USA West II -Kanada West I

Idaho, Wyoming, Montana, South Dakota, North Dakota – Alberta

29. Mai 2023 bis 29. Juni 2023

D

ie Umgebung auf unserem kurzen Bogen durch Idaho erinnert stark an die Schweiz. Saftig grüne Felder und Wiesen, gepflegte Holzhäuser, im Hintergrund bewaldete Hügel und Berge mit Schneekappen. Kühe und Pferde grasen friedlich auf den Weiden.

An den Lower und Upper Mesa Fällen fällt viel Wasser über die Felsenklippen, Schmelzwasser vom äusserst schneereichen Winter auch hier.

Dann fahren wir in den berühmten Yellowstone National Park, den ersten Nationalpark der Welt! Über 10‘000 hydrothermale Aktivitäten, davon 300 aktive Geysire gibt es im Park und etwa 200 Wasserfälle. Mehr als 320 Vogelarten und 67 Säugetierarten leben hier, darunter Grizzlybären, Wölfe, Bisons, Hirsche und Elche. Die wollen wir natürlich sehen. Und es fängt gut an. Bereits kurz nach dem Parkeingang stehen Autos links und rechts der Strasse. Das deutet auf eine Sichtung hin. Tatsächlich, Erika sieht gerade noch, wie ein Bär im Gebüsch verschwindet. Na ja, etwas mehr Bär wollen wir schon noch sehen.

In Utah haben wir der Erde ins Innere geschaut, nun spüren wir ihren warmen Atmen. Es blubbert, zischt, grollt und faucht. Wohin man schaut, dampft es aus der Erde, was eine mystische Stimmung in den kalten Morgen zaubert. Wasserbecken in den schönsten Farben, von türkis bis dunkelblau, orange am Rand und weiss, dazwischen gelb und diverse Grüntöne. Einige speien heisses Wasser, kleinere oder höhere Fontänen. In anderen blubbert Schlamm, braun, weiss oder grau. Blub, blub, blubblub.

Grand Prismatic Spring im Midway Geyser Basin ist Yellowstones grösste heisse Quelle mit einem Durchmesser von 113 m. Die tiefblaue Farbe des Beckens und die es umgebenden Ringe aus gelb- und orangefarbenen Thermophilen (Mikroorganismen) ergeben zusammen einen wunderschönen Prismen Effekt. Den schönsten Ausblick über Grand Prismatic gibt es nach einer kurzen Wanderung vom entsprechenden Overlook.

Nur ein paar Kilometer weiter führt der Biscuit Basin Trail vorbei an Geysiren, heissen Quellen und sprudelnden Schlammlöchern mit so klangvollen Namen wie Black Opal Spring, Sapphire Pool, Jewel Geyser, Black Pearl Geyser und Mustard Spring.

Natürlich wollen wir auch den bekanntesten Geysir, den Old Faithful, in Aktion sehen. Tausende Gallonen dampfendes Wasser donnern bei jedem Ausbruch bis zu 55 Meter in den Himmel. Die Zeit zwischen den Eruptionen variiert zwischen 51 und 120 Minuten. Als wir ankommen stehen und sitzen schon viele, sehr viele Leute gespannt da. Vielleicht ein gutes Zeichen, dass es bald losgeht. Und wirklich, lange lässt der alte Treue nicht auf sich warten, dafür hat er heute nicht so viel Druck. Trotzdem, eindrücklich.

Ah ja, und Tiere wollten wir beobachten. Bisons sind hier allgegenwärtig. Schon bei der Ausfahrt zum Campingplatz stehen zwei mächtige Bullen in der Wiese und grasen unbekümmert. Hätten wir gewusst, wie nahe wir diesen grossen Tieren noch kommen, so hätten wir hier keinen Fotostopp eingelegt. Auf der Fahrt durch die Geysire treffen wir neben der Strasse auf ganze Herden. Beim Parkplatz zum Grand Prismatic Trail liegen sie dann sogar direkt am Strassenrand. Die empfohlene Distanz von 23 m ist hier nur schwer einzuhalten. Mit dem nötigen Respekt und der Kamera im Anschlag gehen wir an ihnen vorbei. Für die Bison wohl nichts aussergewöhnliches. Für uns eher schon, kann doch so ein Tier bis zu 1‘000 kg schwer werden und bis zu 60 km/h sprinten.

Auf dem Rückweg ins Camp, fahren wir durch das breite, sanft geschwungene Hayden Valley. Der Yellowstone River schlängelt sich durch das Tal und bildet Sümpfe, in denen wir Schwäne und Kanadagänse sehen können. Unzählige Hirsche, hier Elk genannt, und Bisons grasen auf der Flussebene. Sogar einen Weisskopfseeadler entdecken wir in seinem Nest. Bären und Wölfe, die auf der Suche nach Beute durch die Gegend patrouillieren sollen, bleiben uns versagt.

Gewitterwolken ziehen hinter dem Norris Geyser Basin auf und lassen die Landschaft surreal erscheinen. Es riecht nach faulen Eiern. Ja, liebe Erde, diese Eier sind gar. Die dampfenden Pools auf dem nördlichen Rundweg haben hier Namen wie Ebony Geyser, Porcelain Springs und Scummy Pool. Entsprechend sind auch ihre Farben eher grünlich, weiss und hell gelb. Auch die kleinen Flüsschen, in denen das Wasser abfliesst, widerspiegeln das Farbenspiel, dass auch hier von Mikroorganismen gebildet wird. Neben vielen anderen dampft und stampft im südlichen Teil die Superlative. Der Steamboat-Geysir in Norris ist der höchste aktive Geysir der Welt (ein neuer Rekord wurde 2018 aufgestellt!) und weist seltene, unvorhersehbare Ausbrüche mit einer Höhe von 100 bis 130 m auf. Der einst vorhersehbare Echinus-Geysir ganz in seiner Nähe variiert heute stark. Wenn er ausbricht, kann er die Aussichtsplattform besprühen. Aber beide tun uns den Gefallen nicht und bleiben ruhig.

