen beschrieben, was wir uns gerne ansehen möchten. Der schönen Küste entlang fahren wir dem Ziel entgegen, wo zwei eher baufällige Häuser mit viel Fantasie den erwarteten Baustil aufweisen. Etwas enttäuscht drehen wir uns hoch auf den Cerro San Antonio. Die weite Aussicht entschädigt uns. In der Ferne sehen wir Schiffe vorbeigleiten, welche ihre Containerstapel wie klein Manhattan stolz durch die Wellen schieben.
Die Küste ist bekannt dafür, dass es viele Meerestiere zu sehen gibt. Wale, Orcas, Delfine, Seevögel, Seelöwen und Seeelefanten. Doch es ist nicht die richtige Jahreszeit. Neben Seevögel sehen wir nur Seehunde, Seepferde und Seekühe (= Hunde, Pferde und Kühe, welche im seichten Wasser einer Lagune stehen).
Auf der felsigen Halbinsel Punta Ballena versüssen wir unseren Tag mit einem feinen Stück Kuchen und Kaffee. Wir tun dies nicht einfach in einem Café, nein, wir sind im Casapueblo. Der vom Künstler Carlos Páez Vilaró – und Freund von Pablo Picasso und Brigitte Bardot – gebaute grosse Komplex ist eine symbolträchtige „bewohnbare Skulptur“ und dient als Museum, Galerie, Hotel und Restaurant. Die weiß getünchte Zitadelle mit ihren geschwungenen Formen, runden Dächern, Türmchen und Ornamenten erinnert uns stark an Griechenland, an Santorini. Als Muesumsmuffel verzichten wir auf die Kunstgalerie und investieren das Eintrittsgeld lieber im Restaurant, das uns ebenfalls den Zutritt ins Innere des Kunstwerks erlaubt. Da lässt sich nicht nur die besondere Architektur bestaunen, sondern auch der weite Blick auf den Atlantik.
Anschliessend stellen wir uns an die Spitze der Halbinsel und beobachten die Fischer. Halsbrecherisch stehen sie zuvorderst an der Klippe, wo die Wellen schäumend hochspritzen. Doch es zahlt sich aus. Immer wieder ziehen sie ihre Angeln mit einem zappelnden Fang ein. Auch die herumschleichende Katze und ihre Jungen profitieren davon.
Das Schicksal der uruguayischen Atlantikküste ist traditionell eng mit dem wirtschaftlichen Erfolg des Nachbarlandes Argentinien verknüpft. Die Argentinier betrachten Uruguays vergleichsweise stabile Wirtschaft und unberührte Küste als attraktiven Investitionsmarkt. Der Badeort Punta del Este ist seit über einem Jahrhundert ein Mekka für Argentinier. Bereits 1907 bot ein Unternehmen mit dem ungewöhnlichen Namen Snowball Dampfschiffe von Montevideo und Buenos Aires an, um wohlhabende Argentinier und Einwohner Montevideos zum Landkauf zu bringen. Auch heute strahlt das Strandparadies mit feudalen Villen und gläsernen Appartement Türmen.
Wir begeben uns zum Strand von Brava in Punta del Este, wo nicht Wolkenkratzer, sondern die fünf Finger einer Hand aus dem Sand hervorragen. Die Skulptur mit dem Namen „Die Hand“ oder „Der Mensch, der zum Leben erwacht“ stammt von Mario Irarrázabal, einem renommierten chilenischen Künstler. Es schuf „El Mano“ im Sommer 1982 am ersten Internationalen Treffen für Moderne Freiluftskulptur in Punta del Este. Die Veranstaltung brachte neun Bildhauer aus verschiedenen Ländern zusammen, die auf einem öffentlichen Platz in der Stadt arbeiten sollten. Als unter den Teilnehmern Streitigkeiten über die Aufteilung der Räumlichkeiten aufkamen, wählte Irarrázabal alternativ den Sandstrand von Playa Brava als seinen Freiluftworkshop. Von allen Skulpturen, die während dieser Künstlerversammlung entstanden, ist bis heute nur noch seine erhalten.
Die Wirkung des Werkes veranlasste den Künstler, das Konzept zu wiederholen. Jede dieser Versionen behält die Idee einer menschlichen Hand bei, die aus der Oberfläche emporsteigt, wenn auch mit Variationen je nach Umgebung. Bereits zweimal sind wir seinen Werken begegnet, in der Atacama-Wüste und im Parque de Las Esculturas in Santiago de Chile.
