USA West III

Washington, Oregon, Kalifornien, Nevada, Utah, Arizona

28. September 2023 bis 28. Oktober 2023

Die Fähre Coho, eine Jahrgängerin von Marcel, schifft uns über die Strait of Juan de Fuca und entlädt uns pünktlich in Port Angeles. Noch einmal ein paar Fragen des Zollbeamten, schon sind wir wieder in den USA. Erst geht es natürlich zu Walmart, Lebensmittel auffüllen. Speziell bei Grenzübertritten in die USA bauen wir diese jeweils auf ein Minimum ab. Am US-Zoll herrschen strenge Vorschriften, zum Schutz der eigenen Landwirtschaft vor importierten Krankheiten.

Wir biegen auf die berühmte Küstenstrasse 101, die entlang der Westküste der USA in Nord-Süd-Richtung von Olympia bis nach Los Angeles führt. Schon sind wir mitten im Olympic-Nationalpark, am nordwestlichsten Zipfel der Lower 48 (die USA ohne Alaska und Hawaii). Der Park bietet hoch aufragende Alpengipfel mit Gletschern, üppigen gemässigten Regenwälder, zerklüftete Küste am Pazifischen Ozean mit wilden Stränden.

Am Rialto Beach parken wir Rocky direkt am Strand. Obwohl die tosenden Wellen deutlich zu hören sind, können wir weder Sand noch Wasser sehen. Vor uns türmen sich Berge von Treibholz auf, die erst einmal überwunden werden wollen. Doch das ist gar nicht so einfach, denn Treibholz bedeutet hier ineinander verkeilte Urwaldriesen, die einen natürlichen Damm bilden. Also gilt es erst einmal eine durchdringbare Lücke zu finden. Der Aufwand lohnt sich. Vor uns schäumen die hohen Wellen. Pelikane fliegen in Staffeln dicht über dem Wasser in den Wellentälern. Hinter uns liegen die verwaschenen, von der Sonne gebleichten, riesigen Baumstämme. Wir laufen dazwischen auf dem kilometerlangen Kieselstrand mit wunderschönen, farbigen, rundgeschliffenen Steinen. Auf den Rückweg finden wir mit etwas Glück auch die Lücke im Treibholzgewirr wieder.

Weisse Bergspitzen blinzeln durch die Bäume, als wir ins Landesinnere zum Hoh Rain Forest fahren. Der Wald wird immer dichter, die Tannen immer dicker und höher. Noch einmal laufen wir mitten durch einen Regenwald. Mehrere hundert Jahre alte Zedern mit zwei, drei Meter Durchmesser sind keine Seltenheit. Ihre Höhe ist kaum auszumachen, sicher über 50 Meter. Vielen der Riesen fehlt die Spitze. Diese sind wohl mal einem Sturm zum Opfer gefallen. Äste und ganze Bäume sind dick mit Moos eingepackt, Flechten hängen wie Vorhänge daran herunter. Am Boden überwuchert ein Teppich mit verschiedensten Farnen das gefallene Holz. Am Abend, wenn die Touristen verschwunden sind, tanzen hier sicher die Feen und Elfen.

Immer wieder finden Sonnenstrahlen ihren Weg in den Urwald. Für uns heisst das; raus aus dem Schatten, zurück an den nächsten Strand. Die Urwaldriesen bleiben uns auch an der Ruby Beach treu, allerdings nur als Riesentreibhölzer. Auch hier faszinieren wieder die tosend brechenden Riesenwellen. Seinen Namen verdankt die Ruby Beach den schönen, rubinähnlichen Kristallen, die manchmal an die Küste gespült werden. Aber jetzt ist Flut und an dem schmalen verbleibenden Stück Strand glitzert nichts, sind wohl alle schon gefunden worden.

Wir richten uns auf dem Kalaloch Campingplatz ein und studieren die Gezeitentabellen. Bei Ebbe sollen an der Beach #4 Gezeitenpools mit allerlei Getier zum Vorschein kommen. Das wird knapp. Ebbe ist um acht und bereits um sieben geht die Sonne unter. Dafür war gerade Vollmond und das Wasser wird weit zurückgehen.
Die Sonne ist bereits nahe am Horizont als wir über die originelle Schwemmholzbrücke an Stand gelangen. Schnell finden wir die Tidal Pools und die Ankündigungen treten für einmal mehr als ein. Die kristallklaren Becken sind voll mit farbenfrohen Kreaturen. Grünen Anemonen mit ihren flimmernden Tentakeln überall. Orange, weinrote und gar violette Seesterne kleben in den Felsnischen. Auch ein Taschenkrebs lässt sich kurz blicken.
Am nächsten Morgen ziehen wir um. Wir ergattern uns den besten Platz auf dem Camping. Meerblick, direkt oben an der Klippe, unweit des Abstiegs zum weiten Strand mit den Sanddollars, Sonne den ganzen Tag. Über uns wachen gleich zwei Weisskopfseeadler auf der hohen Pinie, vor uns tauchen die Seeotter in den Wellen. So lässt es sich leben.