Nur wenige der hydrothermalen Eigenschaften von Yellowstone verfügen über die Anmut und Schönheit der Mammoth Hot Springs. Mineralstoffreiches, heisses Wasser aus der Erdkruste gelangt an die Oberfläche und bildet eine Reihe terrassierter Travertin Ablagerungen. Die Gestaltung der Terrassen geht immer weiter. Täglich sprudeln Tausende Liter Wasser hervor, fliessen von einem Becken ins andere und hinterlassen ihre Spuren. Blendend weiss, gelb, grau, schwarz, strahlend im Sonnenschein, einfach schön.

Und dann stehen sie, mit Feldstechern und grossen Teleobjektiven. Ein Bär wurde gesichtet. Wir stellen uns dazu und schauen. Wo ist er? Irgendwo da unten, hinter den Tannen soll er sein. Lange versuchen wir ihn zu finden. Dann, wir sitzen bereits wieder im Auto und wollen weiter, kommt er aus der Deckung. Er springt uns den Hang hoch. Wir können ihn mit blossem Auge gut beobachten, bis er hinter einem Hügel verschwindet.
Zum Frühstück am nächsten Morgen begrüsst uns eine Elkkuh, die neugierig zwischen den Zelten und Wohnmobilen durchzieht. Als wir weiterziehen wollen, weidet doch tatsächlich ein Bison friedlich gleich nebenan.

Uns zieht es in das geothermische Gebiet vom Mud Vulcano. Die Dragon’s Mouth Spring zeigt ihren heissen Atem und speit Dampf und Wasser aus dem Höhlenmund. Mud Vulcano wird seinem Namen gerecht und sprudelt und blubbert ziemlich schlammig. Wir steigen den Rundweg hoch zum Sour Lake. Zwei Bisons scheinen die gleiche Idee zu haben. Kurz vor uns springen sie über den Bordwalk. Der vorgegebene Mindestabstand ist ihnen wohl egal. Einer wälzt sich anschliessend am Boden. Sein zottiges Winterfell scheint ihn zu jucken.

Ach ja, die Wasserfälle. Immer wieder halten wir an einem der tosendem Wasserfälle. Die Kepler Cascades, die Gibbon Falls und der Tower Fall. Aus einem scheinbar friedlichen, wenn auch übervollen Bergbach wird so plötzlich ein wild spritzendes, fauchendes Durcheinander von Wasser und Nebel, dass nicht selten einen herrlichen Regenbogen erlaubt. Den Höhepunkt der Wasserfälle zeigt sich im Grand Canyon of the Yellowstone. Der turbulente Yellowstone River brüllt und schäumt 30 Kilometer durch den Grand Canyon des Yellowstone. Die farbenfrohsten Abschnitte des Canyons befinden sich in der Nähe von Canyon Village. Hier liegen auch die beiden grossen Wasserfälle, mit 30 m und 100 m ein wahres Symbol für die Kraft der Natur. Aussichtspunkte erlauben eine einmalige Sicht auf die Schlucht, den Fluss und die Wasserfälle, so zum Beispiel am Artist Point. Der Name sagt alles: Steil fallen die Felswände ab zum Yellostone River, in allen Farben, wie gemalt, rahmen sie den Wasserfall ein. Steile Pfade erlauben an mehreren Stellen den fast schon wagemutigen Abstieg vom Rand des Canyons an die Kante der Wasserfälle. 180 m führt es uns in die Tiefe, genau an den Punkt, wo das Wasser schwindelerregend in die Tiefe fällt. Grand Canyon und Niagara Fälle in einem.

Die Nacht ist kalt auf über 2‘400 m.ü.M. Der Tisch auf unserem Stellplatz im Canyon Village Campingground liegt noch tief im Schnee. Unser letzter Tag im Yellowstone gehört ganz den Tieren. Über den Dunraven Pass fahren wir ins Lamar Valley und halten Ausschau. Eine Herde von Elks geniessen die morgendliche Ruhe. Ein kurzen Looptrail bei den Calcite Springs erlaubt eine tiefe Sicht in den dortigen Canyon. Die ganze Flanke des Tales präsentiert sich in weissgelb. Stiegen da nicht die einzelnen Dampfwolken hoch, man wähnte sich in der Rheinschlucht im Schweizer Kanton Graubünden.

Wenig später stehen Fahrzeuge chaotisch am Strassenrand, das eindeutige Zeichen für eine Sichtung. Erika sieht gerade noch eine Schwarzbär-Mutter mit ihren zwei Jungen über die nahe Bergkante verschwinden. Schade.
Das Lamar Valley wird manchmal auch die Serengeti Amerikas genannt, weil man dort so leicht grosse Tierpopulationen beobachten kann. Schon nach den ersten Kurven stehen sie da. Grosse Herden von Bisons mit ihren orangefarbenen Kälbern. Überall scheinen sie zu Hause zu sein. Pronghorn Antilopen schauen neugierig aus den grauen Büschen.
Ein Wolf? Nein, es ist ein Kojote bei seinem Mittagessen, der dann ohne Scheu direkt auf uns zu kommt und die Strasse überquert. Diesmal sind wir es, die das Wildtier zuerst entdeckten und den Fahrzeugstau verursachten.
Die wunderschöne Sicht aufs weite Tal öffnet sich. Grünen Wiesen mit gelbem Blumenschimmer, riesige Bisonsherden, die friedlich darauf weiden, der Lamar River schlängelt sich silbern mittendurch und im Hintergrund die Berge mit leuchtend weissen Schneekappen. Ein Bild fürs Gemüt, ein Bild zum Malen. Dann stehen auf dem Parkplatz viele Tierspotter mit ihren riesigen Teleobjektiven. In über 1 km Entfernung liegt eine Meute von Wölfen im Gras. Mit unserem Fernglas sind sie kaum zu erkennen. Da hilft ein dankbarer Blick in eines der grossen Rohre.