Wer sagt denn, dass die Fahrbahn einer Brücke eben sein muss. Die La-Barra-Brücke, ein weiteres Wahrzeichen von Punta del Este, überspannt den Río Maldonado in einer eindrucksvollen Wellenform in Synergie zum Wasser unter ihr. Ihre geschwungene Silhouette ist nicht nur ästhetisch: Ihre innovative Konstruktion basiert auf einer Spannbetontechnik namens „Spannband“ und soll die Fahrer zum Langsamfahren animieren, wodurch es sich um ein ebenso funktionales wie optisch ansprechendes Bauwerk handelt. Die Brücke dient nicht nur als Verbindungsweg, sondern ist auch eine Attraktion für sich.
Die Pablo Atchugarry Foundation ist eine gemeinnützige Einrichtung, die 2007 vom Bildhauer Pablo Atchugarry ins Leben gerufen wurde. Ihr Ziel ist die Förderung von bildender Kunst, Literatur, Musik, Tanz und anderen kreativen Ausdrucksformen der Menschheit. Wir streifen durch den 30 Hektar grossen internationalen Skulpturenpark, wo Natur und Kunst ineinanderfließen. Vogelgesang begleitet uns beim Bewundern der Kunstwerke inmitten von Seen und sanften Hügeln.
Und schon wieder fahren wir über eine spezielle Brücke. Die ringförmige Brücke über die Lagune Garzón ist architektonisches Meisterwerk von Rafael Viñoli , einem renommierten uruguayischen Architekten. Jede Hälfte der Brücke besteht aus einer Einbahnstraße, die sich weit in die Lagune hinein erstreckt. Im Innern des Kreises bildet sich so eine «Lagune in der Lagune». Zudem zwingt die Konstruktion Kraftfahrzeuge zum Abbremsen beim Überqueren und regt die Fahrer dazu an, die natürliche Schönheit der Umgebung zu genießen. Die wirkliche Schönheit des Bauwerks zeigt sich jedoch nur aus der Luft.
In der Bucht von La Paloma, die von einer kleinen Insel geschützt ist, tut sich Merkwürdiges. Trotz Wind und frischen Temperaturen stürzen sich Jung und Alt, Männer und Frauen mit Neoprenanzügen in die Fluten und crawlen eine Länge hin und zurück. Das scheint hier Volkssport zu sein. Der Gang auf dem Holzsteg zum Leuchtturm im Dorf resultiert in einem erfrischenden Drink, bringt aber keine Erklärung zur seltsamen Schwimmerei. Google hat die Antwort: Sie trainieren für den La Paloma Triathlon in der Olympischen und der Halb Distanz.
Wir werden nass von oben, als wir am Sonntagmorgen hinunter zu Strand laufen. Nicht so die etwa 200 Triathleten, die in ihren Anzügen auf den Start warten. Pünktlich um 8:45 Uhr zählen Sportler und Zuschauer von 10 nach unten. Diez, nueve, ocho, … , cinco, quatro, … . Auf Null steigen die Teilnehmer in die nassen Fluten und beginnen sofort zu crawlen. Nach weniger als einer halben Stunde steigen die ersten bereits wieder aus dem Wasser und wechseln auf das Rad, eine weitere Stunde später vom Rad in die Laufschuhe. Im Wechselbereich herrscht bald ein unübersichtliches Kommen und Gehen zwischen Radfahren und Läufern. Mit einer Zeit von knapp unter einer Stunde erreicht Bruno Fesotrazzi als erster in der Olympischen Distanz das Ziel. 22 Minuten später sprintet Belen Vasallo mit der sechsbesten Gesamtzeit als schnellste Frau durch das Zielband. Wir bewundern den Ehrgeiz und die Ausdauer der vielen anderen Triathleten, die noch lange Zeit später unterwegs sind.
Einer der Reize des Nationalparks Cabo Polonio liegt darin, dass Autos nicht erlaubt sind. Um dorthin zu gelangen, fährt uns ein alter, aufgemotzter Lastwagen aus UN-Beständen etwa 30 Minuten über sandige Pisten durch die unwegsame Dünenlandschaft. Jetzt, ausserhalb der Touristensaison, liegt auch Uruguays angesagtestes Küstendorf im Hippie-Stil im Winterschlaf. Nur wenige Restaurants und Souvenirshops haben ihre Türen offen. Nicht einmal die Wale und Delfine sind hier. Da Neubauten und Erweiterungen verboten sind, liegen die wenigen vorhandenen, einfachen Gebäude verstreut im Park und entlang der Küste. Ihre Anordnung ist etwas willkürlich, da sie durch Sand- und Graswege – nicht durch Straßen – voneinander getrennt sind.