Eigentlich wollen wir im Landesinneren nach Süden ziehen. Die Küste gefällt uns aber so gut, dass wir noch etwas verweilen. Über die Astoria-Megler-Brücke, eine durchgehende Fachwerkbrücke, überqueren wir die Mündung des Columbia River nach Oregon. In Cannon Beach, einem Ferienort, laufen wir auf dem Strand bis zum Haystock Rock. Die Form des Felsen hat wirklich etwas von einem Heustock. Hier sollen Papageientaucher zuhause sein. Aber der Termin passt wieder einmal nicht. Sie brüten zwar auf dem geschützten Felsen und ziehen ihren Nachwuchs auf, zu dieser Jahreszeit sind sie jedoch auf dem offenen Meer. Schade. Dafür schwebt ein geisterhafter Nebel über dem Meer und dem Felsen. Fast scheint es, er entstehe aus der Gischt der Wellen. Der Belag auf unseren Brillen spricht auf jeden Fall dafür.

Der nächste Ort ist Tillamook. Irgendwoher kommt uns das bekannt vor. Dann sehen wir die Fabrik und den Schriftzug und es fallen die berühmten Schuppen von den Augen. Die Tillamook Creamery ist Hersteller von Milchprodukten; Butter, Joghurt und …. Käse, oder besser Cheddar. Im Besucherzentrum können wir durch grosse Fenster auf die Produktionsfläche blicken, wo Käse verarbeitet, geprüft und verpackt wird. Ganz hinten im Raum steht der Cheesemaster – der Käsemeister – ein glänzender, 3-stöckiger Chromstahlkasten mit Schaugläsern, in dem die Molke vollautomatisch abgepresst wird. Heraus kommen grosse Blöcke, die in Plastik vakuumiert werden und im automatischen Reifelager verschwinden. Nach 6 Monaten kommt er als altgereifter Käse wieder ans Tageslicht. Na ja, wie soll da richtiger Käse entstehen, zumal ausschliesslich nicht tierisches Lab verwendet wird? Dafür ist er. schön eckig, genau richtig um Scheiben und Blöcke ohne Verlust zu schneiden. Keine Rinde, perfekt auf den amerikanischen Markt angepasst. Natürlich schauen wir bei der Probiertheke vorbei, jedem seine Chance. Wir geniessen dann aber lieber ein hausgemachtes Eis, das es ausschliesslich hier im pazifischen Nordwesten gibt.

Kurz halten wir an, um über die Steilküste zu blicken. Sie erinnert uns an Nazaré in Portugal. Weit unten produzieren sich grosse Wellen, die weit auf den flachen Strand gespült werden. Wir lassen uns auf den ruhigen Campingplatz bei Cape Lookout nieder. Ein kurzer Gang durch die Dünen führt zum weiten Sandstrand, zum Meer, über dem wiederum der geheimnisvolle Nebel schwebt.

Ein Ausflug bringt uns zum Cape Meares, das bekannt ist für seinen Leuchtturm, den atemberaubenden Meerblick auf die Three Arch Rocks und den Oktopus Tree, einer mehrere hundert Jahre alten, krakenförmigen Sitka-Fichte. Der Leuchtturm von Cape Meares ist der kürzeste an der Küste Oregons, verfügt aber über eine beeindruckende, mit Kerosin betriebene Linse. Die Fresnellinse erster Ordnung wurde am 1. Januar 1890 zum ersten Mal gezündet und war eine der leistungsstärksten und grössten ihrer Zeit. Seeleute konnten die markanten rot-weissen Blitze aus mehr als 21 Meilen Entfernung erkennen.

Zurück beim Campingplatz setzen wir uns an den menschenleeren Strand und schauen den Pelikanen zu. Der Nebel hat sich aufgelöst und so können wir beobachten, wie sie sich weit aussen im Meer halsbrecherisch in die Wogen stürzen. Sie scheinen einen vielversprechenden Fischschwarm entdeckt zu haben. (Es soll tatsächlich vorkommen, dass sie sich dabei den Hals brechen.)

There’s something in the air, that something makes my belly rumble
Something smells so strong, it hits me, almost makes me stumble

Could it be the little people cooking something smelly?
In the big red cookie jar, so I can put them in my belly

Da liegt etwas in der Luft, dieses Etwas lässt meinen Bauch knurren
Etwas riecht so stark, dass es mich trifft und mich fast stolpern lässt
Könnten es die kleinen Leute sein, die etwas Riechendes kochen?
In der grossen roten Keksdose, damit ich sie mir in den Bauch stecken kann

Erika hat einen weiteren Troll des dänischen Umweltkünstlers Thomas Dambo entdeckt. Ohne Frage, dass Ole Bolle von uns Besuch erhält. Auf dem Nordic Northwest Campus bei Portland steht Ole Bolle und schaut hungrig in das kleine rote Häuschen.

Entlang dem Willamette River durchqueren wir Portland. Die Verkehrsampeln sind vorzüglich angeordnet, bei jedem Stopp ist jeweils eine der vierzehn Brücken der Stadt in Sichtweite. Am besten gefällt uns die Saint Johns Bridge. Die ikonische Brücke ist aufgrund ihrer Schönheit und historischen Bedeutung eine der berühmtesten Brücken in Oregon. Attraktiv sind die charakteristischen gotischen Bögen in den Pfeilern und Stahlhängetürmen dieser Brücke.
In der Ferne sehen wir die Vulkane Mount St. Helens, Mount Hood und Mount Adams. Ja, wir sind hier von Vulkanen umzingelt, auch wenn sie weisse Kappen tragen.