Auf dem Nachhauseweg fällt uns bei den Tower Falls eine Ansammlung von Personen mit Kameras auf. Rechts um kehrt und nichts wie hin. Ein Braunbär streift gleich unterhalb des Parkplatzes durchs Gebüsch. Er kratzt sich den Rücken an einer Tanne, steigt den Hang hinauf und kommt uns Beobachtern recht nahe, weit näher als die empfohlenen 100 m. Die vorwitzigsten Fotografen weichen bereits zurück. Den Bär kümmert es nicht. Grasfressend steigt er weiter auf, überquert die Strasse und verschwindet im Gehölz. Nach sechs Tagen verabschieden wir uns vom Yellowstone Park, von der Elk Familie, den Herden von Bisons und den Pronghorns. Sogar die Schwarzbärin mit ihren beiden Kindern zeigt sich noch einmal spielend am Strassenrand. Nur der Wolf lässt sich zum Abschied nicht sehen, dafür dürfen wir wegen einem Fuchs anhalten, der direkt um die Fahrzeuge streicht.

Es geht hoch hinauf in die Berge. Die Beartooth All-American Road zwischen Cooke City und Red Lodge verläuft im Zickzack über die Grenze zwischen Montana und Wyoming durch eine Reihe steiler Serpentinen und steigt am Beartooth Pass von etwa 1’500 m auf 3’337 m.ü.M. an. Der Pass ist erst seit einigen Tagen offen. Die Seen sind noch mit Eisschollen bedeckt. Hohe Schneemauern am Strassenrand lassen erahnen, wie hoch die weisse Pracht hier im Winter liegen mag. Touristen tummeln sich bei kühlen Temperaturen in kurzen Hosen und Badeschlappen auf den Schneefeldern. Kurz nach der Passhöhe ist sogar ein Skilift in Betrieb. Dort wo der Schnee schon geschmolzen ist, springen schon munter die Murmeltiere herum.

Drei Punkte haben wir beide auf unseren Karten markiert, von denen wir dachten, dass sie zu weit ab unsere Routen durch die USA liegen und wir sie deshalb missen werden. Einer spontanen Eingebung folgend, verlassen wir die Route nach Norden für einen ungeplanten Ausflug zu diesen Punkten weit nach Osten. Wie fahren durch weites Farmland, Cowboy Land, durch hügelige Landschaft, Rolling Hills. Viele Pronghorn Antilopen finden sich auf den Feldern ringsum. Die Strassen verlaufen schnurgerade. Kurven sind hier eher vertikal als horizontal. Vor einer Steigung gibt es einen Ausstellplatz, auf dem bei blinkender Anzeige die LKW Schneeketten montieren müssen. Auf der anderen Seite des Hügels dann wieder ein Platz um sie zu demontieren. Jetzt blinken die Lichter nicht. Es ist herrlich warm, wir können am Abend endlich wieder einmal draussen essen.

In der Ferne tauchen Bergrücken und rote Felsen auf. Es wird waldig. Und dann erhebt sich der Devils Tower wie ein felsiger Wächter über das umliegende Grasland und die Kiefernwälder. Geologen haben die Formation seit dem späten 19. Jahrhundert untersucht und wissen, dass der Turm aus einem seltenen magmatischen Gestein, Phonolith-Porphyr, besteht und das grösste Beispiel einer Säulenverbindung auf der Welt ist. Einige der Säulen sind mehr 200 m lang und haben einen Durchmesser von 6 m. Wieder einmal eine Superlative in den USA. Obwohl man sich über einen Grossteil der geologischen Geschichte des Turms einig ist, gehen die Theorien über seine Entstehung in bestimmten Details auseinander. Einige Indianer halten den Namen „Devils Tower“ für unangemessen und setzen sich für eine Namensänderung ein. Sie nennen den Turm „Bear Lodge“, wegen der vielen Bären die hier heimisch waren. Sie kennen viele mündliche Überlieferungen und heilige Geschichten über die Entstehung des Turms. Die Geschichte der Cheyenne, Crow, Kiowa und Lakota erzählt von einem Turm, der in die Höhe wuchs, um den Menschen zu helfen, den Bären zu entkommen, die einst in der Region lebten. Arapaho erzählt von einem Bärenmädchen, das ausrutscht und einen riesigen Stein zerkratzt.

Und dann laufen wir noch durch Prärie Dog Town am Fusse des Turms. Präriehunde sind grabende Eichhörnchen, die in grossen Kolonien leben, die als Städte bezeichnet werden. Ihre Städte bilden ausgedehnte Tunnelnetze unter der Prärie, und verlassene Tunnel können Lebensraum für andere Arten bieten. Alle paar Meter stehen sie auf ihren Hügeln. Einige fressen unbeirrt weiter oder springen durchs Gras bis der Chef pfeift, was fast wie ein Bellen tönt. Dann aber geht es schnell ab ins nächste Loch. Einer stellt sich tot und presst sich auf den Boden. Nein, wir sehen dich nicht!