Wir gehen dem Meer entlang über Bänke von Muschelresten dem Leuchtturm entgegen. Der 132 Jahre alte Faro de Cabo Polonio ist eines der wichtigsten Wahrzeichen der Stadt. Vor seinem Bau im Jahr 1881 war der Untergang zahlreicher Schiffe, Galeonen und Fregatten aufgrund der tückischen Unterwasserfelsen am Kap an der Tagesordnung. Die Geschichte erzählt von einem der ersten Leuchtturmwärter, der seinen Dienst in Begleitung seiner schwangeren Frau verrichtete. Als der Tag der Geburt gekommen war, machte er sich auf den Weg nach Rocha, um eine Hebamme zu suchen. Ein heftiger Sturm verzögerte seine Rückkehr jedoch um fast eine Woche. Während der Abwesenheit ihres Mannes stieg die Frau jeden Tag mit ihrem neugeborenen Sohn die 132 Stufen des Leuchtturms hinauf, um das Schutzlicht zu entzünden. Uns wird dieser Aufstieg erspart, der Zugang ist heute geschlossen.
In einem geschützten Bereich vor dem Turm umspülen die Wellen bizarre Granitblöcke, die in Form und Farbe stark an die Felsen auf den Seychellen erinnern. Auf den Steinen sonnen sich faul einige Seelöwen. Sie lassen sich auch von der Gischt nicht stören, die dann und wann über sie spritzt. Vor den Felsen vergnügen sich eine Schar jüngerer Tiere in den Wellen. Für uns ist es bereits Zeit wieder aufzubrechen. In der untergehenden Sonne bringt uns der Truck über die Dünen zurück. Diesmal haben wir uns die Sitze hoch über der Fahrerkabine ergattert.
In Puente Valizas steigen wir zu Marcos ins Boot und tuckern über eine kurvenreiche, 5 km lange Strecke den Bach hinunter zum Monte de Ombúes. Hier beginnt die Wanderung durch den Ombú-Wald, den Wald, dessen Bäume gar keine Bäume sind. Ombues – wissenschaftlich: Phytolacca dioica – werden zwar oft als Bäume bezeichnet und wachsen auch baumartig. Botanisch gesehen handelt es sich jedoch um Riesenkräuter oder eine Art von Riesenstauden. Sie wachsen extrem schnell. Im Gegensatz zu Bäumen weist ihr Stamm keine Ringe aus harter Rinde und Holz auf, sondern besteht vielmehr aus schwammartigem Gewebe.
Obwohl der Ombú normalerweise Einzel wächst, beherbergt dieser Hain einen ausgedehnten Bestand von rund 3‘000 Ombú-Bäumen. Das Alter der grössten wird zwischen 500 und 700 Jahre geschätzt. Einige erreichen eine Höhe von bis zu 15 Metern. Ihr dicker Stamm ist meist knorrig und hohl. Je älter der Baum, desto größer der Hohlraum im Inneren. Um Jungpflanzen vor Tierfrass zu schützen, werden Schutzzäume aus Krüppelholz um sie gebaut. Das sieht dann aus, als ob der Ombú in einem riesigen Vogelnest aufwächst.
Zum Übernachten fahren wir weiter nach Punta del Diablo. Weit gefehlt, wer erwartet hat, dass hier die Hölle los ist. Auch hier im Surferparadies gönnt man sich eine Pause nach dem Ansturm in der Osterwoche. Die Restaurants sind geschlossen, die Jalousien an den Fenstern der Ferienhäuser zu. Einzig die Wanderdüne, die sich durch den Ort wälzt kommt nicht zu Ruhe und nimmt Besitz von den Häuschen auf ihrem Weg. Gemäss Wetterbericht soll es in den nächsten Tagen an der Küste allerdings wieder teuflischer werden. Es ist starker Wind mit heftigen Böen vorausgesagt. Das mögen mir nicht und verziehen uns am nächsten Morgen ins Landesinnere.
Die Avenida Internacional, beziehungsweise der Grünstreifen in der Mitte, markiert die Grenze zwischen Uruguay und Brasilien. Die südliche Fahrbahn mit Fahrtrichtung West, heisst Avenida Brasil und liegt in Chuy, Uruguay. Die nördliche mit Fahrtrichtung Ost, heisst Avenida Uruguay und liegt in Chui, Brasilien. Alles klar.