Das BirdFest & Bluegrass von Ridgefield feiert die Rückkehr der Sandhill Cranes – Kanadakraniche – in ihr Winterquartier im Ridgefield National Wildlife Refuge. Wir laufen erst eine Runde durch den altgewachsenen Eichenwald der Schutzzone. Es zeigen sich leider nur wenige Vögel. Am See hören wir dann einen Rotschwanzbussard und können ihn wenig später auch in der Luft entdecken. Ein paar Kanadagänse schnattern, von Kranichen erstmal keine Spur. Keine Spuren hinterlassen auch die vielen schwarzrot gestreiften Wollraupen auf dem Weg. Sie werden uns als Wolly Worms vorgestellt, die Raupen der Isabella Tiger Motte. Der Legende nach lässt sich anhand des Schwarzanteils der Wollraupe vorhersagen, wie kalt der kommende Winter sein wird. Je schwärzer die Raupe ist, desto kälter wird angeblich der Winter. Mal rechnen: die Raupen hier sind etwa zu zwei Drittel schwarz.

In der Innenstadt von Ridgefield spielt bereits die Musik. Wir hören einem Paar zu und gönnen uns dann einen Burger an der Poinier Street. Gleich nebenan läuft eine Jam Session. Immer wieder setzen sich weitere Spieler dazu zum fröhlichen Musizieren. Schade das wir die Texte nicht kennen, wie gerne würde Marcel mitsingen.

Noch einmal geht es ins Naturschutzgebiet, oder besser es fährt. Richtig amerikanisch fährt man nämlich mit dem Auto auf einer speziell angelegten Auto Tour durch das Wildlife Refuge. Eigentlich gar nicht so dumm. Viele Wildtiere, insbesondere auch unsere Kraniche, betrachten nämlich Fahrzeuge nicht als Feinde, im Gegensatz zu Fussgängern. Also immer schön im Fahrzeug bleiben. Ein paar wenige Kraniche lassen sich tatsächlich sehen, noch sollen erst wenige angekommen sein. Dafür stolzieren Reiher im Gras, Schildkröten sonnen sich, ein Nutria schwimmt davon. Verschiedene Enten tauchen nach Futter, im Hintergrund grast friedlich ein Rudel Weisswedelhirsche. Vor uns sucht ein Coyote etwas fressbares und über uns kreist wieder ein Bussard.

Nach so viel Wildlife haben wir ein Bier verdient. Im Craft Brewing Tabroom kommen unsere Gaumen auf ihr Kosten. Dazu spielen und singen die drei Misty Mammas. Den musikalischen Höhepunkt gibt zum Abschluss die Gruppe Wiskey Deaf. Die Portland-Bluegrass-Band spielt traditionellen Bluegrass, Old-Time- und Early-Country. Besonders begeistert uns die temperamentvolle Annie, die virtuos ihre Fidel streicht.

Als am 18. Mai 1980 ein starkes Beben den Mount St. Helens erschütterte, brach die ganze Nordflanke ab. Von der Last befreit, entwichen schlagartig im Magma gelöste Gase und Wasserdampf und zerrissen den Berg: Der Mount St. Helens brach aus. Seitdem wird er oft als der verheerendste Vulkanausbruch in der Geschichte der USA bezeichnet. Bei diesem Ausbruch verlor der Vulkan etwa 500 Meter an Höhe.
Am Lahar Viewpoint im Gifford Pinchot National Forest, dem Schlammlawinengebiet aus dem Jahr 1980 bietet ein hervorragender Blick auf die Südseite des Mount St. Helen. In der V-Kerbe des Berges befand sich einst der Shoestring-Gletscher, der zusammen mit dem umliegenden Bergschnee durch die Hitze des Ausbruchs verflüssigt wurde. Wasser vermischte sich mit Gestein und Asche und erzeugte einen riesigen, zerstörerischen Schlammstrom (Lahar), der mit 160 km/h den Hang hinunter fegte. Er raste durch den Wald und über diesen Ort hinweg, scherte die meisten Bäume ab und entrindete andere bis zu einer Höhe von 10 m. In diesem einst kargen Schlammfluss leben heute bereits wieder eine Vielzahl von Bäumen, Pflanzen und Wildtieren. Besonderen Spass bereiten uns die vielen Eichhörnchen, die rund um uns zum Frühstück ihre Show abziehen. Sie jagen einander verspielt um den Baumstamm oder sitzen auf einen Stein und nagen einen Tannzapfen ab, um gleich darauf den nächsten aus der Tannenspitze zu holen.