Das Mount Rushmore National Memorial symbolisiert die Ideale von Freiheit und Demokratie. Es ist eine patriotische Hommage an die vier US-Präsidenten George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln, die der Bildhauer Gutzon Borglum mit 18 m hohen Gesichtern in einen Berghang in den Black Hills von South Dakota meisseln liess. Borglum wollte die Präsidenten bis zur Hüfte herausmeisseln. Aber der Berg verfügte nur über eine begrenzte bearbeitbare Oberfläche und was noch schlimmer war, die Finanzierung war aufgebraucht. Am 31. Oktober 1941 wurde das Projekt für abgeschlossen erklärt.
Wer schon einmal mit dem Meissel einen Naturstein bearbeitet hat, weiss was es bedeutet. Nur ein zu harter Schlag und ein zu grosses Stück ist für immer weg. Und hier war nicht nur der Meissel am Werk. 90 % des Berges wurden mit Dynamit geschnitzt. Die Pulvermänner legten Dynamitladungen bestimmter Grössen auf, um präzise Mengen an Gestein zu entfernen. Geblieben sind 8 Meter lange Nasen, 3 Meter breite Augen. Alle Dimensionen stimmen, die vier Gesichter sind klar zu erkennen. Mount Rushmore ist ohne Frage eine handwerkliche Meisterleistung. 14 Jahre beschäftigten die 400 Arbeiter am Mount Rushmore mehr als nur einen Presslufthammer, sie verdienten mehr als 8.00 Dollar pro Tag, sie bauten ein Denkmal, das Menschen aus dem ganzen Land und der ganzen Welt über Generationen hinweg besichtigen würden.
Leider sehen die Lakota-Indianer dieses Denkmal eher als Entweihung ihres heiligen Berges an, der bei ihnen Tunkasila Sakpe Paha oder Berg der sechs Grossväter heisst. Schon vor seiner Fertigstellung gab es Proteste wegen seiner Lage auf indigenem Land, die 1980 vor dem Obersten Gerichtshof der USA zugunsten der Lakota-Stämme entschieden wurden. Weiter laufen noch heute Debatten darüber, ob eine andere Person einen Platz auf dem Berg mehr verdient. Dies alles wird im Mount Rushmore National Memorial nicht erwähnt. So bleibt trotz der Grossartigkeit des Kunstwerks ein fahler Nachgeschmack.

Und wieder einmal geht es gemäss Ansage auf die ungewöhnlichste und faszinierendste Strasse in Amerika, die Iron Mountain Road. Diese 27 km lange Strasse wurde speziell mit einer enormen Anzahl an Kurven entworfen, 314 insgesamt. Dies um die Geschwindigkeit der Reisenden auf 55 Kilometer pro Stunde zu begrenzen, damit sie die Schönheit der Black Hills geniessen können. Was diese Strasse tatsächlich einzigartig macht, sind nicht nur die vielen Kurven und die Schönheit der Umgebung, sondern die architektonischen Besonderheiten entlang dieser Strasse. Zu diesen Merkmalen gehören Holzkonstruktionen, sogenannte Pigtail-Brücken, auf den die Strasse eine 360° Kehre vollzieht. Und einspurige Tunnel, die gebaut wurden, um den Mt. Rushmore wie einen Bilderrahmen zu präsentieren. Auch unseren Rocky rahmen sie ein, er passt geradeso durch, sogar ohne die Rückspiegel einzuklappen.

Hinter dem Mt. Rushmore liegt ein weiterer Berg und ein weiteres Denkmal. Dieses ist viel grösser: Die Köpfe der Präsidenten würden, wenn sie übereinandergestapelt würden, etwas mehr als bis zur Hälfte reichen. 1939 schrieb der Lakota-Älteste Henry Standing Bear an den polnischen Bildhauer Korczak Ziółkowski und fragte, ob er ein Denkmal zu Ehren der amerikanischen Ureinwohner errichten würde. Das Denkmal soll den Oglala-Lakota-Krieger Tasunke Witko darstellen – bester bekannt als Crazy Horse – und der weissen Welt zeigen würde, dass der rote Mann auch grosse Helden hatte. Nach fünfundsiebzig Jahren Arbeit ist es noch lange nicht fertig. Alles, was vom Thunderhead Mountain aufgetaucht ist, ist ein riesiges Gesicht – ein Mann aus Stein, der mit gerunzelter Stirn die Welt vor sich betrachtet. Bis 2050 soll das Denkmal fertig sein und nicht nur den Kopf des Indianers, sondern einen Mann, der rittlings auf einem Pferd mit wallender Mähne sitzet, den linken Arm vor sich ausgestreckt. Es gibt noch viel zu tun.
Im Gegensatz zu Borglum am Mt. Rushmore arbeitete Ziółkowski allein und ohne staatliche Mittel. Später halfen ihm seine 10 Kinder. Die Jungen arbeiteten am Berg, die Mädchen halfen den Besuchern. Seine Nachkommen sind heute noch aktiv. Auf dem Gelände befinden sich ausser dem Denkmal ein Besucherzentrum, ein Museum zur Dokumentation der Geschichte der amerikanischen Ureinwohner und eine Universität. Der Komplex gehört heute der Crazy Horse Memorial Foundation, deren Finanzierung ausschliesslich über Spenden läuft.
Aber auch hier gibt es Kritik. Einige Lakota argumentieren, dass eine Skulptur in Berggrösse eine äusserst schlecht gewählte Hommage sei. Als Crazy Horse lebte, war er für seine Bescheidenheit bekannt, die in der Lakota-Kultur als Schlüsseltugend gilt. Andere äussern sich, dass das Denkmal nicht zu einer Hommage an Crazy Horse, sondern an Ziolkowski und seine Familie geworden sei; Es gibt keine bestätigten Fotos von Crazy Horse, was zu hartnäckigen Gerüchten führt, dass das Gesicht der Skulptur Korczak selbst nachempfunden sei.