Die Zwillingsstädte bilden eine Freihandelszone. Zahlreiche Geschäfte und Einkaufszentren sind beidseitig der Straße entstanden und konkurrieren darum, den Besuchern die besten Marken zu den niedrigsten Preisen anzubieten. Auf der brasilianischen Seite gibt es zahlreiche Supermärkte, und auf der uruguayischen Seite kann man viele verschiedene Duty-Free -Artikel kaufen. Wir parken Rocky in Brasilien, kaufen Bier im Duty-Free in Uruguay, Schuhe in Brasilien. Wir geniessen ein uruguayisches Chivito im Restaurant in Brasilien und übernachten an windgeschützter Stelle in Uruguay. Und das alles ohne unsere Pässe auch nur ein einziges Mal vorzuweisen.
Sieben Kilometer von Chuy, Uruguay, diesmal in östlicher Richtung, passieren wir den uruguayischen Grenzposten. Den Beamten interessiert das nicht, er wendet nicht einmal den Blick von seinem Mobiltelefon.
Gleich dahinter liegt ein Ort, der sinnbildlich für die Geschichte der Region steht. Das Fuerte San Miguel wurde 1734 von den Spaniern erbaut, um die Präsenz des Reiches in der Region zu festigen. Nur drei Jahre später wurde es jedoch von den Portugiesen erobert, die ihm sein endgültiges Aussehen gaben. 1763 eroberten die Spanier es zurück, obwohl seine militärische Bedeutung kurz darauf deutlich abnahm. Nach Dutzenden von Kriegen geriet die Festung in Vergessenheit, bis der Archäologe Horacio Arredondo mit ihrer Sanierung beauftragt wurde.
Die Renovation ist gut gelungen und mit der Patina, die sich an den dicken Mauern der quadratischen Wehranlage angesetzt hat, wähnt man sich in früheren Zeiten. Hinter der Zugbrücke wurde die Umgebungen nachgebildet, in denen die spanischen und portugiesischen Besatzer lebten. Das Militärgeschichtsmuseum des Forts beherbergt eine wertvolle historische Sammlung an Militäruniformen und -kleidung, Auszeichnungen und Orden, alle Arten von Waffen sowie Nachbildungen von Utensilien und Ausrüstungsgegenständen aus der Kolonialzeit.
Kurz hinter Treinta y Tres, der Hauptstadt des gleichnamigen Departements, biegen wir auf eine Naturstrasse zum Naturpark Quebrada de los Cuervos ab. Das Gebiet besteht aus sanften Hügeln, die von weitläufigen Weideflächen für Viehzucht geprägt sind und einem engen Tal, einer sogenannte Quebrada. Die 100 m tiefe Schlucht ist ein schmaler Durchgang des Baches Yerbal Chico. Ein schön angelegter Wanderweg führt durch üppige Vegetation mit Dutzenden von Baum-, Strauch-, Farn-, Epiphyten- und Kletterpflanzenarten. Wir hören einen Vogel, identifizieren ihn mit der Vogel-App als Spixdickichtschlüpfer, rufen ihn und er zeigt sich tatsächlich im Gebüsch.
Zum Bach hin fällt der Pfad steil ab. Die teils hohen Tritte lassen es für uns zu einer Kletterpartie werden. Unten am Wasser fotografiert ein Mann etwas am Ufer. Beim genaueren Hinsehen entdecken wir, was ihn fasziniert. Eine grosse Riesenkrappenspinne sonnt sich auf einem Stein. Eine noch grössere fühlt sich von uns gestört und flüchtet unter einen Stein. Und dann ist da noch eine Fischerspinne. Bevor wir uns zur Mittagsrast auf einen gefallenen Baum setzen, kontrollieren wir genau, was da noch alles herumkriecht.
Steil geht es wieder bergan aus der Schlucht. Oben erwartet uns eine Plattform mit einer wunderbaren Rundsicht über das Tal mit seinen vielen Palmen. Über den Klippen des Schutzgebiets kreisen Rotkopfgeier. Nur Raben haben wir keine gesehen im der Quebrada de los Cuervos, der Schlucht der Raben. Na ja, die Geier sind auch schwarz und gross.
Wir campen direkt bei der Ranger Station, unterhalten von vielstimmigem Vogelgezwitscher. Auf einem grossen Grill braten wir endlich unser erstes original uruguayische Asado. Das Resultat befriedigt und sättigt. Übung macht den Meister.