Wieder einmal fahren wir auf einem Scenic Byway, einer der über 1’200 ausgewiesenen landschaftlich reizvollen Nebenstrassen der USA. Heute verspricht das Hinweisschild a Journey thru time – eine Reise durch die Zeit. Die Route beginnt vielversprechend. Auch wenn der Himmel teilweise bedeckt ist und die Wolken uns die Aussicht auf den Mount Hood versperren, reicht die Sicht kilometerweit über schachbrettartige Felder und rotierende Windkraftanlagen. Bald windet sich die Strasse durch wellige Hügeln, bedeckt mit golden glänzendem, dürrem Gras. Schwarze Lavablöcke, das leuchtend gelbe Herbstlaub der Bäume und das satte grün von Tannen ergeben ein malerisches Bild.
Und dann erhebt sich neben uns eine Wand mit roten Palisaden, geformt aus Wasserfällen und Vulkanschlamm. Wir erreichen den Clarno Bereich des John Day Fossil Beds National Monuments. Nein, nicht schon wieder Dinosaurier, die Funde hier umfassen einen vielfältigen Bestand an mehr als 2’000 Pflanzen- und Tierarten aus der Zeit vor 6 bis 54 Millionen Jahren und bilden damit einen der vollständigsten Fossilienbestände überhaupt. Ein Lehrpfade führt uns unter burgähnlichen Klippen hindurch und vorbei an leicht erkennbaren fossilen Blättern, die im Fels freigelegt sind. Hoch über uns hat die Natur eine Felsenbrücke geformt.

Jetzt heisst es aber; zurück aus der Vergangenheit in die Gegenwart, es geht zurück auf den Scenic Byway. Die Gegend bleibt wie versprochen landschaftlich sehr reizvoll, sie gefällt uns immer besser. Dann fahren wir um eine Kurve und sehen den ersten rot leuchtenden Hügel. Wir sind in den Painted Hills, den gemalten Hügeln des Monuments. Unsere Begeisterung schlägt Purzelbäume. Immer weitere farbige Hügel kommen zum Vorschein. Wo sind wir? Wir haben das Gefühl, einen anderen Planeten betreten zu haben, obwohl wir tatsächlich einen Blick in die Geschichte unserer eigenen Erde werfen. Vor uns wogen abwechselnd schillernde Bändern aus scharlachroter, ockerfarbenen, gelber und schwarzer Vulkanasche. Im Sonnenlicht des späten Nachmittags intensivieren sich die Farben. Hier hat Künstler Natur ein überwältigendes Werk geschaffen. Von unserem Übernachtungsplatz am Rande des Parks gehen wir dem Red Hill, dem roten Hügel entgegen. Er leuchtet wunderschön im Abendrot.

Die ausgezeichnete Erfahrung auf dem Byway «Journey thru time» hat Lust auf mehr gemacht. Motiviert fahren wir auf den Cascades Lakes Highway, der aussichtsreich den Mount Bachelor umrundet. Doch das Wetter hat andere Pläne. Es schneit und dicker Nebel versteckt den Vulkan. Der Vulkan wird als Skigebiet genutzt, wen wundert es, dass es schneit. Auf 1’800 m.ü.M ist die Temperatur bereits auf 3°C gefallen, jetzt am frühen Nachmittag. Uns reicht es, wir biegen ab und fahren zurück in die Niederungen, da fällt wenigstens nur Regen.

Der Mount Bachelor hüllt sich noch immer in Wolken, doch gegen Süden ist der Himmel stahlblau. Das ist gut so, denn da wollen wir hin, in den Crater Lake Nationalpark auf über 2’200 m. Der Nordeingang führt über eine Mondlandschaft aus Bimssteinwüste, ein Beweis für den massiven Ausbruch des antiken Mt. Mazama. Der Vulkan war einst 3’700 Meter hoch, aber sein Gipfel implodierte nach einem grossen Ausbruch vor 7’700 Jahren und bildete die Caldera, die den tiefsten See der Vereinigten Staaten schuf: 592 Meter. 

Den ersten unvergesslichen Blick auf den Crater Lake erhalten wir am Merriam Point. Bei strahlendem Sonnenschein stapfen wir durch den schneebelegten Pfad zum Kraterrand. Puuh. Aus dem Krater bläst uns ein eisiger Wind entgegen. Prrh. Die 2°C gemäss Thermometer fühlen sich an wie -20°C. Tannen, Gräser, Geländer; alles ist mit bizarren Froststrukturen behangen. Aber die Sicht auf den tiefblauen See unter uns ist wunderschön. Wir folgen dem 53 km langen Rim Drive im Uhrzeigersinn und halten an vielen Aussichtspunkten. Jeder Stopp gibt neue Einblicke in den Krater mit seinem tiefblauen See und dem kleinen, vulkanischen Inselchen. Das kegelförmige Wizard Island ragt 213 m über die Wasseroberfläche.

Etwas entfernt vom Krater liegen die Pinnacles. Graue Turmspitzen, 30 Meter hoch, werden von der Wand eines Canyon erodiert. Diese «fossilen Fumarolen» sind das Ergebnis von vulkanischen Gasen, die durch eine kühlende Ascheablagerung aus dem Ausbruch des Kratersees aufstiegen. Von Sinnott Memorial Overlook geniessen wir einen letzten spektakulären Blick auf den See.

Fast hätten wir es verpasst. Am 14. Oktober 2023 trifft der Mond die Sonne. Eine ringförmige Sonnenfinsternis wird für glückliche Beobachter in den Vereinigten Staaten, Mittelamerika und Südamerika entlang eines schmalen Bandes von etwa 200 km Breite sichtbar sein. Klamath Falls ist gerade noch in dem Band drin. Also lassen wir uns im Visitor Center zwei Spezialbrillen geben und verbringen noch eine weitere Nacht in der Gegend. Früh schon stellen sich viele Schaulustige in Position. Langsam schiebt sich der Mond vor die Sonne. Diese wird zur Sichel, wie sonst der Mond selbst. Immer schmaler und schmaler wird die Sichel, bis sie sich schliesslich zu einem Ring schliesst, der Feuerring. Nun küsst die Sonne den Mond. Wenig später wandert der Mond weiter und gibt wieder immer mehr von der Sonne frei. Es wird spürbar wärmer. Auch wir möchten nun von der Sonne geküsst werden.