Wir wandeln weiter auf, bzw. zu den Spuren eines amerikanischen Präsidenten. Seit 500.000 Jahren hat sich die Erosion tief in den weichen Boden des Theodore Roosevelt National Parks hineingefressen und eine Mondlandschaft entstehen lassen. Kegel, Grate, Rinnen, Schluchten, Zinnen und Klippen, bis zu 300 m hohe Formationen aus geschichteten Mineralienablagerungen in sich verändernden Farben. Durch alles durch, mal etwas höher, mal etwas tiefer, zieht sich eine schmale schwarze Schicht: Kohle. Von 1951 bis 1977 brannte ein unterirdisches Kohlefeuer. An manchen Tagen gab es nur eine Rauchwolke, an anderen Tagen leuchte der glühende der Stein am Boden wie in tiefen Gletscherspalten. Pflanzen verdorrten auf dem heissen Boden. Hügel bröckelten. Das Land gab nach.

Der Ort begann als Militärquartier namens Little Missouri. Es wurde 1883 vom Marquis de Mores, einem unternehmerischen französischen Adligen mit dem grossen Traum eines Fleischverpackungsimperiums, offiziell Medora genannt, nach seiner Frau Medora von Hoffman. Im selben Jahr machte der junge Theodore Roosevelt seinen ersten Besuch in Medora – wo er später nach dem Tod seiner Frau Trost und Kraft finden sollte. Viele Jahre später sagte er: „Ohne meine Zeit in North Dakota wäre ich nie Präsident geworden.“
Was uns wirklich in das kleine Dorf in North Dakota gezogen hat, ist «die grösste Show im Westen», das Medora Musical. Die mitreissendste Show mit Varieté-Acts, Country-Western-Klassiker, Feuerwerk und Pferden auf der Bühne erzählt die Geschichte von Theodore Roosevelts Zeit in den Badlands und der Gründung von Medora. Auch wenn wir nicht alle Liedertexte verstanden haben, den Besuch war’s wert. Es war es ein stimmiger Abend auf der Freilichtbühne mit offenem Blick in die Badlands. Viel Kultur auf der Bühne und viel Popkorn im Publikum.

Sehr interessant ist die Fahrt nicht, von Medora nach Fort Peck. Weite Felder und Wiesen, dann wieder Badland mit seinen farbigen Hügeln und kleinen Canyons. Vieles scheint Farmland zu sein, doch können wir keine Cowboys entdecken, nur einige verstreute Kühe und hie und da ein Pronghorn oder ein Reh.
Als Kuriosum des Tages erfahren wir die grösste Abwechslung in der eigentlich eintönigen Fahrt entlang eines 35 Kilometer langen Güterzug. Mehrere hundert Güterwagons für Getreide warten hier auf einer nicht gebrauchten Nebenstrecke auf ihren Einsatz nach der Ernte.

Wir «überqueren» den Missouri River auf dem Fort Peck Damm, einem der grössten Erdschüttdämme der Welt. Der Fort Peck Lake, den der Damm aufstaut, ist der fünftgrösste angelegte Stausee in den Vereinigten Staaten. Der ursprünglicher Zweck war nicht nur die Kontrolle von Überschwemmungen, sondern auch die Schaffung von Arbeitsplätzen in einer von Depressionen geplagten Wirtschaft. Das ehrgeizigste Bauprojekt ermöglichte über 10.000 Menschen Arbeit in einem Staat, in dem aufgrund der schweren Dürre zehn Jahre vor dem Rest der Welt die Weltwirtschaftskrise begann.
Das Fort Peck Interpretive Center erinnert an die Geschichte des Staudamm- und Kraftwerksbaus. Die Hauptattraktion ist aber „Peck’s Rex“, eines der vollständigsten Tyrannosaurus Rex Skelette, das je gefunden wurden. In der Lobby befindet sich eine lebensgrosse Nachbildung von Peck’s Rex und in der Ausstellungshalle ist ein Skelettabguss in Originalgrösse zu sehen. Dem Ding wollten wir lieber nicht auf freier Wildbahn begegnen.

Wir fahren wieder zurück zu den Rocky Mountains in den Westen von Montana. Von Glasgow über Malta nach Zurich und immer weiter auf dem US Highway 2, der Hi-Line 2. Schon in Glasgow macht uns eine Wandmalerei darauf aufmerksam, dass wir uns «in the middle of nowhere» befinden, in der Mitte von Nirgendwo. Das kann ja interessant werden. Weizenfelder in grün, noch eines mit schon etwas höheren Pfanzen, aber auch abgeerntete graue Felder. Warum wird da wohl nichts gepflanzt? Eines haben sie alle gemeinsam; Sie sind gross, so gross, dass ihre Grenzen im Dunst des Horizonts verschwinden. Immer wieder und immer öfter treffen wir auf Getreidesilos, ganze Silolandschaften inklusive Ladestationen für die Bahn. Hier werden dann wohl die abgestellten Getreidewagons gefüllt. Auf jeden Fall sorgen sie für eine kurze Unterbrechung der langweilen Fahrt. Mitten im Nirgendwo dann kleine Dörfer, oder eher nur Ansammlungen von Häuser und Zurich. In der nicht rechtsfähigen Gemeinde Zurich gibt auch eine Bar. (Wir haben sie weder besucht noch gefunden). Das Geschäft und die Bank sind geschlossen und verlassen, ebenso wie zwei Getreidesilos und andere Geschäftsgebäude. Verschiedene Online-Quellen geben die Bevölkerungszahl mit 22–23 Einwohnern an. Und es gibt einen Campingplatz und es gibt Moskitos. Die zuricher Mücken sind so aggressiv, dass wir umgehend wieder weiterziehen. Unser vorläufig letzter Spot in den USA ist der Glacier National Park. Drei Tage sind wir mitten durch the middle of nowhere gefahren.