Die Viehzucht in Uruguay ist ein wichtiger wirtschaftlicher Pfeiler, der sich durch extensive Freilandhaltung auszeichnet, bei der die Tiere hauptsächlich mit natürlichem Weidegras gefüttert werden. Mit einem hohen Rinderbestand exportiert das Land rund 370‘000 Tonnen Fleisch in über 100 Länder. Die Nebenstraße durch das Landesinnere von Uruguay führt uns zwischen den Weiden der Hereford und Aberdeen Angus Rinder durch. Und manchmal wechseln sie die Weiden und was ist dafür naheliegender als die breite Strasse. Wir fahren auf eine Herde auf und richten uns auf eine längere Verfolgung im Rinder-Schritttempo ein. Aber der aufmerksame Gaucho schafft schnell eine Gasse für Rocky und lässt uns passieren.
1993 wurde San Gregorio de Polanco das erste Freilichtmuseum für bildende Kunst, als einziges seiner Art in Lateinamerika. Es beherbergt über 70 Wandmalereien an Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden und bereichert so das kulturelle Leben des Badeortes. Die Kunstwerke in den Strassen der Stadt stammen von internationalen und lokalen Künstlern. Die Themen der Gemälde, Zeichnungen und Wandmalereien sind vielfältig: realistisch und abstrakt, einfach und komplex. In den letzten Jahren kamen mehrere Skulpturen hinzu. Wie immer weiss Kunst zu gefallen oder auch nicht.
Inspiriert vom Stör, der in Rio Negro flussaufwärts schwimmt, wird am Rande der Stadt der international bekannte Polanco-Kaviar gezüchtet. Das Ergebnis ist ein weltweit einzigartiger Flusskaviar, der seinen Reifegrad erreicht, wenn auf der Nordhalbkugel der Winter beginnt. Leider empfängt die Zucht keine Besucher.
Wir stellen uns für die Nacht an den flachen Stand des Lago Rincón del Bonete. Es ist der perfekte Ort, um zu entspannen und einen wunderschönen Sonnenuntergang zu genießen. Der Übergang von Sonnenuntergang zu Einbruch der Dunkelheit erzeugt ein atemberaubendes Farbenspiel am Himmel, das es wert ist, innezuhalten und zu bewundern.
Fleisch allein reicht nicht fürs Grillen, es braucht auch Holz. Und davon sehen wir heute jede Menge. Schlanke, hohe Eukalyptus und Kiefern stehen in Reih und Glied neben der Strasse, kilometerweit, in jeder Grösse. Da und dort ist mal ein Feld abgeholzt. Schwer beladene Holzlaster kommen uns entgegen. Natürlich ist nicht alles für die einheimischen Grillfeuer. Die Forstwirtschaft in Uruguay ist ein wichtiger Wirtschaftszweig. Mit mehr als 1.7 Millionen Hektar Waldfläche exportiert das Land Zellstoff und Holz, vor allem nach Asien und Europa.
Es ist immer wieder schön, andere Reisende zu treffen, insbesondere wenn man diese schon mehrfach getroffen hat und eine gute Zeit zusammen hatte. Die letzten Tage haben wir auf Polarsteps gesehen, dass Julia und Markus sich ganz in unserer Nähe befinden. Nach unserer Nacht am Balnearios Iporá schaffen wir es tatsächlich, die beiden jungen Deutschen auf Kaffee und Kuchen zu treffen. Diesmal ist leider etwas Wehmut dabei, werden wir uns doch zum letzten Mal hier in Südamerika treffen. Ihre Reise neigt sich dem Ende zu.
Wir wollen ins Lunarejo-Tal, ein Naturschutzgebiet im Nordwesten Uruguay. Es entstand durch die Erosion von Basaltgestein und bildete steile Hänge, Schluchten, Klippen, Wasserfälle, mit Vegetation bewachsene Höhlen und ein einzigartiges Ökosystem mit einer vielfältigen Flora und Fauna. Was uns erst der Ranger im Visitor Center erklärt, das Gebiet ist zu 90% in Privatbesitz. Ohne Reservation geht da fast gar nichts. Die von uns bevorzugte Estanzia hat erst morgen Abend für uns Zeit. Also übernachten wir erst mal beim Besucherzentrum und schauen morgen weiter.