Der Mount Shasta zeigt seine weisse Kappe. Die Vulkane und die durch sie geprägte Landschaft lassen uns nicht so schnell los. Wir fahren durch die Lava Beds, breite Bänder mit schwarzen Lavabrocken, die nur langsam von der Vegetation eingenommen werden. Jede Spitze, ja jeder Hügel rechts und links war wohl einmal ein Vulkan, so zumindest zeigt es die Landkarte.

Unglaublich wenn Mutter Erde ihr Inneres zeigt. Auch hier staunen wir. Der Lassen-Volcanic-Nationalpark ist eine Fundgrube hydrothermischer Aktivitäten mit geologischen Wundern und unberührten Alpenseen. Nach einer kurzen Wanderung zur Bumpass Hell stehen wir vor kochenden Quellen, rülpsenden Schlammtöpfen und zischenden Dampfquellen, fast wie im Yellowstone. Hier befinden wir uns inmitten eines alten Vulkans namens Mt. Tehama, der vor einer halben Million Jahren 3’300 m hoch war. Ungefähr acht Kilometer unter der Erde liegt ein riesiger Magmapool. Dieses Magma – dieselbe Quelle, die zur Entstehung des Berges Tehama beigetragen hat – erwärmt noch heute die geothermischen Strukturen. Regenwasser wandert durch den porösen Vulkanboden, vermischt sich mit magmatischen Chemikalien und wird zu Dampf erhitzt, der das Grundwasser zum Kochen bringt. Im Schlammtopf leben mikroskopisch kleine Organismen namens Archaea, deren Potenzial zur Heilung genetischer und infektiöser Krankheiten von Wissenschaftlern untersucht wird.
Ein Grossteil des Parks wurde leider durch das Dixie-Feuer 2021 niedergebrannt. Von Mitte Juli bis Oktober 2021 wütete eines der grössten Feuer in der Geschichte des US-Bundesstaats Kalifornien. Ausgelöst wurde es durch einen auf eine Stromleitung gestürzten Baum. Nahezu 3900 Quadratkilometer Land wurden zerstört, fast ein Zehntel der Schweiz. Noch lange nach dem Park fahren wir durch verkohlten Wald.

Reno bezeichnet sich selbst als „grösste Kleinstadt der Welt“. Marcel war vor über 40 Jahren schon einmal hier und hat den Ort in bester Erinnerung. Heute verspricht die Stadt, die übrigens eine der Grössten in Nevada ist, eine Fülle von Aktivitäten für den Geschmack jedes Reisenden. Von faszinierenden Museen bis hin zu ruhigen Parks, erstklassigen Skigebieten und 50 Golfplätzen, die innerhalb einer Stunde erreichbar sind. Von Casinos ist vorerst keine Rede, obwohl an jeder Ecke 4 stehen. Wir finden für Rocky einen Parkplatz nahe dem Zentrum und erkunden die Innenstadt. Jetzt um die Mittagszeit, wenn die Neonlichter der Casinos aus sind, scheint jeder Glanz verblast. Ein paar heruntergekommene Gestalten streichen durch die Strassen. In den Casinos sitzen bereits ein paar Verlorene hinter den Spielautomaten. Der angebliche Charme von Reno, Nevada, weiss uns nicht zu verzaubern. Etwas enttäuscht verlassen wir die Stadt gleich wieder.

Mono Lake ist ein Salzsee in Kalifornien, der für seine berühmten Tuffsteintürme bekannt ist, die aus Kalksteinablagerungen entstanden sind. Der See ist salziger als das Meer. Bäche spülen Mineralien, darunter auch Salze, aus den umliegenden Bergen in den See, der keinen Abfluss hat. Wenn das Seewasser verdunstet, bleiben die Salze zurück.
Im Jahr 1941 begann das Los Angeles Department of Water & Power damit, Wasser aus den Nebenflüssen des Mono Lake ins 560 km südlich gelegene Los Angeles umzuleiten, um den wachsenden Wasserbedarf der Stadt zu decken. Infolgedessen sank der Mono Lake um fast 14 m. Er verlor die Hälfte seines Volumens und verdoppelte seinen Salzgehalt. Es bildete sich eine Landbrücke zu Inseln, die zuvor ein sicherer Nistplatz für Tausende von Kalifornischen Möwen gewesen waren, sodass Raubtiere an Eier und Küken gelangen konnten. Umweltschützer üben seit vielen Jahren Druck auf die staatlichen Wasserbehörden aus, um den See zu retten. Erste Erfolge legen zumindest einen minimalen Wasserstand für den See fest.

Auch wenn sich die Sierra Nevada – sie liegt grösstenteils in Kalifornien – eher öd und steppenartig annimmt, so erleben wir gerade hier die wundervollen Farben des Herbstes. Wo immer ein kleiner Einschnitt in den Berghängen zum Tal abfällt, stehen Espen, deren Herbstlaub golden leuchten. Eine malerische Fahrt auf dem June Lake Loop, führt vorbei an vier kristallblauen Alpenseen, hoch aufragenden Granitgipfeln und ebendiesen Espenhainen, die zu dieser Jahreszeit strahlen. Warum wohl wird die Gegend liebevoll die „Schweiz Kaliforniens“ genannt?