Einer Fatamorgana gleich, erscheinen am Mittag des dritten Tages mystisch die Berge der Rocky Mountains am Horizont. Der Glacier National Park ist nach den Überresten von Gletschern aus der Eiszeit benannt. Noch Ende des 19. Jahrhunderts gab es 150 Gletscher im Gebiet des Parks. Davon übrig geblieben sind heute nur noch 25 Gletscher, die allesamt nur durch anspruchsvolle Bergwanderungen zu erreichen sind. Und das Abschmelzen wird in rasantem Tempo weitergehen, befürchten die Wissenschaftler. Abgesehen von seinen geologischen Besonderheiten beherbergt es auch einiges an Geschichte. Die Going-to-the-Sun Road – eine malerische, 50 Meilen lange Fahrt durch den Park – ist ein nationales historisches Wahrzeichen und ein Wunderwerk der Ingenieurskunst, das spektakuläre Ausblicke bietet soll. Uns bleibt die Strasse zur Sonne verwehrt. 21 Fuss ist die maximale Länge für Fahrzeuge, Rocky ist 60 cm zu lang. Das war uns bereits im voraus bekannt. Also wollen wir den gratis Shuttlebus nehmen, zumindest bis auf den Logan Pass. Leidet fährt dieser aber erst ab dem 1. Juli. Das war uns nicht bekannt. Die Ranger empfehlen uns eine teure geführte Tour oder Autostopp zum Pass. Wir belassen es bei einem Spaziergang entlang des St. Mary Lake, um die vielfarbigen Steine zu bewundern. Wenigstens die sind da und frei zugänglich.
Dann verwehrt sich uns der Park komplett. Schwere Wolken ziehen auf, Donnergrollen kündet den Sturm an. Für die nächsten Tage – wir haben 3 Nächte im Many Glacier Campingplatz reserviert – bleibt es nass und kalt mit Tagestemperaturen um die 12° C. An eine Wanderung in die Berge ist nicht zu denken. Aber da gibt es zum Glück am nahen Swiftcurrent Lake ein National Historic Landmark, das eine echte Schweizer Atmosphäre bieten soll. Schon die Pagen am Eingang des Many Glacier Hotels sind «echt» Schweizerisch gekleidet: Lederhosen und Filzhut mit Gamsbart ;-(. Dann aber wird es wirklich heimatlich. Das Hotel im Chalet Stil mitten in der alpinen Schönheit – die sich heute leider nicht zeigt – präsentiert den Besuchern die Swiss Lounge und den Heidi’s Snack Shop. Schweizer Kantonswappen dekorieren die markante Atrium-Lobby. Im Einklang mit der Ära, in der das Hotel erbaut wurde, bieten die Zimmer den Gästen bescheidene Annehmlichkeiten und Unterkünfte im altmodischen Stil. Es gibt weder Fernseher noch Klimaanlage.

Der Kühlschrank wird seit Tagen immer leerer. Ein Zeichen dafür, dass es wieder einmal auf eine Landesgrenze zugeht. Ein Kunstwerk der Blackfeet Indianer, denen das Land hier gehört, eine Herde ihrer Büffel, unzählige Präriehunde links und rechts und auf der Strasse und schon stehen wir am kanadischen Zoll. Die obligate Fragen von wo, wohin, warum und wieso, keine Waffen, keine Drogen und schon sind wir wieder in Kanada.

Natürlich muss zuerst der Kühlschrank wieder zu Inhalt kommen. Dann heisst es; Willkommen in Calgary, der Olympia Stadt von 1988. 15 Medaillen haben die Schweizer Athleten gewonnen, 5 Gold, 5 Silber und 5 Bronze. Die kosmopolitische Stadt ist im übrigen Kanada auch als „Cowtown“ bekannt. Ihr wild westliches Erbe zeigt sie jedes Jahr im Juli an der Stampede, einer riesigen, 10 tägigen Rodeo Show. Calgary ist auch Kanadas Energiezentrum – sowohl wirtschaftlich als auch kulturell. Wir schlendern durch Downtown, vorbei an der historischen Old City Hall, dem gläsernen, nierenförmigen Bow-Gebäude, der Dragon’s City Mall im Chinesenviertel und der Olympic Plaza, auf der während der Olympiade die Medaillen vergeben wurden. Zwischen den Wolkenkratzer lässt sich immer wieder der Calgary Tower sehen. Der warme Sommertag erweckt die Innenstadt zum Leben. Wir geniessen das bunte Treiben in der Fussgängerzone der 8th Ave, trinken ein Bier in einem der unzähligen Strassenrestaurants und freuen uns an der Countrymusik aus dem Laden nebenan.

Bei der Ausfahrt aus Calgary stechen von Weitem die Schanzentürme im Canada Olympic Park heraus. Nicht weniger als drei Sesselbahnen bringen im Winter die Sportler auf den Hügel. Jetzt ist alles Grün. Die Bobbahn steht als leeres Gerüst in der Landschaft. Vom Kopf der Grossschanze führt eine der schnellsten Zip-Lines rasant nach unten zum Zielhang. Ausnahmsweise verzichtet Marcel darauf sie auszuprobieren.