Alternativ versuchen wir es mit einer Tour in den nur 60 km entfernten Amethyst Minen und werden sofort fündig. Um 10:30 treffen wir Guide Axel mit den anderen Teilnehmern und fahren gemeinsam zum Abbaugebiet in der Region El Catalán. Wir gehen hinein in einem speziell für Touristen ausgestatteten Minentunnel. Aufgebrochene Geoden bedecken die Wände. Axel lässt uns den Weg des Bergmanns nachvollziehen, wie er diese Geoden findet und sie im Ganzen bergen kann. Das ist die große Herausforderung beim Bergbau: den Stein nicht zu zerbrechen, sodass jedes Stück einzigartig ist und einen hohen Wert erzielen kann.
Der Amethyst ist die malvenfarbene Varietät des Quarzes. Der Halbedelstein wächst in Geoden, kugelförmigen Hohlräumen, die mit Kristallen gefüllt sind und in vulkanischem Gestein vorkommen. Seine Farbe kann je nach Menge des enthaltenen Eisenoxids in ihrer Intensität variieren. Uruguayischer Amethyst ist international bekannt für seine Reinheit und seinen leuchtenden violetten Farbton. Das Land hat einige der weltweit wertvollsten Exemplare dieses Minerals hervorgebracht, die aufgrund der Größe ihrer Geoden und der Intensität der Farbe besonders begehrt sind. Die Steine variieren in der Größe von kleinen Stücken bis hin zu Formationen mit einem Gewicht von mehreren Tonnen.
Auf dem Weg nach Artigas besuchen wir die Werkstätte De Oliveira Mineraciones. Hier werden die Rohsteine geschnitten, geschliffen, poliert und klassifiziert. Neben der Zufahrt lagern Amethyst Stücke in grossen Säcken. Grössere liegen über den Hof verteilt. Unter einem Vordach steht eine Diamantsäge mit einem riesigen Blatt. Da ist dasjenige aus unsere Steinwerkstatt nur mal ein Spielzeug dagegen. Wir schauen zwei Arbeitern zu, wie sie mit einfachen Winkelschleifern eine E-Gitarre entstehen lassen. Es sind wahre Künstler.
Dann geht es in den Ausstellungsraum, wo das Funkeln kein Ende findet. Grosse Geoden, dunkle Kristalle und fantastische Formen füllen das Bild. Herzen, Monde, Schmetterlinge. Uns faszinieren besonders diejenigen, bei denen ein Stück aus kristallisiertem Kalzium scheinbar den Amethyst Kristallen wächst. Es scheint, die Natur betrachtete ihr Werk noch nicht als vollendet und formte es weiter.
Bevor wir Uruguay verlassen, gönnen wir uns ein kleine Auszeit vom Reisen in den Termas del Arapey. Neben der natürlichen Umgebung mit vielen verschiedenen Vögeln, bietet Uruguays erster Thermalpark verschiedene Wasserbecken mit Temperaturen zwischen 27 und 41 °C. Das Thermalbad verfügt über einen1’300 m tiefen Brunnen, der 1945 vom Geologischen Institut Uruguays auf der Suche nach Erdöl gebohrt wurde. Das mineralreiche Wasser sprudelt aus dem Guarani-Aquifer, dem riesigen natürlichen Süßwasserreservoir, das sich unter der Oberfläche von Teilen Argentiniens , Brasiliens , Paraguays und Uruguays erstreckt. Es tut gut, im angenehm warmen Wasser zu entspannen und den Papageien beim Nestbau zuzusehen.
An der letzten Tankstelle vor der Grenze füllen wir den Tank noch einmal auf. Diesel ist hier zurzeit einiges günstiger. Der Tankwart putzt unsere Frontscheibe und bekommt unsere restlichen uruguayischen Pesos als Trinkgeld, war eh nicht mehr viel.
Wir überqueren den 3 km langen Staudamm des binationalen Wasserkraftwerk-Komplex Salto Grande, der den Rio Uruguay auf einer Fläche von 780 km2 staut und Uruguay mit Argentinien verbindet. An der Grenzstation der beiden Länder. Ein schwerbewaffneter Soldat heisst uns, Rocky mitten auf der Fahrbahn abzustellen. Unter seiner fachkundigen und sicheren Führung meistern wir den uruguayischen Zoll, die binationale Migration und den argentinischen Zoll in weniger als einer halben Stunde. Schon heisst es: Willkommen zurück in Argentinien.

29.04.2026 – 27.05.2026

01.03.2026 – 31.03.2026