Seltsame Formationen auf der Ostseite des Crowley Lake machen uns neugierig. Die Crowley Lake Columns sind ein geheimnisvoller Ort, doch diese natürlichen Säulen sind nicht leicht zu erreichen. Drei Kilometer vor dem Ziel fällt die sonst schon schmale Naturstrasse steil ab, mit etlichen tiefen Auswaschungen, bevor es auf der gegenüberliegenden Seite ebenso steil und zerfurcht wieder ansteigt. Wir wollen das uns und Rocky nicht antun und entscheiden uns für eine Wanderung durch die heisse Steppe. Der letzte Abstieg zum Stand ist steil und sandig, aber wir haben ja Zeit.
Wie die meiste Zeit des Jahres stehen die Säulen grösstenteils im Wasser und wir können nicht direkt zu ihnen gelangen. Aber auch aus diesem Blickwinkel sind sie verrückt anzusehen. Sie sehen aus, als wären von Menschenhand zylindrische Steine übereinandergestapelt worden, um die Säulen zu bilden. Forscher gehen davon aus, dass sie vor Tausenden von Jahren durch eine Vulkanexplosion entstanden sind und dass sich die Mineralien gerade so verfestigt und der Erosion widerstanden haben.

Schon die Anfahrt begeistert. Durch Felsformationen in verschiedensten Farbtönen, über zwei Bergrücken, 1’500 m hoch und mehr, gelangen wir ins Death Valley. Von Weitem schimmern im Talboden die salzigen Ebenen. Beim Stovepipe legen wir eine Mittagspause ein und geniessen ein Eis. Golden stechen die Dünen von Mesquite Flat aus dem Gelände heraus. Gleich daneben durchqueren wir das Devils Corn Field, das wirklich einem Feld mit aufgerichteten Ähren gleicht. Dann lautet die Höhenangabe am Strassenrand: Sealevel. Wir fahren weiter, unter das Meeresniveau. Endlich wissen wir, wofür der Schnorchel an unserem Fahrzeug dient.
Der nächste Halt gilt dem Devils Golf Course, auf dem eine sehr interessante Bodenstruktur zu beobachten ist. Es sieht irgendwie aus, wie ein frisch gepflügter Acker auf dem Salz angebaut wird. Der Devils Golf Course erhielt seinen Namen von einem Reiseführer aus den 30er Jahren, in dem es hiess: „Nur der Teufel konnte auf so einem Untergrund Golf spielen.“

Wir haben Glück, dass wir überhaupt hier im Death Valley sein dürfen. Am 20. August hat der Tropensturm Hilary in nur 24 Stunden die Niederschlagsmenge eines Jahres, 5.6 cm, über den Nationalpark abgelassen. Die übermässigen Niederschläge haben fast jede Strasse im Park über- oder unterspült. Die Schäden waren so schwerwiegend, dass der Nationalpark geschlossen werden musste. Erst vor einer Woche wurde ein kleiner Teil wieder geöffnet. Teile des heissesten Ortes der Welt und tiefsten und trockensten Ort in Nordamerika wirken zwei Monate nach den epischen Regenfällen von Hurrikan Hilary eher wie eine Oase als eine Wüste. Gelbe und orangefarbene Wildblumen blühen rund um das Badwater Basin – dem tiefsten Punkt der USA, der etwa 85.5 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Aus der Salzwüste ist ein riesiger Salzsee geworden, in dem sich die Berge spiegeln. Ein aussergewöhnlicher, aber flüchtiger Anblick.
Zurück zum Furnace Creek Campground fahren wir den kurvenreichen Artists Drive auf der Ostseite des Tals. Das Besondere hier ist die Farbvielfalt der Vulkan- und Sedimentgesteine, aus denen die Hügel bestehen. Das Nachmittagslicht bringt jede Nuance von Rotbrauntönen zum Vorschein. Wir sind hin und weg. Der wahre Leckerbissen aber ist der Aussichtspunkt Artists Palette. Hier mischen sich die Pastellfarben Grün, Lila und Weiss dazu. Heisses Wasser spielte eine Rolle bei der Entstehung dieser farbenfrohen Landschaft und brachte Mineralien ein, die den Gesteinen ihre Farben verleihen.