Wer hat nicht schon von Banff, Jasper und Lake Louise gehört. Zumindest letzteres ist bekannt durch die jährlich stattfindenden Skirennen. Die Orte liegen im Banff-, beziehungsweise im Jasper-Nationalpark. Der Wettergott scheint es nicht gut mit uns zu meinen. Das Dorf Banff empfängt uns mit Regen, die versprochenen schönen Berge liegen in dicken Wolken. Wenn sich diese etwas lichten wird klar, dort oben regnet es nicht, dort fällt Schnee. Und das am 20. Juni, einen Tag vor Mitsommer! Wie wir später feststellen, war der Schneefall nicht zu wenig und hat erheblichen Schaden angerichtet. Viele Laubbäume, aber auch Tannen sind unter der Last des Nassschnees zusammengebrochen. Am nächsten Tag klart es etwas auf, sodass zeitweise die verschneiten Berggipfel zu sehen sind. Wir schaffen es trocken vom Campingplatz ins Dorf, einem blühenden, ganzjährig geöffneten Ferienort mit Hotels, Restaurants, Kunstgalerien, Outdoor-Abenteuerausrüstern und jeder Menge Touristen.

Heute ist der Nationale Tag der Indigenen Völker. Aus diesem Anlass führt im Central Park eine Kulturgruppe der First Nations traditionelle Tänze vor. Sonnenschein begleitet sie und lässt die Perlen an ihren Kostümen glänzen. Der Zeremonienmeister versichert dem Publikum, dass die Indianer keine Skalps mehr nehmen, seit sie wissen, dass die weissen Männer ihre Haare von alleine verlieren.

Eine Stunde weiter über den Trans-Canada Highway das Bow River Valley hinauf liegt der Ort Lake Louise, etwas oberhalb der namensgebenden See. Der Parkplatz am See ist hoffnungslos überfüllt. Wir fahren zur Seilbahnstation und versuchen von dort mit den öffentlichen Bus zum See zu gelangen. Chancenlos, für heute sind alle Tickets ausverkauft. So geniessen wir einen sonnigen Nachmittag auf der Terrasse bei der Sesselbahn, direkt im Zielgelände Weltcup-Abfahrtpiste. Für uns etwas speziell; Bergbahnen und Abfahrtspisten mitten in einem Naturpark. Gegen Abend versuchen wir noch einmal zu See zu gelangen. Diesmal klappt es. Für 21 Kanadische Dollars – etwa 14 Euro – darf Rocky auf dem Parkplatz verweilen. Wir spazieren zum Ufer des Lake Louise mit seinem blauen Wasser und dem Gletscher im Hintergrund. Benannt nach der vierten Tochter von Königin Victoria, ist der wirklich wunderschöne Alpensee zum Schwimmen etwas kalt, einige versuchen es trotzdem.

Ein kurz Abstecher zum Yoho Nationalpark bringt uns auf die westliche Seite des Kicking Horse Passes. Über den Pass führt auch die Eisenbahn. Mit einer Steigung von 4,5 Prozent war dies der steilste Teil der gesamten Hauptstrecke des kanadischen Pazifiks. Der Betrieb war kostspielig – und gefährlich! Wracks und ausser Kontrolle geratene Züge waren auf dem «Big Hill» üblich. Frustriert von Unfällen suchte die Eisenbahngesellschaft eine bessere Lösung. Der Bergbahningenieur J. E. Schwitzer modellierte darauf eine Strecke mit Kehrtunneln nach Schweizer Vorbild. Sie war doppelt so lang, aber nur halb so steil. Natürlich sind die Kehrtunnel eine Attraktion, mit eigener Ausfahrt und grossem Parkplatz. Bei den langen Güterzügen ergibt sich ja auch ein interessantes Bild. Der gleiche Zug ist gleich dreimal zu sehen. Wenn man einen erwischt, denn es gibt keinen regelmässigen Fahrplan. Wir haben Glück, es windet sich gerade einer durch die Achterstrecke. Schade nur, dass er in den Tannen kaum zu sehen ist.

Der Icefields Parkway führt weiter nach Norden entlang des Bow River und verbindet Lake Louise mit Jasper. Die landschaftlich reizvolle Strasse schlängelt sich durch hoch aufragende, felsige Berggipfel und durch weitläufige Täler, vorbei an unzähligen blaue Seen und Wasserfällen. Bemerkenswert ist die Weeping Walll, an dem viele kleine Wasserfälle die Felswand hinunterstürzen und den Eindruck erwecken, als würde sie weinen. Der beliebteste Stopp entlang des Parkway ist zweifellos das Columbia Icefield, das grösste Eisfeld in den kanadischen Rocky Mountains. Es erstreckt sich über eine Fläche von etwa 230 Quadratkilometern und ist an seiner dicksten Stelle so dick wie der Eiffelturms hoch! Der Athabasca-Gletscher ist ein grosser Zeh, der sich vom Eisfeld herab erstreckt. Die Berggipfel um ihn herum liegen entlang der Kontinentalscheide, wo Wasser entweder in den Pazifik, den Atlantik oder den Arktischen Ozean fliesst.