Gemäss Wettervorhersage sollte es gestern 40°C am Tag und 25°C in der Nacht haben. Unser Thermometer hat dann aber maximal 37°C angezeigt. Abends kühlte es dann merklich ab, sodass wir gut schlafen konnten.
Die Landschaft am Zabriskie Point wird oft als „Ödland“ bezeichnet, wobei es sich um trockene Gebiete mit tief erodierten weichen Felsen und lehmhaltigem Boden handelt. Ein kurzer Aufstieg und wir stehen mitten in gelblichen, weich gerundeten Bergausläufern aus Borax, Gips und Calzit. Schwarze Lavaspitzen mit grünen Partien bilden den Hintergrund. Auf der rechten Seite runden die gefalteten, rotbraun gestreiften, steinernen Riesen das Bild ab.
Eine schmale, unbefestigte Strasse schlängelt durch die farbenfrohen, erodierten Ödlandschaften des Twenty Mule Team Canyon. Der Name geht auf die Wagen mit Gespannen aus 20 Maultieren zurück, mit denen Borax-Erz durch die Wüste transportiert wurde. Borax-Abbau spielte eine bedeutende Rolle in der Geschichte des Death Valley. Für uns hebt das Morgenlicht die Erosion in den Hügeln kontrastreich hervor. Diese Ödlande waren Schauplatz von Szenen aus beliebten Filmen, darunter Star Wars Episode VI. Der überwiegende Teil der damaligen Filmaufnahmen ist jedoch heute aus Gründen des Schutzes der Parkwildnis gelöscht!?

Zum Abschluss unseres Besuchs im Tal des Todes geht es hoch hinaus. Zumal auf den letzten paar hundert Metern mit 15% Steigung und voller Haarnadelkurven wird Rocky toll gefordert. Angekommen auf 1’669 Meter, bietet uns Dantes View einen erstklassigen Panoramablick. Unterhalb liegt das Badwater Basin (-85 Meter), der tiefste Punkt Nordamerikas. Auf der anderen Seite des Tals erhebt sich der Telescope Peak (3’454 Meter), der höchste im Park. Und heute blitzt da unten nicht bloss eine weisse Fläche, sondern ein türkis schimmernder See. Hier kann man nur von atemberaubend sprechen. Es fühlt sich an, als würde man schummeln, wenn man mit dem Auto direkt an eine solch überwältigende Aussicht heranfährt.

Ein kleiner Umweg führt uns vorbei an den Seven Magic Mountains des international bekannten Schweizer Künstlers Ugo Rondinone. Die gross angelegte, öffentliche Kunstinstallation etwa zehn Meilen südlich von Las Vegas, besteht aus sieben Türmen mit knallig bunten, über zehn Meter hohen Felsblöcken. Seven Magic Mountains soll ein kreativer Ausdruck der menschlichen Präsenz in der Wüste sein und die Mojave-Zeit mit einem poetischen Ausbruch aus Form und Farbe unterstreichen. Wir lieben zwar Steinmännchen, aber das ist für uns zu hoch.

Scenenwechsel: Die Strassen werden breiter, der Verkehr nimmt drastisch zu. Wir fahren in Las Vegas ein. Gleich neben dem berühmten Las Vegas Boulevard, dem Strip, haben wir einen Parkplatz ausgemacht, auf dem wir die Nacht verbringen wollen. Aber das will verdient sein. Wir stauen vorbei am Excalibur, am New York New York und am MGM-Casino. Die ganze Stadt gleicht einer Grossbaustelle, der Formel 1 Zirkus kommt in einem Monat. Der neue Las Vegas Circuit führt auch über den Strip, wo bereits Absperrungen und Tribünen aufgebaut sind.

Es funkelt und glitzert, bereits am Nachmittag. Laut tönt es aus allen Richtungen, aus Bars, Restaurants und Casinos, Musik, Menschen, Autos. Die übertriebene Architektur und die überlebensgrossen Gebäude, alle mit Millionen von LED- und Neonlichtern lassen den Strip zu einem einzigen Spektakel erstrahlen. Die Goldgräber, die allen Widrigkeiten zum Trotz auf der Suche nach einer Goldgrube waren, wurden durch die Glückssucher in den Spielkasinos von Las Vegas ersetzt. Wir lassen das mit dem Glücksspiel und leisten uns lieber eine Show. Zuvor noch ein kurzer Blick auf das eben eröffnete Sphere, das grösste kugelförmige Gebäude der Welt. Die LED-bedeckte Kuppel des Veranstaltungsgebäudes leuchtet mit dynamischen Bildern aus psychedelischen Mustern und einem riesigen Spiderman. Der Rückweg führt uns durch das Venetian Casino, wo wir uns komplett verlaufen und nur nach mehreren Anläufen einen Ausgang finden.
Langsam wird es Zeit für unsere Show «Mystère» im Treasure Island. Mystère ist der klassische Cirque du Soleil, der kraftvolle Athletik, energiegeladene Akrobatik und inspirierende Bilder vereint. Ganz besonders gefällt uns die Darbietung, in der sechs Athleten mit Trapez und Bungeeseilen wagemutig unter der Decke fliegen. Leider sind jegliche Bild- und Tonaufnahmen verboten. So bleiben die Erinnerungen an eine faszinierende Show in unseren Erinnerungen gespeichert.

Nach einer erstaunlich ruhigen Nacht auf dem Parkplatz verlassen wir die Amüsierstadt wieder. Rocky darf dabei auf der Formel 1 Strecke fahren. Noch einmal den Strip hinauf, nochmal die Fassaden bewundern und dann sind wir wieder in der Wüste.