Die maximal erlaubten 90 km/h sind auf dem gut ausgebauten Parkway gut einzuhalten, sodass man schnell an der so gelobten Natur vorbei von einer Attraktion zur nächsten gelangen kann. Dort erlaubt ein grosszügiger Parkplatz den See, den Berg oder den Wasserfall direkt von Auto aus zu betrachten. Der Motor kann dabei ruhig weiterlaufen, sodass die Klimaanlage die Temperatur von 18°C im Fahrzeug garantiert, wie zuhause, oder im Einkaufszentrum oder im Restaurant. Ausgestiegen wird nur für das obligatorische Selfie mit dem Gletscher im Hintergrund. Ist der Wasserfall mal wirklich nicht vom Parkplatz aus zu sehen, so führt ein kurzer Wanderweg zur Aussichtsterrasse, natürlich geteert, rollstuhlgängig, mit kurzen Hosen und Badeschlappen erreichbar. Da gibt es denn auch eine Infotafel, die ermahnt das Klima zu schonen, indem zuhause der Bildschirm ausgeschaltet wird, wenn niemand darauf schaut. Den Höhepunkt dieser Schizophrenie bietet sich am Icefield; Mit 25 Tonnen schweren Icefield Explorern werden die Touristen mitten auf den Gletscher gefahren, eine komfortable und aufregende Fahrt! Auf dem Gletscher ist eine sichere Zone präpariert, auf der die Abenteurer ihre Selfies aufnehmen dürfen. «Wir nehmen unsere Gäste mit auf eine Reise tief in die Wunder dieses magischen Ortes, teilen unser Expertenwissen und legen gleichzeitig Wert auf die Erhaltung durch verantwortungsvolle Erkundung» meint der Organisator. Na ja!?

Natürlich geht es auch natürlich. Zahlreiche Wanderwege führen uns weg von der Strasse, weg vom Massentourismus, in die hier so schöne Natur. Der Bow Glacier Falls Trail beginnt am türkisblauen Bow Lake und begleitet lange ein Bächlein mit glasklarem Wasser, in dem die farbigen Steine glitzern. Dort wo das Wasser aus einer engen Schlucht sprudelt, geht es für uns über eine Steile Treppe die Klippe hoch. Dann liegt vor uns, der Wasserfall. Ein Teil des Wassers scheint aus Löchern in der Felswand zu schiessen. Der weiter Weg höher zum Fuss des Falls ist steinig und hart. So viele verschiedenfarbige Steine mit fantastischer Musterung. Schon unbearbeitet richtige Schmuckstücke. Aber wir dürfen und können keine mitnehmen.

Im Zickzack führt der Wanderweg schweisstreibend hoch zum Parker Ridge. Das scheint den Mücken zu gefallen, die uns zahlreich begleiten. Die Belohnung kommt oben auf dem Bergkamm. Der Blick auf den Saskatchewan Gletscher, der türkisblaue See in den der Gletscher mündet, das Columbia Icefield im Hintergrund. Unglaublich stimmig und schön. Abgerundet wir das Bild durch die Wiesen mit den bunten Blumen. Natur pur.

Der Edith Cavell Gletscher schmiegt sich dicht an die Felsen. Blau schimmert die Abbruchkante. Wasserfälle schiessen aus dem Eis über die Felswand herunter in den See. Ein Rest des Gletschers liegt am Rande des Sees. Querrillen in blau und schwarz wie Jahrringe an Bäumen sind darauf erkennbar. Ab und zu bricht ein Stück aus der Wand ab, dass dann als Eisscholle auf dem Wasser schwimmt.

Wo sind nur die vielen Tiere, die sich in den beiden Nationalparks bewegen sollen. Vermutlich kennen sie dem grossen Touristenstrom und gehen im aus dem Weg. Recht haben sie. Es wurden für sie auch entsprechende Korridore angelegt, in denen jegliche menschliche Aktivitäten verboten sind. Dann haben wir Glück. Während der Fahrt auf einer Nebenstrecke kreuzt ein Schwarzbär die Strasse. Vom sicheren Auto aus beobachten wir ihn, wie er nach Essen sucht. Und nicht genug. Nur wenige hundert Meter weiter zottelt ein weiterer Schwarzbär der Strasse entlang. Er lässt sich von uns ungestört fotografieren und legt sich dann unter einen Baum.

Und wieder einmal sehen wir uns einen Wasserfall genauer an. Die Athabasca Falls sind nicht für ihre Höhe bekannt, sondern vielmehr für die gewaltige Wassermenge, die durch sie fließt. Im Laufe der Jahre hat sie einige sehenswerte Felsformationen geschaffen. Der erneute Schneefall hat noch einmal zusätzliches Wasser gebracht, dass jetzt laut donnern über die Felsen kracht.

Aus einem Seitental bei Jasper fliesst der Malinge River in den Athabasca. Kurz bevor er das Tal verlässt, hat er sich tief in den Felsen gegraben. Der Malinge Canyon ist so, wie wir uns eine Schlucht vorstellen; Eng, tief ausgewaschen, mit Wasserfällen und Gletschermühlen. Dieser Canyon bietet noch eine weitere Besonderheit. Die Wassermenge am Eingang des Canyons vervielfacht sich in seinem Verlauf, ohne das Bäche einmünden. Weiter oben im Tal liegt der Medicine Lake, der keinen oberirdischen Abfluss hat. Sein Wasser versickert im Karstgestein und tritt erst innerhalb des Canyons wieder an die Oberfläche. Auf dem Weg entlang der Schlucht können wir gut erkennen, wie Wasser aus seitlichen Höhlen strömt.

Ganz hinten im Tal liegt der Malinge Lake, mit 22.5 km der längste See in den kanadischen Rockies. Den wollen wir nicht erwandern, jedoch den kleinen Moose Lake, der seinen Namen nicht von ungefähr haben soll. Die sumpfige Umgebung bietet den idealen Lebensraum für Elche. So sollen die scheuen Tiere hier regelmässig zu sehen sein. Der feuchte Pfad zum See lässt uns über viele umgestürzte Bäume klettern, die der Last des nassen Sommerschnees nicht standhalten konnten. Elche sehen wir keinen. Wildlife gibt es dann überraschend auf dem Rückweg nach Jasper. Ein kapitaler Hirsch lässt sich von den Autos der Straße nach treiben.

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