Schon bei der Einfahrt ins Valley of Fire sind wir in unserem Element. Rote Steinformationen, in Millionen von Jahren von Sonne, Wind und Regen geschaffen, mit Kuppeln, Bögen und Löchern. Überall erkennen wir Figuren, Tiere, Gesichter. Wir laufen auf dem Seven Wonders Trail durch den Pink Pastel Canyon zur Fire Wave. Kaum sind wir unterwegs wähnen wir uns auf einem Regenbogen. Nicht zu Unrecht heisst diese vielfarbige Welle und die umliegenden Crazy Hill. Weiter im kleinen Canyon sind überall gestreifte Felsen in rot, gelb und pink. Mal gelocht, mal mit hellen Adern. Mal längs, mal quer, mal gar mit Rautenmuster. Dann stehen wir vor der mächtigen Fire Wave, die in breiten, rotweiss gesteiften Bändern über das Felsband zu fliessen scheint. Einmal mehr unglaublich diese Vielfalt an Farben und Formen.

Unsere Route führt uns, wie im Mai, zu Deutschland Autowerks nach St. George, wo wir Rocky nach fast 100’000 brav gefahrenen Kilometern wieder einmal einen Vollservice gönnen. Danke Rocky.

Vielleicht haben sich fleissige Leser unseres Blogs schon gefragt, warum wir im Mai einfach am Grand Canyon vorbeigezogen sind, ohne dieses Naturwunder der Welt zu besuchen. Nun, wir holen das jetzt nach. Allerdings schauen wir nicht auf der touristischen Südseite in den gewaltigen Abgrund, sondern im weniger besuchten Norden. Bei der North Rim Lodge, die bereits Winterpause hat, geniessen wir den Grand Canyon bei Abendsonne und suchen uns danach im nahen National Forest ein stilles Plätzchen für die Nacht. Gleich am Morgen fahren wir noch einmal zurück, um auch bei Morgenlicht in die Schlucht zu blicken. Bei veränderten Lichtverhältnissen bleibt die Aussicht unverändert dramatisch. Noch einmal laufen wir zum Bright Angel Point und finden die Stelle wieder, die wir vor 23 Jahren abgelichtet haben.

Der Cape Royal Drive ist kurvig und eng, und nur für kleine Fahrzeuge zugelassen. Na also, gerade das Richtige für uns. Cape Royal bietet auf schmalen Felsvorsprüngen scheinbar unbegrenzte Ausblicke entlang der Schlucht und auf das gegenüberliegende Plateau. Die geschwungene Biegung des Colorado River tiefunten im Unkar-Delta wird durch den natürlichen Bogen von Angels Window eingerahmt.

Nur gerade 11 km Luftlinie und 1’900 Höhenmeter liegt der Colorado River vom Cape Royal entfernt. Für uns sind es 165 km bis wir in der Nähe von Lee’s Ferry auf der Navajo Bridge den Fluss überqueren können. Und hier gibt es nicht bloss eine Brücke, sondern gleich deren zwei. Steht man auf der kleinen Aussichtsplattform zwischen den beiden Brücken, so führt zu beiden Seiten je eine silberne Stahlbogenbrücke nahezu symmetrisch auf die gegenüberliegende Canyon Seite. Die erstaunliche Ähnlichkeit der Konstruktionen fällt ins Auge, obwohl das rechte Bauwerke 66 Jahre jünger und wesentlich moderner ist.
Als die erste Navajo Bridge 1929 eröffnet wurde, war sie die einzige Brücke über den Colorado auf 965 Kilometern Flusslänge. Bis in die 1960er Jahre blieb die Navajo Bridge die einzige Strassenüberquerung des Colorado. Als der Verkehr und der Tourismus zunahmen, bauten Arizona und Utah neue Brücken bei Glen Canyon und Hite. Im Laufe der Jahre musste die Navajo-Brücke repariert werden und war für moderne Fahrzeuge zu schmal. 1995 baute Arizona eine neue Navajo-Brücke, die aber dem Umfeld und ihrem Vorgängermodell angepasst sein sollte. Heute wird die alte Brücke nicht mehr für den Autoverkehr genutzt, sondern ist für Touristen und Fussgänger geöffnet.

Nach einem Blick von der alten Brücke hinab auf den Colorado im hier 150 m tiefen Marbel Canyon, folgen wir auf der anderen Seite weiter roten Felsen nach Tuba City. Die kleine Stadt am westlichen Rand der Navajo-Nation liegt mitten im farbenfrohen Ödland der Painted Desert.
Handgefertigte Schilder entlang der Strasse kurz vor dem Ort leiten uns ein paar hundert Meter über eine holprige unbefestigte Strasse zu einer staubigen, windgepeitschten Fläche mitten in der Wüstenlandschaften. Kein einziger Baum oder Wassertropfen weit und breit. Vor etwa 200 Millionen Jahren war das Gebiet jedoch ein sumpfiges Flussbett, das Hunderte von Fussabdrücken der Dinosaurier bewahrte, die darüber liefen. Eine alte, gebückte Navajo Frau führt uns durch die Dinosaurierspuren und zeigt uns einige der besser erhaltenen Abdrücke. Hier sind sie gestanden, hier sind sie gerannt und dort war eine ganze Familie mit Kleinen unterwegs. Dilophosaurus, die mit der Halskrause, und Utahraptor sollen die Tracks verursacht haben, aber nicht einmal die Wissenschaftler sind sich da sicher. Dafür weiss die Einheimische genau, wo die Dino Poops liegen und leitet uns zu versteinerten Dinosaurier Eiern. Bei einem meint man sogar die weisse Schale erkennen zu können.

«Take nothing but pictures, leave nothing but footprints»!